Besprechung von Franziska Gänslers Roman „Orca“
Mit ihrem dritten Roman Orca (Kein & Aber 2026) ist die Autorin Franziska Gänsler für den Deutschen Buchpreis 2026 nominiert. Johanna Mayer hat das Werk für das Literatur Portal Bayern gelesen.
*
Als Olympia festgenommen wird, bin ich bei der Arbeit. Acht Stunden Supermarkt, keine Fenster, Handy im Spind. Ich messe die Zeit daran, wie oft das Einkaufsradio Walking on Sunshine spielt, was verlässlich ist, da das Programm sich alle vierzig Minuten wiederholt … Die einzigen Nachrichten, die diesen steten Fluss der immer gleichen Hits durchsetzen, sind die aktuellen Rabattaktionen.
Eine Fleischtheke in einem Supermarkt irgendwo im Deutschland der Gegenwart. Das ist der Ort, an dem Franziska Gänslers Roman Orca einsetzt. Eher ungewöhnlich, scheint die Ich-Erzählerin mit dem durchaus sprechenden Namen Cora doch überqualifiziert für diese Arbeit zu sein. Und doch wird auf der ersten Seite bereits klar, dass Cora sich hier versteckt, denn mit Olympia Mitterwald, die wegen Terrorverdachts auf diesen ersten Seiten festgenommen wird, verbindet sie mehr als es zunächst den Anschein macht.
Gänsler lässt ihren Roman auf zwei Zeitebenen verlaufen. Coras Gegenwart hinter der Fleischtheke, und in der Vergangenheit, die im ersten Corona-Sommer spielt, als Cora und Olympia aufeinandertreffen. Cora besucht da noch, finanziert über ein Stipendium für Hochbegabte, das Europagymnasium, das sonst nur rich kids besuchen. Sie ist eine Außenseiterin und zugleich ehrgeizig auf einen sozialen Aufstieg bedacht, beneidet ihre Mitschüler um deren Chauffeure und teuren Markenklamotten, und arbeitet versessen daraufhin, nach dem Abitur weit weggehen zu können, mindestens an die Sorbonne oder nach Cambridge.
Als sie Olympia wiedertrifft, eine Freundin aus Kindertagen, fühlt sie sich sofort zu Olympias selbstbewusster und furchtloser Art hingezogen. Olympia selbst ist dabei von einer ungeheuren Wut getrieben, zerschmettert einem verletzten Kaninchen den Schädel und prügelt auf rich kids aus der Oberschicht ein.
Was zunächst eher an eine Coming-of-Age-Geschichte erinnert, wird zunehmend zu einer dunklen Climate Ficition, als Cora und Olympia auf Ariel und die Mitglieder einer radikalen Klimaaktivistengruppe treffen. Und was zunächst nach friedlichem Protest aussieht, entwickelt Seite für Seite immer radikaler und gewaltvollere Ausmaße, deren Sog Cora und Olympia nicht entkommen können: Beide radikalisieren sich, träumen davon, es „denen da oben“ mal so richtig zu zeigen – Olympia aus ihrer undefinierbaren Wut heraus, Cora aus dem Wunsch, dazuzugehören. Als Cora durch ein Schulpraktikum die Tochter der LNG-Konzernchefin Eleonore Brecht kennenlernt, nimmt das Unglück seinen Lauf.
Irgendetwas setzte diese Sache frei. Das Tier, das plötzlich ungehindert herumkroch, der Wodka, das blutige Gesicht. Wie ein Tropfen floss das alles an uns hinunter, zog uns in etwas hinein … Olympias Hand, Ariels Hand, unsere Gesichter nah beisammen … Jemand schrie, wieder und wieder, dass wir aufhören sollten, schrie und schrie, aber wir waren zu viele. Wir waren wie die Orcas in dem Video, das Olympia mir gezeigt hatte. Orcas, die eine Jacht attackieren, sie zum Kentern bringen, spielen wollten. Aus dem Off die schrille Stimme über dem schwarzen Wasser unserer Körper: What are they doing? What are they doing?
