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Passionsspielgemeinschaft Waal e.V.

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Aufführung Passion 2015, Kreuzigung

Die Passions- und Volksschauspiele in Waal im Landkreis Ostallgäu zählen zu den ältesten Passions­spielen in Bayerisch-Schwaben. Die Passionsspiele gehen nach den bisherigen Forschungs­erkennt­nissen vermutlich auf die Pestepidemien im 17. Jahrhundert zurück und die öffentliche Verehrung einer seit 1626 in der Waaler Pfarrkirche St. Anna aufbewahrten Kreuzpartikel-Reliquie, zu der zahl­reiche Wallfahrten stattfanden. Eine 1655 daraus entstandene Heilig-Kreuz-Bruderschaft wird als ursprünglicher Träger der Spiele angesehen.

Mit Beginn des Zeitalters der Aufklärung unter Kurfürst Karl Theodor und König Max Joseph I. werden in Bayern 1770 sämtliche Passionsaufführungen verboten, mit Ausnahme der Oberammergauer und der Waaler Passionsspiele. Das älteste erhaltene Dokument ist ein in mehreren Abschriften erhaltener Text aus dem Jahre 1791, der an eine Schauspieldichtung des reformatorischen Augsburger Meistersingers Sebastian Wild angelehnt ist.

Um 1800 gibt es neben Waal weitere Orte in der Region, in denen Passionsspiele wieder aufleben, z. B. Türkheim, Mindelheim, Bobingen und  Immenstadt. Die Waaler Spiele sind als einzige davon übriggeblieben. 1813 wird ein Theater errichtet, in dem zunächst elf verschiedene weltliche Stücke aufgeführt werden, bis 1815 das erste neuzeitliche Passionsspiel gespielt wird. Dafür wird zunächst der Ober­ammer­gauer Text in der Fassung des Ettaler Benediktiners und Doktors der Philosophie Othmar Weis (1769-1843) aus dem Jahr 1811 übernommen.

Thema der Spiele in Waal ist heute nicht nur die Passion Christi (die eigentlichen Passions­spiele), sondern auch andere geistliche und weltliche Inhalte, z.B. das Leben verschiedener Heiliger (z.B. des Franz von Assisi, des Völkerapostels Paulus, der Maria, des Bischofs Ulrich von Augsburg). Die von der Passionsspielgemeinschaft Waal e.V. als Träger aufgeführten drei- bis vierstündigen Stücke werden teilweise eigens für die Waaler Bühne geschrieben und erleben in Waal daher ihre Uraufführung, teilweise sind es Adaptionen.

Die bis zu 200 Darsteller aller Altersstufen sind einheimische Amateurschauspieler, die vom Vorstand des Trägervereins aus seinen Mitgliedern ausgewählt werden. Aufführungen finden in Spieljahren den ganzen Sommer über in einem 1960 neuerbauten Passionsspieltheater mit 575 Sitzplätzen statt, das dem Trägerverein gehört. Die Bühne ist mit einem Rundhorizont sowie mit fahrbaren plastischen Elementen ausgestattet und ermöglicht durch farbige Projektionen vielseitige Bühnen­bilder.

1974 hat Arthur Maximilian Miller auf Wunsch von Otto Kobel die Urfassung von 1791 überarbeitet und erneuert. Diese „Miller-Passion“ wird 2001 unter der Regie von Otto Kobel in 34 Aufführungen vor insgesamt 21.000 Besuchern gespielt. Ein Jahr später, am 4. Dezember 2002, stirbt Otto Kobel, der die Waaler Passion stark geprägt hat, im Alter von 83 Jahren. Schon als Kind spielt der gebürtige Waaler als Komparse mit, später ist er Jesus-Darsteller und dann über 50 Jahre lang Regisseur und künstlerischer Leiter der Passionsspiele.

2005 übernimmt der bekannte Kaufbeurer Autor, Schauspieler und Regisseur Peter Pius Irl, Gründer und künstlerischer Leiter der Burgspiele Kemnat, die Regie bei Becket oder die Ehre Gottes.

Seit 2009 ist Florian Martin Werner, Intendant des Stadttheaters Landsberg am Lech, der neue Regisseur in Waal. Das christliche Theater zählt zu seinen künstlerischen Anliegen. Mit großem Erfolg inszeniert er 2009 und 2015 die Miller-Passion und 2012 das Franziskusspiel.  

Für die Neu-Inszenierung des Brandner Kaspar erstellt Florian Martin Werner mit Unterstützung mundartsprechender Einheimischer D' G'schicht vom Brandner Kaspar, eine Allgäuer Version des  oberbayerischen Originaltexts, die 2018 sehr erfolgreich in 16 Aufführungen vor ca. 7.000 Besuchern in Waal gespielt wird.

