Als der Zweite Weltkrieg begann: Literarische Marginalien zu 80 Jahre Weltkriegsbeginn

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Wieluń nach dem Luftangriff, September 1939. Der Angriff wird von Historikern als erstes Kriegsverbrechen beim deutschen Überfall auf Polen angesehen und gilt als erste militärische Aktion im Zweiten Weltkrieg.

In zwei globalen Weltkriegen war Deutschland besonders verantwortlich verstrickt, der zweite Große Krieg führte fast zum totalen Untergang des Landes und seiner Menschen. In der deutschen Gegenwartsliteratur spiegelt sich das Geschehen, das Erlebte des Zweite Weltkriegs besonders konträr wider – je nach politischem Standort der einzelnen Autoren. Oft behandelten Schriftsteller die sog. Stunde Null vom 8. Mai 1945, aber alles begann militärisch spätestens am 1. September 1939. Bernhard M. Baron über die literarischen Fußabdrücke des zweiten Großen Krieges in der deutschen und bayerischen Literatur.

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Am 1. September 1939 begann der völkerrechtswidrige Angriffskrieg des NS-Reiches gegen die Republik Polen. Der Zweite Weltkrieg kostete in sechs Jahren knapp 60 Millionen Menschen das Leben. „Der Nonsens des Krieges wird nicht in Massenszenen oder Schlachtendarstellungen entlarvt, in denen das Individuelle zur Randerscheinung absinkt, sondern am Geschick einzelner oder weniger exemplifiziert.“ So Rudolf Hagelstange in seiner Laudatio auf Heinrich Böll aus dem Jahre 1967 anlässlich der Verleihung des Büchnerpreises.

Am 31. August 1939 tanzt noch ganz ausgelassen im „Haus Oberschlesien“ in Gleiwitz – der Heimat des späteren Wahl-Bayern Horst Bienek – eine barock-illustre Hochzeitsgesellschaft seine erste Polka, die bereits am Tag danach die letzte sein wird. Hintergrund des gleichnamigen Romans von Horst Bienek Die erste Polka (1975) ist der von Hitlers SS inszenierte Überfall auf den Radio-Sender Gleiwitz, der den Vorwand zum Überfall auf das östliche Nachbarland am 1. September 1939 darstellt. Dem Dance macabre folgt bald ein literarisch-geographisches Septemberlicht (1977) als zweiter Teil seiner „Gleiwitzer Tetralogie“ (1975-82).

Die Vorzeichen des kommenden zweiten Großen Krieges verzeichnet auch das Tagebuch ... und morgen die ganze Welt. Erinnerungen an Deutschlands dunkle Zeit (1966) des Romanciers und Drehbuchautors Erich Ebermayer, der von Berlin zurückgezogen auf seinem Oberpfälzer Wasserschloss Kaibitz bei Kemnath lebt:

Kaibitz, 29. August 1939

Seit drei Tagen, das erfahre ich erst jetzt, wunderte mich nur über die angenehme Ruhe in der Luft, ist „Luftsperre“. Auf dem nahen Militär-Flugplatz Kirchenlaibach steigt kein Flugzeug mehr auf. Einer der wenigen Vorteile dieser großen Zeit. [...]

Kaibitz, 1. September 1939
Mitternacht

[...] Die erste Nacht der Verdunkelung! Wieviele werden folgen? Wie ist die geliebte Landschaft auch in dieser ersten Kriegsnacht groß und weit und still! Nichts regt sich in den Lüften.

Der Grandseigneur und Bonvivant Erich Ebermayer, der sowohl zu Goebbels und Göring als auch zur Thomas Mann-Familie, Gustaf Gründgens und Stefan Zweig beste Kontakte unterhält, lässt sich vom kommenden Kriegsgeschehen nicht ablenken. Er schreibt und filmt weiter. Jahre später wird er diese Zeit als Teil seiner „inneren Emigration“ zurechnen. Für Ebermayer wird sie ein lukratives Geschäft (Film-Drehbuch Wir machen Musik, 1942). Lobenswert werden im Frühjahr 1945 die Unterbringung des gesamten bei Kaibitz ansässigen Gerhart-Hauptmann-Archivs auf seinem Oberpfälzer Landsassengut und seine populären Filmdrehbücher zu Die Mädels vom Immenhof (1954) und Canaris (1955).

Unter dem Datum des 1. September 1939 notiert Klaus Mann, ältester Sohn des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann, der sich bereits seit September 1938 in den USA aufhält, in sein Tagebuch:

Nachts um 1 Uhr, die Hitler-Rede aus Berlin. Matter, schäbiger, elender noch zu erwarten war [...] The unsuccessful crook. This is his end. [...] Angst. Hoffnung. Beben. Äusserste Spannung. Immer am Radio. Oft den Tränen nah. Sorgen um E[rika seine Schwester, Anm. d. Red.] und die Eltern – den nach Schweden Verschlagenen. Ungewiss auch wegen der eigenen Pläne.

