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Radierung von Johann Lindner. Aus: Nord und Süd, 1903 (Bayerische Staatsbibliothek München/Porträtsammlung)

Fürth, Rosenstraße 11

Als Adolf Wassermann 1869 von Zirndorf nach Fürth zieht, wohnt er zunächst in der Rosenstraße 6 (heute Nummer 11), bevor er nach seiner Heirat mit Henriette Traub in die Alexanderstraße zieht. Im Erdgeschoß des Hauses in der Rosenstraße eröffnet er gemeinsam mit seinem Bruder eine Kurzwarenhandlung. Dieses Projekt steht am Anfang der vielen geschäftlichen Unternehmungen des Adolf Wassermann, die ihm jedoch allesamt kein Glück bringen. In Mein Weg als Deutscher und Jude schreibt Jakob Wassermann über seinen Vater:

Mein Vater war kleiner Kaufmann, dem es auf keine Weise wie den meisten seiner Glaubens- und Altersgenossen gelingen wollte, Reichtümer zu erwerben. Er hatte in Geschäften eine unglückliche Hand. Er war ein wenig Phantast und hatte immer seine fixe Idee, die ihn der Biegsamkeit der Geldmacher beraubte. Er träumte von großen Spekulationen und großen Unternehmungen, aber was er angriff, schlug fehl.

Adolf Wassermann gleichsam wie aus dem Gesicht geschnitten ist der Vater von Engelhart Ratgeber aus dem gleichnamigen Roman des Schriftstellers, der zweifellos viele autobiografische Parallelen aufweist und kurz nach der Jahrhundertwende entsteht, jedoch erst 1973 unter dem Titel Engelhart oder Die zwei Welten erstmals publiziert wird. Über den Vater von Engelhart Ratgeber heißt es darin:

Er war immer voll von Plänen, Pläne und Entwürfe besaßen eine außerordentliche Macht über sein Gemüt, aber etwas verkettete, verstrickte ihn, er blieb im Kleinen stecken und kam nicht vom Pfennig los. Der beständig sich erneuernde Kummer trug dazu bei, die Stimmung zwischen ihm und seinem Weibe zu verdunkeln, der Ehrgeiz hielt ihn ab, sich mit völliger Offenheit zu geben, und jenes edlere, der gröbsten Notdurft abgewandte Dasein, von dem sie beide vielleicht geträumt, blieb eben ein Traum.

So wie sich Adolf Wassermann mit seinem Bruder Heinrich entzweit und aus dem gemeinsamen Geschäft in der Rosenstraße aussteigt, so gehen auch Ratgeber und sein Bruder Hermann bald getrennte Wege. Genau wie später sein Sohn Engelhart, so fühlt sich auch der Vater Ratgeber zu etwas Höherem berufen, das durchaus demiurgisch daherkommt:

Er war im Begriff, aus dem gemeinsamen Geschäft zu scheiden und eine Fabrik zu gründen; Produzent sein, die Ware gleichsam aus dem Nichts erschaffen, die Hände des Arbeiters unmittelbar in seinen Dienst nehmen, Maschinen in Betrieb setzen und im großen Stil wirtschaften, das war sein Traum. Er hatte es satt, Bänder und Pfeifenspitzen zu verkaufen, wie er sich verächtlich ausdrückte […].

Wenn Ratgeber später von Menschen darauf hingewiesen wird, „dass sein Bruder, seitdem er allein das Geschäft in Händen halte, trefflich gedeihe“, entgegnet er nur: „Gewiss, ich bin eben kein Krämertalent, ich bin Fabrikant.“

Noch den Tod von Adolf Wassermann bringt dessen Sohn in Mein Weg als Deutscher und Jude mit dem unermüdlichen Arbeitseifer in Verbindung, der nichts anderem als jener chronischen Erfolgslosigkeit geschuldet ist:

Er hat sein ganzes Leben lang schwer gearbeitet; als ich, dreißigjährig, den Sechsundfünfzigjährigen für einige Wochen zu Gast bitten konnte, zeigte er eine beständige stumme Verwunderung, und beim Abschied sagte er zu mir: „Es waren die ersten Ferien meines Lebens!“ Nach Hause zurückgekehrt, starb er, acht Tage nachher.

 


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Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek

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