Rezension zu Philip Krömers „Kumari“
Ein Mädchen in Nepal lebt als wiedergeborene Göttin, eingesperrt in einem Tempel. Während ihr zu Ehren ein blutiges Opferfest gefeiert wird, bereiten Rebellen im Hinterland den Sturz des Monarchen vor. Frei nach historischen Ereignissen um die Kindgöttin Kumari greift Philip Krömer in seinem gleichnamigen Roman (2025) ein Thema auf, das so noch nie erzählt wurde. Sophie Wiederroth hat ihn für uns gelesen.
*
Wer an Nepal denkt, sieht meist den Mount Everest, die Gipfel des Himalaya oder farbenfrohe Gebetsflaggen und freundliche Menschen vor sich. Doch Philip Krömer lenkt in seinem Roman Kumari den Blick auf die Schatten und Mythen des Landes: Er thematisiert das Königsmassaker von 2001 – jene Zäsur, die das Ende der Monarchie einläutete. Ebenso intensiv ergründet er das Phänomen der Royal Kumari: jener kindlichen Gottheit, die als Reinkarnation der Göttin Taleju von Buddhisten und Hindus gleichermaßen verehrt wird, bis sie mit der Pubertät ihren göttlichen Status wieder verliert.
Krömer, ein bayerischer Autor mit Wurzeln in Amberg, hat mit Kumari (Septime Verlag, 2025) einen Roman geschaffen, der Bilder wie in einem Kaleidoskop entwirft: vielschichtig, ineinander übergehend, im ständigen Wandel und Werden. Das Nepal, das er uns beschreibt, ist fremd, aber nicht exotisch-kitschig. Es ist schwülstig und laut; die Leser werden von einer Unruhe getrieben, ähnlich den Teilnehmern des Dashain-Festes, das im Roman breite Erwähnung findet. Doch unter der feierlichen Atmosphäre brodelt es.
Wir folgen drei wichtigen Personen: zunächst der Kindgöttin Kumari. Sie ahnt, dank ihres dritten Auges, drohendes Unheil, ohne es exakt vorhersehen zu können. Ihre Figur ist komplex, durch sie spricht das Göttliche, und doch ist sie immer noch ein Kind. Krömer tastet den Mythos der Kumari nicht an, auch wenn man subtil eine ironische Distanzierung spürt, indem er sie selbst sprechen und sie als das erscheinen lässt, was die Gläubigen in ihr sehen: eine wissende und starke Göttin im Körper eines unschuldigen Kindes. Die Kumari in seinem Roman beobachtet ein kleines Partisanenmädchen namens Rupa Rana. Obwohl ihre Ziele unterschiedlicher nicht sein könnten – der Monarchismus auf der einen, der Maoismus auf der anderen Seite –, fühlt Kumari eine starke Sympathie für das Mädchen, das in jungen Jahren an einen Großbauern verkauft wurde und nun das Wort der Maoisten in die Welt tragen will. Ein Auftrag führt sie über die Berge bis ins chaotische und korrupte Kathmandu. Krömer seziert sehr genau, wie beschnitten die Freiheit beider Mädchen ist und wie fremdbestimmt ihr Leben.
Und schließlich erfahren wir von Dipendra, dem übersättigten Kronprinzen, der schon lange mit den Maoisten liebäugelt. Wunderbar ist eine Szene, in der Dipendra Stunden um Stunden Essen in sich hineinschlingt und doch nicht satt werden kann. Sein Hunger ist kein physischer, er hungert nach Sinn, nach Bedeutung, ist wütend in seiner Jugend, will umstürzen, provozieren. Dicht und kenntnisreich geschrieben steuert der Roman schließlich auf ein furioses Finale zu. In Kumari ist wirklich fast kaum ein Wort überflüssig, jede Szene scheint bedeutungsvoll. Es reicht das Winken der Hand des Königsvaters Birendra, um eine unheilvolle Entwicklung in Gang zu setzen. Eine vermeintliche Nebensächlichkeit, ähnlich einem „hustenden Charakter“ im Film, der bereits das bittere Ende ankündigt (ein bekannter Erzählkniff, oft „Tschechows Waffe“ genannt). Spannend ist, wie sich die gegensätzlichen Strömungen Monarchismus und Maoismus immer weiter zuspitzen, bis der Konflikt und die Konfrontation alles erschüttern und jeden mitreißen. Mit dem Beginn von Kumaris Menarche, der allerersten Menstruationsblutung im Leben eines Mädchens, ist nicht nur ihr persönliches Schicksal besiegelt (denn eine Göttin ist sie nun nicht mehr), sondern auch das Schicksal des Herrschers Birendra. Der Weg ist nun frei für die Maoisten.
