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Jule

... macht Theater und ein bisschen viel Lärm um nichts. Aber so viel Blut kann einen schon mal nervös machen.

Heute ist es also so weit. Der Tag, vor dem sich Jule seit zwei Wochen gefürchtet hat, ist da. Und er muss überstanden werden. Ganz egal, wie. Jule fühlt sich schlecht. Seit sie von diesem Termin und der ihr zugeteilten Aufgabe weiß, fühlt sie sich schlecht. Aber es hilft nichts. Sich schlecht fühlen, hilft nicht und Klagen hilft auch nicht. Jule muss da jetzt durch.

Schließlich wird sie dafür bezahlt, wenn auch nicht gut. Sie ist das unterste Glied in der Nahrungskette, das Omega-Huhn. Sie muss froh sein, dass sie überhaupt mitmachen darf. Schließlich hätten sie auch einen anderen Bewerber nehmen können. Die freien Plätze für eine Regiehospitanz wachsen selbst in einer theaterreichen Stadt wie München nicht auf den Bäumen, ganz im Gegensatz zu den ambitionierten Anwärtern aus den Reihen der Theaterwissenschaftler und Dramaturgiestudenten. So kam es Jule bei ihrem Bewerbungsmarathon jedenfalls vor. Auf eine freie (meist unbezahlte) Stelle kamen zig motivierte Bewerber, einer qualifizierter als der andere. Wer nicht schon im Schultheater vier Haupt- und zwei Nebenrollen gespielt, die Dekoration gebaut und die Kostüme genäht, souffliert, dem regieführenden Lehrkörper assistiert und dann auch noch die Technik gefahren hatte, war von vornherein unten durch. Und weil Jule Theater zeitlebens nur passiv vor, jedoch nie aktiv auf oder hinter der Bühne erlebt hatte, waren ihre Chancen mehr als gering.

Wie sie dennoch an die Hospitanz im Blutenburgtheater gekommen war, ist ihr immer noch ein Rätsel. Vermutlich war sie einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen oder Münchens Kriminalbühne für ihre Mitkonkurrenten nicht prestigeträchtig genug. Jule war das egal. Ihr ging es darum, ein bisschen Bühnenluft (sehr staubhaltig) zu schnuppern und einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Und ob ihr das bei einer Inszenierung von „Anna Karenina“ im Volkstheater, oder bei einer Krimi-Inszenierung auf einer Boulevardbühne gestattet wurde, spielte für Jule keine Rolle. Auf Tuchfühlung mit der praktischen Theaterarbeit ging sie ja doch nur, weil sie meinte, es ihrem Studium der Theaterwissenschaft schuldig zu sein. Und schon das Studium verdankte sie mehr dem Zufall als einer bewussten Entscheidung.

Aber nach einer bestandenen Zwischenprüfung und mangels attraktiver Ausbildungsalternativen hatte Jule sich in ihr Studium gefügt und war entschlossen, es bis zum Ende durchzuziehen. Mit dem Magister in der Tasche würde sich sicher ein Job finden, von dem sich leben ließe. Für das Tagesgeschäft in einer PR- oder Werbeagentur war es ja auch ganz gleich, in welchem Fach man sich zum akademischen Obst gemacht hatte. Hauptsache man war am Telefon einigermaßen freundlich (daran würde sie arbeiten müssen) und brachte zur rechten Zeit das Maul auf. Und im günstigsten Fall auch wieder zu.