Aufführung Passion 2015, Abendmahl

Aufführungen seit 1976:

1976: Waaler Bauernpassion, Regie: Otto Kobel
1979: Franziskusspiel, Eigenproduktion, Regie: Otto Kobel, Text: Paul Schmidkonz
1985: Paulusspiele, Eigenproduktion, Regie: Otto Kobel
1989: Passion, Regie: Otto Kobel
1993: Ulrichsspiel, Regie: Otto Kobel, Text: Matthias Pöschl
1997: Franziskusspiel, Eigenproduktion, Regie: Otto Kobel, Text: Paul Schmidkonz
2001: Miller-Passion, Eigenproduktion, nach Arthur Maximilian Miller, Regie: Otto Kobel
2005: Becket oder Die Ehre Gottes, nach Jean Anouilh, Regie: Peter Pius Irl
2009: Miller-Passion, Eigenproduktion, nach Arthur Maximilian Miller, Regie: Florian Martin  Werner
2012: Franziskusspiel, Regie: Florian Martin Werner
2015: Miller-Passion, Eigenproduktion, nach Arthur Maximilian Miller, Regie: Florian Martin Werner
2018: D' G'schicht vom Brandner Kaspar, neue Fassung in Allgäuer Mundart erstellt von Florian Martin Werner, Regie: Florian Martin Werner

 

Sekundärliteratur:

Barta, Franz (2010): Passions- und Heiligenspiele im schwäbischen Dorf. Erhaltung der Tradition in Waal seit dem Pestjahr 1626. In: Der Bayerische Krippenfreund, H. 3.

Dünninger, Eberhard (1990): Kontinuität und Erneuerung in bayerischen Passionsspielen im 19. und 20. Jahrhundert.

Klöck, Rudolf (1984): Christliches Volksschauspiel in Waal. Ein profiliertes Gattungsexemplar auf traditionsreichem Boden, masch. Zulassungsarbeit, München.

Knorr, Antje (1990): Die Passionsspiele im alemannischen Raum.

Layer, Adolf (1980): Passionsspiele und Passionsumzüge in Schwaben.

Lechler, Marius (2012): Spieltradition zu Ehren Gottes, in:  Heimat Allgäu, H. 27.

Mayer, Sigrid (1957): Die Passionsspiel-Tradition im Allgäu (Dissertation), Kap. Das Passionsspiel von Waal, S. 88-120.

Porträt eines Künstlers – Erinnerungen an Otto Kobel (1919-2002). Allgäuer Dialektreise 3. DVD (2006), präsentiert von Georg Ried.

Riedmüller, Kornelius (1992): Ein Spiel wird renoviert, die alten Waaler Passionsspiele neu. In: Das schöne Allgäu, H. 55.

Sailer, Alois (1969): Passionsspiel Waal. Hg. von der Passionsspielgemeinschaft Waal.

Schwarz, Reinhold (1999): Die Passionsspiele von Waal, Jahrbuch, Verein für Augsburger Bistumsgeschichte e.V.

Zeidler, Ursula; Eberts, Gerhard; Gruber, Ruth (1976): Die Bauernpassion von Waal. Die Brigg, Augsburg.

 

Quellen (chronologisch):

Johann Jaumann: Gottes Versöhnung oder die Geschichte des Leidens und Todes Jesu; auf öffentlicher Bühne mit allerhöchster, und allergnädigster Erlaubniß vorgestellt in dem Markte Waal den 15ten, 16ten, 22ten May; 4ten, 18ten, 25ten Juny 1815.

Textbuch zum Passionsspiel in Waal 1928; mit einer Orts- und Theatergeschichte von Waal (1928). Theaterverein, Waal.

Gesamttext des Passionsspieles in Waal 1938 (1938), hg. durch Theaterverein Waal.

Otto Kobel: Passionsspiel Waal. einzige offiziell genehmigte Ausgabe des Gesamttextes, überarbeitet von Otto Kobel unter dem geistl. Beirat von Pfarrer Josef Pfersich. Neumeyer, Landsberg am Lech 1961.

Ders.: Passionsspiel Waal. einzig offiziell genehmigte Ausgabe des Gesamt-Textes Passion Waal, zum Spieljahr 1976 überarbeitet von Otto Kobel unter Beratung und Mitwirkung von Richard Sauer. Landsberger Verlags-Anstalt, Landsberg am Lech 1976.

Paul Schmidkonz: Das Waaler Franziskusspiel, einzig offiziell genehmigte Ausgabe des Gesamt-Textes. Neumeyer, Landsberg am Lech 1977.

Otto Kobel: Passionsspiel Waal. Passionsspiele 1989.

 

Verfasser: Digitaler Literaturatlas von Bayerisch Schwaben DigiLABS / Rosmarie Mair, M.A.