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Radierung von Johann Lindner. Aus: Nord und Süd, 1903 (Bayerische Staatsbibliothek München/Porträtsammlung)

Fürth, Theaterstraße 17

Im Frühjahr 1878 ziehen die Wassermanns – damals nicht unüblich – ein weiteres Mal um, diesmal in die nahegelegene Theaterstraße 12 (heute Nummer 17). Jakob Wassermann hat mittlerweile zwei Geschwister: die 1875 geborene Jenny und den 1877 geborenen Hugo. Im Herbst 1882 geschieht das Undenkbare: Die Mutter der drei Kinder stirbt an den Folgen einer Ohroperation. In Mein Weg als Deutscher und Jude schreibt Jakob Wassermann:

Meine Mutter starb, als ich neun Jahre alt war. Sie war eine Schönheit, von blondem Typus, sehr sanft, sehr schweigsam. Es wurde mir oft erzählt, dass Fremde, die sich in der Stadt aufhielten, durch den Ruf ihrer Schönheit neugierig gemacht, sie zu sehen begehrten. Es wurde mir auch erzählt, dass ihre Jugendliebe ein Christ gewesen sei, ein Maschinenmeister aus Ulm. Es sind noch Briefe von ihr vorhanden, in denen eine kindlich-volkshafte Schwermut atmet, Poesie der Traurigkeit. Ich entsinne mich noch gut, welche Bestürzung ihr unerwarteter Tod hervorrief, und wie die halbe Stadt ihrem Sarg zum Friedhof folgte.

In dem Roman Engelhart Ratgeber schildert der Schriftsteller, wie sein Protagonist in ebenfalls sehr jungen Jahren seine Mutter – „man nannte sie die schönste Frau von Franken“ – verliert:

Er ging in das dunkle Zimmer und allmählich lösten seine Blicke die weiße Gestalt mit der weißen Binde um die Stirn aus der Dämmerung. An das Lager tretend, hatte er ein zerflossenes, böses Gefühl, wie wenn der Sturmwind Sand in die Augen treibt. Er fand die Mutter so verändert, dass er furchtsam den Kopf senkte und mit seinen Fingern spielte. Frau Ratgeber streckte den Arm aus dem Bette und suchte seine Hand, und er, rätselhafte Verstocktheit, machte es ihr nicht leichter, sondern stellte sich, als sähe er es nicht.

Frau Agathe war den Tag vorher operiert worden. Der Professor hatte schon wenige Stunden später gesehen, dass die Sache eine schlimme Wendung nahm. Der Tod, winzig wie ein Elf, wühlte in den geheimnisvollen Gängen des Ohres.

Auch für den Schmerz des kindlichen Verlustes findet Wassermann in Engelhart Ratgeber berührende Worte:

Es war, als ob sie nie gelebt hätte, ihr volles, wahres Auge, ihr karges, wohlgemeintes Wort. Nur die toten Dinge blieben: die Straße und das Haus; das Bett, in dem sie geruht; der Teller, von dem sie gegessen.

Adolf Wassermann versucht zunächst mit einer Haushälterin, den Alltag mit zwei Kindern am Laufen zu halten, doch das misslingt. Deshalb entschließt er sich, noch einmal zu heiraten. Genau wie der Vater von Engelhart Ratgeber:

Während sie alle drei schmausten, gab er sich einen Ruck und sagte: „Ihr werdet jetzt eine neue Mutter bekommen, damit wieder Ordnung unter euch ist. Seid anständig und macht mir Ehre.“ Er vermied es bei diesen Worten, seine Augen vom Teller zu erheben, doch bevor er aufstand, richtete er den Blick mit plötzlicher Strenge auf Engelhart, der den Vater atemlos anstarrte.

Am folgenden Tag, noch vor Tisch, traten zwei fremde Frauen ins Zimmer. Die eine von ihnen sagte: „Guten Tag, Kinder, gebt mir die Hand, ich bin eure neue Mutter.“

Dass Engelhart arg unter dieser neuen Mutter leidet, bleibt auch seinen Freunden nicht verborgen. Man sorgt sich offensichtlich um ihn:

Raimund teilte sein Butterbrot mit Engelhart, sie sprachen über die Schule, dann über ihre Eltern, und Raimund fragte beiläufig, ob es Engelhart nicht gut zu Hause habe. „Wir haben jetzt eine Stiefmutter“, entgegnete dieser in einem Ton, als ob es ich um eine kleine vorübergehende Unannehmlichkeit handle.

Eine Fehleinschätzung: Sowohl Herrn Ratgebers als auch Herrn Wassermanns zweite Frau bleibt – zum Leidwesen sowohl von Engelhart als auch von Jakob.

 


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Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek

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