Aber das war alles noch Zukunftsmusik. Jetzt ging es darum, die Regiehospitanz mit Anstand und Gewürge, äh Würde hinter sich zu bringen. Und das schien Jule in Anbetracht ihrer heutigen Aufgabe schier unmöglich. Natürlich war ihr klar, dass ein echtes Kriminalstück nicht ohne Mord und somit auch nicht ohne Leiche auskam. Und dass der Mord möglichst gruselig in Szene gesetzt werden sollte, leuchtete ihr ebenfalls ein. Aber musste man dazu unbedingt echtes Schweineblut und Innereien verwenden? Konnte man nicht auf Theaterblut, Himbeersirup und künstliche Plastik- oder Gummi-Innereien zurückgreifen? War es unbedingt notwendig, dass sie ihrem Metzger einen Besuch abstattete, um die beiden vorbestellten Eimer mit Blut und Geschlinge (das sind die nach der Schlachtung aus dem Körper entnommenen Organe der Brust- und Bauchhöhle, also Luft- und Speiseröhre, Lunge und Herz beim Schwein; bei Kalb und kleinen Wiederkäuern auch Zunge und Leber) abzuholen, nur damit Svenja, die Regisseurin mit einer Vorliebe für Splattermovies, den Mord nachstellen und für die in der Inszenierung vorgesehene Diashow abfotografieren lassen konnte? Und wer – bitteschön – würde wohl die ganze Sauerei hinterher wegräumen und die Bühne schrubben dürfen? Das Omega-Huhn!

Jule schauderte es, wenn sie nur daran dachte, wie sie mit dem ranzigen Wischmopp das klebrige Blut auf dem Linoleum vermutlich mehr verschmieren als beseitigen würde. Und das ihr! Wo ihr doch allein vom Geruch rohen Fleisches sofort übel wurde. Nicht, dass Jule Vegetarierin oder schlimmer noch: Veganerin gewesen wäre. Nein, nein. Ein hübsches Schnitzel mit Salat, ein feines Schweinelendchen in Sahne-Cognac-Sauce mit buntem Pfeffer und Kartoffelecken, das konnte ihr schon den Mund wässrig machen. Nur im ungekochten Zustand musste sie das Zeug nicht in Sicht- und Riechweite haben. Deswegen nahm Jule Fleischgerichte äußerst selten und immer nur dann zu sich, wenn jemand anderer aus Nächstenliebe (Mama) oder finanziellem Interesse (Koch, Wirt) bereit war, diese für sie zuzubereiten.

Als sie den Verkaufsraum der Metzgerei Bauch in der Thalkirchner Straße betrat und ihre vorbestellte Ware verlangte, war Essen allerdings das Letzte, an was sie dachte. Die Fleischfachverkäuferin hinter der Theke lächelte wissend (und – wie Jule fand – auch ein bisschen heimtückisch; ganz so, als wüsste sie, dass es ihrer Kundin gerade den Magen umstülpte), ging nach hinten und kam mit zwei großen weißen Plastikeimern zurück, die sie Jule mit den Worten: „Da, bittschön. Ois wia bstellt. Ich hoff, es is‘ so, wie Sie’s brauchen. Wenn’s Ihnen ned glangt, rufen’s kurz an, mir kriagn des Sach ja laufend frisch rein, gell. Und falls Ihnen was überbleibt, bringen’s uns die Restln einfach zruck. Mir wiss ma dann scho, wos mia damit dean. Zum Wegschmeißen is‘ jedenfois z’schad‘.“ Jule, gefangen in einer Art Schockstarre, hatte den Redeschwall der drallen Metzgerin nur mit einem ergebenen Nicken und einem heiseren „Dankschön“ quittieren können. Weiß wie die Kacheln an den Wänden, hob sie die Eimer vom Tresen und schleppte sie zur Tür. Kurz bevor sie den Laden verließ, rief ihr die Frau nach: „Is ois in Ordnung mit Eana? Sie san a weng blass. Hams no nix gessn heut, gell?

Mögns vielleicht an Leberkas oder a Radl Gelbwurscht?“ Ein kehliges Husten stieg in Jules Hals auf. Sie drehte sich um, rang ihrem Gesicht ein Lächeln und ihren Stimmbändern ein kratziges „Nein, Danke. Es geht schon.“ ab und taumelte auf den Gehsteig, wo sie die Eimer in ihren Fahrradanhänger lud.

