Wassily Kandinsky über München III

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Malschule Anton Azbe, um 1900 (Stadtarchiv München)

Schwabing war eine geistige Insel in der großen Welt, in Deutschland, meistens in München selbst. Dort lebte ich lange Jahre. Dort habe ich das erste abstrakte Bild gemalt. Dort trug ich mich mit Gedanken über „reine“ Malerei, reine Kunst herum. Ich suchte „analytisch“ vorzugehen, synthetische Zusammenhänge zu entdecken, träumte von der kommenden „großen Synthese“, fühlte mich gezwungen, meine Gedanken nicht nur der mich umgebenden Insel, sondern den Menschen außerhalb dieser Insel mitzuteilen. Ich hielt sie für befruchtend und notwendig. So entstand von selbst aus meinen flüchtigen Notizen „pro domo sua“ mein erstes Buch Über das Geistige in der Kunst.

Wassily Kandinsky in einem Brief an Paul Westheim, 1930 (Zit. aus: Wassily Kandinsky. In: Armin Zweite (Hg.): Kandinsky und München: Begegnungen und Wandlungen 1896-1914. München 1982)



Heute – nach so vielen Jahren – hat sich die geistige Atmosphäre in dem so schönen und trotz allem doch lieben München grundsätzlich verändert. Das damals so laute und unruhige Schwabing ist still geworden ... Das etwas komische, ziemlich exzentrische und selbstbewusste Schwabing, in dessen Straßen ein Mensch – sei es ein Mann oder eine Frau – ohne Palette, oder ohne Leinwand, oder mindestens ohne eine Mappe sofort auffiel wie ein Fremder in einem Nest. Alles malte – oder dichtete, oder musizierte, oder fing zu tanzen an. In jedem Haus fand man unter dem Dach mindestens zwei Ateliers, wo manchmal nicht gerade viel gemalt wurde, aber stets viel diskutiert, disputiert, philosophiert und tüchtig getrunken (was mehr vom Beutel als vom Moralzustand abhängig war).

Wassily Kandinsky, Rückblick, 1931 (Zit. aus: Wassily Kandinsky. In: Ekaterina Grabar: Russische Künstler im München der Jahrhundertwende. In: Russische Spuren in Bayern. Portraits, Geschichten und Erinnerungen. Hg. v. MIR e.V. Zentrum für russische Kultur in München. München 1997, S. 62)

 

Wassily Kandinsky (1866-1944), russischer Maler; Aufenthalt in München: 1896 bis 1906 und 1909 bis 1914

Verfasst von: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek