Der zweite Gang zum Odeonsplatz
Am Ende von Teil 2 der Novelle dreht sich die Figur Hieronymus/Savonarola „langsam, langsam auf den Fußballen herum“ und geht fort. „Aber das Bild der Madonna ging mit ihm“ fängt Teil 3 der Novelle an. Die Figur ist eher als Savonarola in Florenz zu erkennen, der dort zum Kloster San Marco zurückkehrt, da über die Lebensverhältnisse von Hieronymus in München nichts mitgeteilt wird – er taucht ursprünglich herkunftslos, wie Lohengrin, mitten in der Schellingstraße auf: „Immerdar, mochte er nun in seinem engen und harten Kämmerlein weilen oder in den kühlen Kirchen knieen, stand es vor seiner empörten Seele, mit schwülen, umränderten Augen mit rätselhaft lächelnden Lippen“ – eine Beschreibung, die genau auf Stucks Die Sünde passt – auch, zum dritten Mal, „entblößt und schön“, eine Beschreibung, die die Madonna Litta betrifft. In der dritten Nacht, ganz nach dem Vorbild von biblischen Abläufen, geschah es, „daß ein Befehl und Ruf aus der Höhe an Hieronymus ging, einzuschreiten und seine Stimme zu erheben gegen leichtherzige Ruchlosigkeit und frechen Schönheitsdünkel“. Vier Tage nach dem ersten Gang macht sich Hieronymus/Savonarola auf dem Weg „zur Kunsthandlung, zum großen Schönheitsgeschäft von M. Blüthenzweig“, weil Gott es wollte: Er geht tatsächlich als Savonarola, „die Kapuze über dem Kopf“, der Mantel „von innen mit beiden Händen zusammen, indes er wandelte“.
Savonarola kommt nach einem zweiten Gang durch die Ludwigstraße am Geschäft von M. Blüthenzweig am Odeonsplatz an und drückt die Klinke „der mit Plakaten und Kunstzeitschriften verhangenen Glasthür“: „Gott will es“ sagte er und trat in den Laden. Dass die Tür mit „Plakaten“ verhangen war, die doch großformatig sind und nie zu zweit oder mehr in einer Tür hängen könnten, mag zunächst verwundern, aber die Lösung hat wiederum mit Littauers Pariser Geschäftspartner Siegfried Bing zu tun. Von ihm wird Littauer die fortlaufende Publikation Les Maîtres de l’Affiche (Die Meister des Plakats) bezogen haben, eine Sammlung von Plakaten als Lithografien in verkleinerter Form (40 x 29 cm), die von Dezember 1895 bis November 1900 in Paris vom Plakatkünstler Jules Chéret in Zusammenarbeit mit der Imprimerie Chaix herausgegeben wurde [56]. Werke von französischen Plakatkünstlern sind in der Überzahl, aber auch deutsche Beiträge waren dabei (Abb. 63, 64 u. 65). Neben den Plakaten sind in etwa gleich große „Kunstzeitschriften“ in der Tür zu sehen: Es wird sich um Monatshefte der Zeitschriften Die Kunst, Dekorative Kunst, Deutsche Kunst und Dekoration [57], PAN, Ver Sacrum oder Kunst und Handwerk, die Zeitschrift des Bayerischen Kunstgewerbevereins handeln, bei dem Littauer Mitglied war. Einmal im Geschäft angekommen, verlangt Hieronymus nach dem Inhaber des Geschäftes, Herrn Blüthenzweig. Hieronymus stand inmitten des Ladens – „Alles, was draußen in einzelnen Beispielen zur Schau gestellt war, es war hier drinnen zwanzigfach zu Hauf getürmt und üppig ausgebreitet: eine Fülle von Farbe, Linie und Form, von Stil, Witz, Wohlgeschmack und Schönheit“.
