Rezension zum Roman „Frequenzen“ von Ruth Herzberg
Ein Roman, der im Berliner Kunstmilieu spielt, zwei auf ihre je eigene Art einsame Protagonisten, deutsches Ost und deutsches West sind Bestandteile des neuen Romans von Ruth Herzberg. Rezensent Abraham Katz hört auf die Töne zwischen den Frequenzen – so der Titel des Buches – einer letztlich einseitigen Leidenschaft.
*
Die Namen der Protagonisten erinnern an das Paradies. Die Ich-Erzählerin heißt Eva. Der Mann, der sie anflirtet, Adam. Sie ist Schriftstellerin, er bildender Künstler. Sie ist sofort „geflasht“ von seinen Objekten, er von ihrer Website als Autorin. Um genau zu sein, flirtet er nicht, „er stürzt sich auf sie.“ Nach den ersten Sätzen wirkt es so, als sei Frequenzen ein Liebes-, Künstler- und Berlinroman. Eine unterhaltsame Lektüre, prickelnd und leicht wie ein Small-Talk auf einer Vernissage, bei der man interessante Leute kennen lernt und über alles plaudert, was einem gerade einfällt.
Als Adam und Eva zusammenkommen, wünschen sie sich, dass ihre Liebe nie endet. – Das war es fast schon mit den paradiesischen Zuständen. Kurz nach dem berauschenden Liebesglück folgen eine Kette von Enttäuschungen und seelische Verletzungen. Dieser Roman ist die Erinnerung an eine Liebe, die vielversprechend begann wie fast alle Liebesbeziehungen, sowie der Versuch zu verstehen, wie es zu einem tragischen Ende kommen konnte. Dank Evas schonungsloser Schilderungen durchlebt man die gesamte Fallhöhe: von der Verliebtheit über den Liebesrausch zu einer On-Off Beziehung, bis hin zu Liebesentzug, seelischer Grausamkeit und Depressionen.
Dabei gibt es genug Warnzeichen für Adams Narzissmus, die Eva mal früh, mal spät als solche erkannt. Doch wie die meisten verliebten Menschen legt Eva nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Stattdessen lässt sie sich mitreißen und freut sich auf ihre gemeinsame Zukunft. Bei einer Schriftstellerin und einem bildenden Künstler gehört dazu der künstlerische Durchbruch. Während sie sich dem entgegensehnen, diskutieren sie, trinken „Fusel“, rauchen und kiffen, wie man es von einem Roman, der in Berlin spielt, erwartet. Der Sex findet in einem riesigen Bett statt, das an eine Galeere erinnert. Dort erfüllt Eva Adams erotische Fantasien mit Rollenspielen in knappen Kostümen. Sie selbst scheint keine erotischen Fantasien zu haben. Auf jeden Fall muss Adam nichts für sie spielen.
Aus „frischverliebt“ wird „es ist kompliziert“
Teil dieser „Liebesgeschichte“ ist von Anfang an auch Adams Ex, Tina. Oder ist es Adam, der beide Frauen mal raffiniert, mal plump gegeneinander ausspielt? Eva schätzt er als inspirierende Gesprächspartnerin und Künstlerin. Die kunstferne Tina dagegen ist seine „Trophy Wife“, die einen „Mode-Touri-Kitsch-Laden“ betreibt zwischen „Wasserturm und Kollwitzplatz“.
Angesichts der Voraussehbarkeit von Adams Machtspielen könnte man meinen, die Protagonisten seien Teenager oder Twens, die erste Beziehungserfahrungen sammeln. Relativ spät stellt sich heraus, dass Adam knapp 50 ist und Eva Mitte 40. Unwillkürlich hofft man, dass diese Beziehung nur eine kurze Affäre gewesen sei. Auch diese Hoffnung wird pulverisiert, die Beziehung dauerte Jahre. Dementsprechend ist Frequenzen kein Roman über Liebe, sondern über Evas aufopferungsvolle, selbstzerstörerische Hingabe.
Als Autorin reflektiert Eva über das Verhältnis zwischen Kunst und Realität. Wie sie aus dieser traumatischen Beziehung einen Roman machen könnte. Zu den stärksten Stellen gehört, wenn sie nicht die Stationen dieser Amour fou nacherzählt, sondern den Stoff verdichtet. Adams eigene Vorstellung beim Kennenlernen ist sehr geschickt destilliert. Sie schwankt zwischen vertrauensvollem Geständnis und phrasenhafter Selbstentblößung, die bei einer Stand-up-Comedy für Heiterkeit sorgen würde. Auch für die fatale Anziehung und Geborgenheit, die Eva trotz aller Enttäuschungen verspürt, gibt es suggestive Beschreibungen:
Er steht schon in der Tür, als ich die Treppe hinaufkomme, lächelt, breitet die Arme aus und zieht mich hinein.
