Bayreuth

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Jean Paul auf dem Wege nach der Rollwenzelei (c) Jean-Paul-Museum der Stadt Bayreuth - Leihgabe Stadtmuseum Bayreuth

Kleine Historie

Der früheste Existenznachweis von Bayreuth ist eine Urkunde aus dem Jahr 1194. Dort findet sich der Name »Baierrute«, was einerseits die bayerische Herkunft der Siedler und andererseits die Grundlage des Dorfs benennt (»rute« bedeutet Rodung). Als Stadt urkundlich erwähnt wird Bayreuth erstmals im Jahr 1231.

Das 17. Jahrhundert, das eigentlich eine Blütezeit zu werden verspricht, da Markgraf Christian seine Residenz von Kulmbach nach Bayreuth verlegt, erweist sich als eines der furchtbarsten für die Stadt. 1602 grassiert die Pest, mehrere Großbrände legen später ganze Viertel in Schutt und Asche; im Dreißigjährigen Krieg wird die Stadt wiederholt eingenommen und geplündert.

Während der Regierungszeit des Markgrafenpaares Friedrich und Wilhelmine von Bayreuth, die von 1735 bis 1763 dauert, verändert sich die Stadt architektonisch von Grund auf. Das Neue Schloss mit Hofgarten, das markgräfliche Opernhaus, die Neugestaltung der Eremitage und ganzer Straßenzüge im prächtigen Rokoko-Stil genügen Wilhelmine jedoch nicht, denn sie hat noch etwas ganz Besonderes im Sinn: Im Jahr 1744 beginnt sie bei Wonsees mit dem Bau eines Felsengartens, der nicht den Prinzipien der Flora und Fauna gehorcht, sondern die Literatur als Bauplan gebraucht und zwar in Gestalt des Abenteuer- und Bildungsromans LES AVENTURES DE TÉLÉMAQUE des französischen Schriftstellers François de Salignac de La Mothe-Fénelon. Sein Name: Sanspareil, das heißt: ohne Vergleich.

Um 1800 beginnt für Bayreuth eine politisch bewegte Zeit: 1792 verkauft Markgraf Carl Alexander das Fürstentum Ansbach-Bayreuth an Preußen, 1806 wird die Stadt von französischen Truppen besetzt und 1810 von Paris dem jungen Königreich Bayern zugesprochen. Ihre heutige Schreibweise hat sie erst seit 1825, als der frisch ins Amt gekommene König Ludwig I. das I in »Baiern« gegen das Y austauscht, was für Bayreuth übernommen wird.

Jean Paul und Bayreuth

Bayreuth - damals noch »Baireuth« - ist Johann Paul Friedrich Richter schon seit Kindheitstagen ein Begriff, da sein Vater wiederholt Ausgaben der BAIREUTHER ZEITUNG für seinen lesehungrigen Sohn mitbringt. Erstmals mit eigenen Augen sieht der junge Richter die Stadt im Jahr 1781, als er zur Zulassungsprüfung fürs Studium dorthin reitet. Die Anreise per Pferd ist für angehende Studenten Pflicht. Glaubt man den Legenden und einer Szene in dem Roman FLEGELJAHRE (1805, Leseprobe), hat sie im Fall Richter jedoch weder dem Gaul noch dem Reiter behagt.

Während der unsteten 1780er und 1790er Jahre avanciert Bayreuth beinahe zum Sehnsuchtsort. In Bayreuth fühlt sich Jean Paul nicht verkannt wie in Hof, außerdem lebt dort Emanuel [Osmund], den er 1793 kennenlernt und sofort in sein Herz schließt. 1799 schreibt er an Christian Otto: »Höre, ich lasse den Gedanken mehrmals sich zu mir auf den Schoos sezen, daß ich mit C. [gemeint ist Karoline von Feuchtersleben] ja nach Bayreuth ziehen könte und du mit - Höre, höre! Die Gegend und das Bier und die Wohlfeile ziehen; so sehr das enge Volk abstösset.«

Christian Otto übersiedelt kurze Zeit später tatsächlich nach Bayreuth, womit die Stadt für Jean Paul deutlich an Reiz gewinnt. Vier Jahre später ist es soweit: Am 12. August 1804 bezieht die noch vier-, bald fünfköpfige Familie Richter eine Wohnung in der Bayreuther Maximilianstraße. Den rechten Platz finden die Richters jedoch erst 1813, nach mehrfachen Wohnungswechseln, in der Friedrichstraße 384 (heute Nr. 5). Nur wenige Meter weiter, heute Friedrichstraße 10, wohnt Emanuel.

