Das Ende des Münchner Schriftstellerinnen-Vereins

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Auflösungsdokument, 1933

1933, mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten, endet Carry Brachvogels Erfolgsgeschichte in einer Tragödie und mit ihr auch der Münchner Schriftstellerinnen-Verein und die bürgerliche Frauenbewegung.

Nun wird die Schriftstellerin auf ihre jüdische Herkunft reduziert. Den jüdischen Glauben hat sie nie praktiziert, sondern zeitlebens für Assimilation plädiert. Konsequent hat sie dies in ihrem eigenen Leben umgesetzt. Sohn Heinz Udo hatte sie katholisch getauft, Tochter Feodora hingegen konfessionslos belassen.

Im Rahmen einer Rundfrage zu Die Lösung der Judenfrage, die 1907 von dem Berliner Arzt und späteren Politiker Dr. Julius Moses (1868-1942) veranstaltet wurde, hat die Schriftstellerin öffentlich ganz klar Stellung bezogen. Brachvogel hat an keinen persönlichen Gott geglaubt, sich mit keiner Religion identifizieren können, sondern sich als „Monistin“ und Pantheistin begriffen.

Wie viele andere auch, erhält Carry Brachvogel 1933 Berufs- und Publikationsverbot. Das, was seit 1933 im Münchner Schriftstellerinnen-Verein vor sich geht, den Carry Brachvogel einst 1913 zusammen mit ihrer Freundin Emma Haushofer-Merk ins Leben gerufen hatte, erscheint heute unfassbar.

Einige Mitglieder des Vereins kommen nun zu einer privaten Aussprache zusammen, um über den nunmehr gebotenen Rücktritt der ersten Vorsitzenden Carry Brachvogel zu beraten. Unter dem Vorsitz von Gräfin Eva von Baudissin, der zweiten Vorsitzenden, wird dieser Rücktritt nochmal besprochen und schließlich beschlossen, einen Abschiedsbrief an Carry Brachvogel zu schreiben, der ihr für ihre 20-jährige Arbeit für den Verein danken und von allen Mitgliedern unterzeichnet werden soll. Im Mai teilt der Vorstand dann mit, dass Carry Brachvogel vom Vorsitz zurückgetreten sei und Gräfin Baudissin die Führung übernommen habe. In der Hauptversammlung am 4. November 1933, in der nicht mehr als 36 Mitglieder anwesend sind, wird nun einstimmig beschlossen, den Münchner Schriftstellerinnen-Verein ganz aufzulösen, und Eva Gräfin von Baudissin als Liquidatorin bestimmt. Der Verein hinterlässt weder Schulden noch sonstige Verbindlichkeiten.

Um der Gleichschaltung zu entgehen, löst sich 1933 auch der Bund deutscher Frauen (BDF) auf. Das bedeutet das Ende einer eigenständigen Frauenbewegung in Deutschland. Der Münchner Verein für Fraueninteressen e.V. bleibt zwar bestehen, wird aber in seiner Arbeit in den nächsten Jahren immer weiter beschnitten. Möglicherweise ist er der Auflösung entgangen, weil seit 1935 Dr. Gisela Mauermayer-Schmidt Vorsitzende ist, die auch Mitglied der NSDAP war. Über die Zeit von 1933 bis 1945 im Verein für Fraueninteressen gibt es kaum Informationen. All das, was die bürgerliche Frauenbewegung propagiert hat, ist seit 1933 über Jahrzehnte nicht mehr angesagt. Das aktive Wahlrecht und der Lohngleichheitsgrundsatz werden wieder abgeschafft. Die volle rechtliche Gleichstellung der Frauen wird erst wieder durch die Verfassung der Bundesrepublik erreicht werden.

Es ist unbekannt, in welchem Verhältnis Carry Brachvogel und Eva Gräfin von Baudissin 1933 zueinander standen. Unbekannt ist auch, ob die Mitgliedsfrauen des Münchner Schriftstellerinnen-Vereins unter Druck gesetzt wurden, dahingehend, dass sie nicht nur Carry Brachvogel einen Abschiedsbrief schreiben, sondern letztlich auch ihren Verein auflösen mussten.

Dafür spricht, dass drei Monate später versucht wird, auch Eva Gräfin von Baudissin als „Jüdin“ zu diffamieren und als Schriftstellerin zu vernichten. Der österreichische Rassentheorethiker Otto Hauser (1876-1944), damals bekannt als Verfasser zahlreicher rassistischer Abhandlungen und Hetzschriften, darunter auch Die Juden und Halbjuden in der deutschen Literatur, versucht 1933/34 Eva Gräfin von Baudissin eine jüdische Herkunft nachzuweisen. Ob er dies im Alleingang getan hat oder in Zusammenarbeit mit nationalsozialistischen Kreisen ist unbekannt. Von den damaligen Abläufen zeugt noch heute ein Zeitungsbericht, der sich im Februar 1934 im Völkischen Beobachter unter „Mitteilungen aus dem Münchener Kunstleben“ findet. Sein Inhalt führt auch die Tragweite dessen vor Augen, was 1933 die Reduzierung Carry Brachvogels auf ihre jüdische Herkunft für sie bedeutete: die komplette Vernichtung ihrer Person und ihres Daseins als Schriftstellerin.

Über Eva Gräfin von Baudissin konnte der Leser 1934 im Völkischen Beobachter Folgendes lesen:

Wie wir erfahren haben, wurde die in München aufs beste bekannte Schriftstellerin Eva Gräfin von Baudissin in einer kürzlich erschienenen Broschüre Die Juden und Halbjuden der deutschen Literatur von Otto Hauser, Wien, als judenstämmig bezeichnet. Der Wunsch Eva Gräfin von Baudissins, die durch diese Behauptung als deutsche Schriftstellerin schwer geschädigt wird, kommen wir gerne nach, indem wir unseren Lesern mitteilen, daß Eva Gräfin Baudissin ihre rein arische Abstammung bei den einschlägigen Stellen nachgewiesen hat und Otto Hauser ihrer Rechtsvertretung bereits sein Bedauern über den Irrtum zum Ausdruck brachte.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Ingvild Richardsen

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