Info
02.07.2026, 10:00 Uhr
Abraham Katz
Rezensionen

Rezension zu „Wörterbuch einer Nomadin“ von Volha Hapeyeva

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/instblog/2026/klein/Hapeyeva-Woerterbuch-Nomadin_500_1.jpg#joomlaImage://local-images/lpbblogs/instblog/2026/klein/Hapeyeva-Woerterbuch-Nomadin_500_1.jpg?width=500&height=231
(c) Droschl Verlag

Die belarussische Lyrikerin, Übersetzerin und Linguistin Volha Hapeyeva ist vor dem Regime in Belarus geflohen und pendelt seitdem mit Residenzstipendien zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz. In ihrem Essayband Wörterbuch einer Nomadin untersucht sie in zwölf assoziativen Kapiteln, wie Sprache unsere Identität formt. Eine kluge, feinsinnige Anregung, das Wechselspiel zwischen Sprache und Kultur zu hinterfragen. Abraham Katz hat die Essays für das Literaturportal Bayern gelesen.

*

Spontan denkt man bei Nomaden an Hirten, die ihre Herden im Rhythmus der Jahreszeiten zu neuen Weideflächen begleiten, oder an Jäger, die Wildtieren folgen, um sie zu erbeuten. Die 1982 geborene Autorin Volha Hapeyeva hütet weder Schafe oder Ziegen, noch schießt sie auf andere Tiere. Sie fühlt sich aus anderen Gründen wie eine Nomadin. Von ihrem Geburtsort Minsk musste sie fliehen, um den Repressionen des Regimes in Belarus zu entkommen.

Doch anstatt im Ausland eine neue Heimat zu suchen, wie andere Exilanten es versuchen, reist sie zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz von Residenzstipendium zu Residenzstipendium – nicht unähnlich Hirten oder Jägern, die umherziehen, um das ganze Jahr über ein Auskommen zu haben. Und so wie sich Hirten und Jäger nicht als Flüchtlinge ansehen, lehnt auch die Linguistin den Begriff „Exil“ für sich ab. Anstatt über Heimatlosigkeit zu klagen, macht sie aus der Not eine Tugend und bezeichnet sich mit einem gewissen Stolz als Nomadin.

Der Titel Wörterbuch einer Nomadin ist dabei eine bescheiden-höfliche Untertreibung. Vielmehr handelt es sich um eine Sammlung von zwölf exquisiten, knappen Essays, deren Themen jeweils mit etwa einem Dutzend auf den ersten Blick unzusammenhängender Stichworte umrissen werden. Die Stichworte des fünften Kapitels etwa bilden folgende Wortwolke:

wünschen – wish – žadannie – desire – Wollen – Denken – Angst – Mangel – Modalität – Hoffnung – Himmelslaterne – Grammatik – Fee – Bedeutungszyklus

Verbirgt sich hinter diesem mehrsprachigen Wortsalat so etwas wie eine Struktur, zumindest ein roter Faden? Wird die Lektüre dieses Kapitels zur intellektuellen Schwerstarbeit werden? Die Antworten lauten: Nein, nein – und noch einmal nein! Einen roten Faden im herkömmlichen Sinne gibt es nicht, doch das Lesen ist keine anstrengende Arbeit, sondern ein Vergnügen. Mit wenigen Ausnahmen, dazu später mehr.

Kaum hat man sich gefragt, wie die vorangestellten Stichworte logisch zusammengehören, reißen einen die ersten Sätze schon mit auf eine aufregende Gedankenreise durch verschiedene Sprachen, Länder und Kulturen. Anhand scharf und empathisch beobachteter Ähnlichkeiten, Gegensätze und Querverbindungen zeigt die Autorin, dass jede Kultur Schätze besitzt, die es zu bergen und für alle nutzbar zu machen lohnt.

Als begeisterte Sprachwissenschaftlerin gehörte es zu ihrem Alltag, Belarussisch, Russisch, Deutsch, Japanisch und Chinesisch zu untersuchen. In ihrer Promotion etwa verglich sie das Äußern von Wünschen im Englischen und Belarussischen. Doch als selbsterklärte Nomadin betreibt sie weit mehr als akademische Arbeit im Elfenbeinturm.