Da die Ehe kriselt und die drei Kinder Aufmerksamkeit verlangen, flieht Jean Paul zum Schreiben oft aus der Wohnung, später meist in die Rollwenzelei. Die Werke dieser Jahre erregen weniger Aufsehen als HESPERUS (1795, Leseprobe) oder TITAN (1800, Leseprobe), auch weil sie politischer und philosophischer geprägt sind. Als Jean Paul 1825 in Bayreuth stirbt, bleiben mehrere Bücher als Fragmente zurück: die Romane SELINA (1827) und DER KOMET (1820, Leseprobe) sowie die Autobiografie SELBERLEBENSBESCHREIBUNG.

[Jean Paul, FLEGELJAHRE, 1804]

Es war des Universalerben erster Ritt in seinem Leben. Veronika - die ihm den ganzen Morgen Lebensregeln für Eröffnung und Erfüllung des Testaments vorgezeichnet hatte - zerrete den Schimmel am langen Zügel aus dem Stall. Walt sollte hinauf.

[...]

Der Notar hatte den Tag vorher den Gaul an eine seiner Gehirnwände festgebunden und - wie die rechte Seite des Konvents und des Rheins - sich immer die linke vorgestellt, um daran aufzusteigen; - in alle Stellungen hatt' er in seinen vier Gehirnkammern das Schulroß gedreht, geschwind es links bestiegen und so sich selber völlig zugeritten für den Gaul. Dieser wurde gebracht und gewandt. Gottwalts Auge blieb fest an den linken Steigbügel gepicht - aber sein Ich wurd' ihm unter den Händen zu groß für sein Ich - seine Tränen zu dunkel für sein Auge - er besteige, merkt' er, mehr einen Thron als einen Sattel - die linke Roß-Seite hielt er noch fest; nur kam jetzt die neue Aufgabe, wie er die eigne linke so damit verknüpfen könnte, daß beide die Gesichter vorwärts kehrten. -

Wozu die teuflische Qual! Er probierte, wie ein preußischer Kavallerist, rechts aufzuspringen. Pfiffen Leute wie Vult und der Wirt seine Probe aus, so zeigten sie weiter nichts, als daß sie nie gesehen hatten, wie emsig preußische Kavalleristen auf dem rechten Bügel aufsitzen lernen, um gesattelt zu sein, falls einmal der linke entzweigeschossen wird.

[...]

An letztern wollte der gesetzte Schimmel nicht gerne gehen. Walts delikates Rückwärtsschnalzen mit der Gerte war dem Gaule so viel, als wichse man ihn mit einem Pferde-Haar. Ein paar mütterliche Handschläge auf den Nacken nahm er für Streicheln. Endlich kehrte der Gerichtsmann eine Heugabel um und gab ihm mit dem Stiel auf den Hinterbacken einen schwachen Ritterschlag, um damit seinen Sohn als Reiter aus dem Dorfe in die Welt zu schicken, sowohl in die gelehrte als schöne. Das war dem Tier ein Wink, bis an den Bach vorzuschreiten; hier stand es vor dem Bilde des Reiters fest, kredenzte den Spiegel, und als der Notar droben mit unsäglicher Systole und Diastole der Füße und Bügel arbeitete, weil das halbe Dorf lachte und der Wirt ohnehin, glaubte der Harttraber seinen Irrtum des Stehens einzusehen und trug Walten von der Tränke wieder vor die Stalltüre hin, stört' aber die Rührungen des Reiters bedeutend.

