Rezension zu „Tutto bene“ von Laura Wagner
Ein abgebrochenes Studium, ein Berliner Spätkauf und (zu) viel Alkohol sind die Zutaten zu Laura Wagners bissig geschriebenem Debütroman Tutto Bene. Was die in Bayern geborene Autorin daraus macht, hat sich fürs Literaturportal Bayern Johanna Mayer angeschaut.
*
Sommer in Berlin, ein Späti am Straßeneck, eine Mittdreißigerin, die ihr BWL-Studium abgebrochen hat und jetzt in dem Laden jobbt – das ist die durchaus ungewöhnliche, aber coole Idee, die Autorin Laura Wagner in ihrem Debütroman Tutto bene ausführt. Was als hipper Roman mit „nicem Drive“ (um es in der Sprache der Ich-Erzählerin zu sagen) anfängt, kann leider auf Dauer nicht das halten, was es verspricht.
Tutto Bene handelt von der Ich-Erzählerin Emma-Anna und ihrem Leben, mit dem sie ganz schön „struggelt“. Da ist ihr Vater, der Alkoholiker ist und mit dem sie seit Jahren keinen Kontakt hat, da ist ihre Mutter, die ständig neue Männer mit nach Hause bringt, da ist ihre verkorkste Kindheit, die sie mit sich rumschleppt. Mit dem Job im Späti kann sie sich ihre Wohnung sowie die täglichen Flaschen Wein und Sekt leisten – es wird schnell deutlich, dass Emma zum einen mit ihrem eigenen Alkoholkonsum, zum anderen mit ihrem Essverhalten ein großes Problem hat. Im Späti machen sich ihr Chef Ali, die 15-jährige, rotzfreche Praktikantin Ingrid und der Stammkunde Udo gegenseitig das Leben schwer und halten dann wieder fest zusammen. Der Spätkauf als Spiegel der Gesellschaft, als kleine Welt im großen Berlin ist dabei das Beste am gesamten Roman, hier spielen sich durchaus lesenswerte Szenen ab:
„Also ich steh zurzeit mal wieder voll auf Balisto … Erinnert mich an meine Kindheit. …“ sagt Ingrid. Kindheitserinnerungen? Sie ist ein Kind. Gespannt warte ich ab. Udo scheint gut zu finden, was er hört. „Die gabs auch schon zu meiner Zeit.“ Treffer – versenkt. Stark. „Wenn man nen Schoko-Jieper hat, hat man wahrscheinlich Magnesiummangel. Wusstest du das?“ Zack sind sie beim Du. „Dann soll man lieber eine Banane essen. Das Ding ist, Schokolade ist geil, Bananen sind scheiße …“ schiebt Ingrid nach. Die Klugscheißerei nimmt kein Ende, und während Udo zur Kasse geht, gestikuliert die halbe Portion wild weiter.
Die in 1990 Bayern geborene Autorin Laura Wagner hat mit Tutto Bene ihren ersten Roman vorgelegt. Über ihren kurzen Selbstversuch des Landlebens auf dem Bauernhof ihrer Großmutter in der Oberpfalz schrieb sie das Buch Wo Kraut und Rüben wachsen (2025 bei Prestel). Nach fast zehn Jahren Tätigkeit im Kulturbetrieb Berlins, u.a. beim Staatsballett Berlin und an der Staatsoper Unter den Linden leitet Wagner heute die Abteilung Marketing und Kommunikation am Nationaltheater Mannheim.
Treiben an der Oberfläche
Die Protagonistin von Tutto Bene bleibt leider bis zum Schluss so undurchsichtig wie unsympathisch. Ihre Probleme werden allesamt auf ihre unglückliche Kindheit und ihren Vaterkomplex zurückgeführt, ihre Kindheit und Jugend werden ausführlichst in Rückblicken beschrieben. Man möchte sie am liebsten schütteln, wenn sie sich wieder in die Abwärtsspirale stürzt, wieder zur Flasche greift, wieder nichts isst und wieder den „Matrosen“ Leo, in den sie doch eigentlich verliebt ist, mit dem „Jäger“ Ben betrügt. Dabei bleibt auch Leo eine klischeehafte Figur: Ein Hipster-Buchhändler in Berlin, der von seiner großen Liebe betrogen wurde und es nun mit Emma-Anna versuchen möchte, wobei nicht nachvollziehbar bleibt, warum er ihr immer und immer wieder eine Chance gibt und nicht schnell das Weite sucht. Am Ende des Romans ist das Loch, in dem Emma sich befindet, kaum noch auszuhalten. Endlich greift Ingrid, die 15-jährige Praktikantin im Späti, ein und liest der Protagonistin die Leviten, zwingt sie zum Essen und schüttet den Alkohol weg. Ingrid ist eine gut gezeichnete und ausdrucksstarke Figur. Mit ihren frechen Sprüchen und ihren eigenen familiären Problemen hat sie viel mehr Tiefe als die sehr an der Oberfläche treibende Emma.
