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Paul

... sucht nach der Liebe. Aber vielleicht nicht an diesem Abend?

Er stand am Gärtnerplatz und sah sie an.
»Hübsch«, dachte er. »Wirklich hübsch.«
Genau da sah sie kurz von ihrem Buch auf und ihre Blicke trafen sich. Paul sah verlegen weg, registrierte aber noch, dass sich ihr rechter Mundwinkel zu einem vorsichtigen Lächeln kringelte. Paul lächelte. Ein kurzer Flirt. Warum nicht?
Warum nicht? Weil das nicht der richtige Augenblick war. Paul ging langsam weiter. Die beginnende Dämmerung färbte den Himmel zartorange. Immer wieder flirrte sein Blick zu dem Mädchen, das auf einer Bank am Platz saß und ein Buch las. Paul umrundete langsam den Platz. Als er vor dem Gärtnerplatztheater stand, drehte er sich um und sah die junge Frau an. Sie las. Sein Blick wanderte langsam höher. Das Haus mit dem Tengelmann im Erdgeschoss, erster Stock, zweiter Stock, dritter Stock. Dort hatte Tante Margit ihre Wohnung. Tante Margit, die sich immer aufregte, wenn sich ein lauer Sommerabend ankündigte, weil dann am Gärtnerplatz die Hölle los war. Seit ein paar Jahren hatte sich das Rondell mit der kleinen Grünanlage als ein beliebtes Open-Air-Partygelände etabliert. Nachts tobte das Leben. Und Tante Margit konnte vor Lärm kein Auge zu tun. Behauptete sie. Denn in Wahrheit hörte Tante Margit schlecht. Richtig schlecht.
Paul musste grinsen. Jedes Mal, wenn er sich zum Kaffee ankündigte, musste er ins Telefon brüllen, damit sie ihn überhaupt verstand. Und wenn Tante Margit den Fernseher einschaltete, wackelten die Wände, weil der Lautstärkeregler schnell am Anschlag war. Tante Margit, 92 Jahre alt, beinahe taub ...
Paul schüttelte den Kopf und ging weiter. Er umrundete langsam den Gärtnerplatz. Vor dem Penny stritten zwei Kopftuchfrauen um den letzten freien Einkaufswagen. Auf den Bänken an der Straße saßen Obdachlose und sahen zu, wie sich die Bänke auf der Grünanlage in der Platzmitte langsam mit Jungvolk füllten. Auch die lesende junge Frau saß nun nicht mehr allein. Neben ihr hatten sich zwei Jungs mit Eistüten niedergelassen. Sie tauschten die Waffeln, probierten die Sorten des jeweils anderen und strahlten sich dann selig an. Frisch verliebt.
Paul überlegte, wie lange es wohl her war, dass er frisch verliebt gewesen war. Ewig. Er ging weiter. Das Immobilienbüro mit Kunstgalerie, daneben die Geldautomaten der Sparkasse, das Reisebüro, dann das Café mit französischem Namen und völlig überfüllter Freischankfläche, dann der Schuhladen. Schon stand Paul wieder vor dem Tengelmann. Er sah wieder hinauf zum dritten Stock. Sollte er noch einmal hinaufgehen? Den Schlüssel hatte er ja. Aber wozu raufgehen? Es gab nichts mehr zu regeln mit Tante Margit.
Paul ging weiter, vorbei am nächsten Café, dem Brillenladen, den neuen, schicken Boutiquen, die Kaffeehauskette. Überall Tische und Stühle der Gastronomiebetriebe. Kein Platz frei. Dann die Apotheke und der Optiker. Davor stapelten sich die Gäste eines Lokals, das eigentlich ein paar Häuser weiter um die Ecke in der Corneliusstraße lag, auf blauen Stühlen an blauen Tischen.
An der Ecke Reichenbachstraße blieb Paul stehen. Zur lesenden Frau gehen und versuchen, mit ihr irgendwie ins Gespräch zu kommen? Oder weiter zum Kiosk an der Reichenbachbrücke, sich ein Bier holen und dann an die Isar setzen? Das hatte er ursprünglich vorgehabt, nachdem er von Tante Margit weggegangen war. Mit einem Bier auf die Isar starren und alles vergessen. So hatte er sich das vorgestellt.
