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Radierung von Johann Lindner. Aus: Nord und Süd, 1903 (Bayerische Staatsbibliothek München/Porträtsammlung)

Fürth, Geleitsgasse

Im Jahr 1617 wird auf dem Gelände zwischen Königstraße und Mohrenstraße eine Synagoge errichtet. Daraus entwickelt sich der sogenannte Schulhof, das jüdische Gemeindezentrum, auf dem neben der Altschul von 1617 seit 1697 auch die „Neuschul“, seit 1708 die „Klausschul“ und seit 1896 die „Mannheimer Schul“ untergebracht sind. Zudem befinden sich dort die Gemeindekanzlei mit Bibliothek, die Rabbinerwohnung, die Schächterei und das Ritualbad (Mikwe).

Wiewohl die Emanzipation der Juden auf einem guten Wege scheint, erlebt Jakob Wassermann von Kindheit an, dass er für sein Judentum angefeindet wird. In dem Roman Engelhart Ratgeber schildert er, wie der gleichnamige Protagonist in jungen Jahren die merkwürdigen Reaktionen erlebt. Ein junges Mädchen etwa „fragte ängstlich: ‚Ist es wahr, dass du ein Jud bist?‘ Er stutzte, bejahte, aber der Ton ihrer Stimme wollte ihm nicht aus dem Kopf.“ An einem anderen Tag „vergnügte er sich damit, in die Fußstapfen eines vor ihm gehenden Knaben zu treten.“ Als dieser den Verfolger bemerkt, dreht er sich um, „stierte ihn drohend an und sagte hasserfüllt: ‚Du Jud.‘ Darauf kamen noch ein paar Burschen, stellten sich um Engelhart herum und beobachteten ein feindseliges Schweigen. Er wusste sich beschimpft, begriff aber nicht, wodurch.“

Auch Jakob Wassermann kann mit solchen Anfeindungen wenig anfangen, denn er versteht sehr genau, dass sie nicht ihm persönlich gelten, sondern einer Gemeinschaft, die mehr Fiktion denn Wirklichkeit ist. Zudem fühlt er mit dieser Gemeinschaft ohnehin „keinen tieferen Zusammenhang. Religion war eine Disziplin und keine erfreuliche“, wie er in seiner Autobiografie Mein Weg als Deutscher und Jude schreibt. Die Gründe für diese Distanz sind vielfältig. Wassermann kritisiert einerseits die Seelenlosigkeit der Vermittlung, der Gottesdienst erscheint ihm „lediglich Betrieb, Versammlung ohne Weihe, geräuschvolle Übung eingefleischter Gebräuche ohne Symbolik, Drill“. Weder die Orthodoxen noch die Liberalen können sein Herz gewinnen:

Der jüdische Gott war Schemen für mich, sowohl in seiner alttestamentarischen Gestalt, unversöhnlicher Zürner und Züchtiger, als auch in der opportunistisch abgeklärten der modernen Synagoge. Erschreckend sein Bild in den Köpfen der Strenggläubigen, nichtssagend in den Andeutungen der Halbrenegaten und Verlegenheitsbekenner.

Hinzu kommt, dass die Familie Wassermann wenig Wert auf die Ausübung der Religion legt:

Gewisse äußerliche Vorschriften wurden eingehalten, mehr aus Rücksicht auf Ruf und Verwandte, aus Furcht und Gewöhnung, als aus Trieb und Zugehörigkeit. Fest- und Feiertage galten als heilig. Der Sabbat hatte noch einen Rest seines urtümlichen Gehalts, die Gesetze für die Küche wurden noch geachtet. Aber mit der wachsenden Schwere des Brotkampfes und dem Eindringen der neuen Zeit verloren sich auch diese Gebote einer von der Andersgläubigen unterschiedenen Führung. Man wagte die Fessel nicht ganz abzustreifen; man bekannte sich zu den Religionsgenossen, obwohl von Genossenschaft wie von Religion kaum noch Spuren geblieben waren. Genau betrachtet war man Jude nur dem Namen nach und durch die Feindseligkeit, Fremdheit oder Ablehnung der christlichen Umwelt, die sich ihrerseits hierzu auch nur auf ein Wort, auf Phrase, auf falschen Tatbestand stützte.

Dass und wie die Anderen ihm immer wieder aufgrund seiner religiösen Zugehörigkeit eine Identität und Eigenschaften zuschreiben, die ihm selbst nicht zentral erscheinen, ist etwas, das Wassermann sein Leben lang beschäftigen wird. Deshalb ist Mein Weg als Deutscher und Jude auch weniger eine Autobiografie als vielmehr eine Auseinandersetzung mit dieser doppelten Bestimmung. Die Vorrede des Buches beginnt mit den Sätzen:

Ohne Rücksicht auf die Gewöhnung meines Geistes, sich in Bildern und Figuren zu bewegen, will ich mir – gedrängt von innerer Not der Zeit – Rechenschaft ablegen über den problematischsten Teil meines Lebens, den, der mein Judentum betrifft, nicht als Jude schlechthin, sondern als deutscher Jude, zwei Begriffe, die auch dem Unbefangenen Ausblick auf Fülle von Missverständnissen, Tragik, Widersprüchen und Leiden eröffnen.

Heikel war das Thema stets, ob es nun mit Scham, mit Freiheit oder Herausforderung behandelt wurde, schönfärbend von der einen, gehässig von der anderen Seite. Heute ist es ein Brandherd.

Diese Worte werden 1921 publiziert, als Jakob Wassermann vermutlich kaum ahnen kann, wie viel Prophetie die Rede vom Brandherd enthält: Nach dem von den Nationalsozialisten initiierten Pogrom im November 1938 wird der Schulhof abgebrannt und abgerissen, die jüdische Gemeinde enteignet und das Gelände der Stadt zugeschlagen. Im Zuge der Flächensanierung wird es nach dem Zweiten Weltkrieg neu bebaut.

1986 wird in der Geleitsgasse, im Hof der Nummern 3 und 5, das Synagogen-Denkmal, eine metallene Flamme, des in Fürth lebenden japanischen Künstler Kunihiko Kato aufgestellt. In der Königstraße, gegenüber dem ehemaligen Eingang zum Schulhof, der sich etwa auf Höhe der Nummer 54 befand, erinnert seit 2007 eine Tafel an den zerstörten historischen Ort.

 


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Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek

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