Diese Tendenz zeigt leider der gesamte Roman: Viele gute und witzige Ideen bleiben unausgearbeitet oder oberflächlich entwickelt, die Figuren und die Handlung wirken teilweise schablonenhaft und farblos. Das zeigt sich nicht zuletzt an der bissigen Sprache, die teilweise amüsant und durchaus cool ist, aber leider in ernsteren Passagen unpassend oder gar zynisch wirkt. Der Versuch, gesprochene Sprache mit vielen Anglizismen zur literarischen Sprache zu machen, geht nur an einigen Stellen auf. Insbesondere die Idee, irgendwann die Satzzeichen in den vom „Jäger“ Ben gesprochenen Passagen wegzulassen, ist anfangs noch witzig, wirkt aber schnell wie Satire:
Als ich aus dem Laden komme, fängt Ben schon wieder ohne Punkt und Komma an zu reden. „Neulich bin ich an einem Biosphärenreservat vorbeigekommen weißt du was das ist?“ Derlei Fragen gehören verboten. Zumindest so früh am Morgen und vor allem nach gestern. Ist das alles, was ihn beschäftigt? … Schon prescht er weiter. „Jedenfalls ist mir was passiert das mir noch nie passiert ist ich bin da mit meinem Oldie einfach mit angezogener Handbremse durchgerast … also nicht mal nur drei Kilometer oder so sondern ganze sechzig weil ich und jetzt halt dich fest ...“ Tu ich, an meinem Stuhl.
Es fehlt in Tutto bene nicht an guten Ideen und witzigen Einfällen für einen guten Roman. Viel mehr wünscht man sich, dass Laura Wagner genau diese guten Ideen, die leider in ihren Ansätzen stecken geblieben sind, beim nächsten Buch noch weiter ausarbeitet, die Figuren reifen lässt und auf ihr Schreibtalent, das aus vielen Passagen hervorleuchtet, vertraut. Dann dürfte ihr nächster Roman eine spritzige und gute Geschichte voller „Drive“ werden, auf die man sich freuen kann.
Laura Wagner: Tutto bene. Roman. DuMont Verlag 2026, 288 S.
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Ein abgebrochenes Studium, ein Berliner Spätkauf und (zu) viel Alkohol sind die Zutaten zu Laura Wagners bissig geschriebenem Debütroman Tutto Bene. Was die in Bayern geborene Autorin daraus macht, hat sich fürs Literaturportal Bayern Johanna Mayer angeschaut.
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Sommer in Berlin, ein Späti am Straßeneck, eine Mittdreißigerin, die ihr BWL-Studium abgebrochen hat und jetzt in dem Laden jobbt – das ist die durchaus ungewöhnliche, aber coole Idee, die Autorin Laura Wagner in ihrem Debütroman Tutto bene ausführt. Was als hipper Roman mit „nicem Drive“ (um es in der Sprache der Ich-Erzählerin zu sagen) anfängt, kann leider auf Dauer nicht das halten, was es verspricht.
Tutto Bene handelt von der Ich-Erzählerin Emma-Anna und ihrem Leben, mit dem sie ganz schön „struggelt“. Da ist ihr Vater, der Alkoholiker ist und mit dem sie seit Jahren keinen Kontakt hat, da ist ihre Mutter, die ständig neue Männer mit nach Hause bringt, da ist ihre verkorkste Kindheit, die sie mit sich rumschleppt. Mit dem Job im Späti kann sie sich ihre Wohnung sowie die täglichen Flaschen Wein und Sekt leisten – es wird schnell deutlich, dass Emma zum einen mit ihrem eigenen Alkoholkonsum, zum anderen mit ihrem Essverhalten ein großes Problem hat. Im Späti machen sich ihr Chef Ali, die 15-jährige, rotzfreche Praktikantin Ingrid und der Stammkunde Udo gegenseitig das Leben schwer und halten dann wieder fest zusammen. Der Spätkauf als Spiegel der Gesellschaft, als kleine Welt im großen Berlin ist dabei das Beste am gesamten Roman, hier spielen sich durchaus lesenswerte Szenen ab:
„Also ich steh zurzeit mal wieder voll auf Balisto … Erinnert mich an meine Kindheit. …“ sagt Ingrid. Kindheitserinnerungen? Sie ist ein Kind. Gespannt warte ich ab. Udo scheint gut zu finden, was er hört. „Die gabs auch schon zu meiner Zeit.“ Treffer – versenkt. Stark. „Wenn man nen Schoko-Jieper hat, hat man wahrscheinlich Magnesiummangel. Wusstest du das?“ Zack sind sie beim Du. „Dann soll man lieber eine Banane essen. Das Ding ist, Schokolade ist geil, Bananen sind scheiße …“ schiebt Ingrid nach. Die Klugscheißerei nimmt kein Ende, und während Udo zur Kasse geht, gestikuliert die halbe Portion wild weiter.
