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Marlene

... tanzt gerne, aber es kommt darauf an, was – und mit wem.

„Karte gesucht“, stand auf ihrem Schild. Sie war spät dran. Durch die schlanken Säulen der Oper schweifte ihr Blick über den Max-Joseph-Platz. Es war ein warmer Frühlingsabend, die Sonne tauchte das Nationaltheater in ein warmes Orange, die Schwalben kreisten hoch oben über den Dächern. Wie schön München ist. Sie fühlte sich glücklich. Elegant gekleidete Opernbesucher strömten an ihr vorbei in Richtung Eingang. Niemand beachtete ihr Schild.

Ob es ihr gelingen würde, für die heutige Ballettvorstellung „Vielfältigkeit“ eine Karte zu ergattern? Die Tanz-Improvisationen aus klassischem Ballett und Modern Dance zu verschiedenen Bach-Stücken waren seit der Premiere stets ausverkauft, und sie hatte nur diesen einen Abend in München.

„Suchen Sie nur eine Karte?“

Erwartungsvoll drehte sie sich um und sah in zwei pechschwarze Augen. „Ja, nur eine Karte“.

„Schade“, er lächelte, „ich hatte gehofft, dass Sie vielleicht gerne einen Mann dazu hätten!“

Sie schnappte nach Luft.

„Ich beobachte Sie schon, seit Sie in die Maximilianstraße eingebogen sind.

Sie sind wohl nicht aus München?“

„Sieht man mir das an?“

„Sie schienen nicht zu wissen, in welche Richtung Sie müssen, als Sie stehen blieben und Richtung Maximilianeum blickten. Aber dann hatten Sie den gleichen Weg wie ich zur Oper. Es war übrigens ein Vergnügen, Ihnen und Ihrem Duft zu folgen.“

Was wollte dieser Mann von ihr? Verwirrt sah sie ihn an. „Wie ist es nun. Haben Sie eine Karte für mich?“

„Ja, ich habe eine Karte übrig. Hier, nehmen Sie.“

„Und was kostet sie?“

„Nichts“, war seine knappe Antwort.

„Nein, das möchte ich nicht. Ich möchte kein Geschenk.“

„Ich habe nicht vor, Ihnen etwas zu schenken. Als Gegenleistung müssen Sie den ganzen Abend neben mir verbringen.“ Er grinste frech. „Was ist? Wagen Sie es?“

Sie musste unweigerlich lachen. Wie angenehm er mit ihr flirtete, wie eine leichte Sommerbrise, und selten war eine Aufforderung so charmant und unaufdringlich. Er war ihr auf Anhieb sympathisch.

„OK! Ich heiße übrigens Marlene und zahle den Champagner! Und Sie?“

„Ich werde ihn trinken!“ Er strahlte und wandte sich dem Eingang zu. Das dritte Läuten ertönte, als sie ihre Plätze einnahmen. Es waren die besten Karten. Sie hatten freien Blick auf die Bühne.

Sobald die Musik begann, fühlte sie sich verzaubert. Mit allen Sinnen tauchte sie in die Vorstellung ein. Jede Bewegung harmonierte mit den Tönen, jeder Tanz wurde zur sichtbar gemachten Musik. Jeder Augenblick war einzigartig. Es war die Vergänglichkeit des Moments, die sie tief berührte.

Sie vergaß, wo sie war. Erst als das Licht anging, wurde ihr wieder bewusst, dass sie nicht alleine war.

In der Pause schlenderten sie mit ihren Gläsern in der Hand zu den großen Fenstern im Spiegelsaal und blickten auf die erleuchtete Stadt. „Es ist schön zu sehen, wie Ihnen die Aufführung gefällt. Sie haben sich die ganze Zeit keinen Millimeter bewegt! Und doch hatte ich den Eindruck, Ihre Seele tanzt mit.“

Ihr stockte der Atem. Wie konnte er sie mit so wenigen Worten enthüllen. Ihr wurde heiß, ihr Gesicht glühte. Verunsichert trat sie einen Schritt zurück.

„Diese Musik, diese Choreographie ...“, versuchte sie zu erklären, „dieses Stück, in dem die Tänzerin das Cello war, und ihr Partner auf ihrem Körper spielte, nein,“ sie schüttelte den Kopf, „er spielte MIT ihrem Körper. Diese Harmonie. Dieser Gleichklang. Ein wunderschöner Tanz, sehr sinnlich.“ Sie genoss die Stille, die er ihr gestattete. „Vorhin kam mir ein Gedicht in den Sinn: ‚Menschen sind wie Musikinstrumente. Ihre Resonanz hängt davon ab, wer sie wie berührt.‘" Sie schaute ihn an.

