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11.06.2024, 09:00 Uhr
Andrea Heuser
Text & Debatte
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© Penguin (Random House)

Rezension zu Salman Rushdies „Knife. Gedanken nach einem Mordversuch“

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Salman Rushdie © Rachel Eliza Griffiths

„Wir sind nicht länger das, was wir waren, bevor das Unheil namens gestern eintrat.“ – Mit diesem Zitat von Samuel Beckett leitet der weltberühmte, vielfach (u.a. mit dem Booker-Prize) ausgezeichnete, in New York lebende, indisch-britische Autor Salman Rushdie sein aktuelles, autobiographisches Werk Knife. Gedanken nach einem Mordversuch ein, in welchem er das Messer-Attentat, das am 12. August 2022 während einer Lesung in Chautauqua auf ihn verübt wurde und das er nur knapp überlebte, reflektiert und verarbeitet. Doch nicht nur Messer, sondern auch Worte können einschneidend, können eine Waffe sein. Und so ist Salman Rushdies Knife, von Bernhard Robben aus dem Englischen übersetzt, eine Hommage an die Wirkungsmächtigkeit der Kunst und an die Transformationskraft der Liebe gegenüber der fatalen Destruktivität von Hass und Gewalt. Insbesondere in Zeiten wie diesen: ein wichtiges Buch. 

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„Wenn einem der Tod sehr nahe kommt, weicht der Rest der Welt weit zurück.“

Knife ist ein ambigues, zweischneidiges Werk: Wie Janus, der mythologische, römische Gott des Anfangs und des Endes, blickt Rushdie zugleich zurück und nach vorn. Dies kann er, im wahrsten Sinne des Wortes, jedoch nur mit einem sehenden und einem blinden Auge tun. Der Attentäter, der siebenundzwanzig Sekunden lang mit dem Messer auf ihn einstach, hat sein rechtes Auge unheilbar zerstört. Und so schreibt und blickt der Autor mit einem geschlossenen und einem offenen Auge auf diese traumatische Nahtod-Erfahrung zurück. Er tut dies mit einer gesteigerten Achtsamkeit des „inneren Auges“ und eben jener messerschneidigen, reflektierenden Schärfe, die ihn sowohl sich selbst und sein Leben nacherforschen als auch das unerforschbare Leben seines Gegners, des Attentäters genannt A., unter die Lupe nehmen lässt; geleitet von der Frage nach dem, was dieses Leben für ihn einerseits und wiederum für A. anderseits lebenswert oder eben nicht mehr lebenswert sein lässt.  

Auch strukturell ist Knife zweigeteilt: Die Kapitel des ersten Teils hat der Autor mit Der Engel des Todes, die des zweiten Teils mit Der Engel des Lebens überschrieben. – Man fühlt sich in weiten Strecken der Reflektionen an Walter Benjamins Engel der Geschichte erinnert, der, auf die gegenwärtigen Trümmer blickend, vom starken Sog der Vergangenheit rückwärts getrieben wird. Wenngleich es dem Autor schließlich gelingt, den Blick für die Zukunft zu öffnen und das Licht der Gegenwart, für das insbesondere die Liebe zu seiner Frau Eliza steht, einzulassen.

Dieses – engels-, mehr noch geistergleiche – Schweben, das Hin- und Hergleiten zwischen Leben und Tod im Wachtraum der literarischen Sprache, spiegelt sich zudem auch in der Gegensätzlichkeit, im Antagonismus der jeweiligen Kapitel. Auf Tod folgt Leben. Auf Messer folgt Eliza; auf A. folgt die Zweite Chance.

Gerade im ersten Teil des Buches wird die Einsamkeit spürbar; das Zurückweichen der Welt im Nah- und Wirkungsbereich des Todes. Rushdies Ringen um Rückkehr, um die Rückgewinnung der Welt erst im physischen und dann im geistig-seelischen Sinne der „Findung“ in und mit Worten, wird als ein mühsamer Prozess beschrieben, der nicht einfach passiert oder nicht passiert, sondern einen aktiven Willen erfordert: „Man muss das Leben finden. […] Man kann nicht einfach nur rumliegen und sich davon erholen, dass man fast gestorben ist. Man muss das Leben finden.“

