Die erste Station führt zum früheren Kloster. (1) Über die Bahnhof- und die Waldschmidtstraße geht es zum „Paradies“ (2). Vom Sonnleitenweg zum Stieler-Denkmal (3) und Stieler-Haus (4). Dann mit dem Bus oder zu Fuß (Sommer-Alternative: Überfahrer) zum Rottach-Egerner Rathaus (5) über die Südliche Hauptstraße in die Fürstenstraße 5 (6) und 8 (7). Die letzten Stationen bilden das Hotel Überfahrt (9) und das Hotel Bachmair am See (10).

Das Tegernseer Tal ist seit vielen Jahrhunderten ein Zentrum kulturellen Schaffens. Bedeutende wie berühmte literarische und künstlerische Werke sind seit dem Mittelalter bis heute am Tegernsee entstanden. Noch zu wenig bekannt ist über die spektakuläre Literatur, die ausgehend vom Kloster Tegernsee bis 1803 hier geschrieben wurde. In Vergessenheit geriet, dass das Kloster Tegernsee einst das benediktinische und literarische Zentrum Altbayerns war und verbunden damit auch ein Mittelpunkt deutscher Glas- und Buchmalerei sowie Musiktheorie. Überragende Bedeutung hatte Tegernsee ebenfalls durch seine Schreib- und Malschule und Bibliothek, die als eine der größten des Abendlandes galt. 

Tatsächlich sind im früheren Kloster Tegernsee einzigartige Werke entstanden: Von dem Mönch Froumond ist aus dem 10. Jahrhundert eine Sammlung selbstverfasster lateinischer Gedichte und Briefe überliefert, die einen einmaligen Einblick in den mittelalterlichen Klosteralltag geben. Aus dem 11. Jahrhundert stammt der Ruodlieb, der erste bekannte Ritterroman in lateinischen Versen. Aus dem 12. Jahrhundert kommen das älteste bis heute bekannte Liebesgedicht in deutscher Sprache, der sog. Tegernseer Liebesgruß und der Ludus de Antichristo, eines der ältesten Zeugnisse dramatischer Kunst in Europa.

Ein bedeutendes Werk aus der Frühen Neuzeit ist das um 1500 in Tegernsee entstandene sog. Liber illuministarum, die bisher umfangreichste mitteleuropäische kunsttechnologische Schrift und ein Lehrbuch für Buchmaler. Tegernseer Mönche, allen voran der Bibliothekar Konrad Sartori, sammelten und kopierten Anweisungen und Rezepturen unterschiedlicher Herkunft für die damals bekannten Kunst- und Werktechniken und bündelten sie zu einer Sammelhandschrift, deren Schwerpunkt die Arbeitsbereiche in einem Skriptorium bilden: Pergament- und Lederbearbeitung, Farben- und Tintenherstellung sowie Färbe- und Vergoldungstechniken werden hier ausführlich beschrieben. Mit mehr als 750 Vorschriften ist der Liber illuministarum tatsächlich dazu die bedeutendste spätmittelalterliche Rezeptsammlung. Mit weiteren Texten zu Medizin, Mathematik, Alchemie und Metallurgie, zu Hauswirtschaft, Gerberei und Pyrotechnik geht die Sammlung jedoch weit über den Bereich des Skriptoriums hinaus.

Ebenfalls von Bedeutung ist die sog. Tegernseer Haggadah, eine Erzählung und Handlungsanweisung zum jüdischen Pessachfest. Diese Schrift, die in letzter Zeit großes Interesse von Wissenschaftler*innen aus den USA, Israel und Deutschland auf sich gezogen hat, gibt Auskunft über das Verhältnis von Christen und Juden im 15. Jahrhundert. Seit sie aus dem Benediktinerkloster Tegernsee an die Bayerische Staatsbibliothek kam, gehört die spätmittelalterliche Handschrift mit der Signatur Cod.hebr. 200 wegen ihrer prächtigen Ausstattung zu den Kostbarkeiten ihrer Hebraica-Sammlung. Erst jüngst stellten Forscher*innen aus den USA, Israel und Deutschland zudem fest, dass atypische Illuminationen aus christlicher Hand die Textsammlung zum jüdischen Pessachfest christlich umdeuteten und das jüdische Sedermahl auf die Eucharistie hin interpretierten.

Aus dem 18. Jahrhundert sind aus Tegernsee auch bedeutende Mirakelbücher überliefert, die die Legende des hl. Quirinus, Gebete und Anweisungen zum Gebrauch des Quirinus-Öls beinhalten.

Aufhebung des Klosters Tegernsee 1803

Als im Zuge der Säkularisation 1803 auch das Kloster Tegernsee aufgehoben wurde, alle kirchlichen Güter in ganz Bayern eingezogen und in staatliche Obhut überantwortet wurden, kamen all diese bedeutenden literarischen Kunstwerke und Tausende der über 40.000 Bände umfassenden Bibliothek in die staatlichen Sammlungen, zumeist in die Münchner Hofbibliothek, die heutige Bayerische Staatsbibliothek. Nach 1803 wurde das Tegernseer Tal als „öde Gegend“ bezeichnet. Tatsächlich hatte der Lokalkommissar Probleme, den riesigen Klosterkomplex zu verkaufen.

Neue Ära ab 1817

1817 kaufte König Max I. Joseph von Freiherr von Drechsel die Tegernseer Klosteranlage. Weitere klösterliche Besitzungen (Gut Kaltenbrunn, der Bauer in der Au, Wildbad Kreuth, der Entenbacher Marmorbruch, Almen etc.) wurden von ihm noch dazu gekauft. Das frühere Kloster wurde zum königlichen Sommerschloss. Der bayerische Hof trat sozusagen die Nachfolge des Klosters als kulturelles und wirtschaftliches Zentrum an. Die königliche Sommerresidenz im Tegernseer Tal zog schnell Mengen an prominenten Besucher*, Künstler*, Literat* und Sommerfrischler*innen ins Tegernseer Tal, das nun zu einer der beliebtesten Gegenden Bayerns wurde.

Verbunden damit entstanden seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Tegernseer Tal wieder zahlreiche einzigartige literarische Werke. In etlichen fand auch das Tegernseer Tal selbst seinen literarischen Niederschlag. So zum Beispiel in Franz von Kobells Brandner Kasper (1871) und den literarischen Werken der Künstlerfamilie Stieler, in Maximilian Schmidts Der Musikant von Tegernsee (1886) und Kreuther Stimmungsliedern der Kaiserin Sissi (1887), dann auch in Oskar Panizzas berüchtigtem Liebeskonzil (1894) und den Sommerdirndln der Schriftstellerin Carry Brachvogel (1923).

 

Spaziergang starten: Station 1 von 10 Stationen

  

Literaturspaziergang als PDF-Druckversion

 

Verfasser: TELITO / Dr. Ingvild Richardsen

Die „12 Tegernseer LiteraTouren“ sind ein Projektergebnis von TELITO, den „Tegernseer LiteraTouren“, in Kooperation mit der Tegernseer Tal Tourismus GmbH (TTT). TELITO ist ein Modell- und Demonstrationsvorhaben im Rahmen des „Bundesprogramm Ländliche Entwicklung (BULE)“ und der Bekanntmachung „LandKULTUR – kulturelle Aktivitäten und Teilhabe in ländlichen Räumen“. Es wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) finanziert.

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