Die neue Stadt

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Auf der Sendlinger Haide. Radierung von Wilhelm von Kobell, 1812

Sein Freund Winthir stellt Kai die Ansiedlung Munichen vor, die schon seit einiger Zeit Stadtrecht genießt und immer mehr expandiert.

Mit bloßem Auge war vereinzelt gerodetes Land zu erkennen, auf dessen höchster Erhebung sich eine Kirche ausmachen ließ. Sie leuchtete frisch gekalkt, am Dach und am Turm wurde noch gearbeitet. Der Wagenzug hatte angehalten, und die Männer sammelten sich um Winthir. „Das ist Munichen“, sagte er und deutete mit dem Arm auf den kleinen Hügel vor sich, „die Kirche von Sankt Peter war das Erste, was die Benediktiner gebaut haben.“

Beim genauen Betrachten erkennt Kai gerodete Flächen, in deren Mittelpunkt sich kleine Weiler befinden, die von Äckern und Wiesen umgeben sind.

In kleinen Gemarkungen, alle von Hecken eingefasst, wuchs Hopfen. Er staunte, wie viele dieser Ansiedlungen es gab, und alle waren sie unweit in Nachbarschaft der Ansiedlung am Hochufer des Isarflusses. „Der Weiler in dieser Richtung heißt Sentilinga, dort muss Päsingen liegen“, erklärte Winthir und deutete derweil mit den Armen in verschiedene Richtungen. Kai hörte nur mit einem Ohr hin und betrachtete die Landschaft vor sich. Er hörte von weiteren Orten, die ihm nichts sagten., die zum Teil viel länger besiedelt waren als der kleine Markt Munichen. Winthir schien sie alle zu kennen. Sie hießen Kiesinga, Haidhusir, Hadelaichen, Suapingan und waren in den dichten Waldungen gar nicht zu erkennen. „Munichen“, murmelte er. „Bei den Mönchen, ja“, lachte Winthir, „aber die Leute hier haben mit dem Lateinischen nicht mehr viel am Hut.“

(Roland Müller:  Das Erbe des Salzhändlers. Goldmann Verlag, München 2007, S. 226ff.)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

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