Der Roman „Parasiti“ von Alisha Gamisch
Zwischen dem Nowosibirsk der 1960er Jahre und dem Fürstenfeldbruck der Gegenwart folgt Alisha Gamisch in ihrem Debütroman Parasiti den Lebenswegen dreier russlanddeutscher Frauen. Wie das gelingt, hat sich die belarussische Schriftstellerin Volha Hapeyeva angesehen.
*
Wenn die ältere Generation verstummt, ist es an der Zeit, dass die Nachkommen Interesse an ihrer Vergangenheit zeigen. Dieser Weg ist nicht immer einfach und sicher. Es ist auch nicht selbstverständlich, dass die neue Generation Interesse an der Vergangenheit zeigt, daran, wo ihre Geschichte begann. Viele kommen erst zu spät darauf, wenn die Großeltern bereits verstorben sind und es niemanden mehr gibt, den man fragen könnte. Ein weiteres Problem – und das sehen wir auch an Alisha Gamischs Debütroman Parasiti – ist, dass die ältere Generation die Vergangenheit ruhen lassen will und deshalb lieber schweigt. Man muss alles aus ihnen herauskitzeln, so wie Rina, einer der Hauptfiguren, es bei ihrer Tante Valli tut.
Der Roman hat zwei Hauptzeitebenen – „damals“ und „heute“ – und eine Perspektive löst die nächste ab. Obwohl die Erzählung in der dritten Person erfolgt, haben wir bei jedem Zeitsprung das Gefühl, die Stimmen der Hauptfiguren zu hören. In Nowosibirsk der 1960er ist es die Stimme von Lydia Feindlich, einer Näherin, die in einer Fabrik arbeitet. Ihre Biografie – Deportation, Leben in der Sowjetunion, später Umzug nach Deutschland – ist die einer Russlanddeutschen. In der Gegenwart, 2021, geht der Staffelstab an Lydias Enkelin Rina in Fürstenfeldbruck über, eine Studentin, die mehr über ihre Familie wissen will und sogar nach Odessa, Nowosibirsk oder an die Wolga reisen möchte, denn „vielleicht können Orte bessere Antworten geben als Menschen“.
Dazwischen ist Lydias Nichte Valli; sie gehört zur mittleren Generation der Familie. Nachdem die Großmutter verstummt ist, ist Valli für Rina die einzige Verbindung zur Vergangenheit. Rinas Mutter, Elvira, war damals zu klein, um etwas zu wissen. Noch dazu fühlt sich Rina ihrer Tante näher als ihrer Mutter.
Alisha Gamisch beweist in Parasiti eine bemerkenswerte erzählerische Kraft: Mit großer Sensibilität und Präzision verwebt sie individuelle Schicksale zu einem vielschichtigen Generationenporträt.
Das Leben von Rina steht noch am Anfang und sie hat nicht viel zu erzählen, deshalb sind die Kapitel mit Lydias oder Vallis Geschichten spannender und intensiver, obwohl Rina darin eine wichtige Rolle spielt. Sie ist es, die uns Verbindungen zeigt, und auch, dass die Vergangenheit unserer Vorfahren in uns weiterleben kann. Wir verstehen, dass sich grundsätzlich nicht viel geändert hat, zum Beispiel kann Anpassungsfähigkeit eine wichtige Eigenschaft sein, um zu überleben, besonders wenn man eine Frau ist: „Rina lernte, dass man zu einem Mann nicht direkt Nein sagt, sondern dass es andere Wege gibt. Am besten, man drapiert alles um ihn herum so, dass er glaubt, er bekäme, was er will. So wendet man das Schlimmste ab, ohne sich in eine Auseinandersetzung zu begeben. In dieser Fähigkeit wurde sie trainiert – von ihrer Mutter, der Tante und der Oma auf je verschiedene Art und Weise.“
Graswurzel-Feminismus
Rina ist nicht von ihren Beziehungen mit Jungen begeistert, sie nennt ihre Freunde die „Jeweiligen“. Sie glaubt, wenn sie versteht, warum das Gesicht ihrer Oma wie aus Granit schien, als diese eine Wurfsendung von Abtreibungsgegnern erhielt, würde sie auch verstehen, warum es so schwer ist, sich ihren Freund Fra als einen „Bleibenden“ vorzustellen und nicht als einen „Jeweiligen“. Rina „will die Kilometer, die in ihren Genen liegen, zurückspulen wie eine Kassette aus ihrer Kindheit. Sie will an den Seilen ziehen, um zu sehen, wie weit sie nachgeben.“
Anfangs war es schwierig, russische Wörter im Text zu erkennen, zumal sie nach phonetischen und nicht nach orthografischen Regeln geschrieben sind (z. B. „Balnitza“, „Sdarovje“, „padashdi“). In einem Interview gesteht die Autorin, dass ihr diese Wörter, wie Stolpersteine, wichtig sind. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran, und sie verleihen dem Text Authentizität – sowie eine zusätzliche Bedeutungsebene für diejenigen Leserinnen und Leser, die Russisch verstehen. Für diejenigen, die dieser Sprache fernstehen, gibt es am Ende des Buches ein Glossar, mit dessen Hilfe man viel über das Leben der Russlanddeutschen erfahren kann.