Volha Hapeyevas alltägliche Erfahrungen bestätigen auf wundervolle Weise, dass Sprache mehr ist als ein komplexes System zum Austausch von Informationen. Sprache kann Identität stiften, ein imaginäres Zuhause sein, Gefühle übermitteln und erzeugen. Wechselt Volha Hapeyeva mitten in einem Gespräch die Sprache, scheint es ihr, als würde der neue Sprachschatz bislang unbekannte Seiten ihres Charakters zum Klingen bringen – oder überhaupt erst hervortreten lassen. Sprachenlernen wird so zur Chance, den eigenen Charakter zu ergründen und zu erweitern:

Mit dem Übergang in eine andere Sprache findet auch eine Identitätsänderung statt. Diese neue Persönlichkeit hat eine neue Intonation, einen anderen Gesichtsausdruck, ein anderes Sprechtempo, andere Diskussionsthemen und Reaktionen – mit einem anderen Wort: einen anderen Habitus, der durch die Tatsache ermöglicht wird, dass die Zeugen ihrer gegenwärtigen Sprachbildung andere sind.

Dass jede Sprache die Kultur und damit den Charakter der Sprechenden widerspiegelt, ist bereits spannend genug. Die Autorin geht noch weiter:

Ich sitze am Tisch und biete meinem deutschen Freund an, von meinem Dessert zu kosten. Er lehnt ab, ich frage ihn erneut und er lehnt wieder ab, also mache ich es ein drittes Mal in der Hoffnung, dass er jetzt bestimmt nicht ablehnt. Aber das macht meinen Freund nur nervös, sein Gesicht zeigt einen Ausdruck des Unverständnisses. Ich wiederhole mein Angebot mehrmals, denn in meiner Kultur ist es unhöflich, sofort »Ja« zu sagen. Mein Freund wird wütend, weil er nicht versteht, warum er dreimal wiederholen muss, was er schon gesagt hat. Wenn ich gefragt werde, ob ich ein Stück Kuchen möchte, sagt die Belarusin in mir, dass ich ablehnen muss, dann wird es mir wieder angeboten und dann kann ich »Ja« sagen. Aber in Deutschland bietet man dir kein zweites Mal an. Am Anfang schien es mir unhöflich, aber dann erkannte ich diesen kulturellen Unterschied und nehme es jetzt leichter. Ich bin nun direkter geworden, und wenn ich etwas will, dann sage ich das auch gleich beim ersten Mal.

Noch spannender wird es, wenn die Autorin daran erinnert, dass es sich bei diesem Phänomen um eine Wechselbeziehung handelt: Sprache formt die Charaktere der Sprecher, und die Charaktere wiederum formen die Sprache. Ein Echo des unlösbaren alten Rätsels, was zuerst da war, die Henne oder das Ei.

Meist gelingt es der Autorin spielend leicht, solche und andere schwer greifbare, fluide Phänomene elegant zu vermitteln. Manchmal, wenn Volha Hapeyeva mit ihren freien, assoziativen Gedankenflügen Inhalte aus festgefahrenen Denkschubladen wirbelt und neu zusammensetzt, erlebt man einen poetischen Höhenflug.

Leider gibt es auch Gedanken, die weniger überzeugen: Dass Leiden eine Ursache für die persönliche Entwicklung eines Menschen sein kann, ist bekannt und in zahllosen Texten seit Erfindung der Schrift bis heute nachvollziehbar beschrieben worden. Wenn die Autorin suggeriert, man könne anstatt zu leiden auch einfach nur reisen, um ein besserer Mensch zu werden, klingt das schlicht naiv.

Etwas verstörend wird es, wenn die Autorin, die so leidenschaftlich gegen Ressentiments kämpft, selbst in Schubladendenken verfällt. Zum Beispiel wenn sie Männer und das Patriarchat für nahezu alle Übel dieser Welt verantwortlich macht.

Schwer nachvollziehbar ist auch, was sie über Transfrauen denkt: „Und dann kommt mir der Gedanke, dass heute die Mädchen im Teenageralter, anstatt für ihre Rechte als Frau zu kämpfen, lieber ihr Geschlecht ändern und männlich werden."

Trotz solcher kleiner Schnitzer bleibt das Wörterbuch einer Nomadin eine lohnende Lektüre, die viele Anregungen bietet und Lust darauf macht, neue Sprachen zu lernen – und natürlich zu reisen.

 

Volha Hapeyava: Wörterbuch einer Nomadin. Droschl Verlag 2026, 200 Seiten.

Externe Links:

Zur Verlagswebsite