Der Spaziergang hat eine Länge von ca. 15,2 km und dauert ca. 3 Std. 9 Min. (reine Laufzeit). 

Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig (1912) ist eine der berühmtesten Erzählungen des Autors, wenn nicht gar der modernen Weltliteratur, verfilmt 1971 unter dem Titel Morte a Venezia von Luchino Visconti, vertont 1976 von Benjamin Britten in der Oper Death in Venice und seit langem Lehrstoff in deutschsprachigen Schulen. Was ist nun aber das Besondere an dieser Novelle? Warum liest sie sich noch heute, mehr als 100 Jahre nach ihrem Erscheinen, ganz und gar nicht veraltet, warum spricht sie uns weiterhin so eigentümlich an? Die Frage nach den Schauplätzen und Schreiborten der Novelle in München und Bad Tölz kann darauf einige Antworten geben.

Um was geht es in den fünf Kapiteln der Novelle? Im Ersten Kapitel fühlt sich der 50-jährige Schriftsteller Gustav von Aschenbach nicht recht zur Arbeit aufgelegt; sein Name spielt an auf den Vornamen des Komponisten Gustav Mahler und, wie noch zu zeigen ist, auf den Literatur-Nobelpreisträger Paul (von) Heyse sowie auf den Düsseldorfer „Malerfürsten“ Andreas Achenbach (1815-1910), der seinerzeit hochbetagt gestorben war. Aschenbach unternimmt von seiner Wohnung in der noblen Prinzregentenstraße aus einen Spaziergang durch den Englischen Garten zum Gasthaus Aumeister, geht von dort zum Nordfriedhof, um mit der Trambahn wieder nach Hause zu fahren und hat an der Haltestelle mit Blick auf den Portikus der Aussegnungshalle ein merkwürdiges Erlebnis mit einem merkwürdigen Rucksackträger (Kapitel 1). Er denkt an seinen „rauhen Landsitz [...] im Gebirge“,[1] hinter dem sich das Landhaus Thomas Mann in Bad Tölz versteckt, wo die Novelle begonnen und beendet wurde. Im Zweiten Kapitel wird der Autor Gustav von Aschenbach mit angeblich berühmten Werken vorgestellt, die aber, wie wir wissen, Werke sind, die Thomas Mann geplant, aber nicht vollendet hat.[2] Im Dritten Kapitel geht es mit der Bahn nach Triest, auf dem Schiff weiter nach Pola und nach Venedig. Im Grand Hotel des Bains macht Aschenbach die Bekanntschaft des 14-jährigen polnischen Grafen Tadizo, in den er sich verliebt. Im Vierten Kapitel entwickelt Aschenbach aus seinen Träumereien ein Phantasiebild: Er sieht Tadzio als eine griechische Statue, verwandelt sich selbst in den Philosophen Sokrates, Tadzio in den Jüngling Phaidros und verrät ihm das Geheimnis der Liebe: „[...] daß der Liebende göttlicher sei, als der Geliebte, weil in jenem der Gott sei, nicht aber im andern“.[3] Im Fünften Kapitel stirbt Aschenbach an der Cholera, die in Venedig ausgebrochen ist; im letzten Moment verwandelt sich Tadzio für ihn aus dem Liebesobjekt in den „Psychagog“[4] oder Seelenführer Hermes, der ihn vom Diesseits ins Jenseits geleitet.   

Soweit der Inhalt. Die Novelle ist aber nicht einfach so erfunden worden, sie hat auch eine starke autobiographische Grundierung. Im Mai 1911 war Thomas Mann mit seiner Frau Katia und seinem Bruder Heinrich in Venedig gewesen und hatte diejenigen Erlebnisse gehabt, die seine Novelle bestimmten. Sehr viel später, 1930, hat er den Plot so zusammengefasst:

Im Tod in Venedig [ist] nichts erfunden: der Wanderer am Münchener Nordfriedhof, das düstere Polesaner Schiff, der greise Geck, der verdächtige Gondolier, Tadzio und die Seinen, die durch Gepäckverwechslung mißglückte Abreise, die Cholera, der ehrliche Clerc im Reisebureau, der bösartige Bänkelsänger oder was sonst anzuführen wäre – alles war gegeben, war eigentlich nur einzustellen und erwies dabei aufs verwunderlichste seine kompositionelle Deutungsfähigkeit.[5]

