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Marianne

... ist nicht mehr zu helfen.

Gelächter. So geht es zu, wenn sich drei Freundinnen lange nicht gesehen haben. Sie sitzen im Cafe Glockenspiel und ziehen über alle her, die nicht anwesend sind. Es ist nach Mitternacht. Die Bedienung ist genervt und will sie los werden. Susi und Erika fahren mit der S-Bahn nach Hause. Marianne ist froh, dass sie einen Frauenparkplatz am Rindermarkt gefunden hat. Sie fürchtet sich in der Nacht. Man hört viel von Überfällen in der S-Bahn. Sie fährt meistens mit dem Wagen, besonders, wenn sie nachts unterwegs ist. Ihr Auto ist ihre Burg.
„Dann bis zum nächsten Mal. Servus.“
Sie verteilen noch Küsschen, dann machen sich die Drei auf den Heimweg. Müde, aber gut gelaunt schlendert Marianne zum Parkhaus.
„15 Euro! Die werden immer teurer!“
Dann schaut sie sich um. Es ist dunkel und unheimlich. Ihr roter Fiesta steht ganz vorne in dem verwaisten Parkhaus. Schnell sperrt sie ihn auf, setzt sich ans Steuer. Noch ein prüfender Blick, ob Elektroschocker und Pfefferspray gut erreichbar sind. Sie hat sich diese Waffen zugelegt, als ihre Freundin vor kurzem in ihrem Mini überfallen wurde. Es muss ein Alptraum gewesen sein. Sie stand bei Rot nachts an der Ampel. Ein fremder Mann mit Kapuze riss die Beifahrertür auf, stieg ein und bedrohte sie mit einer Pistole. Erst fummelte er an ihrem Knie herum, dann griff er ihr zwischen die Beine. In ihrer Panik bot sie ihm schnell ihren Geldbeutel an. Zum Glück schnappte er danach und verschwand.
Ihr würde das hoffentlich nicht passieren. Deshalb verriegelt sie sofort alle Türen. In spätestens 20 Minuten wird sie zu Hause sein. Noch ein Gläschen Rotwein zum Abschluss. Das wird als gelungener Abend in ihrem Gedächtnis bleiben. Sie fährt Richtung Isartor, die Straßen sind leer gefegt. Es ist halt München und nicht Berlin, wo das Leben Tag und Nacht pulsiert. Das Einzige, was sie im Rückspiegel trotz Dunkelheit erkennt, ist ein schwarzer Z4. Schicker BMW. Sollte sie zu Geld kommen, muss es so etwas Tolles sein.
Ihre Gedanken werden unterbrochen, als sich ihre Blase meldet. Sie hat Einiges an Flüssigkeit zu sich genommen. Sie hätte doch noch die Toilette im Café aufsuchen sollen. Zusammenkneifen. Das ist sie gewohnt. Hart musste sie immer gegen sich sein. Es hat ihr nie geschadet. Weiter geht es Richtung Deutsches Museum. Ampel rot. Typisch.
Ihre Blase beginnt zu drücken. Wahrscheinlich ist sie nur halbvoll. Am Rosenheimer Platz ist Marianne so unkonzentriert, dass sie fast einen dicken Mercedes gerammt hätte. Dieser arrogante Arsch. Der zeigt ihr einen Vogel. Dem wünscht sie, dass er auch mal muss und nicht kann.
Sie fährt rechts ran. Auf einmal geht nichts mehr. Ihr Bedürfnis ist zu dringend. Da sieht sie eine kleine Lücke. Passt.
Vor ihr eine Döner-Bude. Ein paar junge Ausländer stehen davor und grinsen. Denen traut sie nicht über den Weg. Sie könnte schnell zur S-Bahn runter.
Ehe sie den Motor abstellt, prüft sie, ob zur Abwehr eines Angreifers alles parat liegt. Wo ist das Pfefferspray?
Es lag doch eben noch auf dem Beifahrersitz. Runtergerollt.
Nichts zu sehen.
Ein kurzer Griff nach unten. Versehentlich kommt sie mit dem linken Fuß aufs Gaspedal.
Es knallt. Durch den heftigen Ruck wird ihr Kopf gegen die Armaturen geschleudert.
„Au“, Wut entlädt sich. Sie trommelt mit den Fäusten auf dem Lenkrad herum. Ohne nachzudenken, wechselt sie in den Rückwärtsgang und gibt so heftig Gas, dass sie auch den hinter ihr parkenden Pkw erwischt.
Hat sie jemand gesehen? Ein Blick nach hinten. Was ist das? Der Z4 steht am Straßenrand mit laufendem Motor, der ist hinter ihr her. Völlig geschafft klemmt sie sich hinter’s Lenkrad. Mit quietschenden Reifen geht es weiter. Sie kann nichts mehr einhalten. Schweißperlen auf ihrem Gesicht. Keine Zeit sie wegzuwischen. Um ihren Verfolger endgültig abzuhängen, biegt sie schnell in eine Seitenstraße. Der BMW dicht dran. Was tun? Zum Weißenburger Platz. In den Kreisverkehr und zurück zum Rosenheimer Platz. Der hinter ihr tut das Gleiche. Vielleicht jemanden ansprechen am Straßenrand? Niemand ist zu sehen. Sie fährt weiter Richtung Ramersdorf. Die Schmerzen in der Blase werden unerträglich. „Hilfe“ würde sie am liebsten schreien. Was will der blöde Kerl da hinter ihr bloß?
Sie rast die Rosenheimer Straße entlang. Nach dem Karl-Preis-Platz bleibt sie am Straßenrand stehen.

