Heinz Piontek: Zeit meines Lebens

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Heinz Piontek, 1987 © Isolde Ohlbaum/Bayerische Staatsbibliothek

Die Erwerbung von Nachlässen hat „die Geschichte der Bibliothek von ihren Anfängen bis zur Gegenwart begleitet.“ So schreibt Karl Dachs, der Leiter der Abteilung für Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek, in seiner Einleitung zur ersten systematischen Verzeichnung der schriftlichen Nachlässe in dieser Institution aus dem Jahr 1970. In den letzten 50 Jahren seit Erscheinen seines Buches hat sich der Bestand an Nachlässen dort fast verdreifacht. Das Literaturportal Bayern stellt deshalb in regelmäßigen Abständen ausgewählte Stücke von Schriftstellerinnen und Schriftstellern in seinem Journal vor.

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Urschrift Zeit meines Lebens, 29,5 x 21 cm; Ana 465, Schachtel 3, Mappe 2, S. 202-311

Heinz Piontek (1925-2003) wuchs in der Stadt Kreuzburg in Schlesien auf. In seiner Autobiographie Zeit meines Lebens schildert er Kindheit und Jugend, die durch den frühen Tod des Vaters und schwierige wirtschaftliche Bedingungen geprägt waren. Seine Mutter arbeitete hart, um Heinz und seine Schwester großzuziehen. Eine besondere Belastung stellte ihre spätere Erkrankung an Tuberkulose dar. Aufgrund seiner Begabung hatte Heinz Piontek schulischen Erfolg auf dem Gymnasium, schon früh fühlte er sich zum Schreiben und Aquarellieren hingezogen. Die Pionteks trugen einen polnischen Nachnamen und die Mutter beherrschte das sog. Wasserpolnisch, einen in Oberschlesien gebräuchlichen, nicht verschriftlichten Dialekt. Über Polen und seine Bevölkerung wussten Heinz und seine Klassenkameraden jedoch erstaunlich wenig Bescheid, obwohl sie im nur wenige Kilometer von der Grenze entfernten Kreuzburg lebten.

© Archiv Bayerische Staatsbibliothek

In seinem Werk beschreibt Piontek, wie er im Alter von 13 Jahren am Nachmittag des 30. Augusts 1939, anderthalb Tage vor Kriegsbeginn, seine ältere Schwester Ilse und ihren künftigen Verlobten Günther auf einer Autofahrt an die polnische Grenze begleiten darf. Günther ist sich auf dem Ausflug im Klaren darüber, dass seine Einberufung unmittelbar bevorsteht. Noch ist es möglich, ungehindert bis an den Grenzstreifen zu fahren. In der Urschrift seiner Autobiographie Zeit meines Lebens schreibt Piontek zunächst „Zu meinem größten Erstaunen erblickte ich in den Wäldern zahlreiche Geschütze der Wehrmacht in provisorischen Unterständen...“, um dann handschriftlich in dieser später auch gedruckten Fassung zu ändern: „Mein Erstaunen war nicht sehr groß, als ich in den Wäldern zahlreiche Geschütze der Wehrmacht [...] erblickte“. Diese Änderung wirft ein ganz anderes Bild auf die Kriegserwartung der Bevölkerung an der Grenze, für die der Protagonist Heinz stellvertretend steht. 

1943 wurde Heinz Piontek ebenfalls zum Kriegsdienst eingezogen. 1945 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Anschließend lebte er von Gelegenheitsarbeiten, holte das Abitur nach und musste ein Germanistikstudium nach kurzer Zeit wieder abbrechen. Seit 1948 lebte er von seinen Einkünften als freier Schriftsteller einige Jahre in Dillingen/Donau, ab 1961 in München. Piontek schuf ein umfangreiches Prosa- und Lyrikwerk und erhielt zahlreiche Preise und Ehrungen. Er gilt als Außenseiter in der Literaturszene der Bundesrepublik, da er keiner der gängigen Zeitströmungen klar zugeordnet werden kann. Sein umfassender Nachlass konnte von der Bayerischen Staatsbibliothek ab 1984 erworben werden.

Sekundärliteratur:

Hildebrandt, K. (1990): Ein Dichter erinnert sich. Heinz Pionteks autobiographische Romane. Zum 65. Geburtstag des Autors am 15.11.1990. In: Schlesien. Kunst, Wissenschaft, Volkskunde 35, S. 133-146.

Moser, D.-R.; Sammer, M. (Hgg.) (2000): Heinz Piontek zum 75. Geburtstag am 25. November (Literatur in Bayern, Sonderheft).

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