Jule atmete ein paar Mal tief ein und aus, die frische Luft tat ihr gut. Sie schwang sich auf den Sattel und fuhr los, ein kurzes Stück die Thalkirchner Straße entlang, dann gleich rechts in die Zenettistraße. Im Schlachthofviertel war ihre Fracht vermutlich nichts besonderes, dachte sie.

Trotzdem sehnte sie den Moment herbei, da sie sie wieder loswurde. Sie stieg fest in die Pedale und kam schon bald über die Stielerstraße auf den Bavariaring, dem sie ein gutes Stück folgte. Sie fuhr gerne an der Theresienwiese. Meistens war kaum Verkehr, wenn sie hier herumgondelte und Jule konnte ihren Gedanken nachhängen, sich die Häuserfassaden ansehen oder zur Bavaria hinüber winken, die wie immer streng auf das menschliche Treiben zu ihren Füßen blickte. Fast schien es, als wüsste sie, was Jule da für Schweinereien durch die Gegend karrte und es schien ihr nicht zu gefallen. Ihr Löwe hätte vermutlich ein milderes Urteil gefällt, aber den fragte ja keiner.

Jule fuhr rechts vom Bavariaring auf die Theresienhöhe, vorbei am Hacker-Pschorr-Bräuhaus, kreuzte die Schwanthalerstraße und näherte sich der Fußgängerbrücke über die Bayerstraße, wo sie absteigen und schieben musste. Normalerweise war der Anstieg für sie kein Problem, aber heute verhinderten die Eimer im Anhänger einen flotten bergauf Sprint. Als sie auf der Brücke angekommen war, gönnte sich Jule eine kurze Pause. Ihr Atem ging heftiger, als sie es von sich gewohnt war, sie musste unbedingt wieder mit dem Laufen anfangen. Am höchsten Punkt der Brücke stieg sie wieder aufs Rad und ließ es dank des zusätzlichen Gewichts von Anhänger und Eimern recht flott nach unten rollen. Deshalb rumpelte sie auch mit reichlich Schwung über den Bordstein auf die Straße, was die Eimer dramatisch auf- und abhüpfen ließ.

Jule blickte sich erschrocken um. Hilfe, das fehlte ihr gerade noch, dass sich die Dinger selbständig machten, auf die Straße flogen und dort ihren Inhalt verteilten. Hoffentlich waren die Deckel gut verschlossen. Sie hatte keine Lust, auf der Hackerbrücke von der Polizei angehalten zu werden und erklären zu müssen, warum sie hier ein Blutbad anrichtete und wer der rechtmäßige Eigentümer der Innereien war, die sich da mal eben munter ums Brückengeländer gewickelt hatten. Brrrrr! Jule schüttelte sich und trat fester in die Pedale, es wurde höchste Zeit, dass sie die blöden Eimer endlich ins Theater brachte.

Flott rollte sie die Grasser- und die Wredestraße entlang und kam schließlich in die Pappenheimstraße, wo ihr aus einer Hofeinfahrt plötzlich ein großer Hund hinterher jagte und sie laut ankläffte. Jule erschrak, fing sich aber schnell und versuchte das Tier mit einem beherzten „Hau ab, du blödes Vieh!“ zu vertreiben. Die Töle ließ sich aber nicht so schnell ins Bockshorn jagen und lief weiter mit fliegenden Ohren neben ihr her. Hatte der Hund womöglich gerochen, was sich in den Eimern befand und wollte jetzt etwas abhaben? Ach du liebe Zeit, das konnte ja heiter werden. Doch bevor sich Jule Gedanken darüber machen musste, wie sie die Innereien vor dem Zugriff animalischer Fangzähne bewahren und ihre Beute gegen die feindliche Übernahme verteidigen konnte, ertönte ein gellender Pfiff in ihrem Rücken und der Hund drehte ab. Gott sei dank, seufzte Jule, den Flohsack bin ich los.