Alisha Gamisch ist nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Feministin. Der Roman ging mir sehr nahe, und zwar nicht nur, weil ich selbst die ersten zehn Jahre meines Lebens in der belarussischen SSR verbracht habe, sondern auch, weil meine Familie ebenfalls eine Familie von Frauen ist. Der Text ist aus der Perspektive von Frauen geschrieben, aber was noch wichtiger ist: Ihre Sichtweise offenbart uns eine Form des Graswurzel-Feminismus, wie er in der UdSSR existierte. Alisha Gamisch schildert das Leben von Frauen, die mit Männern nicht gerade Glück hatten (und das ist noch milde ausgedrückt). Der Roman ist natürlich aus der Lesersicht feministisch, aber er ist auch universell menschlich, denn die Probleme der Frauen sind die Probleme der Menschheit.
Lydia wartet, wie die meisten Frauen, die mit patriarchalischen Märchen aufgewachsen sind, auf die Begegnung mit ihrem Prinzen, und sie scheint ihn zu finden – den Musiker Saschka mit den dunklen Augen: „Sie dachte, er war ein Feingeistiger, ein Sensibler, weil er sein Instrument so wehmütig spielte, … so ein Talentierter, bestimmt auch in anderen Bereichen ein guter Arbeiter sei, und so zärtlich, wie er sein Saxofon spielte, so zärtlich wäre er bestimmt auch als Ehemann.“
Doch wie im Märchen verwandelt sich ihr Prinz (obwohl dies nur für Lydia gilt; ihre Schwester und ihre Tante sagten ihr sofort, er sei ein Nichtsnutz) in einen arbeitslosen Alkoholiker, der „sich abends lieber mit den Orchesterfreunden traf, als mit ihr Zeit zu verbringen oder Geld zu verdienen“. Für Lydia, die Ordnung und Schönheit sehr schätzte, war ihr neues Leben mit Männern (ihrem Mann und ihrem Schwiegervater) hart: „Zwei Männer produzierten Dreck, der mit vielen verschiedenen Methoden und einer Kraft, die sie wer weiß woher holte, entfernt werden musste“.
Die schlimmste Folge des Zusammenlebens mit Saschka war jedoch eine ungewollte Schwangerschaft. Aus der Erzählung geht hervor, dass Lydia (wie viele Frauen damals) keine Ahnung vom Sexualleben hatte, nicht wusste, wie man sich schützt und was man im Bett überhaupt tun soll. Deshalb legte sie sich nachts erst hin, wenn ihr Mann bereits eingeschlafen war, um seinen Annäherungsversuchen zu entgehen, deshalb gingen so viele Frauen zur Abtreibung. Legal oder illegal – sogar in einem Krankenhaus endeten solche Geschichten oft mit dem Tod der Patientin oder mit vielen Schmerzen und Gesundheitsproblemen.
Während der Lektüre, fragt man sich, wer mit „Parasiten“ gemeint sein könnte. Ist es Valli, ein Kuckuckskind, sind es russische Deutsche in der UdSSR oder später in Deutschland, sind es die Männer oder die Menschen überhaupt? Oder ist es eine bittere Ironie? Jede und jeder kann für sich selbst entscheiden. Parasiti ist eine stark realistische Prosa, die auch subtile poetische Elemente hat: der Nebel, der „hartnäckig hängt“, oder ein Satz wie: „alles hier ist fremd, sogar die eigene Freiheit“. Auch wenn Lydia bei der Abtreibung ist und sich abzulenken versucht: „Sie bereitet sich innerlich darauf vor, indem sie mit geschlossenen Augen verschiedene Sticharten aufzählt: Kreuzstich, Heftstich, Reihstich, Hexenstich“.
