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Clara

... radelt durch Nymphenburg, während andere zu Hause in ihren Betten liegen und nicht daran denken, sich auf die Suche nach dem Ort ihrer ersten Erinnerungen zu machen.

Tizian, Tintoretto, Zambonini, Canaletto seit sie den Nymphenburger Kanal überquert hat, tragen die Straßen klingende Namen. Bei Paduano biegt sie links in die Dall' Armi ein und versucht, über die graue Ampelanlage und die Stromkästen am Straßenrand hinwegzusehen. Sie passen nicht zu dem, was kommt, zu den Familiengeschichten, die sich sehr bald schon, nur zwei Querstraßen weiter, in der Nummer Sechzehn bündeln werden.

Während Clara beim Aufbruch vor einer Stunde noch Schwierigkeiten hatte, mit ihren zitternden Fingern das vereiste Fahrradschloss aufzusperren, ist die Aufregung inzwischen verflogen, ihre Finger im Handschuhpelz warm. Die Reise durch die verschneite Stadt war anstrengend. Die Wege waren unberechenbar, mal mit mehr, mal mit weniger steif gefrorenen Schneefurchen durchzogen, gefährlicher als Trambahnschienen. Freigeräumte, teerschwarze Stellen entpuppten sich als spiegelglatt, der Untergrund, auf dem sie sich bewegte, war nicht einschätzbar. Es gab keine Sicherheit.

Sie fährt langsam, mit durchgedrücktem Rücken, dauernd darauf gefasst, ins Schlittern zu geraten und umzufallen. Aber sie stürzt nicht. Sie behält ihr Gleichgewicht und überwindet eine Schwierigkeit nach der anderen, was sie nach einer Weile in einen Zustand traumwandlerischer Sicherheit versetzt. Beinahe schwebt sie.

Die Stadt gibt keinen Laut von sich, der Schnee schluckt allen Lärm. Das Auseinanderbrechen der Eiskristalle unter ihrem Vorderreifen ist das einzige Geräusch, das diese Stille durchbricht. Dicke Schneeflocken taumeln ihr entgegen. Sie bohren weiße Löcher in Claras Sichtfeld, bevor sie auf ihrem glühenden Gesicht zerschmelzen. Dabei sind es nicht die Schneeflocken allein, die ihre Sicht trüben. Es sind die Erinnerungen an diesen Ort, dem sie sich nähert. Sie sind genauso geräuschlos wie die langsam vorbeiziehenden Reihenhäuser, die Clara schon immer zu eckig fand, wie die Fußwege, aus denen Straßenlaternen wie oben abgeknickte Spargel wachsen. Der Mann an der Ecke hat seinem kleinen Hund einen karierten Regenmantel angezogen.

Je näher sie kommt, desto plastischer werden die Erinnerungen. Sie legen sich über ihren Blick nach vorn wie Folien. Sie sieht die Lachanfälle ihrer Tanten, ihre geröteten Gesichter, ihre glänzenden, zusammengekniffenen Augen. Ihre Mutter, die ihre Pointe ausbaut, sie reitet darauf herum und löst weitere Lachsalven aus. Sie stößt die mittlere Schwester mit dem Ellenbogen in die Rippen, damit sie sich beim Trinken verschluckt, nach Luft schnappt und noch mehr lacht. Dazwischen tobende Kinder, ungebürstet und frei, sie spielen mit dem Meissner Porzellan, sie dürfen. Alles im Überschwang. Der besorgte Blick der Großmutter huscht flüchtig in Richtung Tür. Er geht ins Leere. Sie ist unruhig. Platten mit Lachs und Meerrettich, volle Aschenbecher, ein Glas kippt um, immer mehr Weinflaschen werden entkorkt von den angeheirateten Männern auf dem Sofa, die dann zum Einsatz kommen.

Die Mutter erwischt die Großmutter, wie sie wieder zur Tür späht. Die Großmutter leugnet. Sie warte doch nicht, er komme später, habe doch angerufen. Ihr Jüngster, Claras Onkel. Die Großmutter ist immer im Bilde über ihn. Aufgekratzt wechselt sie das Thema und erzählt, wie der Großvater das Warten am Sterbebett seines Vaters nicht mehr ausgehalten habe.

„Da hat er ihm die Totenmaske abgenommen. Es war noch viel zu früh.“

Der Großvater winkt ab und widerspricht, aber nur leise. Er will ihr den Spaß nicht verderben.

„Das heißt, er ist erstickt?“ fragen die Enkelinnen entsetzt.