Wie immer.
Da war schon gleich die Musik. Treibender Bass in rhythmischer Taktung. Hohe Decken, rohe Dielen, trockener Wein in dickwandigen Gläsern, der Kerzenständer aus Messing, dessen Fuß als Aschenbecher dient.
Diese Sätze wiederholen sich wortgleich, ganz wie destruktive Muster sich in einer Beziehung oder einem Leben zwanghaft wiederholen.
Ein genauer Blick auf die Berliner Kunstszene
Je liebloser die Beziehung zwischen den beiden wird, desto neugieriger wird man auf ihre künstlerischen Arbeiten. In seinen gelungenen Passagen oszilliert der Roman zwischen dem leidenschaftlichen Ausleben von Künstleridealen und ihrer Entlarvung als Klischees. Wird sich bewahrheiten, dass amoralische Künstler dysfunktionale Beziehungen führen, dabei jedoch großartige Kunst schaffen? Adams Bedürfnisse stehen nicht nur beim Sex an erster Stelle – auch bei der Kunst dreht sich alles um ihn und seine Installationen. Wenn dabei Ironie und Sarkasmus aufblitzen, bietet der Roman sein größtes Lesevergnügen:
Das Beste an der Kunst sind die Vernissagen. Das Beste an den Vernissagen ist der kostenlose Alkohol. Das Schlechte ist meistens die Kunst. ... Wer es nicht geschafft hat, gibt auf und steigt um auf Lehramt oder lässt sich verbeamten und bearbeitet Klima, sichere Fahrradwege, Frauenrechte und Refugees hauptberuflich.
Evas Beschreibungen von Adams Projekten ergeben ein ambivalentes Vexierbild: Mal wirkt er wie ein ernstzunehmender Künstler, der der Konsumgesellschaft den Spiegel vorhält. Mal wie die Karikatur eines Narzissten, der um Aufmerksamkeit buhlt, obwohl er kaum etwas zu sagen hat. Eine von Adams erfolgreicheren Performances besteht darin, einen Eisblock von der Decke hängend schmelzen zu lassen (Titel: „Gefrorene Zeit“). Einige Besucher sind beeindruckt. Adams Ex Tina findet: „das ist typischer Mitte-Kunstscheiß.“ Der Vermieter macht Ärger wegen des Schmelzwassers auf dem Boden.
Adam und Eva bestätigen sich gegenseitig in ihrer Einzigartigkeit als unangepasste Künstler, die mit der Gesellschaft im Clinch liegen. Ihr Künstlertum leitet sich aus der Verweigerung ab. Begeisterung für andere Künstler, Poesie, Sensibilität, ein Gefühl für Ästhetik, Feingefühl oder Empathie sucht man in dieser Berliner Künstlerszene vergeblich. Adam will originell sein, was durch Grenzüberschreitungen einfach gelingt. Leider erinnern seine Provokationen an muffige Vorurteile, das Gegenteil von originell: „Ostfrauen sind irgendwie freier, natürlicher, insgesamt entspannter. Nicht so verkrampft wie Westfrauen.“ Jedoch: „Wessis sind besser im Bett. Vierzig Jahre Pornoerfahrung, 40 Jahre freie Welt.“ Solche Aussagen bestätigen Adams Neigung zu starken Statements mit wenig Substanz. Die gleiche Haltung, mit der er seine Werke konzipiert. Eva und Adam stimmen beide darin überein: „Kunst von Frauen ist meistens schlechter als Kunst von Männern, weil sie es handwerklich einfach nicht draufhaben.“
Herzberg hat einen Liebesroman mit wenig Liebe und viel Leid verfasst. Wobei das Leid überzeugender dargestellt wird als die Liebe. Außerdem ist es ein Künstlerroman fast ohne Kunst. Obwohl die Ich-Erzählerin immer wieder über den Sinn und die Aufgabe von Kunst nachdenkt. Schade, dass ihre Reflexionen etwas isoliert im Text stehen. Sie wirken wie Mini-Referate, die für die Charaktere und die Geschichte keine Folgen haben. Immerhin sinniert Eva: „Wenn man sich fragt, ob etwas Kunst ist, ist es keine Kunst. Wer sich fragt, ob etwas Liebe ist, ist es keine Liebe.“
Frequenzen ist die eindrucksvolle Beschreibung einer toxischen Beziehung und ein humorvoll-satirisches Porträt der Berliner Kunstszene.