Zwischen Extremismus und Coming-of-Age
Franziska Gänsler erzählt in Orca ungeheuer präzise und vielschichtig, lässt einem die Ich-Erzählerin trotz allem ans Herz wachsen. Dabei setzt sich die Autorin nicht nur dezidiert mit Radikalisierung, sondern auch mit der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland der letzten Jahre auseinander, mit gesellschaftlichen Klassen, Klima-Aktivismus, der Corona-Pandemie und den in Extremen verlaufenden Debatten der Gegenwart. Und doch ist Orca auch eine Coming-of-Age-Geschichte, die feinfühlig von Gruppendynamiken, Selbstfindung, Geschlechterklischees und Körperbildern erzählt. In manchen Absätzen fühlt man sich an Morton Rhues Die Welle erinnert, wenn der dunkle Sog Cora und Olympia immer mehr mit sich zieht, wenn sie immer gewaltvollere Methoden anwenden, um ihre Ziele zu erreichen.
Dennoch sind die beiden weder Heldinnen noch Antiheldinnen – wie kaum eine Figur in diesem Roman. Immer wieder stellt sich trotzdem die Frage nach der Moral der Protagonistinnen, nach ihren Wertvorstellungen, die immer weiter außer Kraft gesetzt werden. Und während Olympia den Absprung nicht schafft und sich in den Extremen verliert, landet Cora hinter der Fleischtheke, ohne Abitur, ohne Cambridge und mit dem Wissen: „Ohne mich wäre nichts von alledem passiert.“ Ein Roman, der die Augen öffnet, der sich nicht mehr aus der Hand legen lässt und dessen magnetischer Wirkung man sich nicht entziehen kann.
Franziska Gänsler: Orca. Roman. Kein &Aber 2026. 365 S. ISBN: 978-3-0369-5099-0.
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Mit ihrem dritten Roman Orca (Kein & Aber 2026) ist die Autorin Franziska Gänsler für den Deutschen Buchpreis 2026 nominiert. Johanna Mayer hat das Werk für das Literatur Portal Bayern gelesen.
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Als Olympia festgenommen wird, bin ich bei der Arbeit. Acht Stunden Supermarkt, keine Fenster, Handy im Spind. Ich messe die Zeit daran, wie oft das Einkaufsradio Walking on Sunshine spielt, was verlässlich ist, da das Programm sich alle vierzig Minuten wiederholt … Die einzigen Nachrichten, die diesen steten Fluss der immer gleichen Hits durchsetzen, sind die aktuellen Rabattaktionen.
Eine Fleischtheke in einem Supermarkt irgendwo im Deutschland der Gegenwart. Das ist der Ort, an dem Franziska Gänslers Roman Orca einsetzt. Eher ungewöhnlich, scheint die Ich-Erzählerin mit dem durchaus sprechenden Namen Cora doch überqualifiziert für diese Arbeit zu sein. Und doch wird auf der ersten Seite bereits klar, dass Cora sich hier versteckt, denn mit Olympia Mitterwald, die wegen Terrorverdachts auf diesen ersten Seiten festgenommen wird, verbindet sie mehr als es zunächst den Anschein macht.
Gänsler lässt ihren Roman auf zwei Zeitebenen verlaufen. Coras Gegenwart hinter der Fleischtheke, und in der Vergangenheit, die im ersten Corona-Sommer spielt, als Cora und Olympia aufeinandertreffen. Cora besucht da noch, finanziert über ein Stipendium für Hochbegabte, das Europagymnasium, das sonst nur rich kids besuchen. Sie ist eine Außenseiterin und zugleich ehrgeizig auf einen sozialen Aufstieg bedacht, beneidet ihre Mitschüler um deren Chauffeure und teuren Markenklamotten, und arbeitet versessen daraufhin, nach dem Abitur weit weggehen zu können, mindestens an die Sorbonne oder nach Cambridge.