„Er wäre eh gestorben“, sagt die kleine, schmale Großmutter und häuft der dicken, kurzen Urgroßmutter noch mehr von dem verhassten Kartoffelsalat auf den Teller, den man nur ihr zu Liebe macht. Die Urgroßmutter sitzt im ledernen Ohrensessel und erzählt heiser die ewige Geschichte von ihrer Karriere an der Burg, die wegen ihrer Schwangerschaft beendet wurde. Der Täter, ein Schauspieler, wurde danach noch von vier anderen Frauen geschieden, vielleicht waren es auch fünf. Die Großmutter versucht, unauffällig zur Tür zu sehen. Dort, wo die Lücke ist. Der Großvater, Rothändle rauchend, senkt den Blick.

Später fährt er den Opel aus der Garage und verbietet Clara, in die wundersame, graue Wolke einzutauchen, die aus dem Auspuff qualmt. Clara darf auf seinem Schoß sitzen, wenn er im Atelier die kleinen Fehlstellen auf den frisch gegossenen Medaillen ausbessert. Danach müssen sie, ebenfalls in einem verbotenen Dunst aus seltsam riechenden Chemikalien, patiniert werden in seinem fensterlosen Labor. Clara muss solange im Garten spielen und darf erst wieder hinein, wenn die Medaillen auf der Ateliertreppe liegen.

Es gibt viele Treppen im Haus und die Beine des Großvaters lassen sich nicht davon abhalten, diese Treppen hinaufzurennen, er kann nicht anders, er nimmt keine Rücksicht auf seinen Körper, auch nicht, als er schon abgemagert ist bis zum Skelett. Er behält die jungenhaften Schritte bei, er bleibt, wie er ist, auch wenn er danach schwer keucht und nach Luft ringt. Zuverlässig sitzt er in seinem Atelier, wenn sie ihn besucht. Später liegt er in seinem Bett. Seine Stirn ist schrecklich kalt, als Clara die Hand auf seinen Leichnam legt.

Sie holen ihn ab.

Clara kommt nie wieder.

Sie kommt näher.

Die Straße ist noch nicht geräumt an diesem Sonntagmorgen. Clara versucht, in der Mitte der linken Reifenspur zu bleiben, wo das zuletzt gefahrene Auto den Schnee zusammengedrückt hat zu einer Rille aus weißem, rutschigem Eis.

Niemand sonst fährt bei diesem Wetter mit dem Rad. Die meisten liegen zu Hause in ihren Betten und denken nicht daran, sich auf die Suche nach dem Ort ihrer ersten Erinnerungen zu machen. Clara sitzt mit baumelnden Füßen auf dem Torpfosten. Sie ist alleine hinaufgeklettert, nach einer Auseinandersetzung mit der Großmutter, der Grund dafür ist verborgen, die Erinnerung setzt erst nach diesem Streit ein. Ihre kleine Hand drückt mit Kraft die Türklinke nach unten. Sie verlässt das Haus. Nicht, um im Garten zu spielen, sondern um zu gehen. Ihre Kinderschuhe versinken im Kiesweg, das Fortkommen ist beschwerlich und wenn sie Pech hat, rutschen Kieselsteine in den Schuh.

Sie hat Glück. Ihre Schuhe überstehen den Weg unbeschadet und sie fühlt sich zum ersten Mal anders. Als wüsste sie, dass sie durch ihre erste Erinnerung spaziert. Sie lässt sich nicht aufhalten vom Zaun, der mehr ist als eine Reihe von weißen Plastikstäben, die innen hohl sind und zerbrechen, wenn die bösen Buben aus dem Asamgymnasium auf ihrem Heimweg zum Spaß mit Stöcken dagegen schlagen. Der Zaun ist ein Verbot, das Clara körperlich spürt, das Verbot ist eindringlicher als der Zaun selbst, der Zaun ist in sie übergegangen, bis hierhin und nicht weiter haben die entschieden, mit denen sie sich eben noch eins gefühlt hat. Doch jetzt bröckelt diese Einheit, sie löst sich daraus, sie wird sie selbst. Und klettert auf den Torpfosten.

Die Kälte dringt durch ihre Hose. Sie schlägt mit den Fersen gegen den Stein. Sie wartet. Sie stellt sich vor, die bösen Buben kommen und sie, Clara, bewacht den Zaun. Sie lässt nicht zu, dass sie ihn zerstören, sie ist stark, da oben, und mutig. Ihre Großmutter öffnet das Fenster im ersten Stock, um das Plumeau zu lüften. Sie ruft, Clara soll ja nicht runterfallen. Clara dreht sich noch nicht einmal um. Hinter ihrem Rücken stirbt der Großvater. Dann bröckelt alles. Das Haus zerfällt.