Im zwar dezenten, aber dennoch schonungslos offenen Schildern des wochenlangen Ringens um die Wiedererlangungen der primärsten körperlichen Funktionen und damit der Würde innerhalb eines kompletten physischen Ausgeliefertseins, der Abwesenheit von Intimität und Schutzzonen, dem Schmerz, wird seiner Leserschaft noch einmal en détail bewusst, wie fragil der menschliche Körper doch ist, wie raffiniert und komplex „gebaut“; welche Mühe es eben nicht nur bereitet, Leben auf die Welt zu bringen, sondern auch es zu erhalten. Und wie sehr es nach so einer tiefen seelischen wie körperlichen umfassenden Verletzung und teilweisen Verstümmelung (Auge, Hand) da eben der Welt, der wohlwollenden, bestärkenden Bestätigung und Spieglung des Außen, der Gemeinschaft bedarf. Eine Welt, die an der Schwelle zum Tod zurückweicht und einen zunächst gänzlich auf sich selbst zurückwirft.

Nun hat der Engel des Lebens im Falle einer so wohlsituierten, familiär liebevoll eingebetteten und gesellschaftlich weltweit geachteten Persönlichkeit wie Salman Rushdie dem Ringenden wirklich viel zu bieten; sicherlich mehr als den meisten Menschen, die Opfer von massiver körperlicher Gewalt werden. Wer kann schon in so einer Krise für seine überstrapazierte Frau einen Anruf tätigen, und schon steht, wie man erfährt, ein Ressort in der Karibik zum Rückzug bereit oder ein Helikopter für den Krankentransport oder das großzügige geräumige Appartement bei Freunden in New York, weil man in das eigene Heim dort noch nicht zurückkann. Und dennoch schwindet eben auch diese privilegierte Welt im Angesicht Todes, diesem ewigen Nivellierer.

Für den Heilungsprozess als Schriftsteller aber bedarf es, neben der Liebe zu seiner Frau, Familie und den Freunden, nun einmal auch der Transformation des Traumas in Worte, der erneuten, möglicherweise revidierten Selbsterforschung des Lebens an der Schwelle zum Tod. Und somit ist neben Salman und seiner Frau Eliza (Leben) die dritte wichtige „Figur“, so Rushdie, eben jener Verursacher, A., „das Arschloch“, der Attentäter (Tod).  

In Bezugnahme auf Sokrates, demzufolge ein unerforschtes Leben nicht lebenswert sei, macht der Autor in dem literarischsten Teil dieses Buches diesen Erforschungswillen zum Gegenstand eines fiktiven Gesprächs mit A., um ihn nach seiner Version, nach der Wahrheit seiner Geschichte zu fragen – nach dem, was sein Leben lebenswert, bzw. nicht lebenswert macht, da er ja bereit war, es für seine Ideologie zu opfern und zum Mörder zu werden.    

„Wir befinden uns in einem Krieg der Geschichten – einem Krieg zwischen inkompatiblen Versionen der Realität.“

Auffällig ist insgesamt das martialische Vokabular, in dem sich diese Tauziehen zwischen dem Engel des Lebens und dem Engel des Todes gestaltet: Es wird als eine „Schlacht“ begriffen, als „Krieg“. Ein Krieg der Geschichten, in welchem es Sieg und Niederlage, Gegner und Verbündete zu verzeichnen gibt, ebenso wie es die großen Pole Liebe und Hass, Tod und Leben, Wahrheit und Lüge zu verhandeln gilt.

Wie, so fragt Rushdie, führt man diesen Krieg?

In diesem Konflikt deutet sich ein universelles Anliegen der sogenannten freien und offenen Gesellschaft an. Abgesehen von der überwältigenden internationalen Souveränität, die Salman Rushdie im ebenso starken Kontrast zu denjenigen fanatischen Stimmen erfuhr, die das Attentat auf ihn bejubelten, wird in einer Zeit, in der sich auch in diesem Land zusehends mehr Politikerinnen und Politiker sowie Prominente physischen Angriffen ausgesetzt sehen, die Frage nach der Widerstandsfähigkeit von Meinungsfreiheit, Kunst und einer pluralistischen, heterogenen Gesellschaft zum Politikum. So meldete sich bereits kurz nach dem Attentat u.a. US-Präsident Joe Biden zu Wort:  

Mit seinem Verständnis für das Menschliche, seinem unvergleichlichen Gespür für Geschichten, seiner Weigerung, sich einschüchtern oder den Mund verbieten zu lassen, steht Salman Rushdie für wesentliche, universelle Werte. Für Wahrheit, Mut und Widerstandsfähigkeit. Für die Möglichkeit, furchtlos Ideen auszutauschen. Dies sind die Bausteine einer jeden freien und offenen Gesellschaft.