Mit dieser Aufzählung benennt Thomas Mann die signifikanten Figuren der Erzählung, allen voran den Knaben Tadzio, dem der ältere Herr Gustav von Aschenbach in Liebe verfällt, freilich distanziert, nur in einer Fernliebe, ohne den Austausch auch nur der kleinsten Zärtlichkeit. Es ist eine Projektionsliebe, und eben genau das nicht, was der Berliner Kritiker Alfred Kerr, einer der Intimfeinde Thomas Manns, in der Novelle sehen wollte, nämlich den doch leicht skandalösen Umstand, dass darin „Päderastie annehmbar für den gebildeten Mittelstand gemacht“[6] werde. Gerade das stimmt aber nicht. Es geht in der Novelle, ausgehend von einem ähnlichen Erlebnis, der Ulrike-Liebe des alten Goethe, vielmehr um Projektion, um Imagination, um sonst gar nichts. Das deutet Thomas Mann auch selbst an, als er im Juli 1911 im Tölzer Landhaus mit der Novelle beginnt und einem befreundeten Literaturwissenschaftler mitteilt:

Ich bin in der Arbeit: eine recht sonderbare Sache, die ich aus Venedig mitgebracht habe, Novelle, ernst und rein im Ton, einen Fall von Knabenliebe bei einem alternden Künstler behandelnd. Sie sagen ‚hum, hum!‘, aber es ist sehr anständig.[7]

Die von Thomas Mann aufgezählten Figuren haben alle eine besondere Funktion: Sie sind die Begleiter des „alternden Künstlers“ Gustav von Aschenbach auf seinem Weg vom Diesseits ins Jenseits. Thomas Mann hat dafür den Begriff der „Todesboten“ geprägt. In einem Brief vom 10. November 1913 aus Bad Tölz antwortet er auf die Frage einer Dame, was denn, nach dem Tod Aschenbachs, mit Tadzio geschehe:

Nein, Tadzio stirbt nicht. Was liegt an ihm? Er ist nichts an und für sich, alles nur in den Augen und im Geiste dessen, der stirbt. Er ist ja beinahe nur ein Phantasma, wie die übrigen wunderlichen Todesboten in der Erzählung. Seine Realität, sein Eigenleben ist so geringfügig, dass der Autor ihm zu viel Ehre erwiesen hätte, wenn er ihn tragisch hätte enden lassen.[8]

 


Spaziergang starten: Station 1 von 6 Stationen


 

Literaturspaziergang Der Tod in Venedig in München als PDF-Druckversion

 

[1] Thomas Mann: Der Tod in Venedig. In: ders.: Frühe Erzählungen 1893-1912. Große kommentierte Frankfurter Ausgabe (hinfort zitiert GKFA), Frankfurt a. M. 2004, Bd. 2.1, S. 501-592, hier S. 505; GKFA 2.2 (Kommentar), S. 402.
[2] Vgl. GKFA 2.2, S. 403f.
[3] GKFA 2.1, S. 555.
[4] Ebd., S. 592; vgl. 2.2, S. 456f.
[5] Thomas Mann: Lebensabriß (1930). In: ders.: Gesammelte Werke in dreizehn Bänden. Frankfurt a. M. 1974, Bd. XI, S. 98-144, hier S. 124.
[6] Zit. n. GKFA 2.2, S. 389.
[7] Thomas Mann: Brief an Philipp Witkp, Bad Tölz, 18.7.1911, in: GKFA Bd. 21, S. 477. Das „hum, hum“ bezieht sich wohl auf den Monolog des Hamlet (II, 2), wo es am Ende heißt: „Pfui drüber! Frisch ans Werk, mein Kopf! Hum, hum!“
[8] Thomas Mann: Brief an eine unbekannte Dame, Bad Tölz, 10.11.1913, in: Dirk Heißerer: „Nein, Tadzio stirbt nicht.“ Zu einem unbekannten Brief Thomas Manns. In: ders: (Hg.): Thomas Mann in München. Vortragsreihe Sommer 2003. München 2004 (Thomas-Mann-Schriftenreihe, Bd. 2), S. 1-6, (Faksimile, gegenüber S. 1) und S. 4.

Verfasser: Dr. Dirk Heißerer