Nun könnte er auch zu der hübschen jungen Frau gehen und sie auf einen Drink einladen. In der Strandbar auf der Corneliusbrücke zum Beispiel und dabei die Abendstimmung mit dem Panorama von Isarauen und der mächtigen Kirche St. Maximilian genießen. Oder sie zum Essen einladen. Geld hatte er nun. Er könnte sie richtig schick einladen. Mit Schampus und so. Geld macht Männer sexy, egal wie fett und alt und hässlich man war. Paul war zwar gerade mal 25, aber wie das mit den schönen Frauen funktionierte, das hatte er schon längst verinnerlicht. 23.000 Euro trug er mit sich. Das Geld von Tante Margit. Er hatte es nicht nachgezählt. Er vertraute voll darauf, dass sie die Wahrheit gesagt hatte. Sie war reich, das wusste man in der Familie. Die berühmte reiche Erbtante, auf deren Vermögen jeder insgeheim spekulierte, obwohl sie keiner leiden konnte. Auch Paul hatte all die Jahre letztlich nur deshalb mit ihr Kontakt gehalten. Was seine Mutter, die auch öfter bei Tante Margit vorbeischaute und bei den Einkäufen half, immer über die alte Frau ablästerte!
Es kam ihm aber falsch vor, ausgerechnet jetzt zu flirten und auf dicke Hose zu machen. Ausgerechnet mit Tante Margits Geld. Paul sah ein letztes Mal Richtung lesendes Mädchen. Im zunehmenden Halbdunkel konnte er es kaum noch erkennen. Die beiden Jungs daneben hatten ihr Eis gegessen und hielten nun debil grinsend Händchen. Paul sah auf seine Hände. Er hatte sie sich gründlich gewaschen, bevor er von Tante Margit gegangen war. Nicht, dass das etwas bedeuten würde ...
Paul fasste einen Entschluss. Er würde zum Kiosk gehen und sein Bier holen. Dann würde er zurückkommen und schauen, ob das Mädchen noch da war. Alles Weitere könnte er dann sehen. Paul steckte die Hände tief in die Hosentaschen, als er weiterbummelte. In der linken Tasche fühlte er das dicke Geldbündel. Er trat in einen Hundehaufen und fluchte. Wieder eine der blöden alten Weiber, die ihre Köter auf den Gehsteig kacken lassen und die Scheiße nicht aufsammelten. So wie Tante Margit. Damals, als sie noch einen Hund hatte. Putzi, das fette Vieh, das Paul auch gelegentlich Gassi führte, wenn es Tante Margit mit der Hüfte hatte. Eigentlich hatte sie es ja dauernd mit der Hüfte. Paul registrierte, dass er genau die Strecke ging, die er öfter Putzi hinter sich hergezerrt hatte. Die Reichenbachstraße hinunter. Aber Paul hatte immer eine kleine Plastiktüte dabei gehabt, um die Putzikacke aufzusammeln. Er war sich dabei saublöd vorgekommen. Ein erwachsener Mann, der einen asthmatisch röchelnden Schoßhund an der Leine hatte und darauf wartete, dass der sich erleichterte. Ging es noch entwürdigender?
Paul kam am Drogeriemarkt vorbei. Dort hatte er vorhin die Pralinen gekauft, die er Tante Margit mitgebracht hatte. Er hatte kurz überlegt, ob er gegenüber bei der Chocolaterie etwas Exklusiveres kaufen sollte, hatte es aber dann gelassen. Pleite wie er war. Tante Margit hatte seine Mon Cheris mit einem abfälligen Grunzen entgegen genommen und nachlässig auf ein Beistelltischchen fallen gelassen. Dann hatte sie noch überflüssigerweise mit ihrem Gehstock auf ihn gezeigt und gesagt: »Von dir kann man wirklich nichts anderes erwarten als billiges Gelump.« Die Enttäuschung konnte man in ihren wässrigen Augen lesen. Es war jene Enttäuschung, die er immer in ihren Augen lesen konnte, denn Paul hatte seine Großtante sein Leben lang immer nur enttäuscht. Mit dem Realschulabschluss, wo sie doch erwartet hatte, dass er Medizin studieren würde, mindestens! Oder Jura. Oder Betriebswirtschaft. Mit Sandra, seiner bisher längsten festen Freundin, die wegen ihres Kinds aus einer früheren Beziehung für Tante Margit nur eine »billige Hure« gewesen war. Mit seiner Kleidung, seinem Lebensstil, kurz: mit allem. Eine Enttäuschung nach der anderen. Früher konnte Tante Margit auch liebenswürdig und manchmal sogar richtig nett sein. Doch immer wenn ihre Hüfte schmerzte, wurde sie unausstehlich. In den letzten Jahren hatte ihre Hüfte praktisch immer geschmerzt.