Günter Grass (1927-2015) verbringt währenddessen als „Gymnasiast Pilenz“ mit seiner illustren Clique (die gemeinsame Gruppenfreundin „Tulla“ beobachtend) seine Pubertät an der Danziger Ostseeküste am Wrack eines polnischen Minensuchboots – festgehalten in der 1961 erschienenen Novelle Katz und Maus. In den letzten Kriegsjahren sehen wir den Autor dann bei der 10. SS-Panzer-Division Frundsberg wieder. Die US-Kriegsgefangenschaft verbringt Grass – einen Kochkurs besuchend – im Oberpfälzischen Auerbach.

Max Frisch (1911-1991) rückt am 1. September 1939 zum Schweizerischen Grenzdienst ein und beginnt mit seinen Tagebucheintragungen, veröffentlicht 1940 als Blätter aus dem Brotsack. Der Österreicher und mittlerweile deutsche Reichsbürger Alexander Lernet-Holenia (1897-1976) wird als Leutnant des 7. Kavallerie-Schützenregiments am 2. September 1939 beim „Polenfeldzug“ verletzt, kommt ins Lazarett und beginnt dort mit seinen Aufzeichnungen Mars im Widder (Manuskript 1941, Stockholm 1947). Auch der gebürtige österreichische Dichter und Wahl-Dachauer Heimito von Doderer, Rittmeister a.D. des Ersten Weltkriegs, wird als Oberleutnant der Luftwaffe wieder aktiviert. Aus seinem 1940 begonnenen Kriegstagebuch – das auch seinen militärischen Aufenthalt 1944/45 in Waldsassen enthält – entsteht 1964 die Autobiographie Tangenten. Während Doderer militärisch durch halb Europa beordert wird, gelangt er innerlich ins Quellgebiet seines schönsten Romans: Die Strudlhofstiege (1951).

Und Max von der Grün steht als Hitlerjunge im oberfränkischen Schönwald erwartungsvoll am Straßenrand (Wie war das eigentlich? Kindheit und Jugend im Dritten Reich, 1979). Bei der Besetzung des „Sudetenlands“ am 1. Oktober 1938 ist bereits sein Stiefvater Albert Mark im böhmischen Paulusbrunn als Zeuge Jehovas verhaftet und ins KZ Dachau eingeliefert worden. Einige Jahre später, 1943, wird Max von der Grün Soldat und Fallschirmjäger.

Der im Deutschen Reich verbliebene Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann, der noch am 22. August 1939 den bevorstehenden Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes in Bad Flinsberg mit Champagner begrüßt, nimmt aufgrund familiärer Ereignisse um seinen Sohn Benvenuto den deutschen Angriff vom 1. September 1939 auf Polen nicht wahr. Die folgenden Tage sind dann auch frei von nationaler Euphorie.

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Bert Brecht – bereits 1933 aus Deutschland emigriert – schreibt im November 1941 im US-Exil das Gedicht Kinderkreuzzug 1939:

In Polen, im Jahr Neununddreißig
War eine blutige Schlacht
Die hatte viele Städte und Dörfer
Zu einer Wildnis gemacht.

Die Schwester verlor den Bruder
Die Frau den Mann im Heer;
Zwischen Feuer und Trümmerstätte
Fand das Kind die Eltern nicht mehr.

Aus Polen ist nichts mehr gekommen
Nicht Brief noch Zeitungsbericht.
Doch in den östlichen Ländern
Läuft eine seltsame Geschicht.

Schnee fiel, als man sich’s erzählte
In einer östlichen Stadt
Von einem Kinderkreuzzug
Der in Polen begonnen hat.

[...]

Brechts Gedicht beschreibt, wie eine Gruppe von Kindern, die im Polenfeldzug zu Kriegswaisen geworden sind, auf der Suche nach einem friedlichen Land durch das zerstörte Polen irrt, die Schrecken des Krieges erlebt und schließlich an Hunger und Kälte zugrundegeht. Kinderkreuzzug 1939 erscheint 1949 in seinen Kalendergeschichten und hat deutliche Parallelen zu den mittelalterlichen Kinderkreuzzügen 1212. Der Kinderkreuzzug 1939 ist Brechts erstes Gedicht, das den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schildert. Ursprünglich hat es 47 Strophen und wird 1951 auf 35 reduziert. Der englische Komponist Benjamin Britten macht daraus die Ballade The Children’s Crusade, die 1969 in der St. Paul‘s Cathedral in London uraufgeführt wird.                                         

