Yissakhar Ben-Yaacov über München

Der Orientexpress rollte im Münchner Hauptbahnhof pünktlich ein, was in der Nachkriegszeit recht ungewöhn­lich war. Die Spuren des Krieges sahen wir schon Stunden vorher beim Durchfahren einiger Städte. Sie waren voll­kommen zerbombt. Der Bahnhof, den ich auf unserer Reise nach Palästina fünfzehn Jahre zuvor gesehen hatte, bot ein erschütterndes Bild ... Ich hielt mir zudem das Ziel meines Aufenthalts in Deutschland vor Augen: Ich wollte überlebenden Juden helfen, ein neues Leben auf­zubauen, und alles in meiner Macht Stehende tun, damit sich ein solch unermessliches Unglück nie wiederholen würde. Ein Emissär der Jewish Agency erwartete uns bei unserer Ankunft. Uns gelang es, eines der wenigen Taxis zu ergattern. Unser Kollege gab dem dankbaren Gepäckträger fünf Zigaretten, was für uns Neulinge die erste Unterrichtsstunde in praktischer Nationalökonomie war. Über die Bedeutung der Zigaretten im besetzten Deutschland hatte ich schon in der Zeitung gelesen – die unmittelbare Erfahrung sprach aber dennoch Bände. Nicht nur Städte und Bahnhöfe lagen in Trümmern. Der Ruin der gesamten Wirtschaft spiegelte sich in Zigaretten wider ... Die Wirtschaft konnte man wieder aufbauen, während das Schicksal der umgekommenen Menschen ein für alle Mal besiegelt war. Das festigte unsere Entschlossenheit, uns einer besseren Zukunft unseres Volkes zu widmen und den Tod der Märtyrer als ein Gebot zu betrachten, für die Überlebenden eine sinnvolle Zukunft zu schaffen.

Yissakhar Ben-Yaacov, Leben für Israel. Erinnerungen eines Diplomaten, 2007 (Zit. aus: Yissakhar Ben-Yaacov: Leben für Israel. Erinnerungen eines Diplomaten. Hoffmann und Campe, Hamburg 2007, S. 69f.)

 

Yissakhar Ben-Yaacov (geb. 1922), israelischer Diplomat; Aufenthalt in München: 1948 bis 1953

Verfasst von: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek