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Anna Stainer-Knittel: Selbstbildnis in Lechtaler Tracht, 1869

Aschau: Wilhelmine von Hillerns letzter Wohnort

Friedrich Gustav Adolf Neumann (1825-1884): Wilhelmine von Hillern als junge Frau; Christian Wilhelm Allers (1857-1915): Porträt Theodor von Cramer-Klett junior 1896.

Sie wurde nicht gewahr, daß der Führer, ein schmucker Gemsjäger, drohend den Arm erhob, zu ihr hinauf deutete und zu dem Fremden sagte: „Das ist gewiß die Geier-Wally, die dort oben steht, denn auf den schmalen Vorsprung, so nah an den Abgrund traut sich kein anderes Mädel; schauen's, man meint, der Wind müßt‘ sie 'runterwehen, aber die thut immer 's Gegentheil von dem, was jeder vernünftige Christenmensch thut.“

(Wilhelmine von Hillern: Die Geier-Wally. Eine Geschichte aus den Tyroler Alpen. Paetel, Berlin 1875)

Ein 17-jähriges Mädchen hängt an einem Seil in der Felswand und nimmt einen Adlerhorst aus. Die Mutprobe der späteren Porträt- und Blumenmalerin Anna Stainer-Knittel (1841-1915) dient der Autorin Wilhemine von Hillern (1836-1916) als Vorlage für ihren Roman Die Geier-Wally. Anna Stainer-Knittel und Wilhelmine von Hillern sind starke Frauen, die sich am damals gültigen Sittenkodex reiben.

Durch die voreheliche Geburt eines Kindes gerät die junge Schauspielerin Wilhelmine von Hillern in eine dramatische Zwangslage, durch die ihr am 27. Dezember 1857 geborener Sohn verhungert. Im Verlauf ihrer eilig geschlossenen Ehe mit Hermann von Hillern (1817-1882) werden ihr noch drei Töchter geboren.

In der Naturhaftigkeit und Zivilisationsferne der Berge entdeckt Wilhelmine von Hillern ein literarisches Szenario, das frei zu sein scheint von rigiden Moralvorstellungen und gesellschaftlichen Konventionen. Sie besucht Anna Stainer-Knittel und lässt sich deren Geschichte erzählen. Für ihren Roman Die Geier-Wally verlegt sie den Ort des Geschehens vom Lechtal in die Ötztaler Alpen und nennt das Mädchen Walburga.

Die Geier-Wally wird zu einem Bestseller. Übersetzungen in bislang elf Sprachen, Bühnenbearbeitungen – u.a. von der Autorin selbst –, die Oper La Wally, mehrere Verfilmungen und ein Musical folgen.

Wilhelmine von Hillern führt ein Leben, das gekennzeichnet ist von Brüchen und Ortswechseln. Als sie in Oberammergau lebt, befreundet sie sich mit Theodor von Cramer-Klett jun. (1874-1938). Der sozial engagierte Industrielle ist zum katholischen Glauben konvertiert und lässt gerade das 1803 säkularisierte Kloster Ettal wieder einrichten. Von dort aus besucht er die mütterliche Freundin. Die Protestantin Wilhelmine tritt 1904 in Ettal ebenfalls zum katholischen Glauben über. In ihrem Spätwerk vollzieht Wilhelmine von Hillern eine thematische Wandlung und befasst sich überwiegend mit religiösen Themen.

Links: Mädchenheim Elisabeth und Villa (Schloßkaplan), um 1920 © Archiv Heimat- und Geschichtsverein Aschau i. Chiemgau e.V. Mitte: Hillern-Marterl, Inschrift © Archiv Heimat- und Geschichtsverein Aschau i. Chiemgau e.V. Rechts: Hillern-Marterl mit Soldaten, um 1918 © Archiv Heimat- und Geschichtsverein Aschau i. Chiemgau e.V.    

Als Wilhelmine von Hillern ihr Schlösschen in Oberammergau aufgibt und anschließend auch ihren Wohnsitz in Tutzing, schlägt ihr Cramer-Klett vor, nach Aschau zu kommen. So zieht sie 1911 in das heutige „Haus Elisabeth“ der Familie Cramer-Klett (Ortsteil Oberweidach), das damals eine kleine Villa ist. Sie verbringt dort, am Fuße der Aschauer Berge, ihre letzten Lebensjahre, und feiert 1916 noch ihren 80. Geburtstag unter zahlreichen Ehrungen im Kreis ihrer Familie und Freunde.

Kurz nach ihrem Tod lässt ihr Theodor von Cramer-Klett jun., der Vater des Jagdschriftstellers Ludwig Benedikt von Cramer-Klett, einen Bildstock mit einer Gedenktafel an der Zellerhornstraße 66 errichten.

Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Birgit Ziegler-Stryczek

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