Sandra Hoffmann ist: DRINNEN (27). Und hat einen Teppich und mag schöne Erinnerungen

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Alle Bilder (c) Sandra Hoffmann

Sandra Hoffmann arbeitet seit einem Studium der Literaturwissenschaft, Mediävistik und Italianistik (M.A.) als freie Schriftstellerin und lebt seit Ende 2012 in München. Bisher hat sie sieben Romane veröffentlicht. Sie schreibt Radiofeatures und Radioessays u.a. für den Bayerischen Rundfunk und v.a. Reisereportagen für DIE ZEIT. Auf dem Literaturportal Bayern veröffentlichte sie von 2021 bis 2022 die Kolumne DRAUSSEN. Sie unterrichtet kreatives und literarisches Schreiben u.a. an der Universität Karlsruhe, dem Literaturhaus München und der Bayerischen Akademie des Schreibens sowie für Goethe-Institute im Ausland. Für ihren Roman Was ihm fehlen wird, wenn er tot ist (Hanser, 2012) erhielt sie den Thaddäus-Troll-Preis, für ihren letzten Roman Paula (Hanser, 2019), der durch ein Arbeitsstipendium des Freistaats Bayern gefördert wurde, den Hans-Fallada-Preis. 2019 erschien mit Das Leben spielt hier ihr erstes Jugendbuch. Für den eben erst erschienenen Roman Jetzt bist du da (Berlin Verlag, 2023) bekam sie 2020 das Münchner Arbeitsstipendium. 2022 erhielt sie vom Freistaat Bayern das Arbeitsstipendium Neustart-Paket Freie Kunst.

In den kommenden 52 Wochen schreibt Sandra Hoffmann für das Literaturportal Bayern wieder eine Kolumne: DRINNEN. Momentaufnahmen aus dem (halb)privaten Leben. Anders als Natur-Räume ermöglichen uns Innenräume, wenn es nicht gerade öffentliche Räume sind, nur einen privaten Blick. Wir sehen dort hinein, wo wir Einlass bekommen, oder wir uns den Einlass erkaufen, wie etwa in Museen, Zügen, Hotels. Es geht um Wahrnehmung. Diesmal aber von Orten, von Menschen, Begegnungen, Situationen. Immer mit der für Literatur relevanten Frage: Wie spiegelt sich im Kleinen oder im Privaten auch das große Ganze, die Welt. Wer sind wir im (anscheinend so) Geborgenen?

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Dieser Teppich stammt von einer kleinen Insel der Dodekanes in Griechenland. Er ist genauso grün und genauso pink wie er auf dem Foto ausschaut, und als wir ihn sahen, waren wir sofort sehr verliebt in ihn. Der Teppich lag in einem Laden, zwischen ungefähr acht anderen, also gar nicht so vielen anderen Teppichen, aber irgendwie doch versteckt, vielleicht weil nicht so viele Leute solche Farben in ihrer Wohnung mögen. Das war unser Glück. Es war ein kleiner, ein ausgezeichnet schöner Laden, in dem es gar nicht so viel zu kaufen gab, aber alles war handgefertigt in Griechenland, und alles war aus Stoff oder Leder, Holz oder Keramik.

Er gehörte einer Frau, die außerdem ein verstecktes feines Restaurant hatte, in dem sie nur regional kochte und Weine ausschenkte, die man sonst nirgends so einfach bekam. Naturweine von anderen Inseln zum Beispiel. Für uns war dieser Ort ein kleines Paradies. Jemand hatte einen guten Geschmack in allem und ging mit Lebensmitteln und Kunsthandwerksprodukten sehr gut um. Das mag ich sehr. Wer so mit Dingen umgeht, ist ein guter Mensch, denke ich dann.

Zuerst dachten wir, wir hätten keinen Platz mehr für diesen Teppich – wo soll er hin? –, weil wir tatsächlich eine Neigung haben, unterwegs Teppiche zu kaufen, Marokko, Albanien, Griechenland. Aber dann bewegten wir den Teppich und die anderen Teppiche in unserem Kopf so herum, und waren sicher, wir werden einen Platz für ihn finden.

Der Teppich liegt nun im Holzhaus auf dem Land auf dem Boden. Jeden Morgen, wenn ich aufstehe, gehe ich darüber, jeden Abend, wenn ich ins Bett gehe, auch. Er ist aus eher feiner Wolle, deshalb ist es ganz gut, wenn er nicht an einem Ort liegt, an dem man ständig auf ihm herumgehen muss. Dort aber, wo er jetzt liegt, liegt er ganz perfekt und ich mag es sehr, dass es ihn und ein paar weitere dieser Erinnerungsstücke gibt, weil ich mich mit ihnen sofort dort hinbefördern kann, wo sie her sind: Peng, ist alles wieder da. Und das ist ziemlich gut – wenn es um schöne Erinnerungen geht.

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