Vom heiklen Begriff der „Wahrheit“ und jener „Universalität“ einmal abgesehen: Zum Glück für diese Welt ist Salman Rushdies Gespür für Geschichten zwar wunderbar, aber eben nicht wirklich unvergleichlich; sondern durchaus vergleichbar mit demjenigen vieler Autorinnen und Autoren, die überall auf der Welt, seien sie bekannt oder unbekannt, für ihr Recht einstehen, Kunst machen zu dürfen. Rushdie wählt für seine Kunst die schöne Metapher des Wachtraums:

Ich halte Kunst für einen Wachtraum. Und die Fantasie kann die Kluft zwischen Traum und Realität überbrücken; sie erlaubt uns, das Reale durch das Objektiv des Irrealen auf neue Art zu sehen.

Sein imaginiertes Zwiegespräch mit A., dem Anderen, in welchem dieser hauptsächlich schweigt oder sich hinter Phrasen und Anklagen vermauert, ist so ein Wachtraum. Rushdie schreibt sich den Täter damit vielleicht nicht gerade therapeutisch vom Leib; aber er zähmt diesen Engel des Todes, indem er seinen Gegner neu erfindet und der Realität des Traumas eine neue Realitätsdimension entgegenstellt.   

Die Fatwa, die gegen Rushdie damals, im Jahr 1988 aufgrund seines Werkes Die satanischen Verse von der iranischen Geistlichkeit als eine Verurteilung zum Tode ausgesprochen wurde, deren lebensbestimmenden Folgen und den Streit um dieses Buch, begreift Rushdie zunehmend als einen Konflikt, einen Krieg zwischen Menschen mit und Menschen ohne Humor. Und so lautet seine treffende Schlussfolgerung: „Er [A.] konnte es mit dem Morden versuchen, weil er nicht zu lachen wusste.“

Dieses so persönliche Werk Rushdies entfaltet seine Wirkung im Spannungsraum der Gegensätze. Im Widersprüchlichen scheint der Autor zudem so etwas wie Wahrheit zu finden. Er, der zwar über Wunder schreibt, aber selbst nicht an Wunder glaubt, begreift sein Überleben nun als ein Wunder.

„Kunst ist kein Luxus. Sie ist die Essenz unserer Menschlichkeit.“

Knife ist gerade in diesen Zeiten, im Krieg der Geschichten und der Inkompatibilität der Realitäten, ein wichtiges, Mut spendendes Buch, das an seine Leserschaft appelliert, über die furchtlose, offene Erforschung des Lebens nachzudenken.

Es ist nicht nur eine Hommage an die Liebe und die Meinungsfreiheit, sondern vor allem eine Liebeserklärung an die Transformationskraft der Kunst. Gerade letztere hat es derzeit oft nicht leicht. Aber ohne Kunst, so Rushdie, würde „unsere Fähigkeit zu denken, die Welt mit frischem Blick zu betrachten und zu erneuern, verkümmern und vergehen.“ 

Denn: „Kunst ist kein Luxus. Sie ist die Essenz unserer Menschlichkeit, und außer dem Recht, sein zu dürfen, verlangt sie keinen besonderen Schutz.“  

 

Salman Rushdie: Knife. Gedanken nach einem Mordversuch. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Penguin Verlag, München 2024, 255 S., ISBN 978-3-328-60327-6.

 

Salman Rushdie, 1947 in Bombay geboren, ging mit vierzehn Jahren nach England und studierte später in Cambridge Geschichte. Mit seinem Roman Mitternachtskinder, für den er den Booker Prize erhielt, wurde er weltberühmt. 1996 wurde ihm der Aristeion-Literaturpreis der EU für sein Gesamtwerk zuerkannt. 2007 schlug ihn Königin Elizabeth II. zum Ritter. 2022 ernannte ihn das deutsche PEN-Zentrum zum Ehrenmitglied. 2023 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Bernhard Robben, 1955 im Emsland geboren, hat zahlreiche Bücher von Salman Rushdie ins Deutsche übersetzt. Er ist auch Übersetzer von Autoren wie Ian McEwan, Hanif Kureishi oder John Burnside. „Wer übersetzen will, muss sich nämlich verwandeln können“, schreibt er auf seiner Homepage. Robben, der häufig auch literarische Veranstaltungen moderiert, lebt in Brunne bei Fehrbellin.