Schwabachers Haus

Jean Paul zieht mit seiner Familie 1813 in das Haus des Bergrats Kamblah in der Bayreuther Friedrichstraße, nachdem er im Streit mit dem Vermieter die letzte Wohnung in der Maximilianstraße verlassen hat. Das Haus ist nicht nur Teil der herrschaftlichen barocken Friedrichstraße, in der auch sein Freund Emanuel Osmund wohnt und die ihn schon früh - im Vergleich zum »Gassengedärm« Nürnbergs - begeistert: »Keine Straße ist so breit und lang wie die Friedrichstraße.« Als besonders vorteilhaft empfindet er die Tatsache, dass das neue Haus einen Garten besitzt, den er vom Arbeitszimmer aus sieht und den er benutzen darf. Niemals zuvor war er Mieter in einem Gebäude, zu dem ein Garten gehört. 1817 kauft der Bayreuther Bankier Isaak Joseph Schwabacher das Haus - daher bald der Name »Schwabachers Haus« -, das sich noch heute im Familienbesitz befindet.

Schwabachers Garten gibt Jean Paul in seinen letzten Jahren das Gefühl, auch innerhalb der Mauern einer Stadt die Natur genießen zu können, die er nicht nur als Naturliebhaber, sondern auch als Schriftsteller benötigt. So arbeitet oder sitzt er oft in seiner Cornelikirschenlaube (von der sich Insekten fernhalten), während in den Bäumen Äolsharfen hängen, durch die der Wind fährt und »romantische« Klänge verursacht, die den Dichter inspirieren. Der alte Pumpbrunnen mit seinem Steintrog hier an der Mauer dient ihm als Hundebad, und die Kinder genießen den Garten ebenfalls. Der Garten, schreibt er, sei »besser für meine Lunge und meinen Kopf als jede Arznei«. Vielleicht ist dies alles der Grund, wieso Jean Paul hier zwölf Jahre länger als in jeder anderen seiner Bayreuther Wohnungen lebt. In diesem Haus stirbt er am 14. November 1825.

Rollwenzelei

Um mehr Ruhe zu haben, verlässt Jean Paul zum Schreiben oft die Bayreuther Wohnung. Seit den 1810er Jahren kehrt er bei Friedrich und Anna Dorothea Rollwenzel ein, die ihm im ersten Stock ihres Hauses - damals noch jenseits der Stadtgrenze von Bayreuth - eine eigene Stube einrichten und Bier sowie die geliebten Pellkartoffeln servieren. 15 Jahre lang weilt Jean Paul so gut wie täglich in der Rollwenzelei. Hier entstehen große Teile seiner Erzählung LEBEN FIBELS (1812) und seines letzten Romans DER KOMET (1820, Leseprobe). Erst in den Jahren vor seinem Tod werden die Besuche seltener, da der Schriftsteller erkrankt und zu erblinden beginnt.

Das Haus der Rollwenzels stammt aus dem 16. Jahrhundert, anfangs fungiert es als Zollhäuschen zu Colmberg. Das Schankrecht wird den Rollwenzels am 1. November 1809 erteilt - laut Legende von Napoleon höchstpersönlich, da Anna Dorothea Rollwenzel einen verwundeten französischen Soldaten gesund pflegt. Im Jahr 1812 kaufen die Rollwenzels das Haus vom Staat, seither befindet es sich, soweit bekannt, in Privatbesitz. Ein auf dem Dachboden des Hauses gefundener »Auszug aus dem Grundsteuer-Kataster der Steuergemeinde Colmdorf« verzeichnet nach den Rollwenzels eine Reihe verschiedener Besitzer, bis 1876 - im Jahr der Eröffnung der Festspiele - Friedrich Justinus das offiziell »Chaussee-Haus« oder auch »Traiteur-Haus« (nach dem Beruf des Besitzers) genannte Gebäude erwirbt. Fortan wird es innerhalb der Familien vererbt.

Im Mai 2006 gründet sich der Verein zur Erhaltung von Jean Pauls Einkehr- und Dichterstube in der Rollwenzelei e.V., bereits ein Jahr später gibt es erste Konzepte für die Restaurierung der Dichterstube und von deren Exponaten. Im November 2010 ist das kleinste Museum Bayreuths fertig gestellt. Über 50.000 Besucher aus der ganzen Welt haben sich von 1876 bis 2004 in die elf Gästebücher der Rollwenzelei eingetragen, die in der Rollwenzelei auch in digitalisierter Form zugänglich sind.