Lange Zeit sagte er nichts. „Wenn man Sie berühren würde, wie klingen Sie dann?“ Er stieß mit seinem Glas an ihres. „Etwa so?“, und trank einen Schluck, während er sie nicht aus den Augen ließ.

„Ich weiß nicht.“ Ihre Stimme klang rauh. Sie musste sich räuspern und blickte in den Spiegelsaal. „Ich mag das Nationaltheater.“

„Ja, es ist ein schönes Theater. Als es 1811 gebaut wurde, sollte es ein Theater nicht nur für den Adel sein, sondern für die Bürger Münchens.“

Sie strahlte ihn an. „Und trotzdem fühle ich mich heute Abend wie eine Königin.“

Es läutete und sie mussten sich beeilen, wieder ihre Plätze einzunehmen. Als sie nach der Vorstellung aus der Oper kamen, war die Stadt in verheißungsvolles Blau gehüllt. Sie blieben an den Säulen stehen, wo er sie angesprochen hatte. Ein Windstoß wehte ihr die Haare vor die Augen.

„Nein, nicht!“ Er unterbrach ihre Bewegung, sich die Haare aus dem Gesicht zu streifen. „So sehen Sie sehr verwegen aus.“

Wieder konnte sie seinem Blick nicht standhalten, drehte sich um und wich ihm aus. „Es ist schön hier.“

„Ja, Sie haben Recht.“ Er ergriff ihren Arm und führte sie die Stufen hinunter. „Die Oper, die Residenz und der Max-Joseph-Platz sind Orte, mit denen ich viel verbinde. Als Student war ich Statist im Nationaltheater. Das war eine schöne Zeit. Nach einer Vorstellung haben wir oft an der Residenz gesessen und den Abend genossen.“

„Sind Sie in München geboren?“

„Ja, ein waschechter Münchner. Wussten Sie, dass es nach Kriegsende Überlegungen gab, München am Starnberger See neu zu errichten? Dann wären wir uns heute hier nicht begegnet.“ Immer noch hielt er ihren Arm. „Kommen Sie, lassen Sie uns ein paar Schritte gehen.“ Sie folgten den Straßenbahnschienen und bogen in die Theatinerstraße ein. „Sie haben einen so besonders leichten Gang trotz Ihrer High-Heels. Als würden Sie tanzen. Sind Sie Tänzerin?“

Seine Neugierde hatte etwas von ehrlichem Interesse. „Nein. Aber schon als Kind war es für mich etwas Besonderes, wenn meine Mutter mich auf ihre Hüfte setzte und mit mir durch unsere Wohnung Walzer tanzte. Damals wollte ich natürlich Primaballerina werden. Seither fasziniert mich das Tanzen. Es ist wie das Leben. Wie eine Beziehung. Oft sieht man zwei Menschen, die sich begegnen und wieder auseinandergehen, ohne dass sie sich berührt fühlen, ohne dass ein Tanz entsteht.“

„Sie glauben also, Sie können aus dem gemeinsamen Tanz lesen, ob zwei Menschen eine Beziehung haben und wie ihr Sex aussieht.“

Wieder verblüffte es sie, mit welcher Präzision er sie verstand.

„Ja, wenn Sie so wollen. Tanzen ist Begegnung, Hingabe, Leidenschaft zwischen Mann und Frau. Es ähnelt der Art und Weise, wie zwei miteinander umgehen, wie sie ihre Leidenschaft leben. In ihrer Beziehung und im Bett. Betrachten Sie den Wiener Walzer. Die Tänzer stehen sich immer gegenüber, ihre Körper sind auf Tuchfühlung. Jeder Schritt ist vorhersehbar und die einzigen Varianten gibt es in der Drehrichtung: mal rechts, mal links herum.

Manche Paare bevorzugen vielleicht den Langsamen Walzer, weil er gemütlicher ist. Eine konservative Beziehung. Die Führung in dieser Begegnung übernimmt der Mann.“ Sie grinste ihn an. „Aus Tradition! Das Leben ist vorgezeichnet, aber sicher. Man richtet sich nach den Konventionen, hält sich an die Regeln, die die Gesellschaft vorgibt, und denkt, das ist das, was das Leben mit einem vorhat.“

„Sie mögen Walzer nicht. Sind sie verheiratet?“

Sie lachte. „Doch, ich mag den Walzer. Aber ihn im Leben zu tanzen fühlt sich an, als würde ich meinen Gefühlen eine Uniform verpassen. Auf Dauer wäre mir so ein Korsett zu eng. Und nein, ich habe nie geheiratet. Sie?“

Er überging ihre Frage und stellte die nächste. „Was machen Sie in München, wenn Sie keine Karte suchen?“

Sie musste unweigerlich lachen. „Ich lasse mir von einem wildfremden Mann, der ein waschechter Münchener ist, die Stadt zeigen, obwohl ich noch nicht einmal seinen Namen kenne.“

„Max.“ Er blieb stehen, verbeugte sich leicht und blickte sie intensiv an.