Und taucht hinter den Knallerbsenbüschen und dem Tannengewirr des Nachbarn, frisch geweißelt und strahlend vor ihr auf. Der wilde Wein und mit ihm der verwunschene Dornröschentraum ist längst vergangen, von den Nachbarn vergiftet, hieß es, wegen der vielen Weberknechte, die von den Weinblättern durch die Fenster krabbelten und vom Großvater in einer Streichholzschachtel gefangen werden mussten. Lange noch vermutete Clara in jeder Streichholzschachtel einen Weberknecht.

Schon wieder ist sie in der Erinnerung gelandet. Es sind nur noch wenige Meter.

Ich darf den Augenblick nicht verpassen, denkt sie und weiß auf einmal, dass sie nicht anhalten darf, dass sie ihr Rad nicht abstellen und darauf warten wird, dass jemand herauskommt, der sie als die wahre Bewohnerin des Hauses erkennt.

Er wird sie hinein bitten. Die Tür ist noch immer dieselbe, nicht einmal die Farbe hat er geändert, Flaschengrün, das ist doch ein Zeichen dafür, denkt Clara, dass der neue Besitzer das Haus schätzt, wie es ist. Dass er seine Geschichte achtet. Ohne sie zu kennen.

Ich werde mich ins Atelier setzen und ihm alles erklären, zum Beispiel wie der Urgroßpapa, der das Haus gebaut hat, als junger Mann zu Fuß von Rotterdam nach Paris ging, um dort 1900 Sylvester zu feiern. Wir waren gut im Feiern. Ich kann ihm stundenlang solche Geschichten erzählen, wie Sheherezade, um mein Leben zu retten. Meinen Platz dort drinnen. Wenn er jetzt die Tür öffnet, bremse ich, denkt sie. Ich steige ab und er wird mich hineinbitten und es wird alles da sein. Hinter der Tür. Das Treppengeländer, dort habe ich mich einmal angehauen, nachdem ich mir selbst die Haare geschnitten hatte. Blutüberströmt kam ich ins Atelier, es ist eine Narbe geblieben, der Arzt hielt mich für einen Jungen, wegen der kurzen Haare. Die Narbe hier über dem Auge, sie ist noch da, sehen Sie?

Claras Hand gleitet über das weich gehobelte Holz des Geländers, folgt ihm nach oben, Stufe um Stufe. Es ist so anders, denkt sie. Sie muss den Arm ganz nach oben strecken, damit die Hand zum Geländer greifen kann. Die Hand ist so klein. Das Kind ist zurück. Die Beine sind kurz geworden, es sind die stämmigen Beine einer Zwei- oder Dreijährigen, sie ist barfuß, die runden Zehen balancieren über die Stufen, spüren die Maserung der Eiche. Clara sieht an sich herab. Sie ist nackt. Weiche, unbeschädigte Kinderhaut. Am Treppenabsatz drei geschlossene Türen.

Niemand öffnet. Außen, das Haus bleibt verschlossen. Alle Fenster sind zu. Vor dem Tor parkt ein dunkler Wagen. Die Fahrrille endet an seinem Hinterreifen.

Das Fahrrad stolpert über die Spur hinaus und versinkt im unberührten Schnee. Clara verliert den Halt. Sie schlittert, beinahe fällt sie. Sie rudert mit dem Lenker und es gelingt ihr, das Gleichgewicht zurückzuerobern. Sie fährt auf eisigem Grund. Die Wollmütze ist ihr in die Stirn gerutscht. Clara muss nach vorn schauen. Sie könnte anhalten. Sie kann nicht. Aus dem Augenwinkel, unscharf verzerrt, sieht sie den Zaun des Nachbarn.

Sie ist vorbeigefahren. Es ist vorbei. Sie fährt weiter, überquert die Barellistraße, wo früher die Schafe weideten. Hinter ihr, vor Jahren, öffnet sich die Tür. Der blasse Onkel stolpert auf die Straße zu, die schlacksigen Arme und Beine hinter sich herziehend, er ist auf der Suche, vielleicht wie sie. Besorgte Blicke folgen ihm, man kann ihm nicht helfen. Er ist der Jüngste, der lieber schläft als lebt und der mit seiner Sucht von innen heraus das Haus auffrisst, es ihr Stück für Stück entreißt, zuerst die Gewehre, dann den Schmuck, jede einzelne Silbermünze, jeden Engel, sogar die Monstranz und den Bauernschrank mit seinem Geheimfach. Alles endet als weißes Pulver in seinen Venen. Zuletzt das Haus.

Spitze Eiskörner hageln ihr entgegen. Clara kneift die Augen zusammen und tritt fester in die Pedale, plötzlich hat sie es eilig. Auf der anderen Straßenseite zieht eine dick vermummte Frau ihre Schneeschaufel knarzend über das Trottoir.


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Verfasser: © Beatrice Dossi, 2011

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