Rezension zum Roman „Berchtesgaden“ von Carolin Otto
Carolin Otto ist Autorin und Regisseurin mehrerer Kinofilme und hat Drehbücher für zahlreiche Fernsehproduktionen verfasst. Das merkt man auch ihrem ersten Roman Berchtesgaden (2025) an, dessen Aufbau und Struktur immer wieder an ein spannendes Drehbuch erinnern, meint Klaus Hübner.
*
Das Drehbuch wird von der seriösen Literaturkritik oft nicht ernst genommen, zumindest wird es etwas scheel betrachtet. Können Drehbuchprofis überhaupt gute Romane schreiben? Oder bestenfalls Unterhaltungsliteratur? Die jedoch wird, nicht immer zu Recht, oft als allzu leichte Kolportage angesehen, als Trivial- oder gar als Vulgärliteratur, und der Verdacht, man habe Kitsch, Schwulst oder Schund vor sich, liegt immer in der Luft. Es soll sogar nachdenkliche Mitmenschen geben, die Produkte aus dem Hause Bastei Lübbe nur mit spitzen Fingern anfassen – oder gar nicht, aus Prinzip. Solchen immer schon etwas elitären oder gar ignoranten Kritikerinnen und Kritikern sei geraten, bei Berchtesgaden eine Ausnahme zu machen.
Dieser Roman ist auf jeden Fall rasant und flott erzählt, lebensnah und kraftvoll und farbig, und der rote Faden der Geschehnisse bleibt immer nachvollziehbar. Doch Berchtesgaden bietet noch sehr viel mehr. Auch wenn der Begriff vielfach überstrapaziert wurde und wird – man kann das, was Carolin Otto hier präsentiert, durchaus auch „Aufklärung“ nennen.
Die Autorin erzählt von chaotischen „Ausnahmezeiten“ im Sommer 1945, in denen das Berchtesgadener Land „voller Not, Rachsucht und Konkurrenz“ war – „und irgendwie hing doch alles mit dem Krieg zusammen“. In rasch wechselnden Szenen konfrontiert uns der umfangreiche Roman mit einer Fülle von markanten Charakteren, die, von Diktatur und Krieg gezeichnet, vor der vom Watzmannmassiv beherrschten imposanten Bergkulisse Berchtesgadens mit- und oft auch gegeneinander agieren. Der Krieg ist vorbei, Hitler ist tot, die Hakenkreuzfahnen und jegliche Nazi-Reminiszenzen sind schlagartig verschwunden. Die Alliierten haben gerade die letzten Bastionen des „Tausendjährigen Reichs“ eingenommen, den Obersalzberg und das Kehlsteinhaus, und die Besatzer, die nur von sehr wenigen Leuten als Befreier wahrgenommen werden, versuchen mit legalen und bisweilen auch weniger astreinen Mitteln, eine neue, demokratische Ordnung zu etablieren. Viele Nazibonzen sind auf der Flucht in den Süden, die Menschen im Tal leiden Not, haben Hunger und wissen oft nicht, wie das Leben weitergehen könnte. Eine von ihnen ist die 19-jährige Sophie Gruber.
Sophies Bruder, der schneidige Frauenheld und Tausendsassa Max, war und ist überzeugter SS-Mann, der grausame Verbrechen wider die Menschlichkeit begangen hat und sich jetzt, ohne Schuldbewusstsein oder gar Reue, in einer Berghütte versteckt. Das verschweigt Sophie, als sie sich auf eine Stelle beim Military Government bewirbt – und sie trotz ihrer bescheidenen Englischkenntnisse auch bekommt.
