Elena Ferrante, ihr Pseudonym und die vielen Gründe, inkognito zu bleiben – eine Chronologie (1)

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Blick auf Neapel © Nicola Bardola

Elena Ferrante ist das Pseudonym einer italienischen Schriftstellerin, die sich unter Wahrung der Anonymität seit Anfang der 1990er-Jahre einen Namen als international erfolgreiche Romanautorin gemacht hat. Ihre Neapolitanische Saga unter dem Titel Meine geniale Freundin zählt zu den bedeutendsten Werken der zeitgenössischen italienischen Literatur. Obwohl es in letzter Zeit immer wieder Versuche gab, die Identität von Elena Ferrante zu entschlüsseln, ist relativ wenig über die Autorin bekannt. Nun tauchen neue Fragen auf: Wie veränderte sich Elena Ferrantes Verhältnis in den vergangenen 27 Jahren zu ihrem Pseudonym? Was motivierte die Autorin, immer mehr von sich preiszugeben? Der in Zürich geborene und bei München lebende Autor, Journalist und Übersetzer Nicola Bardola hat ein Buch über Elena Ferrante geschrieben, das von der Literaturkritik hochgelobt wurde. Im Literaturportal Bayern kann man dem Mythos Elena Ferrante mit Bardolas Geschick dank dieser bisher unveröffentlichten Chronologie erneut auf den Grund gehen. Wir bringen heute die erste Folge seiner 4-teiligen Journalreihe.

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Elena Ferrante ist ein 1991 selbstgewählter Nome de plume, der seither dazu dient, die Anonymität zu wahren: Nur wenige Menschen wissen, wer Elena Ferrante wirklich ist. Sie äußert sich in der Öffentlichkeit ausschließlich unter ihrem Kunstnamen und nur schriftlich. Ist es lässlich, nach ihrer Identität zu fragen?

Elena Ferrantes Begründungen, warum sie sich nicht zu erkennen gibt, variieren im Verlauf des letzten Vierteljahrhunderts. Die Debatte, ob der Versuch erlaubt und sinnvoll ist, das Geheimnis um Elena Ferrante zu lüften, wird im deutschsprachigen Raum heftiger geführt als in Italien oder in den englischsprachigen Ländern. Das hängt auch mit dem Buch Frantumaglia zusammen, das im Original erstmals 2003 erschien und hierzulande erst jetzt allmählich entdeckt wird.

Hier soll der Versuch unternommen werden, anhand der in Frantumaglia veröffentlichten Aussagen Elena Ferrantes, die Funktion ihres Pseudonyms zu ergründen: Warum wurde entschieden, inkognito zu veröffentlichen? Wie verändern sich die Begründungen im Laufe der Zeit? Was spricht dafür, das Pseudonym nach wie vor beizubehalten?

 

Nicht abgeschickte Briefe

Vor der Veröffentlichung ihres ersten Romans Lästige Liebe schreibt Elena Ferrante 1991 einen Brief an ihre Verlegerin Sandra Ozzola, sie werde nicht öffentlich auftreten und sich nur schriftlich und selten zu Wort melden: „Für mich und meine Familie steht dieser Entschluss unwiderruflich fest. Ich hoffe, ich muss meine Meinung nicht ändern“.[1]

Elena Ferrante habe eine kleine Wette mit sich und ihren Überzeugungen abgeschlossen, schreibt sie ihren Verlegern und wird das Adjektiv „klein“ künftig noch mehrfach im Zusammenhang mit ihrer Anonymität verwenden. „Ich glaube, Bücher brauchen, wenn sie einmal geschrieben sind, keinen Autor mehr. Wenn sie etwas zu erzählen haben, finden sie früher oder später ihre Leser. Und wenn nicht, dann eben nicht“, erklärt Ferrante und fügt hinzu, Werbung sei doch teuer. Sie werde die kostengünstigste Autorin des Verlags sein: „Sogar meine Anwesenheit wird Euch erspart bleiben.“

In den kommenden zehn Jahren schreibt Elena Ferrante zahlreiche Briefe an ihre Verleger, verfasst einen Text anlässlich des 15-jährigen Bestehens des Verlages, korrespondiert mit dem Regisseur Mario Martone, der ihr 1992 erschienenes Romandebüt Lästige Liebe verfilmt und antwortet auf Leserfragen, aber immer nur schriftlich und über den Umweg des Verlages. Damit gibt sie immer wieder Persönliches von sich Preis, was allerdings nur einen sehr engen Kreis von Lesern erreicht. Oft schickt sie ihre Briefe gar nicht ab. Das gilt auch für Interviews, die sie teilweise beantwortet und dann unzufrieden in die Schublade steckt. Auch mehrere Romanfragmente zeigt sie nicht einmal ihren Verlegern.

