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20.08.2026, 12:47 Uhr
Johanna Mayer
Rezensionen

Rezension zum Roman „Winterschlaf“ von Mario Petuzzi

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© Diogenes Verlag

Der junge Tiroler Autor Mario Petuzzi, Teilnehmer des Klagenfurter Literaturkurses und der Prosawerkstat des Literarischen Colloquiums Berlin, legt mit Winterschlaf ein außergewöhnliches Debüt vor. Der Roman erscheint im August 2026 bei Diogenes. Johanna Mayer hat ihn für das Literaturportal Bayern gelesen.

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Wer schon einmal das Frühjahrserwachen in den Alpen erlebt hat, der möchte es nie mehr missen: Schneeglöckchen, die sich durch dichten Schnee kämpfen, Bergbäche, die vor Kälte klirrend den Berg hinab sprudeln und Eisschollen mit sich reißen, Bäume, die ihre Äste gen Himmel der immer heller werdenden Sonne entgegenstrecken und die ersten grünen Knospen sprießen lassen. Noch mehr als an anderen Orten dieser Welt lässt sich die Urkraft der Natur, die über Traum und Wirklichkeit bestimmt, im Gebirge wahrnehmen. Dass der Mensch im Anbetracht dieser Urgewalt machtlos ist, aber etwas zwischen Himmel und Erde in dieser Bergwelt alles verbindet – davon erzählt Mario Petuzzis Debüt Winterschlaf. 

Wenn der Winter endet, erwacht im Roman die Mutter unten auf dem kleinen Hof im Tal. Darauf haben die Zwillinge und der Großvater gewartet, denn die Träume und rätselhaften Weissagungen der Mutter ziehen Jahr für Jahr Menschen an, die hoffen, dass die Mutter ihnen den Weg weisen kann. Die Mutter, oder eher ihre Träume in den langen Wintermonaten, halten das kleine Familienunternehmen aufrecht, der Großvater organisiert die Menge an Rat suchenden und die Zwillinge helfen auf kindliche Weise, wo sie können.

Das Besondere an Petuzzis Debüt ist nicht unbedingt die Handlung, die eher sacht vor sich hinläuft, auch wenn sie zum Ende hin Fahrt aufnimmt, das so friedliche Tal gar nicht mehr friedlich erscheinen lässt und harte Schicksalsschläge erfolgen. Das Besondere und so Eindrückliche an diesem Debüt sind vielmehr die Sprache und die Figurendarstellung, beides an Metaphernreichtum und Poesie kaum zu überbieten. Rätselhaft und mystisch wird das Erwachen der Mutter geschildert. Bis zum Schluss bleibt unklar, ob es sich bei ihr um eine reale Person oder nicht vielmehr um Mutter Natur selbst handelt. 

Wir beugen uns zur Mutter, fahren ihr mit den Fingern übers Gesicht, drücken unsere Nägel tief in ihre Haut, kratzen die eingetrockneten Essensreste von den Lippen und ziehen ihre Mundwinkel zu einer Grimasse hoch … Wir legen unsere Handflächen auf ihr Brustbein, dort, wo wir das Herz vermuten, und warten auf den Herzschlag. Es dauert, und als wir glauben, etwas gespürt zu haben, zählen wir bis Hundert, ehe wir uns sicher sind, es ein zweites Mal gespürt zu haben.

Wie eine antike Sage

Vieles an diesem Roman gibt Rätsel auf und entführt uns zugleich in eine andere Welt: Die Zwillinge treten immer als ein „Wir“ auf, es gibt sie nicht als Singular, nur als „der eine“ und „die andere“. Es ist ein gelungenes, experimentelles Spiel mit der Sprache, wie aus der Ich-Erzählung eine Wir-Erzählung wird, wie man sich immer zwei zehnjährige Kinder vorstellt, die unisono denselben Gedanken teilen, auf übersinnliche Weise miteinander verbunden. Auch direkte und indirekte Rede sind ineinander verwoben, sodass die Worte eigentümlich unausgesprochen in der Schwebe bleiben. In der Tätigkeit der Mutter als Seherin, zu der vor allem Menschen aus Großstädten in das verlassene Tal kommen, fühlt man sich augenblicklich an die antike Mythen- und Sagenwelt mit ihren Orakeln und verwunschenen Schicksalssprüchen erinnert. Geheimnisvoll wirkt ihr Schlaf und noch geheimnisvoller ihre Träume, die sie nach dem Erwachen aufschreibt, um nichts zu vergessen. Das gesamte Erzählen ist dabei von sinnlichen Eindrücken der Natur durchzogen, das rurale Leben der Protagonisten wird ausführlich geschildert. 

Ruhig, flüstert es. Die Stimme der Frühjahrsmutter kommt von weit her. Ganz ruhig, flüstert sie und pustet uns über die Augen. Schweiß rinnt uns in die Augen. Die Frühjahrsmutter küsst ihn uns von den Lidern … Wir wissen, was die Frühjahrsmutter über ihre Träume erzählt. Lang sind sie. Voll von bekannten Gesichtern mit fremden Namen und fremden Gesichtern mit bekannten Namen … Die Frühjahrmutter liest von Schlafsäcken und Spitzhacken, von Löchern in der Erde und Füßen in der Luft. Von Dingen, die wir nicht begreifen, obwohl wir jedes Wort verstehen.

Mario Petuzzi ist 1989 in Hall, Tirol, geboren. Er studiert Wirtschaft und Management sowie Vergleichende Literaturwissenschaften in Innsbruck und São Paulo. Er war Teilnehmer beim Klagenfurter Literaturkurs und an der Prosawerkstat des Literarischen Colloquiums Berlin. Mit Winterschlaf entführt er uns in eine Welt, die mystischer, rätselhafter zu sein scheint als das, was sich vor der eigenen Tür, im eigenen Leben abspielt. Und doch erzählt er nicht von einer herbeifantasierten Märchenwelt. Vielmehr lässt er die geheimnisvollen Umstände, die Licht in unser aller Leben bringen, in Winterschlaf sprechen. Seine Erzählwelt ist auf den ersten Seiten so fern und magisch, erst auf den letzten wird klar: Diese Welt liegt in uns selbst, in dem Teil unseres Seins, der uns zu Menschen macht. 

Mario Petuzzi: Winterschlaf. Roman. Diogenes Verlag 2026, 234 S. ISBN: 978-3257073942.

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