Obwohl Lydia selbst ein „Fremdkörper“ in der UdSSR war, zeigte sie keinerlei Empathie und Solidarität gegenüber ihrer Arbeitskollegin, einer Kalmückin. Lydia will nichts mit Marusja zu tun haben, aber gerade die wird ihre Freundin. Der Wunsch, wie alle anderen zu sein – diktiert von der unbewussten Angst, zum Sündenbock und zum Prügelmädchen zu werden –, prägt in Lydia die Fähigkeit, sich anzupassen, sich nicht hervorzutun und nach dem Prinzip „lieber sie als uns“ zu leben, oder wie Valli Geranien zu pflanzen, als sie schon in Deutschland ist, weil „die deutschen Deutschen Geranien lieben“.
Der Staat findet immer einen Grund, um mit dir unzufrieden zu sein und dir Angst zu machen: In Deutschland warst du Kommunist und sowjetischer Spion, in der UdSSR warst du Faschist. Und in der patriarchalischen Gesellschaft bist du als Frau immer selbst schuld. Der Roman wirft wichtige Fragen zur Identität von Menschen auf, die über Generationen hinweg als Minderheit in einem fernen Land gelebt haben, die keinen einzigen Ort als ihre Heimat bezeichnen können, weil es mehrere gibt oder gar keinen, denn Heimat besteht für sie eher in Menschen als in geografischen Koordinaten.
Parasiti ist ein beeindruckender Roman, der am Beispiel einer Familie die Tragödie des Schicksals der Frauen und der russischen Deutschen in der UdSSR beleuchtet. Wer mehr über die Geschichte von Alisha Gamisch und ihrer Oma lesen möchte, aber in poetischer Form, sollte sich den Gedichtband Lustdorf (Verlagshaus Berlin, 2020) besorgen.
Alisha Gamisch : Parasiti. Voland & Quist 2026, 240 S. ISBN: 9783863914660
Der Roman „Parasiti“ von Alisha Gamisch>
Zwischen dem Nowosibirsk der 1960er Jahre und dem Fürstenfeldbruck der Gegenwart folgt Alisha Gamisch in ihrem Debütroman Parasiti den Lebenswegen dreier russlanddeutscher Frauen. Wie das gelingt, hat sich die belarussische Schriftstellerin Volha Hapeyeva angesehen.
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Wenn die ältere Generation verstummt, ist es an der Zeit, dass die Nachkommen Interesse an ihrer Vergangenheit zeigen. Dieser Weg ist nicht immer einfach und sicher. Es ist auch nicht selbstverständlich, dass die neue Generation Interesse an der Vergangenheit zeigt, daran, wo ihre Geschichte begann. Viele kommen erst zu spät darauf, wenn die Großeltern bereits verstorben sind und es niemanden mehr gibt, den man fragen könnte. Ein weiteres Problem – und das sehen wir auch an Alisha Gamischs Debütroman Parasiti – ist, dass die ältere Generation die Vergangenheit ruhen lassen will und deshalb lieber schweigt. Man muss alles aus ihnen herauskitzeln, so wie Rina, einer der Hauptfiguren, es bei ihrer Tante Valli tut.
Der Roman hat zwei Hauptzeitebenen – „damals“ und „heute“ – und eine Perspektive löst die nächste ab. Obwohl die Erzählung in der dritten Person erfolgt, haben wir bei jedem Zeitsprung das Gefühl, die Stimmen der Hauptfiguren zu hören. In Nowosibirsk der 1960er ist es die Stimme von Lydia Feindlich, einer Näherin, die in einer Fabrik arbeitet. Ihre Biografie – Deportation, Leben in der Sowjetunion, später Umzug nach Deutschland – ist die einer Russlanddeutschen. In der Gegenwart, 2021, geht der Staffelstab an Lydias Enkelin Rina in Fürstenfeldbruck über, eine Studentin, die mehr über ihre Familie wissen will und sogar nach Odessa, Nowosibirsk oder an die Wolga reisen möchte, denn „vielleicht können Orte bessere Antworten geben als Menschen“.