Nun aber wird sie mit den ungeheuerlichen Verbrechen konfrontiert, die im Namen des deutschen Volkes begangen wurden. Und sie trifft Menschen, die ihre Sicht auf die Geschehnisse im „Dritten Reich“ und damit auch auf die eigene Familie radikal verändern. Ihren Vorgesetzten etwa, den jüdischen Emigranten Frank, der mit der US-Army in ein Bayern zurückgekehrt ist, in dem fast alle „von nichts gewusst“ haben wollen. Oder die Weltläufigkeit, Glamour und Erotik ausstrahlende Reporterin Meg, die das Treiben der Alliierten mit ihrer Kamera begleitet. Den einst von einem „Kumpel“ denunzierten und zum Tode verurteilten homosexuellen Unternehmer Rudolf Kriss, der zum neuen Bürgermeister der Stadt ernannt wird.
Zahlreiche andere Personen, von arroganten Ex-Offizieren und unverbesserlichen „Nazissen“ über ehemalige Zwangsarbeiter und Displaced Persons bis hin zu opportunistischen Geschäftemachern, harmlos-herzensguten Hausfrauen und bodenständigen Almbauern. Und den schwarzen GI Sam, dem diese Deutschen für immer rätselhaft bleiben werden – und in den Sophie sich unsterblich verliebt. Ein höchst spannungsreiches Setting also, gut recherchiert und fest in der Zeitgeschichte verankert.
Das Buch zeigt glaubhaft, dass es auch 1945 nicht nur schwarz und weiß gab, sondern unendlich viele Grautöne. So wenig wie Lion Feuchtwangers Roman Erfolg (1930), den Sophie Gruber übrigens mit Begeisterung und Staunen liest, ist Berchtesgaden ein „Schlüsselroman“ – die Autorin hat sich, wie sie in ihrem Nachwort darlegt, profunde Gedanken zu „faction“ und „fiction“ gemacht. Ihr unterhaltsamer Schmöker, den man sich auch gut als Fernsehserie vorstellen kann, räumt manche Lügen und Halbwahrheiten aus dem Weg. Berchtesgaden ist „Aufklärung“ im besten Sinne des Wortes.
Carolin Otto: Berchtesgaden. Bastei Lübbe Verlag: 2025. 543 S.
Die Rezension erschien in einer annähernd identischen Fassung bei
literaturkritik.de.
Rezension zum Roman „Berchtesgaden“ von Carolin Otto>
Carolin Otto ist Autorin und Regisseurin mehrerer Kinofilme und hat Drehbücher für zahlreiche Fernsehproduktionen verfasst. Das merkt man auch ihrem ersten Roman Berchtesgaden (2025) an, dessen Aufbau und Struktur immer wieder an ein spannendes Drehbuch erinnern, meint Klaus Hübner.
*
Das Drehbuch wird von der seriösen Literaturkritik oft nicht ernst genommen, zumindest wird es etwas scheel betrachtet. Können Drehbuchprofis überhaupt gute Romane schreiben? Oder bestenfalls Unterhaltungsliteratur? Die jedoch wird, nicht immer zu Recht, oft als allzu leichte Kolportage angesehen, als Trivial- oder gar als Vulgärliteratur, und der Verdacht, man habe Kitsch, Schwulst oder Schund vor sich, liegt immer in der Luft. Es soll sogar nachdenkliche Mitmenschen geben, die Produkte aus dem Hause Bastei Lübbe nur mit spitzen Fingern anfassen – oder gar nicht, aus Prinzip. Solchen immer schon etwas elitären oder gar ignoranten Kritikerinnen und Kritikern sei geraten, bei Berchtesgaden eine Ausnahme zu machen.
Dieser Roman ist auf jeden Fall rasant und flott erzählt, lebensnah und kraftvoll und farbig, und der rote Faden der Geschehnisse bleibt immer nachvollziehbar. Doch Berchtesgaden bietet noch sehr viel mehr. Auch wenn der Begriff vielfach überstrapaziert wurde und wird – man kann das, was Carolin Otto hier präsentiert, durchaus auch „Aufklärung“ nennen.
