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Rezension zum Roman „Böse Kinder“ von Michael Kumpfmüller

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© Schöffling & Co.

Was haben wir von unseren Eltern und Großeltern erhalten, was geben wir an unsere eigenen Kinder weiter? In seinem Drei-Generationen-Roman Böse Kinder (2026, Schöffling & Co.) spürt Michael Kumpfmüller dieser Frage nach und tastet dabei immer wieder nach der Idee der Wahrheit und ihren Konstituenten. Kein leichtes Unterfangen, zieht der Autor doch auch den jeweiligen Zeitgeist hinzu, deren Fassaden, Stoffe und Proteste die subjektiven Erlebnisse der Protagonisten nur schwer zu wahrhaftig kollektiven Erfahrungen werden lassen. Sebastian Schmidt hat das Buch für das Literaturportal Bayern gelesen.

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Geschichten über in die Jahre gekommene, reuige Beamte gibt es viele. Tolstois Der Tod des Iwan Iljitsch, Der Fall Maurizius von Jakob Wassermann sowie jede Menge Kommissare kommen einem in den Sinn, die mit ihrem Alter hadern, sich ändern wollen, aber nicht können. Vincent ist Pädagoge und hat sein Leben lang im Ministerium für Bildung gearbeitet. Bereits in Michael Kumpfmüllers erstem Satz lernen wir den bald 85-Jährigen als gefallenen, in einem Keller liegenden, alten Mann kennen. Vincent kann nicht mehr aufstehen, ist zu schwach, und nutzt die Zeit, verschiedene Lebens- und Familienverhältnisse im Geist abzugrasen. Er war ohnehin gerade dabei, seinen Nachlass zu ordnen und sein Leben auszusortieren. Dinge, die sonst auf Dachböden passieren, geschehen hier im Keller. Wir ahnen nichts Gutes. Im Keller liegen die Leichen.

Vincent wird in ein Heim verlegt, wo er weiter über seine Familienverhältnisse, allem voran über seine bereits verstorbene Frau Ingrid und ihre gemeinsamen Söhne Tom und Alexander sinniert. Die beiden kümmern sich schließlich gemeinsam mit ihren Kindern um die Räumung des Hauses. Dabei halten Tom und Alexander so wenig von ihrem Vater, wie er von ihnen. Vincent „wurde sofort wütend, wenn er an seine Söhne dachte, die ihn über Jahrzehnte hinweg wieder und wieder gekränkt und kritisiert hatten und im Grunde selbstsüchtige Ignoranten waren.“

Nach oben erzählen

Bereits als Vincent im Heim ist, beginnt die radikale Räumung seiner Wohnung, von der nichts bleiben soll. Im sogenannten Giftschrank des Vaters findet Tom dann schließlich den großen Knall: Vincent hat seine Frau Ingrid über Jahre hinweg mit vielen anderen Frauen betrogen, alles fein säuberlich mit Kamera und Texten dokumentiert. Besonders Tom, ein scheiternder Fotograf, der den Dokumentationstrieb seines Vaters teilt, wühlt sich fortan manisch durch die Unterlagen und verstimmt daran weiter. Als Vincent stirbt, kümmern sich seine beiden Söhne nicht um seine Bestattung. Dass die Verwandtschaft dies aufs Äußere empört, aber auch, dass der Leser zunächst nur notizartig von den Affären von Vincents Frau Ingrid erfährt, macht stutzig. Überhaupt werden Seitensprünge und Negativerfahrungen, so auch die von Alexanders Frau Franziska, immer wieder nachlässig, fast nur ausklammernd erzählt. Ähnlich den Familienmitgliedern beginnen wir, dem Geschehen zu misstrauen und behalten die Wolke der Elternehe weiterhin über uns, wenn die Erzählung auf Tom und Alexander, deren Frauen und später deren Kinder Lou, Judith und Niklas fällt.

Michael Kumpfmüller spielt dabei geschickt mit einer irreführenden Erzählinstanz, die sich zwar im Duktus der Allwissenheit gebärdet, dabei aber stets nur im Kosmos der fokussierten Figur und ihrer Zeit verbleibt. Ein George Simenon-Zitat steht jedem der Drei Bücher vor. Wir sollen Detektivarbeit leisten.

Betrachtet wird zudem meist von unten nach oben, von Kind zu Eltern, womit Böse Kinder in der Tradition der Väterliteratur verbleibt, in der die Reflexion über die eigene Elternschaft als große Leerstelle steht, der Vater vom eigenen Kind erzählt wird, nicht von sich selbst. Im Fall von Böse Kinder ist diese Perspektive jedoch sinnvoll gewählt: nur wenig erfährt man auf diese Weise über die Figuren aus erster Hand. Der Lesende macht sich wohl oder übel mit der Ungenauigkeit einer Beschreibung von außen gemein. Die Geschichten in Böse Kinder verlaufen nicht chronologisch. Statt die drei Großkapitel einer jeweiligen Generation zuzuordnen, dienen sie vielmehr als thematisch grobe Einteilung. Der Erzähler scheint angewiesen auf diese Sprünge, hat im Hineinversetzen ein Mal einen Wissenstand von 1976, ein anderes Mal von 2010. Ständig fällt die Stimme von der Distanz in die erlebte Rede, verliert die erzählende Person die Omniszienz – und wir mit ihr. Gut, dass Vincent alles so ordentlich festgehalten hat.

Heiligkeiten

So erfährt der Leser sehr weitläufig von dem Desinteresse, das Ingrid und Vincent sich gegenseitig, aber auch ihren Kindern entgegengebracht haben, von Vincents und Ingrids Affären und parallelen Lieben und ebenso den treuen Ehepartnern Alexander und Tom. Gibt es doch einen Kern, so etwas wie eine Liebe in der Ehe, die schließlich weitergegeben wird, oder wird das Meiste nur durch die Membran der bürgerlichen Konvention gehalten, die im Buch insgesamt dann doch aber eine erstaunlich untergeordnete Rolle spielt?

Überhaupt Oberflächen: Klug legt Michael Kumpfmüller zum Beispiel die Abwesenheit des Vaters in die Besichtigung von Kathedralen und Kreuzgängen, wo er manisch mit Kamera und Notizbuch dokumentiert, die heilige Familie zwar als Fotografie, nicht aber im Herzen mit nach Hause bringt. Der Kampf gegen die Verdinglichung der Oberfläche steht später in Toms und Alexanders Ehe an erster Stelle. Immer wieder überlegen Vincent und Ingrid, sich zu trennen, geben ihre Fassade aber selbst dann nicht auf, wenn beide sich in anderen Liebesbeziehungen befinden und die Kinder längst aus dem Haus sind. Die dritte Generation, Lou, Judith und Niklas sind alles andere als oberflächlich, finden in der Liebe jedoch zunächst keinen Halt.

Erschwert wird die Deutung von Beziehung durch den Umstand, dass diese im Roman stets mit Sexualität gleichgesetzt wird, Sex im Roman omni- und überpräsent ist: So ist das Wichtigste, was Alexander und Tom bei der Ansicht ihres Kinderhauses einfällt, die erste Onanie. Vincents Frau Ingrid träumt noch im Sterbebett vom Geschlechtsverkehr mit ihrem Verflossenen. Über das Beziehungsverhalten von Alexanders Tochter Lou, die gemeinsam mit Bruder Niklas erst spät auftritt und damit die dritte Generation vertritt, erfahren wir zuvorderst, dass sie hin und wieder und immer nur ein einziges Mal mit jemandem schlief, bevor sie Yannis kennenlernte, mit dem sie mehrere Male schlief. Beweggründe, Vertrautheit, Sicherheitsempfinden, Individualität, das alles lässt sich später nur mühselig ableiten, maximal pathologisieren, kaum aber intergenerational verknüpfen. Auch nicht, wenn wir die Figuren Lou und Niklas als in jeder Hinsicht stereotypisierte Studenten der Geisteswissenschaft kennenlernen.

Möchte man etwas ableiten, dann ist es Vincents und Ingrids Heiligkeit der Fassade, die sich in die nachfolgende Generation weitervererbt: Der kleine Alexander „schwebte“ bereits als Kind durch den Urlaub, weil er den Vater wieder als Anwesenden und damit die Kernfamilie als Erfüllung eines schon früh gewachsenen Wunsches erlebte. Später dann setzt sich der Imperativ in verkehrter Weise fort, indem er unbedingt heiraten muss, „um den Beweis zu erbringen, dass man kein Arschloch sein musste als Mann und Vater, dass man nicht fremdgehen musste wie die Mutter, [...] dass ein Leben mit Kindern keine Last war, sondern, im Gegenteil, das Beste“. Wenngleich Alexander eine stabile Bindung vorgelebt hat, Lou und Niklas fällt es später schwer, jegliche, sich nach Fassade anfühlenden Gefühle zuzulassen. Ebenso geht es Toms Tochter Judith. Jedoch könnte es auch viele andere Gründe für ihr Verhalten zwischen Bindungsunwille, Wegfindungsschwierigkeiten und radikalem Kulturpessimismus geben, zum Beispiel ihr Alter. Sie alle sind Anfang oder Mitte zwanzig. 

Gut im Warten

Als man Lou und Niklas und Judith auf den letzten Seiten besser kennenlernt, wird deutlich, dass vor allem mangelnde Handlungsbereitschaft die drei Familiengenerationen eint. Neben Vincent und Alexander ist auch Niklas „gut im Warten“, im Aussitzen, im Nichtstun. Judith muss sich stark überwinden, um Hannah, ihre halbe Großcousine großväterlicherseits, anzuschreiben und um ein Treffen zu bitten. Ein waberndes Vermeidungsverhalten, das sich durch die Familie zieht.

Bleibt die Frage, wer die bösen Kinder sind. Am deutlichsten wahrscheinlich die Großeltern selbst, die für ihr Handeln keine Verantwortung übernommen, keine Konsequenzen aus ihm gezogen haben und ihren Käfig der Untätigkeit über die nächsten Generationen stülpen. Gehandelt wird fast immer körperlich. Weniger Sex hätte dem Buch sicherlich gutgetan. Eine Liebesbeziehung ließe sich auch durch andere Konstituenten klarstellen. 

 

Michael Kumpfmüller: Böse Kinder. Roman. Schöffling & Co. 2026. 336 S. ISBN: 978-3-69097-035-8.

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