[Anna Dorothea Rollwenzel zu dem Dichter Wilhelm Müller am 17. August 1826]

Es ist nun wohl ein Jahr, da blieb er weg und kam nicht wieder. Ich besucht’ ihn drinnen in der Stadt, noch ein paar Wochen vor seinem Tode; da mußt’ ich mich ans Bett zu ihm setzen, und er frug mich, wie es mir ginge. ‚Schlecht, Herr Legationsrat’, antwortete ich, ‚bis Sie mich wieder beehren.’ Aber ich wußt’ es wohl, daß er nicht wieder kommen würde, und als ich erfuhr, daß seine Kanarienvögel gestorben wären, da dacht’ ich: er wird bald nachsterben. Sein Pudel überlebt ihn auch nicht lange, ich hab’ ihn neulich gesehn, das Tier ist nicht mehr zu kennen. Gott, nun hast Du ihn bei Dir! Aber ein Begräbnis hat er bekommen, wie ein Markgraf, mit Fackeln und Wagen, und ein Zug von Menschen hinterdrein, man kann’s nicht erzählen [...] Sie haben auch eine Leichenpredigt gehalten, und sie haben mir einen Stuhl dicht beim Grabe gegeben, darauf hab ich sitzen müssen, als ob ich dazu gehörte, und als alles zu Ende war, haben sie mir die Hände gedrückt, die Familie und der Herr Otto und noch viele große Herren.

Harmonie

1804 tritt Jean Paul dem damals noch jungen, heute noch bestehenden Gesellschaftsverein Harmonie bei. Er besucht das Vereinslokal, das sich seit 1805 im Palais d'Adhémar befindet, fast täglich, nachdem ihn Christian Otto eingeführt hat. Die Harmonie ist eine Mischung aus höherer Bierhalle und kultiviertem Salon, in dem Jean Paul zeitweise die geistigen Impulse erhält, die ihm Bayreuth sonst kaum bietet. Bis zu seinem Tod bleibt er dem Verein treu.

Meist kommt er abends, um im Lesekabinett die internationalen Zeitungen zu studieren, etwa den MONITEUR und das JOURNAL DE PARIS. Unter den literarischen Zeitschriften befinden sich auch jene, für die er auch als Autor tätig ist. Darunter ragt das 1816 ins Leben gerufene MORGENBLATT heraus, das sein in Stuttgart und Tübingen wirkender Verleger Johann Friedrich Cotta publiziert.

In der Harmonie betätigt sich Jean Paul als Wetterprophet. Er hält Frösche im Glas und hängt seine Prognosen quartalsmäßig an das Schwarze Brett der Gesellschaft. In diesem Fach hat er allerdings einen Konkurrenten: den Professor der Mathematik und Physik Johann Salomo Christoph Schweigger vom hiesigen Gymnasium. Darüber kann Jean Paul freilich nur lächeln: »Ich habe gestern in der Harmonie das schwache Wetterprodukt meines Nebenbuhlers gelesen. Ich wollte, man könnt’ ihm das meinige in die Hände spielen, damit er drei Monate hinter einander geärgert und beschämt würde, wiewohl er fein und einfältig genug ist, immer wieder Wörter wie 'vermischt', 'meistens' zu gebrauchen. So kann ich’s auch, wie jeder weiß.«

Heute befindet sich in dem Gebäude das Katholische Kinderhaus St. Vinzenz. Einige Schritte von hier sieht man einen Gedenkstein, wie er ähnlich auch auf der Luisenburg bei Wunsiedel zu finden ist. Der Stein in Form eines Buches wurde 2008 bei dem Bildhauer Willi Seiler in Auftrag gegeben.

Eremitage

Im Jahr seines Regierungsantritts 1735 macht Markgraf Friedrich die 1715 angelegte Parkanlage Eremitage bei Bayreuth seiner Gattin Wilhelmine zum Geschenk. Die Markgräfin beginnt sofort mit umfangreichen Erweiterungsmaßnahmen. Sie lässt zunächst das Alte Schloss vergrößern und unter anderem ein Musikzimmer und das Chinesische Spiegelkabinett (in dem sie ihre berühmten Memoiren schreiben wird) einrichten. Zwischen 1743 und 1745 entstehen weitere Anlagen wie das Ruinentheater und die Untere Grotte. Der Bau des Neuen Schlosses mit der Oberen Grotte fällt in die Jahre 1749 bis 1753.