Dazwischen ist Lydias Nichte Valli; sie gehört zur mittleren Generation der Familie. Nachdem die Großmutter verstummt ist, ist Valli für Rina die einzige Verbindung zur Vergangenheit. Rinas Mutter, Elvira, war damals zu klein, um etwas zu wissen. Noch dazu fühlt sich Rina ihrer Tante näher als ihrer Mutter.
Alisha Gamisch beweist in Parasiti eine bemerkenswerte erzählerische Kraft: Mit großer Sensibilität und Präzision verwebt sie individuelle Schicksale zu einem vielschichtigen Generationenporträt.
Das Leben von Rina steht noch am Anfang und sie hat nicht viel zu erzählen, deshalb sind die Kapitel mit Lydias oder Vallis Geschichten spannender und intensiver, obwohl Rina darin eine wichtige Rolle spielt. Sie ist es, die uns Verbindungen zeigt, und auch, dass die Vergangenheit unserer Vorfahren in uns weiterleben kann. Wir verstehen, dass sich grundsätzlich nicht viel geändert hat, zum Beispiel kann Anpassungsfähigkeit eine wichtige Eigenschaft sein, um zu überleben, besonders wenn man eine Frau ist: „Rina lernte, dass man zu einem Mann nicht direkt Nein sagt, sondern dass es andere Wege gibt. Am besten, man drapiert alles um ihn herum so, dass er glaubt, er bekäme, was er will. So wendet man das Schlimmste ab, ohne sich in eine Auseinandersetzung zu begeben. In dieser Fähigkeit wurde sie trainiert – von ihrer Mutter, der Tante und der Oma auf je verschiedene Art und Weise.“
Graswurzel-Feminismus
Rina ist nicht von ihren Beziehungen mit Jungen begeistert, sie nennt ihre Freunde die „Jeweiligen“. Sie glaubt, wenn sie versteht, warum das Gesicht ihrer Oma wie aus Granit schien, als diese eine Wurfsendung von Abtreibungsgegnern erhielt, würde sie auch verstehen, warum es so schwer ist, sich ihren Freund Fra als einen „Bleibenden“ vorzustellen und nicht als einen „Jeweiligen“. Rina „will die Kilometer, die in ihren Genen liegen, zurückspulen wie eine Kassette aus ihrer Kindheit. Sie will an den Seilen ziehen, um zu sehen, wie weit sie nachgeben.“
Anfangs war es schwierig, russische Wörter im Text zu erkennen, zumal sie nach phonetischen und nicht nach orthografischen Regeln geschrieben sind (z. B. „Balnitza“, „Sdarovje“, „padashdi“). In einem Interview gesteht die Autorin, dass ihr diese Wörter, wie Stolpersteine, wichtig sind. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran, und sie verleihen dem Text Authentizität – sowie eine zusätzliche Bedeutungsebene für diejenigen Leserinnen und Leser, die Russisch verstehen. Für diejenigen, die dieser Sprache fernstehen, gibt es am Ende des Buches ein Glossar, mit dessen Hilfe man viel über das Leben der Russlanddeutschen erfahren kann.
Alisha Gamisch ist nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Feministin. Der Roman ging mir sehr nahe, und zwar nicht nur, weil ich selbst die ersten zehn Jahre meines Lebens in der belarussischen SSR verbracht habe, sondern auch, weil meine Familie ebenfalls eine Familie von Frauen ist. Der Text ist aus der Perspektive von Frauen geschrieben, aber was noch wichtiger ist: Ihre Sichtweise offenbart uns eine Form des Graswurzel-Feminismus, wie er in der UdSSR existierte. Alisha Gamisch schildert das Leben von Frauen, die mit Männern nicht gerade Glück hatten (und das ist noch milde ausgedrückt). Der Roman ist natürlich aus der Lesersicht feministisch, aber er ist auch universell menschlich, denn die Probleme der Frauen sind die Probleme der Menschheit.