 

Erste veröffentlichte Selbsteinschätzungen

In ihren Briefen und Interviews kommentiert Elena Ferrante mehrfach ihre Prosa, was aber noch nicht im Widerspruch zu ihrem Eröffnungscredo steht (Bücher bräuchten, wenn sie einmal geschrieben sind, keinen Autor mehr), weil diese Kommentare nicht oder nur ausnahmsweise an eine sehr kleine Öffentlichkeit gelangen. Elena Ferrante schreibt viel und gerne, aber sie ist Perfektionistin, weshalb es zehn Jahre dauert, bis sie ihren zweiten Roman 2002 Tage des Verlassenwerdens veröffentlicht. Kurz nach Erscheinen antwortet sie auf Fragen der Tageszeitung l’Unità.

Der Journalist stellt fest, dass Elena Ferrante in Tage des Verlassenwerdens eine Situation im Leben einer Frau mit brutaler Offenheit schildert: Ob die Anonymität dabei hilfreich war. Ferrante sagt, sie wisse es nicht. Sie habe schon immer die Neigung gehabt, den Alltag vom Schreiben zu trennen. Um das Leben zu ertragen, würden wir lügen, erklärt sie, weil Lügen uns schützen und Schmerzen lindern. „Beim Schreiben aber darf man nicht lügen. In der literarischen Fiktion muss man ehrlich sein bis zur Schmerzgrenze“, so Ferrante. Vermutlich helfe ihr die strenge Trennung von Leben und Schreiben dabei, die Selbstzensur in Schach zu halten. Zudem wolle sie „aus einem leicht neurotischen Bedürfnis nach Unantastbarkeit“ keine Person des öffentlichen Lebens werden. Wenn das Buch dann fertig sei, fühle es sich an, als sei „der eigene Körper gnadenlos durchsucht worden“, und man nur noch den einen Wunsch habe, „seine Integrität wiederzuerlangen, wieder zu der normalen Person zu werden, die man gewöhnlich ist, mit ihren gewohnten Beschäftigungen, Gedanken, Beziehungen, ihrer alltäglichen Sprache.“ Öffentlich sei ja das Buch: Es enthalte alles, was sie zu sagen habe. „Und wen kümmert schon ernsthaft die Person, die es geschrieben hat? Wesentlich ist nur das fertige Werk.“

Den Widerspruch, dass nun auch ihre Antwort und ihre Erläuterungen beispielsweise zu ihrem „leicht neurotischen Bedürfnis nach Unantastbarkeit“ und viele weitere Selbsteinschätzungen zusätzlich zum Buch in diesem Fall den Lesern von l’Unità mitgeteilt werden, ignoriert Elena Ferrante hier erstmals – vielleicht noch unbewusst –, wird aber dieses paradoxe Verhalten in ähnlichem Kontext bis in die Gegenwart beibehalten.

 

Gipfel der Eitelkeit

Im Juli 2003 schreibt die Verlegerin Sandra Ozzola an Elena Ferrante: „Vielleicht hätte Deine absolut legitime Entscheidung, nicht persönlich in Erscheinung zu treten, eine etwas ausführlichere Stellungnahme verdient, über ein paar magere Zeitungsinterviews hinaus. Und zwar nicht nur um die zu beruhigen, die sich in den abenteuerlichsten Spekulationen über Deine reale Identität ergehen, sondern auch um das berechtigte Interesse Deiner Leser (und ich versichere Dir, es werden immer mehr) zu befriedigen, Dich besser kennenzulernen.“ Die Verlegerin differenziert hier nicht zwischen dem Du, das sie persönlich kennt (gemeinsame Abendessen sind zu diesem Zeitpunkt bereits dokumentiert), also der wahrhaftigen Person hinter Elena Ferrante und dem Du, das die Leser kennenlernen werden, einem fiktionalen und ungenauen Du ohne Gesicht, ohne Körper, ohne bürgerliche Identität.

