David Herbert Lawrence über München

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Interieur eines Grand Hotels, um 1900 (Monacensia München)

Die Sonne schien hell, als Mr. Noon in seinem Schlafzimmer in der altehrwürdigen, bierbrauenden Stadt München, Hauptstadt Bayerns, Königin der lieblichen südlichen Lande Deutschlands, erwachte. Hebt nicht die Marienkirche ihre braunen, mit grünem Kupfer behaubten Zwillingskuppeln über Dächer und Paläste und blickt sich heute morgen freundlich um? ... Er erwachte in einem sehr hübschen Schlafzimmer mit Parkettboden und sehr hübschen Biedermeier-Möbeln aus goldfarbenem Satinholz oder etwas in der Art, mit ein paar schönen, dunkelblau gemusterten Orientläufern auf der schimmernden Bernsteinpolitur des Parkettbodens. Er erwachte damit, dass seine Nase versuchte, über der weißen Kumuluswolke seines schwellenden, aber daunenweichen Federbetts aufzutauchen. Er erwachte damit, dass die Sonne durch das Doppelfenster kam, eine Handvoll Enzian auf seinem runden Biedermeier-Tisch sehr blau aussah und ein Dienstmädchen in dunkelrotem Baumwollkleid mit einer Tasse Acht-Uhr-Tee eintrat.

David Herbert Lawrence, Mr. Noon, 1921 (Zit. aus: David Herbert Lawrence: Mr. Noon. Zürich 1985, S. 141-143)

 

David Herbert Lawrence (1885-1930), englischer Schriftsteller; Aufenthalt in München: 1912 bis 1914

Verfasst von: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

Sekundärliteratur:

Weithmann, Michael W.: Lawrence of Bavaria. The english writer D.H. Lawrence in Bavaria and beyond