Die Verführerin

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbthemes/2014/klein/krimi_spitzeder_500.jpg
Adele Spitzeder. Aus: Lebensbeschreibung der Dachauerbank-Inhaberin Adele Spitzeder in München, 1872. (Bayerische Staatsbibliothek/Münchener DigitalisierungsZentrum)

Die Mordserie im Englischen Garten, die in Heidi Rehns historischem Kriminalroman Tod im Englischen Garten im Herbst 1872 München in Angst und Schrecken versetzt, scheint mit der berühmt-berüchtigten „Dachauer Bank“ Adele Spitzeders zu tun zu haben. Vier Männer werden innerhalb kurzer Zeit erschlagen und ausgeraubt. Polizeioffiziant Severin Thiels Ermittlungen ergeben, dass das letzte Opfer kurz vor seinem Tod eine große Geldsumme von der Dachauer Bank erhalten hat. Der Inhaberin Adele Spitzeder war es damals gelungen, das Vertrauen der „kleinen Leute“ zu gewinnen, die auch einmal in den Genuss des schnellen Geldes kommen wollten. Sie lockt sie mit hohen Zinsen auf die Wechsel, die bei ihr gezeichnet werden. Severin Thiel ist auch an diesem „Fall“, der das Misstrauen der Behörden erregt hat, dran – unterstützt von seiner Gefährtin, der Frauenrechtlerin Johanna Morgenthau.

Die 1932 in Berlin geborene Adele Spitzeder kommt nach dem frühen Tod ihres Vaters als junges Mädchen nach München. Nach Erziehungsanstalt und Schauspielschule schlägt sie sich eine Zeit lang als Schauspielerin durch – weitgehend ohne Erfolg. 1869 entwickelt sie ein eigenwilliges Geldgeschäftsmodell: Sie leiht sich Geld, verpflichtet sich zu hohen Zinsen, ohne jedoch jedwede Sicherheit oder Deckung zu gewähren. Aus unerfindlichen Gründen hat sie großen Erfolg, die Menschen rennen ihr das Hotelzimmer ein, in dem sie ihr Büro eingerichtet hat. Es sind vor allem Arbeiter, Handwerker, Mägde, Knechte, die ihr schwer verdientes Geld bei ihr einlagern. In ihren Memoiren bekennt Adele Spitzeder freimütig, keine „merkantilen Kenntnisse“ zu besitzen. Daher habe sie auch keine Handelsbücher geführt. Sie agiert von Anfang an so, als gehöre ihr das geliehene Geld, von dem Moment an, in dem der Wechsel ausgestellt wurde. Bald kauft sie sich in der Schönfeldstraße 9 eine Villa und zieht mit ihrem Hofstaat dort ein. „Adele Spitzeder, Privatiere, Sprechstunden von 1-2 Uhr“ steht an ihrer Tür. Die Selbstinszenierung, zu der konservative Kleidung, demonstrative Frömmigkeit genauso gehören wie strenge Zeitvorgaben, funktioniert. „Im Münchner Hofgarten saßen um diese Zeit die Menschen scharenweise mit ihren Geldsäcken auf den Bänken“, berichtet sie in ihren 1878 publizierten Erinnerungen Geschichte meines Lebens. Sowohl die Sammlung ihrer wertvollen Schmuckstücke als auch die Anzahl ihrer Immobilien wächst beständig. Darüber hinaus kauft sie sich ins Mediengeschäft ein, übernimmt einige Zeitungen und sichert sich damit ihre PR und eine positive Berichterstattung. Doch allmählich wächst das allgemeine Misstrauen. Als im November 1872 eine große Zahl von Anlegern ihr Geld zurückfordert, ist es vorbei mit der Dachauer Bank: Adele Spitzeder wird verhaftet und der Überschuldung und des betrügerischen Bankrotts angeklagt. Sie ist um mehr als 8 Millionen Gulden überschuldet, die Zahl der von ihr Geschädigten beläuft sich auf 31000 Personen. Im Juli 1873 wird sie zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Nach der Entlassung schreibt sie ihre Memoiren und beginnt erneut mit Geldgeschäften, die ihr wieder Haftstrafen einbringen. Sie stirbt 1895 in München und ist auf dem Alten Südfriedhof begraben.

Ihre Lebensgeschichte wurde mehrfach künstlerisch verarbeitet, zum Beispiel 1972 in einem Fernsehfilm von Martin Sperr unter der Regie von Peer Raben mit Ruth Drexel in der Titelrolle. Das Theaterstück Die Spitzeder von Martin Sperr hatte am 11. September 1977 Premiere. 2010 erfolgte mit Birgit Minichmayr in der Hauptrolle unter der Regie von Xaver Schwarzenberger eine weitere Verfilmung des Stoffes unter dem Titel Die Verführerin Adele Spitzeder.

Verfasst von: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

Sekundärliteratur:

Bachmann, Christoph: Kriminalfälle (19./20. Jahrhundert). In: Historisches Lexikon Bayerns, URL: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_46390, (21.03.2014).



Verwandte Inhalte