Ruth Herzberg: Frequenzen. Verlag mikrotext 2026. 216 S., ISBN 978-3-948631-52-9
Rezension zum Roman „Frequenzen“ von Ruth Herzberg>
Ein Roman, der im Berliner Kunstmilieu spielt, zwei auf ihre je eigene Art einsame Protagonisten, deutsches Ost und deutsches West sind Bestandteile des neuen Romans von Ruth Herzberg. Rezensent Abraham Katz hört auf die Töne zwischen den Frequenzen – so der Titel des Buches – einer letztlich einseitigen Leidenschaft.
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Die Namen der Protagonisten erinnern an das Paradies. Die Ich-Erzählerin heißt Eva. Der Mann, der sie anflirtet, Adam. Sie ist Schriftstellerin, er bildender Künstler. Sie ist sofort „geflasht“ von seinen Objekten, er von ihrer Website als Autorin. Um genau zu sein, flirtet er nicht, „er stürzt sich auf sie.“ Nach den ersten Sätzen wirkt es so, als sei Frequenzen ein Liebes-, Künstler- und Berlinroman. Eine unterhaltsame Lektüre, prickelnd und leicht wie ein Small-Talk auf einer Vernissage, bei der man interessante Leute kennen lernt und über alles plaudert, was einem gerade einfällt.
Als Adam und Eva zusammenkommen, wünschen sie sich, dass ihre Liebe nie endet. – Das war es fast schon mit den paradiesischen Zuständen. Kurz nach dem berauschenden Liebesglück folgen eine Kette von Enttäuschungen und seelische Verletzungen. Dieser Roman ist die Erinnerung an eine Liebe, die vielversprechend begann wie fast alle Liebesbeziehungen, sowie der Versuch zu verstehen, wie es zu einem tragischen Ende kommen konnte. Dank Evas schonungsloser Schilderungen durchlebt man die gesamte Fallhöhe: von der Verliebtheit über den Liebesrausch zu einer On-Off Beziehung, bis hin zu Liebesentzug, seelischer Grausamkeit und Depressionen.
Dabei gibt es genug Warnzeichen für Adams Narzissmus, die Eva mal früh, mal spät als solche erkannt. Doch wie die meisten verliebten Menschen legt Eva nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Stattdessen lässt sie sich mitreißen und freut sich auf ihre gemeinsame Zukunft. Bei einer Schriftstellerin und einem bildenden Künstler gehört dazu der künstlerische Durchbruch. Während sie sich dem entgegensehnen, diskutieren sie, trinken „Fusel“, rauchen und kiffen, wie man es von einem Roman, der in Berlin spielt, erwartet. Der Sex findet in einem riesigen Bett statt, das an eine Galeere erinnert. Dort erfüllt Eva Adams erotische Fantasien mit Rollenspielen in knappen Kostümen. Sie selbst scheint keine erotischen Fantasien zu haben. Auf jeden Fall muss Adam nichts für sie spielen.
Aus „frischverliebt“ wird „es ist kompliziert“
Teil dieser „Liebesgeschichte“ ist von Anfang an auch Adams Ex, Tina. Oder ist es Adam, der beide Frauen mal raffiniert, mal plump gegeneinander ausspielt? Eva schätzt er als inspirierende Gesprächspartnerin und Künstlerin. Die kunstferne Tina dagegen ist seine „Trophy Wife“, die einen „Mode-Touri-Kitsch-Laden“ betreibt zwischen „Wasserturm und Kollwitzplatz“.
Angesichts der Voraussehbarkeit von Adams Machtspielen könnte man meinen, die Protagonisten seien Teenager oder Twens, die erste Beziehungserfahrungen sammeln. Relativ spät stellt sich heraus, dass Adam knapp 50 ist und Eva Mitte 40. Unwillkürlich hofft man, dass diese Beziehung nur eine kurze Affäre gewesen sei. Auch diese Hoffnung wird pulverisiert, die Beziehung dauerte Jahre. Dementsprechend ist Frequenzen kein Roman über Liebe, sondern über Evas aufopferungsvolle, selbstzerstörerische Hingabe.
Als Autorin reflektiert Eva über das Verhältnis zwischen Kunst und Realität. Wie sie aus dieser traumatischen Beziehung einen Roman machen könnte. Zu den stärksten Stellen gehört, wenn sie nicht die Stationen dieser Amour fou nacherzählt, sondern den Stoff verdichtet. Adams eigene Vorstellung beim Kennenlernen ist sehr geschickt destilliert. Sie schwankt zwischen vertrauensvollem Geständnis und phrasenhafter Selbstentblößung, die bei einer Stand-up-Comedy für Heiterkeit sorgen würde. Auch für die fatale Anziehung und Geborgenheit, die Eva trotz aller Enttäuschungen verspürt, gibt es suggestive Beschreibungen:
Er steht schon in der Tür, als ich die Treppe hinaufkomme, lächelt, breitet die Arme aus und zieht mich hinein.