Die Verlegerin drängt ihre Autorin, ihrem kurzfristig anberaumtem Projekt zuzustimmen: „Meines Erachtens wäre es keine schlechte Idee, zu Weihnachten einen Sammelband mit ‚Gedanken‘ von Elena Ferrante oder so ähnlich herauszubringen. Kein richtiges Buch, falls es Dir hilft, sondern eher ein Cahier, eine Art Arbeitsjournal oder eine Initiative wie die von Linea d’ombra, als sie den Briefwechsel mit Martone abgedruckt haben. Schreib mir bald, was Du davon hältst, möglichst noch vor Deiner Abreise. Denn falls es ein Ja sein sollte, müssten wir bald mit den Vorbereitungen beginnen.“

Ferrantes umgehende Antwort wirkt unsicher. Sie fühlt sich überrumpelt: „Und warum in aller Welt, sollten wir meine Briefe veröffentlichen? Und wieso nur die an Euch und nicht auch die an Freunde und Verwandte oder Liebesbriefe oder politische und kulturelle Protestschreiben, um tatsächlich den Gipfel der Eitelkeit zu erklimmen? Aber vor allem, was soll es bringen, mein ganzes Gerede neben meine beiden Romane zu stellen?“ Konsequenterweise müssten diese rhetorisch gemeinten Fragen Elena Ferrantes, die sie ihrer Verlegerin stellt, jetzt zu einem klaren Nein führen. Elena Ferrante müsste sich nun weigern, ihre Briefe und ihre privaten Gedanken, die ihre Schreibarbeit begleiten zu veröffentlichen. Diese Haltung müsste ganz klar eine Absage an Sandra Ozzola bedeuten, denn Elena Ferrante bringt hier klar zum Ausdruck, was sie später nicht mehr wahrhaben will: Ihre Gedanken gehören nicht neben ihre Romane. Damit bliebe sie konsequent. Die Weigerung wäre die logische Fortführung ihres Postulats von 1991: „Bücher brauchen, wenn sie einmal geschrieben sind, keinen Autor mehr“. Vielleicht ist es der Zeitdruck, vielleicht die Sommerhitze und vielleicht auch ein wenig Elena Ferrantes eigene Eitelkeit, dass sie bei ihrem ersten und folgerichtigen Impuls der Zurückweisung des Projekts nicht bleibt. Aber ganz sicher ist es ihr schlechtes Gewissen.

 

Angst und Schüchternheit

Elena Ferrante schreibt in ihrem folgenschweren Brief aus dem Sommer 2003 an ihre Verlegerin weiter, sie müsse andererseits zugeben, dass sie es ziemlich satt habe, den Bitten der Verleger stets Absagen zu erteilen: „Ihr wart in den vergangenen zwölf Jahren wirklich sehr geduldig. Umso mehr, als viele dieser Neins, das weiß ich, in Wirklichkeit ein Ja waren, das sich nur aus Angst und Schüchternheit in Ablehnung verwandelte. Auch diesmal, glaube ich, wäre es wieder genauso.“

An dieser emotional aufgeladenen Stelle, bei diesem immer noch angstbehafteten Gedanken kippt die Wirkungsgeschichte der Autorin Elena Ferrante, denn sie stellt nun wider besseres Wissen die Weichen so, dass die nachfolgende Rezeption ihres Werks eine neue Richtung einschlagen muss. Fortan wird aus dem bloßen Namen Elena Ferrante, aus diesen „13 Buchstaben“, auf die sie später ihre Existenz wieder reduzieren möchte, ein vielseitiges und bunt schillerndes Pseudonym, dem sie mit teils fiktiven, teils glaubhaften Eigenschaften ein kaum noch zu fassendes Eigenleben verleiht. Mit Vehemenz stellt Elena Ferrante ihren Romanen seither die denkende und schreibende und veröffentlichende Autorin beiseite, die ausführlich ihr eigenes Werk kommentiert und interpretiert, beispielsweise gestrichene Roman-Passagen nachreicht und einordnet oder von ihrer Beschäftigung mit den Romanen anderer Autoren berichtet, die im Fall von Flaubert sogar die Auseinandersetzung mit seiner Vita umfasst.