Die Autorin erzählt von chaotischen „Ausnahmezeiten“ im Sommer 1945, in denen das Berchtesgadener Land „voller Not, Rachsucht und Konkurrenz“ war – „und irgendwie hing doch alles mit dem Krieg zusammen“. In rasch wechselnden Szenen konfrontiert uns der umfangreiche Roman mit einer Fülle von markanten Charakteren, die, von Diktatur und Krieg gezeichnet, vor der vom Watzmannmassiv beherrschten imposanten Bergkulisse Berchtesgadens mit- und oft auch gegeneinander agieren. Der Krieg ist vorbei, Hitler ist tot, die Hakenkreuzfahnen und jegliche Nazi-Reminiszenzen sind schlagartig verschwunden. Die Alliierten haben gerade die letzten Bastionen des „Tausendjährigen Reichs“ eingenommen, den Obersalzberg und das Kehlsteinhaus, und die Besatzer, die nur von sehr wenigen Leuten als Befreier wahrgenommen werden, versuchen mit legalen und bisweilen auch weniger astreinen Mitteln, eine neue, demokratische Ordnung zu etablieren. Viele Nazibonzen sind auf der Flucht in den Süden, die Menschen im Tal leiden Not, haben Hunger und wissen oft nicht, wie das Leben weitergehen könnte. Eine von ihnen ist die 19-jährige Sophie Gruber.
Sophies Bruder, der schneidige Frauenheld und Tausendsassa Max, war und ist überzeugter SS-Mann, der grausame Verbrechen wider die Menschlichkeit begangen hat und sich jetzt, ohne Schuldbewusstsein oder gar Reue, in einer Berghütte versteckt. Das verschweigt Sophie, als sie sich auf eine Stelle beim Military Government bewirbt – und sie trotz ihrer bescheidenen Englischkenntnisse auch bekommt.
Nun aber wird sie mit den ungeheuerlichen Verbrechen konfrontiert, die im Namen des deutschen Volkes begangen wurden. Und sie trifft Menschen, die ihre Sicht auf die Geschehnisse im „Dritten Reich“ und damit auch auf die eigene Familie radikal verändern. Ihren Vorgesetzten etwa, den jüdischen Emigranten Frank, der mit der US-Army in ein Bayern zurückgekehrt ist, in dem fast alle „von nichts gewusst“ haben wollen. Oder die Weltläufigkeit, Glamour und Erotik ausstrahlende Reporterin Meg, die das Treiben der Alliierten mit ihrer Kamera begleitet. Den einst von einem „Kumpel“ denunzierten und zum Tode verurteilten homosexuellen Unternehmer Rudolf Kriss, der zum neuen Bürgermeister der Stadt ernannt wird.
Zahlreiche andere Personen, von arroganten Ex-Offizieren und unverbesserlichen „Nazissen“ über ehemalige Zwangsarbeiter und Displaced Persons bis hin zu opportunistischen Geschäftemachern, harmlos-herzensguten Hausfrauen und bodenständigen Almbauern. Und den schwarzen GI Sam, dem diese Deutschen für immer rätselhaft bleiben werden – und in den Sophie sich unsterblich verliebt. Ein höchst spannungsreiches Setting also, gut recherchiert und fest in der Zeitgeschichte verankert.
Das Buch zeigt glaubhaft, dass es auch 1945 nicht nur schwarz und weiß gab, sondern unendlich viele Grautöne. So wenig wie Lion Feuchtwangers Roman Erfolg (1930), den Sophie Gruber übrigens mit Begeisterung und Staunen liest, ist Berchtesgaden ein „Schlüsselroman“ – die Autorin hat sich, wie sie in ihrem Nachwort darlegt, profunde Gedanken zu „faction“ und „fiction“ gemacht. Ihr unterhaltsamer Schmöker, den man sich auch gut als Fernsehserie vorstellen kann, räumt manche Lügen und Halbwahrheiten aus dem Weg. Berchtesgaden ist „Aufklärung“ im besten Sinne des Wortes.
Carolin Otto: Berchtesgaden. Bastei Lübbe Verlag: 2025. 543 S.
Die Rezension erschien in einer annähernd identischen Fassung bei
literaturkritik.de.