Wie immer.
Da war schon gleich die Musik. Treibender Bass in rhythmischer Taktung. Hohe Decken, rohe Dielen, trockener Wein in dickwandigen Gläsern, der Kerzenständer aus Messing, dessen Fuß als Aschenbecher dient.
Diese Sätze wiederholen sich wortgleich, ganz wie destruktive Muster sich in einer Beziehung oder einem Leben zwanghaft wiederholen.
Ein genauer Blick auf die Berliner Kunstszene
Je liebloser die Beziehung zwischen den beiden wird, desto neugieriger wird man auf ihre künstlerischen Arbeiten. In seinen gelungenen Passagen oszilliert der Roman zwischen dem leidenschaftlichen Ausleben von Künstleridealen und ihrer Entlarvung als Klischees. Wird sich bewahrheiten, dass amoralische Künstler dysfunktionale Beziehungen führen, dabei jedoch großartige Kunst schaffen? Adams Bedürfnisse stehen nicht nur beim Sex an erster Stelle – auch bei der Kunst dreht sich alles um ihn und seine Installationen. Wenn dabei Ironie und Sarkasmus aufblitzen, bietet der Roman sein größtes Lesevergnügen:
Das Beste an der Kunst sind die Vernissagen. Das Beste an den Vernissagen ist der kostenlose Alkohol. Das Schlechte ist meistens die Kunst. ... Wer es nicht geschafft hat, gibt auf und steigt um auf Lehramt oder lässt sich verbeamten und bearbeitet Klima, sichere Fahrradwege, Frauenrechte und Refugees hauptberuflich.
Evas Beschreibungen von Adams Projekten ergeben ein ambivalentes Vexierbild: Mal wirkt er wie ein ernstzunehmender Künstler, der der Konsumgesellschaft den Spiegel vorhält. Mal wie die Karikatur eines Narzissten, der um Aufmerksamkeit buhlt, obwohl er kaum etwas zu sagen hat. Eine von Adams erfolgreicheren Performances besteht darin, einen Eisblock von der Decke hängend schmelzen zu lassen (Titel: „Gefrorene Zeit“). Einige Besucher sind beeindruckt. Adams Ex Tina findet: „das ist typischer Mitte-Kunstscheiß.“ Der Vermieter macht Ärger wegen des Schmelzwassers auf dem Boden.
Adam und Eva bestätigen sich gegenseitig in ihrer Einzigartigkeit als unangepasste Künstler, die mit der Gesellschaft im Clinch liegen. Ihr Künstlertum leitet sich aus der Verweigerung ab. Begeisterung für andere Künstler, Poesie, Sensibilität, ein Gefühl für Ästhetik, Feingefühl oder Empathie sucht man in dieser Berliner Künstlerszene vergeblich. Adam will originell sein, was durch Grenzüberschreitungen einfach gelingt. Leider erinnern seine Provokationen an muffige Vorurteile, das Gegenteil von originell: „Ostfrauen sind irgendwie freier, natürlicher, insgesamt entspannter. Nicht so verkrampft wie Westfrauen.“ Jedoch: „Wessis sind besser im Bett. Vierzig Jahre Pornoerfahrung, 40 Jahre freie Welt.“ Solche Aussagen bestätigen Adams Neigung zu starken Statements mit wenig Substanz. Die gleiche Haltung, mit der er seine Werke konzipiert. Eva und Adam stimmen beide darin überein: „Kunst von Frauen ist meistens schlechter als Kunst von Männern, weil sie es handwerklich einfach nicht draufhaben.“
Herzberg hat einen Liebesroman mit wenig Liebe und viel Leid verfasst. Wobei das Leid überzeugender dargestellt wird als die Liebe. Außerdem ist es ein Künstlerroman fast ohne Kunst. Obwohl die Ich-Erzählerin immer wieder über den Sinn und die Aufgabe von Kunst nachdenkt. Schade, dass ihre Reflexionen etwas isoliert im Text stehen. Sie wirken wie Mini-Referate, die für die Charaktere und die Geschichte keine Folgen haben. Immerhin sinniert Eva: „Wenn man sich fragt, ob etwas Kunst ist, ist es keine Kunst. Wer sich fragt, ob etwas Liebe ist, ist es keine Liebe.“
Frequenzen ist die eindrucksvolle Beschreibung einer toxischen Beziehung und ein humorvoll-satirisches Porträt der Berliner Kunstszene.
Ruth Herzberg: Frequenzen. Verlag mikrotext 2026. 216 S., ISBN 978-3-948631-52-9