In Jean Pauls Roman SIEBENKÄS (1796, Leseprobe) ist die Eremitage der Ort, an dem das Ende der unglücklichen Ehe von Firmian Stanislaus Siebenkäs eingeleitet wird. Auf dem Weg nach Bayreuth, wohin ihn sein Freund (und Doppelgänger) Heinrich Leibgeber bestellt hat, macht Siebenkäs Rast in den abendlich verschatteten Gärten der Fantaisie. Dort begegnet er einer bezaubernden Unbekannten. Leibgeber weiß natürlich, um wen es sich handelt - bittet Siebenkäs jedoch mit der Erzählung zu warten, »bis wir im warmen Schoß Abrahams sitzen, in der Eremitage«. Dort wiederum muss nicht mehr viel gesagt werden, denn schon treffen sie auf jene Unbekannte, die gerade in Siebenkäs´ Werk AUSWAHL AUS DES TEUFELS PAPIEREN liest. Ihr Name ist Natalie Aquiliana.

Eine neue Traumfrau wäre also gefunden - doch was ist mit Lenette, Siebenkäsens Ehefrau? Auch dafür hat Leibgeber eine Lösung, die noch am selben Abend im Park der Eremitage besprochen wird. Der Autor hat diese Unterhaltung bereits in der Kapitelüberschrift als »das wichtigste Gespräch in diesem Werk« angekündigt. Und das ist keineswegs zu viel versprochen, denn Leibgeber plant eine echte Räuberpistole: Siebenkäs soll einen Scheintod sterben und in Leibgebers Leben schlüpfen. Gesagt, getan ...

[Jean Paul, SIEBENKÄS, 1796]

Nachmittags bezogen beide das grünende Lustlager der Eremitage; und die Allee dahin schien ihren frohen Herzen ein durch einen Lustwald gehauener Gang zu sein; auf die Ebene um sie hatte sich der junge Zugvogel, der Frühling, gelagert, und seine abgeladnen Schätze von Blumen lagen über die Wiesen hingeschüttet und schwammen die Bäche hinab, und die Vögel wurden an langen Sonnenstrahlen aufgezogen, und die geflügelte Welt hing taumelnd im ausgegoßnen Wohlgeruch.

Leibgeber nahm sich vor, sein Geheimnis und Herz heute in der Eremitage aufzuschließen - vorher aber einige Flaschen Wein.

Er bat und zwang den Advokaten, vor allen Dingen ihm ein kurzes Zeitungkollegium über seine bisherigen Begebenheiten zu Wasser und zu Lande zu lesen. Firmian tats, aber mit Einsicht: über das Mißjahr seines Magens, über seine teuern Zeiten, über den bildlichen Winter seines Lebens, auf dessen Schnee er wie ein Eisvogel nisten mußte, und über alle die kalte Nordluft, die einen Menschen, wie die Wintersoldaten, zum Eingraben in die Erde treibt, darüber lief er eilends weg. Ich muß es billigen; erstlich weil ein Mann keiner wäre, der über die Wunden der Dürftigkeit einen größern Lärm aufschlage als ein Mädchen über die des Ohrläppchens, zumal da in beiden Fällen in die Wunden Gehenke für Juwelen kommen; zweitens weil er seinem Freunde keine sympathetische Reue über den Namentausch, diese Quelle aller seiner Hungerquellen, geben wollte. Aber für seinen innigen Freund war schon das entfärbte, welke Angesicht und das zurückgesunkne Auge ein Monatkupfer seines Eismonats und eine Winterlandschaft von der beschneiten Strecke aus seinem Lebenwege.

Aber als er auf die tiefsten verhüllten Seelenwunden kam: konnt' er kaum das in die Augen steigende Blutwasser aufhalten - ich meine, als er auf Lenettens Haß und Liebe geriet. Indem er aber von ihrer kleinen gegen ihn, von ihrer großen gegen Stiefeln eine nachsichtige Zeichnung gab: nahm er zum historischen Stücke, das er von ihrer Rechtschaffenheit gegen den Venner und von Rosas Schlechtigkeit überhaupt ausmalte, viel höhere Farben.

Schloss Fantaisie

Die Pläne für das Schloss Fantaisie gehen auf das Markgrafenehepaar Friedrich und Wilhelmine von Brandenburg-Bayreuth zurück, doch keiner von beiden erlebt die Fertigstellung der Anlage. Erbin ist die Tochter Elisabeth Friederike Sophie, die den Park erst auf den Namen »Fantaisie« tauft.

