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20.02.2013, 13:30 Uhr
Joachim Schultz
Oskar Panizza-Reihe
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Oskar Panizza schuf mit der satirisch-grotesken Himmelstragödie "Das Liebeskonzil" (1894) den Anlass für einen der skandalösesten Blasphemieprozesse der deutschen Literaturgeschichte. Seit Oktober 2012 liest Joachim Schultz wöchentlich Werke von Oskar Panizza und begleitet ihn auf seinen Lebensstationen.

Panizza-Blog [20]: 2/3 Magen, 1/3 Imagination und 1/16 Geist

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Die von Panizza immer wieder angegriffene Marienverehrung in der katholischen Kirche brachte bis weit ins 20. Jahrhundert sehr kitschige Blüten hervor. Hier ein Bild von Bruno Dietze aus der katholischen Monatszeitschrift Stadt Gottes (Mai 1932, S. 341).

Das Abendmahl, das Oskar Panizza im Gefängnis wohl seit Jahren wieder einmal besucht (‚um dem Pfarrer eine Freude zu machen‘), gibt ihm natürlich Gelegenheit zu mancherlei religiösen Überlegungen. In seinen (nicht datierten) Aufzeichnungen aus diesem Jahr lesen wir: „Ich war heute beim Abendmahl. Nun, ich muss sagen, ich glaube jetzt auch, dass der Mensch aus zwei Dritteln Magen, ein Drittel Imagination und ein sechzehntel Geist besteht. Obwohl ich nicht ein Gleichgültiger, sondern ein ausgesprochener Feind des Christentums bin, hat mich der Vorgang mächtig erschüttert. Gerade unter diesen leinenkittelen Sträflingen, die, wie nur irgend die Insassen der Frankeschen Waisenhäuser in Halle, Ihren Abendmahlschoral singen.“ Panizza schreibt den Text des Chorals in sein Heft („O Lamm Gottes unschuldig, / am Stamm des Kreuzes geschlachtet...“) und schildert die Szenerie: „Denke dir, Leser, zu diesen larmoyanten Versen einen dumpfen Zellenraum als Annex einer Kirche, durch Gitter gegen diese verschlossen, ausgetüncht mit Mörtel, der den Gesichtern eine graue, ungesunde Farbe gibt. Und in dieser Zelle ein Dutzend Häftlinge mit blöden, zerfressenen Gesichtern, in graue Leinenkittel gekleidet, die dumpf, monoton, zwangsmäßig, ohne Orgelbegleitung die obige Strophe aus dem Jahr 1526 zu einer quälenden, schleppenden Melodie aus dem Jahr 1542 singen [...].“

Ja, mit diesen Daten kennt er sich aus, der Herr Panizza! Und schon fängt er an zu räsonieren: „Wer hat diese metzgermäßige, blutige Auffassung des Überirdischen in die Gefühlswelt der Menschen eingeführt? Wer hat diese Schlachthausgerüche und Tierabstechungen als Symbole für Erbarmen und Mitleid den Menschen vorgezaubert?! Geschlachtete Lämmer! Für wen? Für mich? Für meine Sünden? Meine Sünden mache ich mit mir aus und stehe der Gesellschaft Rechenschaft.“ Auch in diesem Fall durfte Panizza froh sein, dass diese Notizen damals von keinem Ordnungshüter gelesen wurden. Auch wenn solche Fragen immer wieder gestellt werden: Damals waren sie einfach ketzerisch. Im Zusammenhang mit den Konfessionen geht es Panizza aber auch um ganz pragmatische Dinge. Er notiert, dass die protestantischen Gefangenen jede Woche ihre Zeitung bekommen, und fährt fort: „Und die katholischen? Erhalten nichts. Gar nichts? Gar nichts! So dass wenn ein Katholik nach zehnjähriger Anwesenheit von hier fortkommt, er ein weltfremder Mensch geworden ist.“ Sogar die Zustände in amerikanischen Gefängnissen, zum Beispiel in Sing-Sing, seien viel besser. Die Gefangenen würden dort „systematisch mit Lektüre überschüttet“.

Panizza nennt die Gründe: „Es handelt sich einfach um das im Protestantismus steckende Bildungsprinzip, um die Aufklärung gegenüber dem im Katholizismus steckenden quietistischen Prinzip, dem Prinzip der Unwissenheit.“ Und er setzt noch eins drauf: Die katholischen Gefangenen erhalten ja doch etwas zum Lesen: „ihre Bibel, Katechismus, Gesangbuch und außerdem ein kleines Gebetbüchlein, in dem ihnen gegen soundso oftmaliges Herleiern von stupiden Gebeten an die Brüste der Maria Nachlass von soundso vielen hundert Jahren Fegfeuerstrafen – leider keine zeitlichen Strafen – versprochen wird. Ich bitte dich, Leser, denke dir die Situation – so ein armer Kerl in seiner schmalen Zelle mit diesem geistigen Gehalt allein gelassen.“ Der Hass auf den Katholizismus beherrscht Panizza immer mehr... (Zitate aus: Das Liebeskonzil und andere Schriften. Hg. von Hans Prescher. Neuwied: Luchterhand Verlag 1964, S. 174-176.)

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