Sie nahm ein bisschen Tempo raus und bog links in die Blutenburgstraße ein. Jetzt waren es nur noch ein paar hundert Meter bis zum Theater, wo Jule schon die angelehnte Eingangstür sehen konnte. Wie es schien, waren Svenja und die anderen schon da, um die speziellen Requisiten in Empfang zu nehmen.

Jule parkte ihr Rad neben dem Auto des Intendanten, atmete zwei-, dreimal tief durch und marschierte dann mit den Eimern nach drinnen, um es endlich hinter sich zu bringen. Und da standen sie auch schon alle an der Theaterbar und strahlten sie aufgeregt an. Endlich, sagte Svenja, da bist du ja. Dann können wir ja jetzt anfangen. Am besten du ziehst dir gleich mal die Gummihandschuhe an, damit du das Zeug hübsch verteilen kannst. Jule schluckte hart. Wie, sie sollte ...? Wäre es nicht besser, Svenja würde ...? –

Ach wieso, das kannst du doch auch. Deckel auf und los! – Na bravo. So hatte sich Jule das nicht vorgestellt. Es war ja okay, das Zeug beim Metzger abzuholen und in verschlossenen (!!) Eimern durch die Gegend zu karren. Wenn es sein musste, verteidigte sie es auch gegen Hundeangriffe und wischte nach der Probe mit einem langstieligen Mopp die Reste auf. Aber jetzt sollte sie es auch noch anfassen! Mit ihren eigenen Händen! Jule zog sich die Handschuhe über und spürte, wie ihr Magen nervös auf- und abhüpfte. Sie holte tief Luft, hielt den Atem an und riss den ersten Deckel vom Eimer.

Doch was war das? Anstatt der erwarteten blutroten Farbe leuchtete ihr das helle Gelb eines frischen Kartoffelsalats entgegen. Was zum ... ?? Jule war verwirrt. Jetzt wollte sie es genau wissen und riss auch dem zweiten Eimer den Deckel herunter. Darin fand sich ein fröhliches Durcheinander praller Weißwürste. Nicht unbedingt ihre Leibspeise (sie zog Turnerwürschtl, also Wienerle, vor), aber bei weitem nicht der Ekelkram, den sie erwartet hatte.

Wie war das möglich? Hatte die Metzgerin etwa die Bestellungen verwechselt? Und wo waren die richtigen Eimer gelandet? Bei der fröhlichen Bürogemeinschaft, die den Tag mit einem Weißwurstfrühstück beginnen wollte? Na servus, die hatten jetzt sicher die höchste Gaudi. Und warum grinste Svenja so komisch? Hätte die sich nicht furchtbar aufregen müssen, weil der für heute geplante Mord geplatzt war? Doch Svenja lachte nur, legte Jule die Hand auf die Schulter und meinte: „Super, genau wie bestellt. Danke dir fürs Abholen! Die besten Weißwürscht macht halt einfach der Metzger Bauch und wenn unser Rolf Geburtstag hat, lassen wir uns nicht lumpen. Die machen wir jetzt gleich heiß und dann wird erstmal gefrühstückt. Alles klar bei dir?“

Jule brachte nur eine Mischung aus Kopfschütteln und Nicken zustande. „Ja, aber wo sind denn ... was ist denn ... der Mord?“ Svenja war schon dabei den Wursteimer in die Küche zu tragen, als sie Jule zurief: „Den Mord haben wir verschoben, den machen wir erst morgen. Wir können Rolf doch nicht an seinem Geburtstag aufschlitzen, oder?“ Nein, vermutlich nicht. Aber eine Regiehospitantin an der Nase herumführen, das schon. Komische Suchten waren das am Theater. Vielleicht hätte Jule bei der Berufsberatung doch besser hinhören sollen. Aber jetzt war sie erst mal damit beschäftigt, den Kartoffelsalat auszuteilen.


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Verfasser: © Marion Steiner, 2011

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