Die in 1990 Bayern geborene Autorin Laura Wagner hat mit Tutto Bene ihren ersten Roman vorgelegt. Über ihren kurzen Selbstversuch des Landlebens auf dem Bauernhof ihrer Großmutter in der Oberpfalz schrieb sie das Buch Wo Kraut und Rüben wachsen (2025 bei Prestel). Nach fast zehn Jahren Tätigkeit im Kulturbetrieb Berlins, u.a. beim Staatsballett Berlin und an der Staatsoper Unter den Linden leitet Wagner heute die Abteilung Marketing und Kommunikation am Nationaltheater Mannheim.
Treiben an der Oberfläche
Die Protagonistin von Tutto Bene bleibt leider bis zum Schluss so undurchsichtig wie unsympathisch. Ihre Probleme werden allesamt auf ihre unglückliche Kindheit und ihren Vaterkomplex zurückgeführt, ihre Kindheit und Jugend werden ausführlichst in Rückblicken beschrieben. Man möchte sie am liebsten schütteln, wenn sie sich wieder in die Abwärtsspirale stürzt, wieder zur Flasche greift, wieder nichts isst und wieder den „Matrosen“ Leo, in den sie doch eigentlich verliebt ist, mit dem „Jäger“ Ben betrügt. Dabei bleibt auch Leo eine klischeehafte Figur: Ein Hipster-Buchhändler in Berlin, der von seiner großen Liebe betrogen wurde und es nun mit Emma-Anna versuchen möchte, wobei nicht nachvollziehbar bleibt, warum er ihr immer und immer wieder eine Chance gibt und nicht schnell das Weite sucht. Am Ende des Romans ist das Loch, in dem Emma sich befindet, kaum noch auszuhalten. Endlich greift Ingrid, die 15-jährige Praktikantin im Späti, ein und liest der Protagonistin die Leviten, zwingt sie zum Essen und schüttet den Alkohol weg. Ingrid ist eine gut gezeichnete und ausdrucksstarke Figur. Mit ihren frechen Sprüchen und ihren eigenen familiären Problemen hat sie viel mehr Tiefe als die sehr an der Oberfläche treibende Emma.
Diese Tendenz zeigt leider der gesamte Roman: Viele gute und witzige Ideen bleiben unausgearbeitet oder oberflächlich entwickelt, die Figuren und die Handlung wirken teilweise schablonenhaft und farblos. Das zeigt sich nicht zuletzt an der bissigen Sprache, die teilweise amüsant und durchaus cool ist, aber leider in ernsteren Passagen unpassend oder gar zynisch wirkt. Der Versuch, gesprochene Sprache mit vielen Anglizismen zur literarischen Sprache zu machen, geht nur an einigen Stellen auf. Insbesondere die Idee, irgendwann die Satzzeichen in den vom „Jäger“ Ben gesprochenen Passagen wegzulassen, ist anfangs noch witzig, wirkt aber schnell wie Satire:
Als ich aus dem Laden komme, fängt Ben schon wieder ohne Punkt und Komma an zu reden. „Neulich bin ich an einem Biosphärenreservat vorbeigekommen weißt du was das ist?“ Derlei Fragen gehören verboten. Zumindest so früh am Morgen und vor allem nach gestern. Ist das alles, was ihn beschäftigt? … Schon prescht er weiter. „Jedenfalls ist mir was passiert das mir noch nie passiert ist ich bin da mit meinem Oldie einfach mit angezogener Handbremse durchgerast … also nicht mal nur drei Kilometer oder so sondern ganze sechzig weil ich und jetzt halt dich fest ...“ Tu ich, an meinem Stuhl.
Es fehlt in Tutto bene nicht an guten Ideen und witzigen Einfällen für einen guten Roman. Viel mehr wünscht man sich, dass Laura Wagner genau diese guten Ideen, die leider in ihren Ansätzen stecken geblieben sind, beim nächsten Buch noch weiter ausarbeitet, die Figuren reifen lässt und auf ihr Schreibtalent, das aus vielen Passagen hervorleuchtet, vertraut. Dann dürfte ihr nächster Roman eine spritzige und gute Geschichte voller „Drive“ werden, auf die man sich freuen kann.
Laura Wagner: Tutto bene. Roman. DuMont Verlag 2026, 288 S.
