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Helene Raff und Henrik Ibsen: Küsse in der Brienner Straße – und die Folgen

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Links: Helene Raff, 1899, Hofatelier Elvira. Rechts: © Philipp Kester, Münchner Stadtmuseum.

Ein Kuss in einem Münchner Hinterhof – und Jahre später findet er Eingang in Henrik Ibsens Drama Baumeister Solness. 1889 kommen sich der Dramatiker und die Künstlerin Helene Raff in der Brienner Straße näher. Kurz darauf deutet Ibsen die „Küsserei“ in einem Brief zur väterlichen Zuneigung um. Wie die Begegnung und eine Münchner Baumeisterlegende literarisch nachwirken, zeigt Uwe Englert, neuer Autor der „Literarischen Erkundungen“.

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Helene Raff und Henrik Ibsen: Von Gossensaß nach München

Die Künstlerin Helene Raff (1865-1942) und der zu diesem Zeitpunkt bereits weltbekannte Dramatiker Henrik Ibsen (1828-1906) lernten sich im Spätsommer 1889 kennen. Beiden wählten den kleinen Ort Gossensaß in Südtirol zu ihrer Sommerfrische. Auf Spaziergängen sprachen sie über Kunst, Bildung und gemeinsame Bekannte.

Da Raff und Ibsen beide in München wohnten, bot es sich an, die begonnene Beziehung dort zu vertiefen. Ein für Helene Raff oft verwirrender Tanz begann. Eine vorübergehende Annäherung vonseiten Ibsens mündete schnell in Kühle und Distanz – und umgekehrt. Eines Abends begleitete der 61-jährige Theaterautor die 24-jährige Malerin nach Hause in die Brienner Straße 33, wo es im Hof zu einer wilden „Küsserei“ kam.[1] Hatte die sexuelle Begierde Ibsens über alle Vernunftgründe gesiegt? Immerhin war er verheiratet, hatte einen ehrgeizigen, seine Karriere planenden Sohn und befand sich auf dem Gipfel seines Ruhms. Wollte er wirklich einen Skandal riskieren?

Offenbar nicht. Wenige Wochen nach dem Vorfall und unmittelbar nach einem Besuch der Künstlerin in der Wohnung der Ibsens empfing Helene Raff einen auf Deutsch formulierten Brief des Norwegers, der die Situation neu interpretierte und demonstrativ entsexualisierte:

Liebes Kind,
Wie schön, wie liebenswürdig von Ihnen, dass Sie uns gestern besuchten! Meine Frau hat Sie so recht vom Herzen gern. Und ich – auch. Als Sie in der Dämmerung saßen und uns Allerlei so sinnig, so verständnisvoll erzählten, wissen Sie, was ich dann dachte, was ich wünschte?
Nein, das wissen Sie nicht. Ich wünschte: Ach, hätte ich doch so eine herzige, liebliche Tochter.
Kommen Sie bald wieder zu uns.
Aber indessen schaffen Sie künstlerisch rüstig in Ihrem Atelier.
Dort dürfen Sie vorläufig nicht gestört werden. –
Segen über Ihr liebes Haupt.
Ihr ergebener
H.I.[2] 

Mit diesem Brief rückte Ibsen jeden Verdacht der Untreue oder der ungebührlichen Leidenschaft von sich. Indem er Helene Raff als „Kind“ (eine 24-Jährige!) und „Tochter“ anspricht, nimmt er dem Abenteuer jede Gefährlichkeit. Der „Segen“ am Ende des Briefes hat gar etwas Priesterliches und Sakrosanktes.[3] Allerdings kannte sich der gefeierte Dramatiker Ibsen mit ambivalenten Botschaften aus. Ist es Zufall, dass Helene Raff in ihrem Atelier nur „vorläufig“ nicht gestört werden sollte?

Sie jedoch war selbstbewusst genug, Ibsen weitere Wochen später direkt danach zu fragen, was er mit ihr vorhabe. Der blieb seiner Strategie treu: Er brauche sie für seine Dichtung; sie sei die „personifizierte Jugend“.[4]

Wie Helene Raff in Baumeister Solness nachwirkt

Und Ibsen ging noch einen Schritt weiter, denn zentrale Ingredienzien und Schlüsselmomente dieser Beziehung verarbeitete er zu seinem Werk Baumeister Solness. Schon länger klar ist, dass Helene Raff ihm die alte Baumeisterlegende rund um die Kirche St. Michael in München erzählte. Deren Erbauer nahm sich nach Raffs Darstellung das Leben, weil er fürchtete, sein Bauwerk sei fehlerhaft konstruiert und könne zusammenstürzen.[5] Die tragische Geschichte griff Ibsen in seinem Drama von 1892 auf und modifizierte sie für seine Zwecke. Doch auch der Kuss in der Brienner Straße – nunmehr in strenger, fast mythischer Einzahl, also keine „Küsserei“ – taucht in Baumeister Solness kaum camoufliert auf.  

Hatte Ibsen den Kuss in seinem eigenen Leben noch sublimiert und verharmlost, radikalisierte er das Geschehen in seiner Dichtung. Der Protagonist des Dramas, der Bauunternehmer Halvard Solness, küsst hier in einem Fall eindeutigen Missbrauchs das 12-jährige Mädchen Hilde und verspricht ihm das Königreich Appelsinia. Zehn Jahre nach diesem Ereignis ist aus dem Kind eine junge Frau geworden, die Solness an die Einlösung seines Versprechens erinnert. Der Übergriff des erwachsenen Mannes stellt eine fatale Grenzüberschreitung dar, die sinnbildlich für Skrupellosigkeit und Machtgier steht. Sie spiegelt unter anderem den Versuch Halvards, dem talentierten Architekten Ragnar, dem Repräsentanten der Jugend, den Aufstieg zu verwehren. Um dieses Ziel zu erreichen, sind ihm alle Mittel recht. Am Ende gibt es einen Absturz, wörtlich und metaphorisch: Solness fällt von einem Gerüst herab und kommt ums Leben – wie der Erbauer von St. Michael.

Die Literarischen Erkundungen entstehen in Kooperation der Monacensia im Hildebrandhaus mit dem Literaturportal Bayern. Nach den Staffeln von Katrin Diehl, Fabienne Imlinger und Volha Hapeyeva führt Uwe Englert die Reihe als neuer Autor fort. Dieser Beitrag ist das Supplement zu seinem im MON Mag, dem Online-Magazin der Monacensia, erschienenen Hauptartikel „Helene Raff: Ein selbstbestimmtes Leben für Kunst und Literatur“.

Uwe Englert, geboren 1960, ist Literaturwissenschaftler, Redakteur und Übersetzer. Er studierte Skandinavistik, Germanistik und Theaterwissenschaft in München, Oslo und Berlin und wurde mit einer Arbeit über Henrik Ibsen promoviert. Darüber hinaus moderiert er Kulturveranstaltungen und ist als Lehrbeauftragter tätig.

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[1] Tagebucheintrag Helene Raffs am 6. Oktober 1889. – Raffiana IV, 1a, Bayerische Staatsbibliothek.

[2] Brief Henrik Ibsens an Helene Raff, 29. November 1889. – Raffiana VI, Bayerische Staatsbibliothek.

[3] Vgl. Astrid Sæther: I skyggen av Ibsen, Oslo 2022, S. 99.

[4] Robert Ferguson: Henrik Ibsen. Eine Biographie, München 1998, S. 437.

[5] Ebd., S. 463.