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16.01.2013, 11:25 Uhr
Joachim Schultz
Oskar Panizza-Reihe
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Oskar Panizza schuf mit der satirisch-grotesken Himmelstragödie "Das Liebeskonzil" (1894) den Anlass für einen der skandalösesten Blasphemieprozesse der deutschen Literaturgeschichte. Seit Oktober 2012 liest Joachim Schultz wöchentlich Werke von Oskar Panizza und begleitet ihn auf seinen Lebensstationen.

Panizza-Blog [16]: Über Gott, Maria und den Teufel

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So wie Michelangelo hat Panizza Gottvater nicht gesehen. (Gottvater nach Michelangelo, Sixtinische Kapelle, Rom)

Wer es darauf anlegt, findet in Panizzas Liebeskonzil viel Anstößiges und Gotteslästerliches. Gleich in der ersten Szene wird am Anfang Gottvater als alter Tattergreis dargestellt: „Dieses Gehust', dieses wasserblaue Geklotz', dieses Schleimfließen, Fluchen, Spucken den ganzen Tag – man kommt zu keinem gesunden Augenblick.“ (I,1) Nein, das ist nicht der Gott, den wir von den Bildern Michelangelos kennen. Hinzu kommt, dass er von drei kleinen Engeln auf diese Weise geschildert wird, und die waren in ihrem Erdenleben Kinder, die bei einem Missbrauch zu Tode kamen. Auch Jesus ist keine blendende Figur. „Er ist sehr jugendlich, blass mit dunklen Haaren, leichtem Flaumbart, eine hoch aufgeschossene, ätherische Erscheinung; auch das Gefolge hat den Charakter tiefster Niedergeschlagenheit und Hinfälligkeit.“ (I,5) Nur Maria sticht positiv aus diesem ganzen Himmelspanoptikum hervor. Letztlich ist sie es, die den Vorschlag macht, den Teufel zu beauftragen, sich eine Strafe für die Menschheit auszudenken. Der spielt erst mal den Beleidigten, weil er sich von den Himmelsgeistern zurückgesetzt fühlt. Aber Maria beruhigt ihn: „Nein, nein mein Freund, Du bist der Unsere; [...] Wir bedürfen Deiner Hilfe zu notwendig; und (sehr laut zum Alten hinüber, anzüglich) eine Beleidigung Unseres viellieben Vetters, Unseres Alliierten, Unseres freundlich geliebten Bruders, werden Wir in keiner Weise zulassen [...].“ (III,1) Dass Maria so mit dem Teufel umgeht, dürfte auch für heutige Katholiken schwer zu verkraften sein. Der Teufel aber ist geschmeichelt und formuliert erste Gedanken über die mögliche Bestrafung der Menschen. Beim Geschlechtsakt sollen sie getroffen werden. Maria ist begeistert: „Ah, wie das? – Das wird interessant!“ (III,1) Der Teufel erläutert sein Vorhaben und schließt mit den Worten: „so dass sie [die Menschen] lallend wie Kinder in die scheußliche Brühe hineintappen!!!“ Maria: „C'est glorieux! – C'est charmant! – C'est diabolique!“ (III,1) Dass sie auf Französisch, in der Sprache des Erbfeinds, ihre Begeisterung zum Ausdruck bringt, dürfte damals auch vielen nicht gefallen haben... Aber im Mittelpunkt steht natürlich der Teufel! Sein über zehnseitiger Monolog, in dem er seinen Plan nach und nach entwickelt (III,3), ist sicher die spannendste Passage des Stückes. „Höhnisch“ schildert er später den Himmelsgeistern den Verlauf der Syphilis, den Verfall des Menschen, den diese Krankheit getroffen hat. Er ist ihr hilflos ausgeliefert, „er wird katholisch, – wenn er protestantisch war; und protestantisch, – wenn er katholisch war“. (IV,1) So durfte man mit den Konfessionen nicht umspringen! Und er hat am Ende des Stücks das letzte Wort. Da schickt er sein giftiges Luderweib auf die Reise: „Jetzt zu den Kardinälen! Dann zu den Erzbischöfen! [...] Dann zum Camerlengo! Dann zu den Neffen des Papstes! Dann zu den Bischöfen! Dann durch alle Klöster durch! Dann zu dem übrigen Menschenpack! – Tummle dich und halte die Rangordnung ein!“ (V,2) Dass hier so viele kirchliche Würdenträger dabei sind, dürfte den Geschworenen auch nicht gefallen haben.

Hier haben wir ihn wieder, Panizzas Teufel, und hier ist er die Hauptperson. André Breton, der Begründer des Surrealismus, der wesentlich zur Wiederentdeckung Panizzas beigetragen hat, schreibt im Vorwort zur ersten französischen Ausgabe des Liebeskonzils: „Diese Sympathie, in der die tiefe menschliche Gültigkeit des Stückes liegt, richtet sich unwiderstehlich auf den Teufel. Wenn überhaupt, so bleibt er als einziger in der ganzen Bildersammlung aktiv und leistungsfähig. Selbst wenn er sich – auf Bestellung – für uns die entsetzlichste Falle ausdenkt, hören wir nicht auf, von seinem Denken fasziniert zu sein, als wäre es das unsere in Quecksilber getaucht.“ (Zitate aus dem Liebeskonzil nach der 1964 im Luchterhand erschienenen, von Hans Prescher herausgegebenen Ausgabe.)

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