Murnau, Markt und Luftkurort in Oberbayern. Bezirksamt Weilheim, (1925) 2764 meist katholische Einwohner, 691 m.ü.M., nahe dem Fuß der Alpen, zwischen Staffelsee und Loisach. Knotenpunkt der Bahn Weilheim-Garmisch-Partenkirchen, hat Schloß, Pfarrkirche (18. Jh.), bemalte Häuser, Forstamt, Stahl-, Moor- und Strandbad, Brauerei und Käsefabriken.
(Meyers Lexikon, 8. Band, Bibliographisches Institut, Leipzig 1928, S.885)

Ödön von Horváth verbringt die Zeit zwischen 1924 und 1933 vor allem in Murnau. Die Einwohner des Marktfleckens sind überwiegend Handwerker, Geschäftsleute, Bauern und höhere Beamte. Nur wenige Arbeiter und Angestellte gibt es in dem industriell kaum erschlossenen Fremdenverkehrsort, der vom Tourismus lebt. Für Deutschland und Bayern ist es die Zeit des Abschieds von der Monarchie und die Zeit des Aufbruchs in die Demokratie. Gleichzeitig ist es die Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus. Für Horváth ist es die Zeit, in der er mit der Entdeckung des Kleinbürgertums sein literarisches Thema findet und Schriftsteller wird.  Viele seiner Stücke und Prosaskizzen wurzeln in Beobachtungen, Erlebnissen und Notizen während seiner Murnauer Jahre. Manchmal sind die Bezüge zu Murnauer Lokalitäten, Vorkommnissen und markanten Persönlichkeiten gar nicht zu übersehen, wie etwa in der Komödie Zur schönen Aussicht (1927), in dem Volksstück Italienische Nacht (1930) und in dem Roman Jugend ohne Gott (1936). Manchmal belässt es Horváth bei Andeutungen.

Seit dem Herbst leb ich in Oberbayern am Rande der nördlichen Kalkalpen, so siebzig Kilometer südlich von München, in einem grösseren Dorf, das offiziell den Titel „Markt“ trägt und an einem nach meinem Geschmack fast zu lieblichen See liegt. Man sieht die Berge von Tölz bis Neuschwanstein, jenem romantischen Baukasten weiland Ludwigs des Zweiten.
(Ödön von Horváth, Karfreitag, Entwurf (BS 60c(1)), Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, ÖNB zit.n.Leben ohne Geländer, Murnau 2001, S. 177)

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