Sie kann nicht mehr. Ihre Blase auch nicht. Ohne Vorwarnung bahnt sich die warme Flüssigkeit ihren Weg. Sie ekelt sich. Von Weinkrämpfen geschüttelt klammert sie sich an ihr Lenkrad. Was will dieser Typ? Er wird sie ermorden, wenn er kann.
Nachdem sie sich gefangen hat, fährt sie los, ohne sich umzudrehen. Rums.
„Kannst du oider Trampel net besser schaun, bleib dahoam, wenn du net fahrn kannst.“
Oh Gott. Sie hat den Kleinwagen, der aus dem Nichts aufgetaucht ist, übersehen.
„Steig aus und schau, was du angerichtet hast.“
Als sie das tun will, fällt ihr ein, dass sie sich eben vollgepinkelt hat. Sie bleibt stur sitzen.
„I hoi die Bolizei, wenn da des liaber is.“
Diesem bayerischen Deppen würde sie am liebsten an die Gurgel springen.
„Ich kann nicht aussteigen.“
„Zoag ma deine Versicherung, sonst kumm i zu dir eini.“
Sie kramt in ihrer Tasche, in der das Chaos herrscht.

Plötzlich steht Bernd, ihr alter Freund aus guten Tagen neben ihrem Fenster. Vorsichtig lässt sie die Scheibe runter. Er grinst.
„Habe ich mir doch gedacht, dass du es bist. Der rote Fiesta und dein Geburtstag als Kennzeichen. Ich bin die ganze Zeit an dir dran. Aber du fährst stur deiner Wege, besser gesagt, Irrwege. Hast du nicht gesehen, dass ich aufgeblendet habe?“
Verstört schaut sie ihn an.
„Gehört dir der Z4?“
„Den habe ich mir letzten Monat geleistet. Schick, was!“
Marianne ist fassungslos. Sie möchte sich unter ihrem Auto verkriechen. Vorne und hinten lädiert, die Fahrerseite kaputt. Ihr schönes Auto.
„Kann ich dir helfen bei deinem kleinen Malheur?“
„Mir ist nicht zu helfen“, murmelt sie unverständlich. Der Bayer wird langsam ungeduldig. Bernd versucht, ihn zu beruhigen, was nicht funktioniert.
Ohne Vorwarnung packt dieser Kerl Bernd am Kragen und schiebt ihn beiseite.
Sie schaut mit offenem Mund zu.
Plötzlich sieht sie Blaulicht.
Die Polizei.
Hat dieser Idiot doch die Bullen gerufen.
Der Polizist kommt mit forschen Schritten auf sie zu.
„Fahrzeugkontrolle. Bitte steigen Sie aus.“
Langsam erhebt sie sich aus ihrem Sitz, die Hose nass, alle starren sie an.

Es hilft nur noch eins, sie fällt in Ohnmacht.


Den ganzen Spaziergang auf der Karte verfolgen ...

Verfasser: © Hannelore Nar, 2012

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