Abb. 64 u. 65
Für den Jugendstil in Form von Vasen, Gläsern und Bronzefiguren zeigt Thomas Mann wieder seine ganz ironiefreie Bewunderung, die „Schönheit“ wird sich wieder auf die Hanfstaengl-Blätter der „Schönheiten-Galerie“ beziehen. Fotografien oder Abbildungen des Interieurs des Kunst-Salons, auch Nahaufnahmen von dessen Äußerem, scheinen nicht nachweisbar zu sein. Allerdings liegt eine Publikation von einem Kollegen von Littauer, „Friedrich Cohen, Kunsthandlung und Kunstsalon“, Am Hof 30 in Bonn vor, die einen großartigen Überblick über das Interieur einer deutschen Kunsthandlung um 1906 bietet. Es handelt sich um das umfangreiche geschäftseigene Werbeheft Unser Heim im Schmuck der Kunst – Ein zuverlässiger Wegweiser bei der Auswahl eines Kunstblattes, Bonn o.J., (um 1906; Privatbesitz, München). Die „Vorbemerkung“ listet eine Reihe von Reproduktionsverfahren auf, die das Geschäft anbietet: Kupferätzung (Gravure), die Aquarellgravure, die Aquarellfaksimilegravure, der Kohledruck, Original-Lithographien, Original-Radierungen und Original-Holzschnitte“. Cohen führte nicht nur grafische Reproduktionen wie auch Originalgrafiken in allen Größen im Angebot, sondern auch „Plastiken. Ich halte stets ein großes Lager von einfarbigen wie polychromierten Abgüssen, echten Bronzen, Marmor, Imitationen etc., der Meisterwerke der Antike, Renaissance sowie der Neuzeit in den besten Arbeiten der ersten Anstalten“.
[55] Ebda., S. 134; Dirk Heißerer plädiert nochmals für das Bild von Höcker, in: Die Madonna im Schaufenster – Ein Versteckspiel Thomas Manns, in: Kunst und Auktionen, Nr. 19, Berlin, 15. September 2024, S. 26-7; s. dagegen Graham Dry, Die Madonna im Schaufenster – Ein Versteckspiel Thomas Manns, Teil II, ebenda, Nr. 20. 6. Dezember 2024, S. 26-7.
[56] Masters of the Poster 1896-1900. „Les Maîtres de L’Affiche“, 256 colour plates, Preface by Roger Marx, Introduction by Alain Weill, Academy Editions, London 1977.
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Am Ende von Teil 2 der Novelle dreht sich die Figur Hieronymus/Savonarola „langsam, langsam auf den Fußballen herum“ und geht fort. „Aber das Bild der Madonna ging mit ihm“ fängt Teil 3 der Novelle an. Die Figur ist eher als Savonarola in Florenz zu erkennen, der dort zum Kloster San Marco zurückkehrt, da über die Lebensverhältnisse von Hieronymus in München nichts mitgeteilt wird – er taucht ursprünglich herkunftslos, wie Lohengrin, mitten in der Schellingstraße auf: „Immerdar, mochte er nun in seinem engen und harten Kämmerlein weilen oder in den kühlen Kirchen knieen, stand es vor seiner empörten Seele, mit schwülen, umränderten Augen mit rätselhaft lächelnden Lippen“ – eine Beschreibung, die genau auf Stucks Die Sünde passt – auch, zum dritten Mal, „entblößt und schön“, eine Beschreibung, die die Madonna Litta betrifft. In der dritten Nacht, ganz nach dem Vorbild von biblischen Abläufen, geschah es, „daß ein Befehl und Ruf aus der Höhe an Hieronymus ging, einzuschreiten und seine Stimme zu erheben gegen leichtherzige Ruchlosigkeit und frechen Schönheitsdünkel“. Vier Tage nach dem ersten Gang macht sich Hieronymus/Savonarola auf dem Weg „zur Kunsthandlung, zum großen Schönheitsgeschäft von M. Blüthenzweig“, weil Gott es wollte: Er geht tatsächlich als Savonarola, „die Kapuze über dem Kopf“, der Mantel „von innen mit beiden Händen zusammen, indes er wandelte“.