Ohne selbst dort gewesen zu sein, wählt Jean Paul die Fantaisie als Handlungsort in seinem Roman SIEBENKÄS (1796, Leseprobe): Hier begegnet der unglücklich verheiratete Armenadvokat Firmian Stanislaus Siebenkäs einer schönen Unbekannten, die das genaue Gegenteil seiner biederen Ehefrau Lenette ist. Doch wenig später muss er von dieser Natalie Aquiliana Abschied nehmen, da die Bekanntschaft den Plan seines Scheintods gefährdet. »Die Szene mit Natalie in der Fantaisie liegt wie eine sanfte Mondnacht vor mir, und ich freue mich, wenn ich einmal in Bayreuth die Stätten besuchen werde«, schreibt der Jean Paul im April 1796 an Christian Otto.

Das Schloss Fantaisie ist neben der Eremitage einer der wenigen Orte, der in Jean Pauls Werk bei seinem tatsächlichen Namen genannt wird. Auch die Figur des LUFTSCHIFFERS GIANNOZZO (1801, Leseprobe) landet hier glücklich zwischen: »Um 12 Uhr sank ich in Fantaisie bei Baireuth zum Essen nieder. Blühendes, tönendes, schattendes Tal! - Wiege der Frühlingsträume! Geisterinsel des Mondlichts!«

Spätestens seit 1804, da er nach Bayreuth gezogen ist, verbringt Jean Paul immer wieder Zeit im Park von Schloss Fantaisie. 1819 lernt er den damaligen Hausherrn Alexander I. von Württemberg kennen, der auf russischer Seite an den Napoleonischen Kriegen teilgenommen hat. Schon ein Jahr später lässt der Herzog dem Schriftsteller im Park einen Gedenkstein setzen. Jean Paul schreibt wenig später: »Der Herzog Alexander aus Russland [...] gibt mir in hiesiger Fantaisie fast tägliche Stelldichein der Liebe, sogar eine Lobschrift auf mich ließ er in einen dortigen Felsen hauen, für mich eine aufrechte Grabplatte.

Jean Pauls Grab

Vom Tode des Sohnes an kränkelt Jean Paul. 1823 beginnt sein Augenleiden. Im Herbst 1825 verbietet ihm der Arzt den Alkoholkonsum, da der Dichter an der Brustwassersucht leidet, bei der sich Flüssigkeit im Brustraum ansammelt. Zuletzt erblindet Jean Paul völlig. Er arbeitet noch, diktierend, an seinem letzten Tag an der Ausgabe seiner GESAMMELTEN SCHRIFTEN. Am 14. November 1825 stirbt er in Bayreuth in der Friedrichstraße 5, angeblich mit den Worten auf den Lippen: »Wir wollen’s gehen lassen.«

Jean Pauls Begräbnis 1825 ähnelt, wie die Rollwenzelin später berichtet, dem eines Markgrafen. Als Jean Paul auf dem Stadtfriedhof beerdigt wird, läuten alle Glocken der Stadt. Viele Bayreuther, Lehrer und Schüler sowie die Vertreter der Ämter und Behörden ehren mit einem langen Trauerzug ihren angesehenen Bürger, der neben seinem Sohn Max in die Erde gesenkt wird. Laut Philipp Hausser, dem Gründer des Bayreuther Jean-Paul-Museums, berichtet ein Augenzeuge: »Sechzig Fackeln, von Gymnasiasten und Lyceisten getragen, sowie Laternen und Pechpfannen erleuchteten das Dunkel. Auf das Kreuz, den Stadtkantor mit den Alumnen und die Trauermusik folgte, von zwei Fackelträgern begleitet, ein Elementarschüler mit der LEVANA; ein Gymnasiast trug die VORSCHULE DER ÄSTHETIK.«

Einige Tage später hält Ludwig Börne in Frankfurt seine berühmte Denkrede auf Jean Paul: »Wir wollen trauern um ihn, den wir verloren, und um die andern, die ihn nicht verloren. Nicht allen hat er gelebt! Aber eine Zeit wird kommen, da wird er allen geboren, und alle werden ihn beweinen. Er aber steht geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkomme. [...] Fragt ihr: wo er geboren, wo er gelebt, wo seine Asche ruhe? Vom Himmel ist er gekommen, auf der Erde hat er gewohnt, unser Herz ist sein Grab.« Die Verbindung ist von Börne passend gewählt, denn tatsächlich spielen überraschend viele Liebesszenen bei Jean Paul auf Friedhöfen.