Paul ballte seine Faust um das Geldbündel in seiner Hosentasche. Die Warteschlange am Kiosk an der Reichenbachbrücke war wie üblich lang. Alle wollten Eis oder Zigaretten oder Alkohol für die heiße Nacht im Glockenbachviertel. Als er an der Reihe war, war er kurz versucht, das dicke Scheinebündel herauszuziehen und für sein Bier großkotzig einen Fünfziger hinzublättern und »Stimmt so« zu sagen. Sollten sie nur blöd glotzen, die ganzen Cabriofahrer. Er ließ es bleiben, kramte seinen kleinen Geldbeutel hervor und zählte das Geld auf den Cent genau ab. Er machte den Leuten nach ihm Platz, stellte sich auf die Brücke, sah auf die glitzernde Isar und nahm einen Schluck. Auf den Wiesen der Isarauen glühte ein Grillfeuer neben dem anderen. »Grillen verboten, Arschlöcher«, dachte Paul. »Bald kommen die Bullen und dann isses vorbei.« Überall saßen und standen fröhliche Gruppen. Paul ging die Stimmung plötzlich auf die Nerven. Er wusste auch, dass er nun nicht zurück zum Gärtnerplatz gehen würde. Dass er das Mädchen nicht ansprechen und einladen würde. Nicht heute. Nicht, nachdem Tante Margit … Wie sie wieder und wieder mit ihrem schwarz lackierten Gehstock auf ihn gezeigt hatte, vor seiner Nase damit herumgefuchtelt hatte, wenn sie eine ihrer Tiraden über die Jugend von heute im Allgemeinen und Paul im Speziellen losgelassen hatte.
Paul schüttelte den Kopf. Er schlug den Nachhauseweg ein. Die Auenstraße hinunter, dann über die Baaderstraße und in die Ickstattstraße.
»Hey, Paul!« Sein alter Kumpel Basti kam ihm entgegen. Basti, der einen immer umarmte, was Paul eigentlich nicht mochte, aber hinnahm. Basti umarmte Paul und Paul nahm es hin. »Alleine saufen?«
»Ne, wollte nur ein Bierchen«, antwortete Paul.
»Warst du bei deiner Tante?«
Warum fragte Basti ausgerechnet das?
»Äh«, Paul zögerte. »Nein«, sagte er dann. »Nein, nur ein kleiner Abendspaziergang mit Bier.«
»Würd gerne noch mit dir ratschen, Paul«, sagte Basti. »Bin aber verabredet und muss weiter. Bis die Tage.« Weg war Basti Richtung Isar.
»Bis die Tage«, murmelte Paul. Er würde heimgehen, das Geld an einem sicheren Platz verstecken und dann vielleicht noch einmal rausgehen. Guter Plan. Vor dem Schraubenladen, der den unglaublich passenden Namen »Schrauben Mutter« trug, weil die einstige Besitzerin tatsächlich mit Nachnamen Mutter hieß, betrachtete Paul sein Spiegelbild im Schaufenster. Er probierte einen überraschten Gesichtsausdruck, dann einen traurigen. Er musste schließlich vorbereitet sein. Vielleicht riefen sie ihn aber auch nur an, dann konnte sowieso niemand seinen Gesichtsausdruck sehen. Bei Tante Margit hatte er immer seinen stoischen Gesichtsausdruck aufgesetzt. Auch den hatte er trainiert. Sie sollte nie sehen, wie sehr sie ihm auf die Nerven ging, wie sehr sie ihn verletzte. Er blieb stoisch, auch wenn er innerlich kochte.
So wie vorhin. Erst die Sache mit den Mon Cheris, dann der übliche Sermon über Ausbildung, Mädchen, Geld. »Ich habe immer 23.000 Euro unter dem Kopfkissen«, hatte Tante Margit gesagt. »Man weiß ja nie. Und den Banken kann man heutzutage nicht mehr trauen.«
Paul spürte das Bier. Er hatte Hunger. Die paar Schritte zurück zum Pizzaservice in der Ickstattstraße oder die paar Schritte vor zum Pizzaservice in der Klenzestraße? Er bog um die Ecke und bestellte sich beim Pizzaservice neben dem Netto in der Klenzestraße eine Pizza mit allem und extra viel Käse zum Mitnehmen. Dazu noch eine Flasche Augustiner. Die andere leerte er im Laden und ließ sich das Pfand anrechnen. Paul beeilte sich nun, damit die Pizza nicht kalt und das Bier nicht warm wurde. Doch nicht heim. Er hatte Bock auf ein wenig Grün und Wasser. Er lief die Westermühlstraße hinauf, bog in die Holzstraße und rannte fast Richtung Bach. Die Gäste auf der Außenterrasse vom Lokal an der Ecke sahen ihm verwundert nach.
Gegenüber dem großen Spielplatz am Glockenbach setzte Paul sich auf die Wiese am Westermühlbach, nachdem er die Stelle im Licht einer Straßenlaterne gründlich auf möglichen Hundekot abgesucht hatte.
