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10.01.2013, 11:49 Uhr
Joachim Schultz
Oskar Panizza-Reihe
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Oskar Panizza schuf mit der satirisch-grotesken Himmelstragödie "Das Liebeskonzil" (1894) den Anlass für einen der skandalösesten Blasphemieprozesse der deutschen Literaturgeschichte. Seit Oktober 2012 liest Joachim Schultz wöchentlich Werke von Oskar Panizza und begleitet ihn auf seinen Lebensstationen.

Panizza-Blog [15]: Oskar Panizzas „Das Liebeskonzil“

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Titelbild der 3. Auflage (1897)

Aus dem Vorwort von Hannes Ruch wurde im letzten Post bereits zitiert. Er schreibt weiter darin: Panizzas „Gehirn war ein Land unbegrenzter Möglichkeiten. Seinen unwiderstehlichen Hang zum Zynischen milderte rührende Aufrichtigkeit und gaminhafter Humor.“ Ein Gamin soll er gewesen sein, ein Lausbub? Da gab es ganz andere Aussagen über ihn... Max Halbe war der Meinung, „dass er es mehr und mehr aufgab, auf einem normalen, üblichen Weg das Ziel seiner Wünsche, den erträumten Dichterruhm, zu erreichen.“ (zit. nach Michael Bauer: Oskar Panizza. Ein literarisches Porträt. München: Hanser 1984, S. 16). Hannes Ruch schreibt weiter: „Seine im Grunde lutherische Gesinnung hatte er ins Moderne erweitert, ohne seinen fanatischen Antikatholizismus dabei einzuschränken. Diesen polemisierenden und engherzigen Glaubenshass verquickte er mit überschäumender Phantasie. Und mit diesem Rüstzeug angetan, betrat er den Boden der großen Satire.“ Damit ist Panizzas bekanntestes Werk, das Drama Das Liebeskonzil gemeint. Hier zunächst einige Fakten: Am 10. Oktober 1894 erscheint das Drama im Züricher Verlag von Jakob Schabelitz. Anfang November schickt der Verleger 300 Belegexemplare an den Autor, der die meisten sogleich an seine Freunde verteilt. Panizza weiß also sehr wohl, dass er mit diesem Werk Probleme haben wird: Er lässt es in der Schweiz drucken und sorgt dafür, dass es sogleich Verbreitung findet, um eine Beschlagnahmung zu erschweren. Doch die Staatsanwaltschaft ist bereits informiert, aber sie hat zunächst Schwierigkeiten, Anklage zu erheben, da niemand Anstoß nehmen will. Erst Ende Februar tut dies ein Polizist namens Müller. Ob er damit beauftragt worden ist, weiß man bis heute nicht. Wie auch immer: am 1. März erscheint die Anklageschrift, man hat vorsorglich schon am 4. Januar Anklage wegen Gotteslästerung gegen Panizza erhoben; in der Anklageschrift ist dann von „Vergehen wider die Religion“ die Rede. Bei der Verhandlung Ende April 1895 erkennen die Geschworenen Panizza für schuldig, „öffentlich und in beschimpfenden Äußerungen Gott gelästert, Ärgernis gegeben und öffentliche Einrichtungen und Gebräuche der christlichen Kirchen, vor allem der Catholica, schimpflich beschrieben zu haben“ (zit. nach Rainer Strzolka: Oskar Panizza. Fremder in einer christlichen Gesellschaft. Berlin: Karin Kramer Verlag 1993, S. 27f.).

Der amerikanische Germanist Peter D. G. Brown, der vor einigen Jahren das Originalmanuskript ersteigert und in einer schönen, gut dokumentierten Faksimile-Edition herausgegeben hat (München: Belleville Verlag 2005), spricht in seiner Einleitung von einem „tollkühnen“ Stück, ohne das der Autor heute längst vergessen wäre (S. 7). Was aber ist nun so schlimm, so tollkühn an diesem Drama? Der Inhalt des Stückes lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen: Es spielt im Frühjahr 1495. Vom Himmel aus beobachtet man, dass die Menschheit, insbesondere am Hof des Borgia-Papstes Alexanders VI., ein sittenloses, lasterhaftes Leben führt. Ein Konzil wird von Gottvater einberufen, ein ‚Liebeskonzil‘, bei dem man beratschlagt, wie die Menschheit zu strafen sei. Man will sie nicht ganz vernichten, doch spürbar treffen, damit sie wieder zum Guten findet. Die Gottesmutter Maria spielt eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen, die letztlich dazu führen, den Teufel damit zu beauftragen, sich eine böse Strafe für die Menschheit auszudenken. Der überlegt lange hin und her und beschließt dann, ein sündhaftes schönes Weib zu schaffen (Vorbild ist ihm vor allem die Salome aus der Bibel). Dieses Weib soll nun die Menschheit heimsuchen, beginnend bei den verderbten katholischen Würdenträgern, und eine neue Lustseuche verbreiten, die Syphilis. Dass hier von Gott der Teufel beauftragt wird, mag manchem schon als gotteslästerlich erscheinen, doch wir müssen genauer hinschauen, um den Standpunkt der Geschworenen zu verstehen…

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