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03.06.2013, 19:22 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [165]: Wunsiedler Zwischenspiel am lichten Ort der Geburt

Wunschheim, Wahnheim, Wunsiedler Ware (Fotos: Frank Piontek, 23.5. 2013)

Wunsiedel war der Geburtsort des Dichters, gut. Wichtiger war für ihn die Tatsache, dass Joditz der geistige Geburtsort gewesen war – also der Ort, an dem der Dichter heran gebildet wurde, der später in der Lage war, eine Unsichtbare Loge zu schreiben.

Wunsiedel ist auch heute noch ein Jean-Paul-Ort, wovon nicht zum Wenigsten, ja: vielleicht am allermeisten die legendäre Buchhandlung Wunschheim zeugt. „Wunschheim“ – das klingt, als habe Richard Wagner den Namen aus Wunsiedel adaptiert, als er einen Alternativschluss des Ring des Nibelungen schrieb, den er ausschließlich für König Ludwig II. komponierte. Wunschheim aber ist ein durchaus anderer Ort: ein Platz, der von Jean Paul nicht besser hätte erfunden werden können, eine Art lost place der Fichtelgebirgsbücherlandschaft, eine location, die man erfinden müsste, gäbe es sie nicht. Beschreibungen führen hier nicht weiter; dem Literaturfreund sei empfohlen, selbst eine Fahrkarte zu lösen und sich auf den Weg zu machen nach Wunsiedel, dieser „kleinen, lichten Stadt“, die an diesem Maitag schwer im Dunkeln eines grauenvollen Frühherbstes liegt, wozu das verwünschte Wunschheim trefflich passt: dieser Hort des sonderbar Verstaubten, des antikisch Verfallenen, des wahnwitzig Vergilbten. Natürlich fragt sich der Reisende, ob Jean Pauls Geburtsstadt, das nicht einmal als Grab seiner Jugend taugte, noch zu retten ist; im Vergleich zum Goethehaus in Marktredwitz symbolisiert etwa das Wunsiedler Pendant den puren, grauen, traurigen Verfall. Ist das typisch?

Rettung naht: Glücklicherweise gibt es auch hier eine Jean-Paul-Sonderausstellung. Im Fichtelgebirgsmuseum entdeckt der Reisende in der Ausstellung über Jean Pauls Frauen eine Ausgabe der Unsichtbaren Loge – und die Charakterisierung der Ernestine von Knör, die der Blogger ins Museum schickte. Die Literatur kann wandelnd erlesen werden, man kann Schubläden öffnen, aus einem Baum heraushängende Zitate lesen und des Dichters Sauklaue studieren. Man kann auch einen Satz lesen, den eine lustige Hand ins Gästebuch schrieb, derzufolge Jean Paul ein guter Mensch war. Es stimmt: er war so gut, dass er zeitlebens nicht Böses über seinen Geburtsort schrieb. Er hatte Glück: er wurde ja schon früh nach Joditz entführt, einem Ort, der so klein war, dass er, Jean Paul, sich seine eigene Größe erfinden musste.

Da schaut er ins Nichts der kleinen, aber grauen Stadt: der Dichter auf der Säule, die einsam wacht und auf Betrachter wartet.

Man muss es sich vergegenwärtigen: dass der Dichter der Loge in diesem Raum geboren wurde. Wir verdanken das „Geburtszimmer“ einem guten, warmherzig für Jean Paul werbenden Menschen: Dr. Peter Seißer, dem Landrat a.D., der sich in Wunsiedel so gut auskennt, dass er eines Tages beschloss, den gefundenen Raum mit Leben zu erfüllen. Nun kann man sich hier, im Erdgeschoss rechts, aufs Wesentliche konzentrieren: auf das Kunst-Bett, die kalligraphierten Wandsprüche und die zehn Filme, die zusammengenommen eine Stunde Spieldauer ergeben. Jean Paul hatte vom Wunsiedel seiner ersten Jahre garantiert weniger als eine Stunde Material in seinem Erinnerungsspeicher – der karg und zugleich geistig reich eingerichtete Raum sorgt dafür, dass ihn der vom Dichter Unbeleckteste nicht dumm verlassen wird. „Was soll überhaupt ein Denkmal?“, fragte einst der Denker, als er über ein projektiertes Luthermonument nachdachte. Denkmäler taugen nichts, wenn nicht das, was der Verewigte in Wort und Schrift herausgegeben hat, lebendig geblieben ist. Im Falle Jean Pauls bedarf es in besonderem Maße dieser Vergenwärtigungserinnerung in Form von Filmen, Kunstbetten, sparsam möblierten Zimmern – in denen man trefflich denken kann. Die Unsichtbare Loge hatte Teil an diesem Verewigungsprozess – dass ich in der grauen Stadt in einen kleinen, aber lichten Raum trete – und im Museum die Fantasiearbeit der Museumsfrauen bewundern kann – ist vielleicht doch ein Beweis dafür, dass die Stadt Wunsiedel aus temporären und dauernden Wunschheimen besteht, die es verständlich machen, wieso schon Jean Paul den Ort als einen Ort der Aufklärung schilderte: aller unmittelbaren Anschauung zum Trotz.

Und die nächste Kultnacht, die immer wieder gegen das Grau kämpft und diesmal dem Jubilar gewidmet sein wird? Hoffen wir, dass sie nicht wieder kühl verregnet wird.



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