[Jean Paul, SCHULMEISTERLEIN MARIA WUTZ]

Der Sterbende - er wird kaum diesen Namen lange mehr haben - schlug zwei lodernde Augen auf und sah mich lange an, um mich zu kennen. Ihm hatte geträumt, er schwankte als ein Kind sich auf einem Lilienbeete, das unter ihm aufgewallet - dieses wäre zu einer emporgehobnen Rosen-Wolke zusammengeflossen, die mit ihm durch goldne Morgenröten und über rauchende Blumenfelder weggezogen - die Sonne hätte mit einem weißen Mädchen-Angesicht ihn angelächelt und angeleuchtet und wäre endlich in Gestalt eines von Strahlen umflognen Mädchens seiner Wolke zugesunken und er hätte sich geängstigt, daß er den linken gelähmten Arm nicht um und an sie bringen können. - Darüber wurd' er wach aus seinem letzten oder vielmehr vorletzten Traum; denn auf den langen Traum des Lebens sind die kleinen bunten Träume der Nacht wie Phantasieblumen gestickt und gezeichnet.

Der Lebensstrom nach seinem Kopfe wurde immer schneller und breiter: er glaubte immer wieder, verjüngt zu sein; den Mond hielt er für die bewölkte Sonne; es kam ihm vor, er sei ein fliegender Taufengel, unter einem Regenbogen an eine Dotterblumen-Kette ausgehangen, im unendlichen Bogen auf- und niederwogend, von der vierjährigen Ringgeberin über Abgründe zur Sonne aufgeschaukelt ... Gegen 4 Uhr morgens konnte er uns nicht mehr sehen, obgleich die Morgenröte schon in der Stube war - die Augen blickten versteinert vor sich hin - eine Gesichtzuckung kam auf die andre - den Mund zog eine Entzückung immer lächelnder auseinander - Frühling-Phantasien, die weder dieses Leben erfahren, noch jenes haben wird, spielten mit der sinkenden Seele - endlich stürzte der Todesengel den blassen Leichenschleier auf sein Angesicht und hob hinter ihm die blühende Seele mit ihren tiefsten Wurzeln aus dem körperlichen Treibkasten voll organisierter Erde ... Das Sterben ist erhaben; hinter schwarzen Vorhängen tut der einsame Tod das stille Wunder und arbeitet für die andre Welt, und die Sterblichen stehen da mit nassen, aber stumpfen Augen neben der überirdischen Szene ...

Jean-Paul-Denkmal

Am 14. November 1841, am 16. Todestag von Jean Paul, wird in Bayreuth im Auftrag des bayerischen Königs Ludwig I., der zugleich Herzog von Franken ist, ein in München gegossenes, überlebensgroßes Bronzestandbild des Dichters eingeweiht. Der Entwurf stammt von einem der berühmtesten Bildhauer seiner Zeit: von Ludwig von Schwanthaler (1802-1848), dem man auch die Entwürfe zur Bavaria auf der Münchner Theresienwiese, das Mozart-Denkmal in Salzburg, die Siegesgöttinnen der Befreiungshalle in Kelheim, das Goethe-Denkmal in Frankfurt und die Jean-Paul-Büste in Wunsiedel aus dem Jahr 1845 verdankt.

Jean Pauls Verwandte und Freunde sehen die Statue des Mannes, den sie gekannt haben, mit Skepsis. Emanuel Osmund bleibt der Feierlichkeit von Anfang an fern, er ist an diesem Tage fortgereist: »Von den Festlichkeiten bei Enthüllung des Denkmals meines, ja meines einzigen Richters hab’ ich nichts sehen wollen und wirklich auch nichts gesehen.« Die Witwe Karoline Richter dagegen ist von dem »Eindruck ergriffen«, den das Monument auf sie macht: »Sehr großartig ist das Ganze. Die Stellung ist durchaus natürlich und kein fremdartiger Ausdruck in der ganz hohen Gestalt. Nur die Gesichtszüge schienen nicht vollkommen ähnlich - doch wie selten ist vollkommene Ähnlichkeit auch bei besten Malern zu erreichen!«