Man liest und fühlt sich in eine unvertraute, längst vergangene Ära zurückversetzt, voller Riten, Traditionen und Geheimnisse. Wir riechen die Stadt mit ihren Autorikschas, gleiten durch verwinkelte Städte, flüchten vor wilden Tieren in den Bergen. Nur manchmal können wir die Zeit besser verorten, etwa wenn wir von westlichen Touristen in Sportkleidung lesen oder von Singapur, dem Staat der sich erst in den 1960er-Jahren zu einer souveränen und unabhängigen Republik entwickelte. Durch seine Überfülle an Referenzen gelingt es Krömer, dass der Roman nicht nur als Politkrimi gelesen werden kann, sondern auch als Historien- und Gesellschaftsroman, der seinen Leser mit magischem Realismus umspielt und zugleich herausfordert. Denn es bleibt nicht viel Raum für fantasievolle Anreicherung im eigenen Kopf, die Bilder für uns malt der Autor selbst.
Es ist aber auch genau diese Fülle, die einen das Buch kaum in einem Zug weglesen lässt. Ständig wird man kognitiv gekitzelt, folgt Informationen und recherchiert nach, will noch mehr und noch tiefer wissen. Leicht vergisst man dabei, dass einiges im Roman spekulativer Natur ist. Wir wissen z.B. nichts über die wahren Beweggründe für Dipendras Taten, eine Rupa Rana hat es so sicher nicht gegeben, die Kumari ist aller Wahrscheinlichkeit nach keine allwissende Göttin. Aber was wäre die Alternative? Ein nie geschriebenes Buch und ein Verlust für jeden, der Freude an spannender, gut recherchierter Zeitgeschichte hat, ob sie nun fiktiv angereichert ist oder nicht. Das Sujet ist jedenfalls originär – so intensiv haben wir von Nepal noch nicht gelesen. Dabei werfen wir mehr als nur einen Blick durchs Schlüsselloch, wir werden an die Hand genommen, von Berg zu Tal, von Tempel zu Palast. Näher dran an Nepal war man selten.
Philip Krömer: Kumari. Roman. Septime Verlag 2025, 216 S., ISBN: 978-3-99120-059-8
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Ein Mädchen in Nepal lebt als wiedergeborene Göttin, eingesperrt in einem Tempel. Während ihr zu Ehren ein blutiges Opferfest gefeiert wird, bereiten Rebellen im Hinterland den Sturz des Monarchen vor. Frei nach historischen Ereignissen um die Kindgöttin Kumari greift Philip Krömer in seinem gleichnamigen Roman (2025) ein Thema auf, das so noch nie erzählt wurde. Sophie Wiederroth hat ihn für uns gelesen.
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Wer an Nepal denkt, sieht meist den Mount Everest, die Gipfel des Himalaya oder farbenfrohe Gebetsflaggen und freundliche Menschen vor sich. Doch Philip Krömer lenkt in seinem Roman Kumari den Blick auf die Schatten und Mythen des Landes: Er thematisiert das Königsmassaker von 2001 – jene Zäsur, die das Ende der Monarchie einläutete. Ebenso intensiv ergründet er das Phänomen der Royal Kumari: jener kindlichen Gottheit, die als Reinkarnation der Göttin Taleju von Buddhisten und Hindus gleichermaßen verehrt wird, bis sie mit der Pubertät ihren göttlichen Status wieder verliert.
Krömer, ein bayerischer Autor mit Wurzeln in Amberg, hat mit Kumari (Septime Verlag, 2025) einen Roman geschaffen, der Bilder wie in einem Kaleidoskop entwirft: vielschichtig, ineinander übergehend, im ständigen Wandel und Werden. Das Nepal, das er uns beschreibt, ist fremd, aber nicht exotisch-kitschig. Es ist schwülstig und laut; die Leser werden von einer Unruhe getrieben, ähnlich den Teilnehmern des Dashain-Festes, das im Roman breite Erwähnung findet. Doch unter der feierlichen Atmosphäre brodelt es.
Wir folgen drei wichtigen Personen: zunächst der Kindgöttin Kumari. Sie ahnt, dank ihres dritten Auges, drohendes Unheil, ohne es exakt vorhersehen zu können. Ihre Figur ist komplex, durch sie spricht das Göttliche, und doch ist sie immer noch ein Kind. Krömer tastet den Mythos der Kumari nicht an, auch wenn man subtil eine ironische Distanzierung spürt, indem er sie selbst sprechen und sie als das erscheinen lässt, was die Gläubigen in ihr sehen: eine wissende und starke Göttin im Körper eines unschuldigen Kindes. Die Kumari in seinem Roman beobachtet ein kleines Partisanenmädchen namens Rupa Rana. Obwohl ihre Ziele unterschiedlicher nicht sein könnten – der Monarchismus auf der einen, der Maoismus auf der anderen Seite –, fühlt Kumari eine starke Sympathie für das Mädchen, das in jungen Jahren an einen Großbauern verkauft wurde und nun das Wort der Maoisten in die Welt tragen will. Ein Auftrag führt sie über die Berge bis ins chaotische und korrupte Kathmandu. Krömer seziert sehr genau, wie beschnitten die Freiheit beider Mädchen ist und wie fremdbestimmt ihr Leben.
Und schließlich erfahren wir von Dipendra, dem übersättigten Kronprinzen, der schon lange mit den Maoisten liebäugelt. Wunderbar ist eine Szene, in der Dipendra Stunden um Stunden Essen in sich hineinschlingt und doch nicht satt werden kann. Sein Hunger ist kein physischer, er hungert nach Sinn, nach Bedeutung, ist wütend in seiner Jugend, will umstürzen, provozieren. Dicht und kenntnisreich geschrieben steuert der Roman schließlich auf ein furioses Finale zu. In Kumari ist wirklich fast kaum ein Wort überflüssig, jede Szene scheint bedeutungsvoll. Es reicht das Winken der Hand des Königsvaters Birendra, um eine unheilvolle Entwicklung in Gang zu setzen. Eine vermeintliche Nebensächlichkeit, ähnlich einem „hustenden Charakter“ im Film, der bereits das bittere Ende ankündigt (ein bekannter Erzählkniff, oft „Tschechows Waffe“ genannt). Spannend ist, wie sich die gegensätzlichen Strömungen Monarchismus und Maoismus immer weiter zuspitzen, bis der Konflikt und die Konfrontation alles erschüttern und jeden mitreißen. Mit dem Beginn von Kumaris Menarche, der allerersten Menstruationsblutung im Leben eines Mädchens, ist nicht nur ihr persönliches Schicksal besiegelt (denn eine Göttin ist sie nun nicht mehr), sondern auch das Schicksal des Herrschers Birendra. Der Weg ist nun frei für die Maoisten.
Man liest und fühlt sich in eine unvertraute, längst vergangene Ära zurückversetzt, voller Riten, Traditionen und Geheimnisse. Wir riechen die Stadt mit ihren Autorikschas, gleiten durch verwinkelte Städte, flüchten vor wilden Tieren in den Bergen. Nur manchmal können wir die Zeit besser verorten, etwa wenn wir von westlichen Touristen in Sportkleidung lesen oder von Singapur, dem Staat der sich erst in den 1960er-Jahren zu einer souveränen und unabhängigen Republik entwickelte. Durch seine Überfülle an Referenzen gelingt es Krömer, dass der Roman nicht nur als Politkrimi gelesen werden kann, sondern auch als Historien- und Gesellschaftsroman, der seinen Leser mit magischem Realismus umspielt und zugleich herausfordert. Denn es bleibt nicht viel Raum für fantasievolle Anreicherung im eigenen Kopf, die Bilder für uns malt der Autor selbst.
Es ist aber auch genau diese Fülle, die einen das Buch kaum in einem Zug weglesen lässt. Ständig wird man kognitiv gekitzelt, folgt Informationen und recherchiert nach, will noch mehr und noch tiefer wissen. Leicht vergisst man dabei, dass einiges im Roman spekulativer Natur ist. Wir wissen z.B. nichts über die wahren Beweggründe für Dipendras Taten, eine Rupa Rana hat es so sicher nicht gegeben, die Kumari ist aller Wahrscheinlichkeit nach keine allwissende Göttin. Aber was wäre die Alternative? Ein nie geschriebenes Buch und ein Verlust für jeden, der Freude an spannender, gut recherchierter Zeitgeschichte hat, ob sie nun fiktiv angereichert ist oder nicht. Das Sujet ist jedenfalls originär – so intensiv haben wir von Nepal noch nicht gelesen. Dabei werfen wir mehr als nur einen Blick durchs Schlüsselloch, wir werden an die Hand genommen, von Berg zu Tal, von Tempel zu Palast. Näher dran an Nepal war man selten.
Philip Krömer: Kumari. Roman. Septime Verlag 2025, 216 S., ISBN: 978-3-99120-059-8