Er hatte es nicht geplant, es hatte sich einfach aus der Situation ergeben. Tante Margit hatte nach seinem Job gefragt. Aus ihrem Tonfall hörte er heraus, dass sie es wahrscheinlich schon längst wusste, dass er entlassen worden war. Vermutlich hatte sich seine Mutter verplappert. Also hatte sich Paul entschieden, ihr die Wahrheit zu sagen.
»Na, prima«, hatte Tante Margit ausgespuckt und die dünnen, affig in die Stirn gemalten Brauen über ihren wässrigen Augen abschätzig bis zum Haaransatz nach oben gezogen. »Du brauchst gar nicht glauben, dass du was von meinem Geld bekommst«, hatte Tante Margit gesagt. »Das versäufst du doch eh nur mit deinen billigen Flittchen.«
»Ne, Tante Margit«, sagte Paul in seinen Gedanken. »Das versauf ich heute mit mir allein.«
Sein Handy klingelte. »Mama mobil«, zeigte es an. Paul schluckte den Bissen Pizza runter und ging ran.
»Tante Margit ist tot«, sagte seine Mutter emotionslos.
»Was?!«, rief Paul.
»Tante Margit ist tot«, wiederholte seine Mutter.
»Das habe ich schon verstanden«, antwortete Paul. »Ich meine, wie und ...«
»Sie ist wohl gestürzt und mit dem Kopf gegen die Kante der Schrankwand gefallen. Ich wollte sie nur kurz besuchen und da habe ich sie gefunden. Der Arzt war eben hier und hat den Totenschein ausgestellt.«
»Und?«
»Was und?«
»Nichts.«
»Ich ... ich hatte meine Schwierigkeiten mit ihr, nun hat ihre Seele endlich Frieden gefunden. Ich weiß, du mochtest sie gerne«, sagte seine Mutter. »Du hast sie ja so oft besucht.«
»Hm ja«, sagte Paul gedehnt.
»Ich wollte dich nur kurz informieren.«
»Danke, Mama. Du, ich bin grad unterwegs. Ich melde mich später noch mal, dann kannst du mir alles detaillierter erzählen.«
»Gut, aber da gibt’s nicht viel zu erzählen. Tante Margit ist gestorben. Der Herr sei ihrer armen Seele gnädig.«
Paul legte auf.
Tante Margit hatte sich aus ihrem bequemen Sessel gewuchtet. Sie war aufgestanden, unsicher und schwer auf ihren Stock gestützt. »Du bist wirklich ...«, hatte sie angesetzt und dabei mit dem Stock anklagend auf Paul gezeigt.
»Was?« Paul war der Kragen geplatzt. »Was?«, hatte er geschrien und die Stockspitze gepackt. Mit einem Ruck hatte er den Stock zu sich hergezogen. Er hatte erwartet, dass Tante Margit den Knauf loslassen würde. Aber die alte Frau hatte ihn mit Kraft festgehalten. Also hatte Paul den Stock von sich weggeschubst und damit Tante Margit überrascht. Sie hatte das Gleichgewicht verloren. Sie hatte mit den Armen gerudert, mit kleinen Trippelschrittchen einen absurden Tanz aufgeführt und schließlich den Stock fallen gelassen. Anschließend war sie seitlich umgefallen. Gegen die massive Schrankwand Eiche rustikal. Genau auf eine Kante. Die Erschütterung hatte die Gläser im Schrank klirren lassen und sogar die schwere Bronzefigur einer Eule, die Paul schon immer hässlich gefunden hatte, war gefährlich ins Wanken geraten. Viel Blut war nicht zu sehen gewesen. Sie hatte noch geatmet. Paul war aufgestanden und hatte der Bronzeeule den entscheidenden Schubs gegeben. Danach war etwas mehr Blut zu sehen gewesen und Tante Margit hatte nicht mehr geatmet. Das Geld war tatsächlich unterm Kopfkissen gelegen. Nicht unter Tante Margits Kissen, sondern unter dem von Onkel Hubert, der seit vierunddreißig Jahren tot war, und dennoch all die Jahre ein frisches Bettzeug von Tante Margit bekommen hatte.
Paul kaute auf dem letzten Stück Pizza herum und sah in den Nachthimmel. Er hörte den Bach rauschen und Leute ratschen und Kinder lachen und sogar Grillen zirpen. Er stand auf und beschloss, nun doch zurück zum Gärtnerplatz zu gehen. Vielleicht war das Mädchen ja noch da.


Den ganzen Spaziergang auf der Karte verfolgen ...

Verfasser: © Martin Arz, 2011

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