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Mario

... findet ein Küken in seinem Kaffee.

Mario setzte sich in ein Straßencafé am Gärtnerplatz, das einen französischen Namen trug. Nachdem der Ober den Cappuccino auf seinem Tisch abgestellt hatte, hörte die Flüssigkeit in der Tasse nicht auf, sich zu bewegen. Im Gegenteil, sie schwappte heftiger und aus dem Milchschaum tauchte etwas auf: Es war ein Kopf und der Kopf hatte einen Schnabel. Es war ein Küken. Seine Flaumfedern waren kaffeebraun durchgefärbt.

Mario half dem Tier mit zwei Fingern aus der Tasse, hielt es behutsam in der Hand und streichelte es über seinen zitternden Flaum. Dann rief er den Ober.

„Das habe ich in meiner Kaffeetasse gefunden“, sagte er und zeigte dem Mann das Küken.

„Ein Küken im Kaffee“, rief der silberhaarige Ober mit so etwas wie Aufleuchten und Verehrung in der Stimme, „das ist schon seit vielen Jahren nicht mehr vorgekommen. Der letzte, der ein Küken in seinem Kaffee gefunden hat, war ein Student. Er wurde danach in allerkürzester Zeit Professor und eine überragende Kapazität auf seinem Gebiet. Heute ist er weltberühmt.“

„Warum passiert mir das nicht?“, fragte ein Herr am Nebentisch. Er hatte ein hartes Gesicht und einen freudlosen Mund. „Wie jeder hier kenne ich die Geschichte von dem Studenten. Tag für Tag besuche ich dieses Café, aber aus meiner Tasse ist noch nie ein Küken aufgestiegen.“

„Wir suchen das nicht aus“, sagte der Ober. „Allein das Küken entscheidet. Es erscheint, wenn der Richtige zu uns kommt, und das ist selten genug. Ich mache diese Arbeit schon vierzig Jahre und erlebe es jetzt erst zum zweiten Mal. Vor jenem Studenten damals soll es noch einen ähnlich spektakulären Fall gegeben haben, aber das war lange vor meiner Zeit.“

„Sei mir willkommen, Küken“, sagte Mario und streichelte es sanft über sein Köpfchen. „Wirst du bei mir wohnen?“

„Hast du einen Garten?“ fragte das Küken.

„Ja, da ist ein schöner Innenhof. Er gehört zwar nicht mir allein, sondern allen Hausbewohnern, aber wir dürfen dort unter den Bäumen sitzen und in der Nähe sind die Isarauen, da können wir jeden Tag am Fluss entlang spazieren gehen, wenn du das möchtest.“

„Gut, dann gehen wir zu dir“, sagte das Küken.

Mario hielt das Tierchen in der Hand und zeigte ihm die Corneliusstraße, bog dann rechts ab in die Erhardtstraße, überquerte den Fluss auf der Reichenbachbrücke, folgte den Spazierwegen entlang der Isar und wandte sich am Ende zur Konradinstraße in Untergiesing, wo er wohnte.

Das Küken schaute sich in seiner Wohnung um und fragte: „Und wo wirst du mir einen Tempel bauen?“

„Gleich hier“, sagte Mario. „Der Flur ist breit genug.“

Sie fuhren dann mit dem Bus vom Candidplatz zu einem Baumarkt in der Nähe vom Ostfriedhof, besorgten Bretter, Nägel und was sie sonst brauchten und Mario baute nach ihrer Rückkehr einen kleinen Tempel. Der sah zwar ein wenig aus wie ein Hühnerstall, hatte aber ein geschwungenes Dach und Mario strich ihn in tiefem Rot, innen und außen.

Als alles fertig war, schwiegen beide. Dann sagte Mario: „Jetzt fehlt dieser Geschichte nur noch ein passender Schluss.“

„Nein“, sagte das Küken. „Jetzt fehlt nichts mehr.“


Den ganzen Spaziergang auf der Karte verfolgen ...

Verfasser: © Peter Asmodai, 2011

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