„Max Welzer. So ähnlich wie der Tanz, der Ihnen zu eng ist.“

Sie war sprachlos. Immer mehr hatte sie den Eindruck, als würde er sie durchleuchten. Als wäre er mitten in ihr. In ihren Gedanken und Gefühlen. In ihren Geheimnissen. Er nahm ihren Arm und zwang sie zum Weitergehen.

„Wissen Sie, dass Sie die gleiche Leidenschaft haben wie die junge Kurfürstin Adelheid, der wir diese italienische Barock-Kirche zu verdanken haben.“ Sie kamen zur Theatinerkirche. „Auch sie tanzte sehr gerne. Manches Mal übernahm sie sogar Rollen im Hofballett. Ihre Ehe war übrigens arrangiert und sie kannte ihren Ehemann nicht, der sogar bei der Hochzeit von seinem Bruder vertreten wurde. Adelheid und Kurfürst Ferdinand wussten vorher nicht, ob sie miteinander tanzen können.“ Er blickte zu ihr hinüber.

„Aber dann war es Liebe auf den ersten Blick. Glauben Sie an die Liebe auf den ersten Blick?“

„Ich ...“ Ihr Herz überschlug sich. Sie musste stehen bleiben und holte tief Luft. „Es scheint sie zu geben, aber mir ist so etwas bisher nicht passiert.“ Da lächelte er sie an und ging weiter.

„Wenn Sie Rumba tanzen, fühlen Sie sich dann freier?“ Jetzt ließ er ihr keine Zeit mehr für ihre eigenen Gedanken. Sie versuchte sich zu konzentrieren, suchte nach Worten.

„Freier? Ja, man hält Distanz zum Partner, tanzt ein paar Schritte zusammen, aber man berührt sich kaum. Entfernt sich wieder. Es ist wie in modernen Beziehungen. Viel Dynamik. Eine kurze Berührung. Viel Freiraum und Abwechslung. Aber wenig Nähe.“

„Sie mögen Rumba auch nicht!“, war seine knappe Feststellung. Mittlerweile erreichten sie den Hofgarten. „Für mich ist das einer der schönsten Plätze in München“, schwärmte er. Kein Mensch war zu sehen. Es umgab sie eine erstaunliche Stille, die man mitten in München nicht erwartet hätte. Wegen der schwachen Beleuchtung im Park konnte man die Sterne sehen.

Schweigend gingen sie zum Dianatempel. „Im Sommer treffen sich hier Tänzer. Sie bringen ihre eigene Musik mit.“ Er ergriff ihre Hand. „Wissen Sie, was sie tanzen?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Sie treffen sich hier, um Tango zu tanzen.“

„Tango“, flüsterte sie und blickte in seine Augen.

Langsam legte er seine rechte Hand um ihre Taille, erfasste mit seiner linken ihre rechte Hand und zog sie vorsichtig zu sich. „Er ist der König aller Tänze und man tanzt ihn auf Tuchfühlung wie einen Walzer, nicht wahr?“

Ihr Atem wurde flach. Sie spürte seine Wärme überall. Er wartete nicht auf eine Antwort. „Wie ist es, wenn Sie Tango tanzen?“

Sie konnte keinen Gedanken formen, keinen Satz planen. Die Worte kamen, ohne ihr Bewusstsein zu erreichen, stoßweise. „Es ist sinnlich. Ein Tanz ohne Vorgaben. Immer einzigartig, nie wiederholbar.“ Er zog sie noch fester an sich heran und wiegte sie in seinen Armen.

„Weiter ...“ Er legte seine Wange an ihre.

„Harmonie. Sie ist da, überall. Man spürt sie sofort, gibt sich hin. Spürt das tiefe Vertrauen. Zwei Körper verschmelzen, zwei Seelen werden eins.“

„Und der Mann führt beim Tango!“, flüsterte er ihr zu und initiierte eine Schrittfolge, der sie automatisch folgte.

„Das sieht nur so aus. Er kann nur einen Vorschlag machen, wie es weitergeht.“ Jetzt fühlte sie seinen Herzschlag in ihrem Körper. „Der Frau bleibt es überlassen, ob und wie sie seinem Vorschlag folgt. Der Mann muss erspüren, wie sie reagieren wird.“

„Ja, beide müssen das gleiche wollen, sonst würde kein Tanz entstehen.“ Ihre Schritte wurden immer langsamer. Es war still um sie herum. Sie genoss seine Wärme, seinen Duft. Sie genoss es, von ihm umschlungen zu sein. Eng. Er roch nach Sehnsucht. Zart strich er ihr über den Rücken, hob ihre Arme und legte sie um seinen Hals. Mit seinen Fingerspitzen fuhr er an der Innenseite ihres Unterarms entlang. Ein Prickeln lief über ihren Körper, ihr wurde kalt und warm und schwindelig. Vorsichtig schob er sie ein Stück von sich weg, um ihr in die Augen sehen zu können.