Savonarola kommt nach einem zweiten Gang durch die Ludwigstraße am Geschäft von M. Blüthenzweig am Odeonsplatz an und drückt die Klinke „der mit Plakaten und Kunstzeitschriften verhangenen Glasthür“: „Gott will es“ sagte er und trat in den Laden. Dass die Tür mit „Plakaten“ verhangen war, die doch großformatig sind und nie zu zweit oder mehr in einer Tür hängen könnten, mag zunächst verwundern, aber die Lösung hat wiederum mit Littauers Pariser Geschäftspartner Siegfried Bing zu tun. Von ihm wird Littauer die fortlaufende Publikation Les Maîtres de l’Affiche (Die Meister des Plakats) bezogen haben, eine Sammlung von Plakaten als Lithografien in verkleinerter Form (40 x 29 cm), die von Dezember 1895 bis November 1900 in Paris vom Plakatkünstler Jules Chéret in Zusammenarbeit mit der Imprimerie Chaix herausgegeben wurde [56]. Werke von französischen Plakatkünstlern sind in der Überzahl, aber auch deutsche Beiträge waren dabei (Abb. 63, 64 u. 65). Neben den Plakaten sind in etwa gleich große „Kunstzeitschriften“ in der Tür zu sehen: Es wird sich um Monatshefte der Zeitschriften Die Kunst, Dekorative Kunst, Deutsche Kunst und Dekoration [57], PAN, Ver Sacrum oder Kunst und Handwerk, die Zeitschrift des Bayerischen Kunstgewerbevereins handeln, bei dem Littauer Mitglied war. Einmal im Geschäft angekommen, verlangt Hieronymus nach dem Inhaber des Geschäftes, Herrn Blüthenzweig. Hieronymus stand inmitten des Ladens – „Alles, was draußen in einzelnen Beispielen zur Schau gestellt war, es war hier drinnen zwanzigfach zu Hauf getürmt und üppig ausgebreitet: eine Fülle von Farbe, Linie und Form, von Stil, Witz, Wohlgeschmack und Schönheit“.
Abb. 64 u. 65
Für den Jugendstil in Form von Vasen, Gläsern und Bronzefiguren zeigt Thomas Mann wieder seine ganz ironiefreie Bewunderung, die „Schönheit“ wird sich wieder auf die Hanfstaengl-Blätter der „Schönheiten-Galerie“ beziehen. Fotografien oder Abbildungen des Interieurs des Kunst-Salons, auch Nahaufnahmen von dessen Äußerem, scheinen nicht nachweisbar zu sein. Allerdings liegt eine Publikation von einem Kollegen von Littauer, „Friedrich Cohen, Kunsthandlung und Kunstsalon“, Am Hof 30 in Bonn vor, die einen großartigen Überblick über das Interieur einer deutschen Kunsthandlung um 1906 bietet. Es handelt sich um das umfangreiche geschäftseigene Werbeheft Unser Heim im Schmuck der Kunst – Ein zuverlässiger Wegweiser bei der Auswahl eines Kunstblattes, Bonn o.J., (um 1906; Privatbesitz, München). Die „Vorbemerkung“ listet eine Reihe von Reproduktionsverfahren auf, die das Geschäft anbietet: Kupferätzung (Gravure), die Aquarellgravure, die Aquarellfaksimilegravure, der Kohledruck, Original-Lithographien, Original-Radierungen und Original-Holzschnitte“. Cohen führte nicht nur grafische Reproduktionen wie auch Originalgrafiken in allen Größen im Angebot, sondern auch „Plastiken. Ich halte stets ein großes Lager von einfarbigen wie polychromierten Abgüssen, echten Bronzen, Marmor, Imitationen etc., der Meisterwerke der Antike, Renaissance sowie der Neuzeit in den besten Arbeiten der ersten Anstalten“.
[55] Ebda., S. 134; Dirk Heißerer plädiert nochmals für das Bild von Höcker, in: Die Madonna im Schaufenster – Ein Versteckspiel Thomas Manns, in: Kunst und Auktionen, Nr. 19, Berlin, 15. September 2024, S. 26-7; s. dagegen Graham Dry, Die Madonna im Schaufenster – Ein Versteckspiel Thomas Manns, Teil II, ebenda, Nr. 20. 6. Dezember 2024, S. 26-7.
[56] Masters of the Poster 1896-1900. „Les Maîtres de L’Affiche“, 256 colour plates, Preface by Roger Marx, Introduction by Alain Weill, Academy Editions, London 1977.


