Sandra Hoffmann ist: DRINNEN (36). Beim Betrachten eines Blütenstaub-Felds

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/autorblog/2023/klein/hoff36_1_500.jpg
Alle Bilder (c) Sandra Hoffmann

Sandra Hoffmann arbeitet seit einem Studium der Literaturwissenschaft, Mediävistik und Italianistik (M.A.) als freie Schriftstellerin und lebt seit Ende 2012 in München. Bisher hat sie sieben Romane veröffentlicht. Sie schreibt Radiofeatures und Radioessays u.a. für den Bayerischen Rundfunk und v.a. Reisereportagen für DIE ZEIT. Auf dem Literaturportal Bayern veröffentlichte sie von 2021 bis 2022 die Kolumne DRAUSSEN. Sie unterrichtet kreatives und literarisches Schreiben u.a. an der Universität Karlsruhe, dem Literaturhaus München und der Bayerischen Akademie des Schreibens sowie für Goethe-Institute im Ausland. Für ihren Roman Was ihm fehlen wird, wenn er tot ist (Hanser, 2012) erhielt sie den Thaddäus-Troll-Preis, für ihren letzten Roman Paula (Hanser, 2019), der durch ein Arbeitsstipendium des Freistaats Bayern gefördert wurde, den Hans-Fallada-Preis. 2019 erschien mit Das Leben spielt hier ihr erstes Jugendbuch. Für den eben erst erschienenen Roman Jetzt bist du da (Berlin Verlag, 2023) bekam sie 2020 das Münchner Arbeitsstipendium. 2022 erhielt sie vom Freistaat Bayern das Arbeitsstipendium Neustart-Paket Freie Kunst.

In den kommenden 52 Wochen schreibt Sandra Hoffmann für das Literaturportal Bayern wieder eine Kolumne: DRINNEN. Momentaufnahmen aus dem (halb)privaten Leben. Anders als Natur-Räume ermöglichen uns Innenräume, wenn es nicht gerade öffentliche Räume sind, nur einen privaten Blick. Wir sehen dort hinein, wo wir Einlass bekommen, oder wir uns den Einlass erkaufen, wie etwa in Museen, Zügen, Hotels. Es geht um Wahrnehmung. Diesmal aber von Orten, von Menschen, Begegnungen, Situationen. Immer mit der für Literatur relevanten Frage: Wie spiegelt sich im Kleinen oder im Privaten auch das große Ganze, die Welt. Wer sind wir im (anscheinend so) Geborgenen?

*

36

Ich mag das sehr, wenn sich mir Kunst erst auf den zweiten Blick, nein, auf den zweiten Gedanken oder sogar den dritten Gedanken erschließt, wenn ich gelenkt von einer Schönheit oder von einer Eigenwilligkeit anfange nachzudenken, was an einem Kunstwerk eigentlich schön ist. Klar, bei der Malerei erschließt sich das oft durch Motive, durch die Stilistik, durch die Auswahl der Farben und so weiter. Aber bei Kunstwerken der Art, wie sie Wolfgang Laib – der wie ich selbst aus Oberschwaben stammt – fertigt, ist das eben etwas komplett anderes.

Auf dem Foto sieht man ein Pollenfeld aus dem Blütenstaub von Kiefern. Es ist im Moment in Stuttgart im Kunstmuseum innerhalb einer großen Laib-Ausstellung zu sehen. Für das Pollenfeld hat Laib jahrelang Blütenstaub gesammelt, er sammelt reinsortig, Hasel, Kiefer und so weiter, bewahrt den Blütenstaub in Gläsern auf, und wenn er so ein Feld ausstellt, siebt er den Blütenstaub auch selbst wieder aus.

Was man also sieht, wenn man das Blütenstaub-Feld anschaut, ist große farbige natürliche Schönheit, man kann sagen, gebändigt, strukturiert. Was man aber eben nicht sieht, ist das, was nahezu alle Arbeiten von Laib auszeichnet: dass darin die Zeit steckt, also die Notwendigkeit von sowas wie Ausdauer, Meditation, eine intensive Verbundenheit mit dem Stoff, aus dem die Arbeit entsteht.

Wie lange muss man Haselblüten entstauben oder entstäuben, um so ein Feld von der Größe fünf mal fünf Meter zu füllen? Wie viele Tage muss man dafür die Pollen wieder aussieben? Also steckt darin auch die Schönheit der Wiederholung, die Schönheit, die daraus entsteht, immer wieder das gleiche zu tun.

Für mich ist Wolfgang Laib sowas wie der Gott der Meditation, weil er nicht einfach nur meditiert, sondern er macht Meditation sichtbar, indem er sich fokussiert, das immer gleiche tut, bis am Ende, nach sehr sehr langer Zeit ein Kunstwerk daraus wird.

Die größte Arbeit, die er jetzt für das Kunstmuseum in Stuttgart gemacht hat, ist ein Reisfeld. Es besteht aus ca. 14.000 Handvoll Reis, die Laib aus seiner Hand in den Raum hat rieseln lassen. Er macht das ganz alleine, seine Frau begleitet ihn bei der Arbeit, aber die Arbeit macht er alleine.

Vielleicht denke ich manchmal, fasziniert mich das so sehr, weil seine Arbeiten sehr gut sichtbar machen, was Hingabe bedeutet, was es bedeutet, ganz im Moment zu sein und daran zu glauben, dass wir mit jeder Bewegung, die wir tun, etwas schaffen. Vielleicht nicht Kunst, aber etwas verändert sich beständig und etwas wird daraus.

Die Ausstellung, Wolfgang Laib, The beginning of something else, im Kunstmuseum in Stuttgart kann man noch sehen bis zum 5. November.

**

Alle Folgen der Kolumne finden Sie HIER.

Verwandte Inhalte
Städteporträts
Städteporträts
Journal
Mehr