„Darf ich dich küssen?“ Ihr Herz stand still. Es war keine Frage, es war sein Vorschlag. Ihre Wünsche schien er zu erspüren. Sie brachte kein Wort hervor, sondern nickte leicht. Behutsam zog er sie wieder zu sich heran und beugte sich zu ihr hinunter. Es lag eine Schüchternheit in seinem Kuss, die sie verzauberte. Als würde er seinen eigenen Schritten nicht trauen, als wäre er verblüfft, wohin ihn diese Schritte führen. Sie hörte sein leises Stöhnen, bevor er sich von ihr löste. Mit seinen Händen fuhr er sich fast verzweifelt durch die Haare und vergrub sie in den Hosentaschen.

„Es ist spät“, murmelte er. „Ich muss gehen.“ Er trat einen Schritt zurück. Sie schluckte schwer. Ihr Puls raste, das Blut rauschte in ihren Ohren. Sie atmete tief ein und versuchte, ihre Panik zu unterdrücken. „Sehen wir uns wieder?“, fragte sie ihn. Er lächelte ein Lächeln, das sie nicht deuten konnte, aber er antwortete nicht. „Gibst du mir wenigstens deine Telefonnummer?“

Er schüttelte den Kopf. Es lag eine Wehmut in seinen Augen. Ihr Herz gab ein Tempo vor, mit dem ihr Atem nicht schritthalten konnte. Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie verstand ihn nicht, rang um Fassung. Kurz entschlossen holte sie einen Zettel aus ihrer Tasche und einen Stift. „Hier ist meine E-Mail-Adresse. Schreib mir, wenn du magst.“ Mutig blickte sie ihm in die Augen und hoffte auf ein Versprechen.

„Danke für den wundervollen Abend!“ Noch einmal küsste er sie, hielt sie für einen Moment in seinen Armen und ging wortlos davon.

Lange blieb sie stehen und blickte ihm nach. Stimmen rissen sie aus ihren Gedanken. Sie verließ den Hofgarten und wählte denselben Weg zurück, den sie gekommen waren, so, als ob sie die letzten Stunden noch einmal Revue passieren lassen wollte. Konnte es wirklich sein, dass sie sich auf den ersten Blick in einen fremden Mann verliebte? Würden sie sich wieder sehen?

Warum wollte er ihr nicht seine Telefonnummer geben? Sie bog von der Maximilianstraße in die Stollbergstraße ein. Die Straße war wie ausgestorben, leer wie ihr Herz. Sie fühlte sich erschöpft, als sie endlich in die Herrnstraße kam, in der ihr Hotel lag. Oben im Zimmer zog sie sich mechanisch aus, ließ ihr Kleid am Boden liegen und fiel in einen unruhigen Schlaf.

Sie träumte davon, mit ihm zu tanzen, ihn zu spüren, von seinem Körper umhüllt zu sein. Sie träumte von der Harmonie, die es nie bis in ihr Leben geschafft hatte, von der Leidenschaft, die sie sich immer vorenthalten hatte, von dem Vertrauen, das sie nie schenken konnte, von der Hingabe, die sie sich verboten hatte. Nur sehr langsam begriff sie, dass es nicht Musik war, die den Rhythmus vorgab, sondern ihr Wecker. Sie hatte Schwierigkeiten, ihren Traum zu verlassen und in die Wirklichkeit einzutreten. Würde er sich melden? Konnte sie darauf hoffen, ihn nochmals ihre Sehnsucht erspüren zu lassen? Sie griff zur Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein, um ihre Träumereien zu verscheuchen. Es kamen Nachrichten.

„Am frühen Morgen wurde der Münchener Bauunternehmer Max Welzer in seiner Villa in Bogenhausen verhaftet. Ihm wird Steuerhinterziehung in Millionenhöhe vorgeworfen. Max Welzer ist Inhaber der größten ...“

Fassungslos starrte sie in sein Gesicht. Unfähig zu denken. Unfähig zu fühlen. Stillstand. Irritiert registrierte sie das Vibrieren ihres Handys auf dem Nachttisch, das ihr den Empfang einer neuen E-Mail-Nachricht anzeigte, bevor es zu Boden fiel. Wie in Trance hob sie es auf und öffnete die Nachricht.

„Mit dir wäre es Tango.“


Den ganzen Spaziergang auf der Karte verfolgen ...

Verfasser: © Dorothea Burger, 2011

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