Als sie Olympia wiedertrifft, eine Freundin aus Kindertagen, fühlt sie sich sofort zu Olympias selbstbewusster und furchtloser Art hingezogen. Olympia selbst ist dabei von einer ungeheuren Wut getrieben, zerschmettert einem verletzten Kaninchen den Schädel und prügelt auf rich kids aus der Oberschicht ein.
Was zunächst eher an eine Coming-of-Age-Geschichte erinnert, wird zunehmend zu einer dunklen Climate Ficition, als Cora und Olympia auf Ariel und die Mitglieder einer radikalen Klimaaktivistengruppe treffen. Und was zunächst nach friedlichem Protest aussieht, entwickelt Seite für Seite immer radikaler und gewaltvollere Ausmaße, deren Sog Cora und Olympia nicht entkommen können: Beide radikalisieren sich, träumen davon, es „denen da oben“ mal so richtig zu zeigen – Olympia aus ihrer undefinierbaren Wut heraus, Cora aus dem Wunsch, dazuzugehören. Als Cora durch ein Schulpraktikum die Tochter der LNG-Konzernchefin Eleonore Brecht kennenlernt, nimmt das Unglück seinen Lauf.
Irgendetwas setzte diese Sache frei. Das Tier, das plötzlich ungehindert herumkroch, der Wodka, das blutige Gesicht. Wie ein Tropfen floss das alles an uns hinunter, zog uns in etwas hinein … Olympias Hand, Ariels Hand, unsere Gesichter nah beisammen … Jemand schrie, wieder und wieder, dass wir aufhören sollten, schrie und schrie, aber wir waren zu viele. Wir waren wie die Orcas in dem Video, das Olympia mir gezeigt hatte. Orcas, die eine Jacht attackieren, sie zum Kentern bringen, spielen wollten. Aus dem Off die schrille Stimme über dem schwarzen Wasser unserer Körper: What are they doing? What are they doing?
Zwischen Extremismus und Coming-of-Age
Franziska Gänsler erzählt in Orca ungeheuer präzise und vielschichtig, lässt einem die Ich-Erzählerin trotz allem ans Herz wachsen. Dabei setzt sich die Autorin nicht nur dezidiert mit Radikalisierung, sondern auch mit der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland der letzten Jahre auseinander, mit gesellschaftlichen Klassen, Klima-Aktivismus, der Corona-Pandemie und den in Extremen verlaufenden Debatten der Gegenwart. Und doch ist Orca auch eine Coming-of-Age-Geschichte, die feinfühlig von Gruppendynamiken, Selbstfindung, Geschlechterklischees und Körperbildern erzählt. In manchen Absätzen fühlt man sich an Morton Rhues Die Welle erinnert, wenn der dunkle Sog Cora und Olympia immer mehr mit sich zieht, wenn sie immer gewaltvollere Methoden anwenden, um ihre Ziele zu erreichen.
Dennoch sind die beiden weder Heldinnen noch Antiheldinnen – wie kaum eine Figur in diesem Roman. Immer wieder stellt sich trotzdem die Frage nach der Moral der Protagonistinnen, nach ihren Wertvorstellungen, die immer weiter außer Kraft gesetzt werden. Und während Olympia den Absprung nicht schafft und sich in den Extremen verliert, landet Cora hinter der Fleischtheke, ohne Abitur, ohne Cambridge und mit dem Wissen: „Ohne mich wäre nichts von alledem passiert.“ Ein Roman, der die Augen öffnet, der sich nicht mehr aus der Hand legen lässt und dessen magnetischer Wirkung man sich nicht entziehen kann.
Franziska Gänsler: Orca. Roman. Kein &Aber 2026. 365 S. ISBN: 978-3-0369-5099-0.