Lydia wartet, wie die meisten Frauen, die mit patriarchalischen Märchen aufgewachsen sind, auf die Begegnung mit ihrem Prinzen, und sie scheint ihn zu finden – den Musiker Saschka mit den dunklen Augen: „Sie dachte, er war ein Feingeistiger, ein Sensibler, weil er sein Instrument so wehmütig spielte, … so ein Talentierter, bestimmt auch in anderen Bereichen ein guter Arbeiter sei, und so zärtlich, wie er sein Saxofon spielte, so zärtlich wäre er bestimmt auch als Ehemann.“
Doch wie im Märchen verwandelt sich ihr Prinz (obwohl dies nur für Lydia gilt; ihre Schwester und ihre Tante sagten ihr sofort, er sei ein Nichtsnutz) in einen arbeitslosen Alkoholiker, der „sich abends lieber mit den Orchesterfreunden traf, als mit ihr Zeit zu verbringen oder Geld zu verdienen“. Für Lydia, die Ordnung und Schönheit sehr schätzte, war ihr neues Leben mit Männern (ihrem Mann und ihrem Schwiegervater) hart: „Zwei Männer produzierten Dreck, der mit vielen verschiedenen Methoden und einer Kraft, die sie wer weiß woher holte, entfernt werden musste“.
Die schlimmste Folge des Zusammenlebens mit Saschka war jedoch eine ungewollte Schwangerschaft. Aus der Erzählung geht hervor, dass Lydia (wie viele Frauen damals) keine Ahnung vom Sexualleben hatte, nicht wusste, wie man sich schützt und was man im Bett überhaupt tun soll. Deshalb legte sie sich nachts erst hin, wenn ihr Mann bereits eingeschlafen war, um seinen Annäherungsversuchen zu entgehen, deshalb gingen so viele Frauen zur Abtreibung. Legal oder illegal – sogar in einem Krankenhaus endeten solche Geschichten oft mit dem Tod der Patientin oder mit vielen Schmerzen und Gesundheitsproblemen.
Während der Lektüre, fragt man sich, wer mit „Parasiten“ gemeint sein könnte. Ist es Valli, ein Kuckuckskind, sind es russische Deutsche in der UdSSR oder später in Deutschland, sind es die Männer oder die Menschen überhaupt? Oder ist es eine bittere Ironie? Jede und jeder kann für sich selbst entscheiden. Parasiti ist eine stark realistische Prosa, die auch subtile poetische Elemente hat: der Nebel, der „hartnäckig hängt“, oder ein Satz wie: „alles hier ist fremd, sogar die eigene Freiheit“. Auch wenn Lydia bei der Abtreibung ist und sich abzulenken versucht: „Sie bereitet sich innerlich darauf vor, indem sie mit geschlossenen Augen verschiedene Sticharten aufzählt: Kreuzstich, Heftstich, Reihstich, Hexenstich“.
Obwohl Lydia selbst ein „Fremdkörper“ in der UdSSR war, zeigte sie keinerlei Empathie und Solidarität gegenüber ihrer Arbeitskollegin, einer Kalmückin. Lydia will nichts mit Marusja zu tun haben, aber gerade die wird ihre Freundin. Der Wunsch, wie alle anderen zu sein – diktiert von der unbewussten Angst, zum Sündenbock und zum Prügelmädchen zu werden –, prägt in Lydia die Fähigkeit, sich anzupassen, sich nicht hervorzutun und nach dem Prinzip „lieber sie als uns“ zu leben, oder wie Valli Geranien zu pflanzen, als sie schon in Deutschland ist, weil „die deutschen Deutschen Geranien lieben“.
Der Staat findet immer einen Grund, um mit dir unzufrieden zu sein und dir Angst zu machen: In Deutschland warst du Kommunist und sowjetischer Spion, in der UdSSR warst du Faschist. Und in der patriarchalischen Gesellschaft bist du als Frau immer selbst schuld. Der Roman wirft wichtige Fragen zur Identität von Menschen auf, die über Generationen hinweg als Minderheit in einem fernen Land gelebt haben, die keinen einzigen Ort als ihre Heimat bezeichnen können, weil es mehrere gibt oder gar keinen, denn Heimat besteht für sie eher in Menschen als in geografischen Koordinaten.
Parasiti ist ein beeindruckender Roman, der am Beispiel einer Familie die Tragödie des Schicksals der Frauen und der russischen Deutschen in der UdSSR beleuchtet. Wer mehr über die Geschichte von Alisha Gamisch und ihrer Oma lesen möchte, aber in poetischer Form, sollte sich den Gedichtband Lustdorf (Verlagshaus Berlin, 2020) besorgen.
Alisha Gamisch : Parasiti. Voland & Quist 2026, 240 S. ISBN: 9783863914660
