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13.02.2013, 10:54 Uhr
Joachim Schultz
Oskar Panizza-Reihe
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Oskar Panizza schuf mit der satirisch-grotesken Himmelstragödie "Das Liebeskonzil" (1894) den Anlass für einen der skandalösesten Blasphemieprozesse der deutschen Literaturgeschichte. Seit Oktober 2012 liest Joachim Schultz wöchentlich Werke von Oskar Panizza und begleitet ihn auf seinen Lebensstationen.

Panizza-Blog [19]: Drei Beurteilungen und ein Gefängnistagebuch

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Thomas Mann-Porträt: Ein Herr von guten Geschmack! (Druck nach einer Radierung von Johann Lindner. Aus: Nord und Süd, September 1904)

Noch viele weitere zeitgenössische Stimmen für oder gegen das Liebeskonzil könnten hier aufgeführt werden. Das würde den Rahmen dieses Blogs sprengen. Doch drei Berühmtheiten sollen noch zu Wort kommen. Theodor Fontane schrieb am 22. 7. 1895 an Maximilian Harden, er habe gerade das Buch gelesen. „Es ist schwer (polizeischwierig) aber sehr lohnend. Es ist ein ganz bedeutendes Buch und ‚ein Jahr Gefängnis‘ sagt gar nichts. Entweder müsste ihm ein Scheiterhaufen oder ein Denkmal errichtet werden. Unser Publikum müsste endlich lernen, dass der Unglauben auch seine Helden und Märtyrer hat.“ Demgegenüber befürwortet Thomas Mann ganz klar die Verfolgung blasphemischer Literatur durch die Justiz. Es ging ihm weniger um Blasphemie, sondern um Geschmacksfragen, er schrieb in der Zeitschrift Das Zwanzigste Jahrhundert (5, 1895): „Kann man nicht auch vom künstlerischen Standpunkt aus mit der Verurteilung einverstanden sein? Oder sind wirklich die Leute, die in der Kunst ein bisschen guten Geschmack noch immer verlangen, nichts als zurückgebliebene Banausen?“ (Beide Zitate aus der Panizza-Biographie von Michael Bauer, München: Hanser Verlag 1984, S. 20f.) Noch 1895 veröffentlichte der später von den Nazis ermordete Philosoph Theodor Lessing (1872-1933) seine Schrift Der Fall Panizza. Eine kritische Betrachtung über ‚Gotteslästerung‘ und künstlerische Dinge vor Schwurgerichten. Darin heißt es: „Ein Jahr Gefängnis! Welch ein Abgrund von Bitterkeiten steckt in dem Worte. Diebe und Gauner pflegen mit milderen Strafen bedacht zu werden.“ Und: „Die Sittlichkeit wurde durch Satiren, durch Zoten oder Naturalismen noch nie gefährdet. In den tagtäglich von aller Welt gelesenen Boulevardblättern und Witzjournalen steht mehr seelenzerstörendes Gift als in sämtlichen Büchern Zolas.“ (S. 5 u. 8)

Panizza hat von diesen drei Beurteilungen nichts oder erst später davon erfahren. Ab dem 8. August 1895 sitzt er im Amberger Gefängnis und hat andere Sorgen. Aus seinem Gefängnistagebuch, das glücklicherweise erhalten geblieben ist, erfahren wir einiges davon. Angefangen von der miserablen Kost bis zu (wie kann es anders sein) Gedanken über Religion und Konfession. „Die Kost ist ungenügend. Kübel voll Suppe werden hingestellt, in denen sich keine entsprechende Nahrung befindet, deren Zusammensetzung den Verdauungsorganen nicht gemäß ist oder deren Geruch und äußerliche Präsentation den Empfänger zurückschaudern lässt. Nach Buchbinderpapp riechen die meisten Suppen. Die Qual des Würgens ist unsäglich. Infolgedessen sehen die meisten Gefangenen aus, als kämen sie aus Särgen. Nur einen wirklich gutgenährten sah ich, und der war in der Küche beschäftigt. Ich weiß doch nichts davon, dass ein Urteil lautet: ein Jahr Gefängnis mit Gewichtsverlust des Körpers um dreißig Pfund oder bis man die Rippen sieht.“ Mit diesen physischen Mängeln sind, so Panizza, auch Gefahren der Psyche verbunden: „Die Psyche wird hell, schlüpfrig, sie gleitet leicht durch, sie wird transzendental, sie wird transluzent; die Widerstände eines gesättigten, konsistenten Gehirns fallen weg. Die Schranken fallen und eine Tätigkeit auf eigene Kosten beginnt.“ (Zitiert nach: Das Liebeskonzil und andere Schriften. Hg. von Hans Prescher. Neuwied: Luchterhand Verlag 1964, S. 176f.)

Ja, das sind Geschmacksfragen, von denen der Großbürgersohn Thomas Mann keine Ahnung hatte... Übrigens: ein Lichtblick in Sachen Ernährung ist für Panizza das protestantische Abendmahl: „Der Wein war gut. Ein Schluck Wein in dieser Einöde von Grießsuppen, Hafergrütze und Brennmehl!“ (a.a. O., S. 175) Zum Glück hat das damals kein Staatsanwalt gelesen...

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