Elena Ferrante lenkt zwar sehr zögerlich ein, um die Wünsche ihrer Verlegerin zu erfüllen, aber sie tut es dann doch: „Du hast sicher recht, wenn Du es als Zugabe für die Leserinnen und Leser von Lästige Liebe und Tage des Verlassenwerdens bezeichnest. Aber das hat natürlich bestimmte Konsequenzen. Wenn Ihr Euch dazu entschließt, müsstet Ihr als Verlag es als Anhang zu den Romanen deklarieren, eine Art Nachbemerkung, die sich aufgrund der Menge zu einem eigenen Band ausgewachsen hat. Das ist meine Meinung. Nur so wäre ich einigermaßen beruhigt, sofern das überhaupt möglich ist.“

Elena Ferrante unterstreicht ihre Skrupel. „Wenn das Buch, das Dir vorschwebt, nicht meine dritte Publikation wird, oder, um es noch deutlicher zu sagen, nicht mein neues Buch, sondern ein Anhang zu den ersten beiden, kann ich mich selbst damit beruhigen, dass es Deine Entscheidung war. Das Material gehört sowieso schon dem Verlag, dann brauche ich Dir nur noch dabei zu helfen, konfuse Formulierungen zu klären, hier und da ein Adjektiv oder eine überflüssige Zeile zu streichen und das Material chronologisch zu ordnen. Gib mir Bescheid.“

 

Die Annahmen sind begründet

Der Verlag zögert nicht. Dies war zwar nur eine halbherzige Zusage mit vielen Einschränkungen („nicht mein neues Buch“), aber die Bahn ist nun frei. Elena Ferrantes Bedenken werden in den nächsten Monaten vom Verlag in Rom vom Tisch gefegt. Das Buch erscheint nicht als Anhang, sondern als Ferrantes dritte und eigenständige Publikation. Aus dem Arbeitstitel „Gedanken“ wird Frantumaglia, ein Neologismus, den Ferrantes Mutter geprägt hat, und u.a. die Zersplitterung bezeichnet, ein Gefühl, das sie überkommt, wenn sie den Boden unter den Füßen verliert. Das Umschlagmotiv zeigt ein Gemälde Natan Altmans von 1914, das Porträt der Dichterin Anna Achmatowa, die der Grafiker sorgsam enthauptet hat (kein glatter Fallbeil-Schnitt, sondern gekonnt den kubistischen Vorgaben folgend), um sofort auf das Thema der gesichtslosen Autorin hinzuweisen. Das Buch wird keineswegs als umfangreiches Nachwort zu ihren beiden Romanen gekennzeichnet, sondern wird als ein Solitär im Hardcover rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft 2003 auf den Markt gebracht. Frantumaglia ist Ferrantes neues Buch, das bis heute Bestand hat, zweimal erweitert und in viele Sprachen übersetzt wurde.

 

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[1] Dieses Zitat wie alle folgenden aus Frantumaglia, einem Band mit Briefen, Aufsätzen und Interviews, der in Italien erstmals 2003 erschien, seitdem zweimal erweitert wurde und seit dem Frühjahr 2019 auch auf Deutsch zu lesen ist: Aus dem Italienischen von Julika Brandestini und Petra Kaiser. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 499 S., 24 €. Vgl. Nicola Bardola: Elena Ferrante – meine geniale Autorin. Reclam Verlag, Ditzingen. 59 Abb., 311 S., 24 €.


Externe Links:

Autorenwebsite von Nicola Bardola

Elena Ferrante bei Edizioni E/O (it. Original)

Elena Ferrante im Suhrkamp Verlag (dt. Übersetzung)


Kommentare

Clemens am 22.09.2019 um 14:49

Zitat: "Bücher brauchen, wenn sie einmal geschrieben sind, keinen Autor mehr. Wenn sie etwas zu erzählen haben, finden sie früher oder später ihre Leser." Die Aussage wirkt wie aus der Zeit gefallen. Welcher Verlag aus der heutigen Literaturindustrie ließe sich heute noch darauf ein?



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