[Jean Paul, DR. KATZENBERGERS BADEREISE, 1809]

Ein Denkmal ist etwa nicht der bloße Metall-Dank der Nachwelt - der besser auf einer Goldstange dem Lebenden oder dessen Nachkommen zu reichen wäre -; es ist auch nicht der bloße Herzerguß der dankbaren Begeisterung, der viel besser mit Worten oder vor dem Gegenstande selber strömte; - auch nicht bloße Verewigung für die Nachwelt, für welche teils er selber besser und ein Blatt Geschichte länger sorgt; - sondern ein Denkmal ist die Bewunderung, ideal, d.h. durch die Kunst ausgedrückt. Eine jährlich vor dem Volke abzulesende Musterrolle großer Muster wäre noch kein Denkmal, aber wohl wäre eine pindarische Ode eines, in Griechenland abgesungen. Schillers Geburttagfest, das durch Darstellung seiner Götterkinder begangen werden soll, erhebt sich künstlich zu einem Denkmale durch eben diese Kinder, die den Vater vergöttern. Doch ist das Gemälde, am stärksten aber ist die Bildsäule und die Baukunst - welche beide stets das Große leichter verkörpern als das Leichte und Kleine, und welche die gegenseitige Nachbarschaft und Vereinigung ihrer Wirkung verdienen, wie der Leib und die Seele einander, d.h. die Bildsäule und der Tempel - das rechte Mutterland der Denkmäler. Die Bewunderung, sagt' ich, nicht die Erinnerung - welche ein platter Leichenstein, eine jährlich erneuerte Holzstange mit einem schwarzen Namenbrettchen oben und am Ende eine Schandsäule auch gewährte - sei aber darzustellen; dies vermag nur eben die Kunst, indem sie aus ihrem Himmel der Göttergestalten eine sichtbare herunterschickt und jene Gefühle des Großen in uns entzündet, mit welchen wir die aufgeflogene, den Gegenstand des Denkmals, im göttlichen Rausche der Bewunderung verkörpert sehen.

Jean-Paul-Museum

Das Jean-Paul-Museum in Bayreuth eröffnet 1980 im ehemaligen Wohnhaus von Houston Stewart Chamberlain, einem Schwiegersohn von Richard Wagner, der als Deutschtumsideologe zu den Vordenkern der nationalsozialistischen Rassenideologie gehörte. Unter dem ersten Direktor Dr. Manfred Eger zieht eine Sammlung in das Haus ein, die im Gegenzug an die Humanität und das reiche Wirken des Dichters Jean Paul erinnert - und an die Sammellust des Mannes, dem die Stadt das Museum verdankt: Dr. Philipp Hausser, der ein Nachfahre der Eheleute Schwabacher ist, in deren Haus Jean Paul lange Jahre lebte.

Haussers Jean-Paul-Sammlung enthält wertvolle Originalhandschriften, Briefe und Drucke, darunter alle erhaltenen Erstausgaben der Werke Jean Pauls sowie wertvolle Gemälde und Objekte aus dem Besitz des Dichters. Hinzu kommen einige Briefe und Skizzen aus dem Besitz von Friedrich Kallenberg, eines Jean-Paul-Urenkels, der in Bayreuth lebte und als Weltreisender und Schriftsteller bekannt wurde.

Die Sammlung wird unter der Leitung von Dr. Sven Friedrich durch weitere Erwerbungen bereichert, so 1999 durch Jean Pauls Schreibsekretär und 2010 durch das silberne Tafelservice, das die preußische Königin Luise Jean Paul zur Verlobung schenkte. Damit besitzt die Stadt Bayreuth - neben dem Jean-Paul-Museum in Joditz - die reichste Kollektion an poetischen und nützlichen „Jeanpauliana“. 2012/13 wird die Präsentation dieser Schätze von Frank Piontek und dem Architekten Florian Raff neu konzipiert. Nun stellt die Ausstellung nicht allein den Lebensweg Jean Pauls dar, sondern auch das Denken des Dichters: das komplexe Weltbild, sein Humor, sein Pathos und seine unverwechselbaren Schreib-Arten.


Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Peter Czoik & Katrin Schuster

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