Die meisten deutschen Schriftsteller wie Ernst Jünger (Gärten und Straßen, Kriegstagebuch, 1942) werden per Einberufungsbescheid wieder Soldat – außer sie sind bereits aufgrund ihrer politischen Einstellung im Exil wie Carl Zuckmayer (Des Teufels General, 1946), Erich Maria Remarque (Arc de Triomphe, 1946) oder Klaus Mann. Die meisten jungen Männer sind jedoch nach dem Reichsarbeitsdienst erstmals aktive Soldaten und hinterlassen ihre Eindrücke in zahlreichen Werken: Alfred Andersch (Die Kirschen der Freiheit, 1952; Winterspelt, 1974), Hans Bender (Die Wölfe kommen zurück, 1969), Walter HöllererWolfgang Bächler (Die Erde bebt noch, 1947), Martin Walser (Ein springender Brunnen, 1998), Walter Kolbenhoff (Heimkehr in die Fremde, 1949), Heinrich Böll (Wanderer, kommst du nach Spa, 1950), Burkhart Nadolny (Michael Vagrant, 1948), Gerd Gaiser (Reiter am Himmel, 1941; Die sterbende Jagd, 1955), Curt Hohoff (Woina, Woina. Russisches Tagebuch, 1951), Hermann Lenz (Verlassene Zimmer, 1966; Der andere Tag, 1968), Günter Eich (Rebellion in der Goldstadt, 1940), Erich Kuby (Mein Krieg. Aufzeichnungen aus 2129 Tagen, 1975), Gerd Ledig (Die Stalinorgel, 1955), Hans Dieter Schwarze (Geh aus mein Herz. Erinnerung an eine Jugend, 1990), Hans Hellmut Kirst (08/15, 1954/55), Siegfried von Vegesack (Soldaten hinterm Pflug, 1944), Bernt Engelmann (Bis alles in Scherben fällt. Wie wir die Nazizeit erlebten: 1939-1945, 1983), Felix Hartlaub (Kriegsaufzeichnungen aus Paris, posthum 2011) und Hermann Glaser (Spurensuche. Deutsche Familienprosa, 1981). Manche von ihnen werden Militärärzte wie Peter Bamm (Die unsichtbare Flagge, 1952) und Gottfried Benn oder Militärpfarrer wie Albrecht Goes (Unruhige Nacht, 1950). Kurios und makaber zugleich: Junge Autoren werden Soldaten und zahlreiche Soldaten Schriftsteller oder Dichter.

Viele engagierte politisch linientreue schreibfreudige Soldaten dienen als privilegierte  Kriegsberichterstatter in sog. Propagandakompanien der Deutschen Wehrmacht wie Hans Baumann (Morgens marschieren wir, 1939), Josef Martin Bauer (Die Kraniche der Nogaia. Tagebuchblätter aus dem Feldzug im Osten, 1942; Unterm Edelweiss in der Ukraine,  1943), Herbert Reinecker (Das Dorf bei Odessa, 1942; Junge Adler, 1944), Heinz G. Konsalik (Der Arzt von Stalingrad, 1956), Lothar Günter Buchheim (Jäger im Weltmeer, 1943), Joachim Fernau (Afrika wartet. Ein kolonialpolitisches Bilderbuch, 1942), C. W. Ceram [= Kurt W. Marek] (Wir hielten Narvik, 1941), Thaddäus Troll [= Hans Bayer] (Getreu bis zum letzten Atemzug, 1943), Walter Henkels (38 Mann stürmen Vichy, 1943), Jürgen Thorwald (Luftkrieg im Westen, 1940), Rudolf Hagelstange (Allegro. Ein italienischer Bilderbogen mit Versen, 1944) oder Henry Nannen (Störfeuer von MI 71, 1944). Ebenfalls einer Propagandakompanie zugehörig ist der Schlesier Horst Lange – nach 1945 in München wohnhaft und Tukan-Preisträger –, dessen Erzählungen Die Leuchtkugeln (1944) von Carl Zuckmayer „als das beste und menschlichste Kriegsbuch des Zweiten Weltkriegs“ gelobt wird.

***

Interessant dürfte auch die Tatsache sein, dass die deutschen Soldaten ab 1939 mit entsprechend anspruchsvoller und unterhaltender Buchlektüre („Feldpostausgaben“) versorgt wurden. An der Front oder in der Erholungsetappe gab es Freizeit und die Heimat – die Familie, die Verwandten waren fern. Die „Soldatenbücherei“ war ein spezielles Projekt des Oberkommandos der Wehrmacht. Ein Klassiker war 1940 Goethe. Die Feld-Ausgabe. Der Frontbuchhandel florierte bestens und „Das Buch im Tornister“ war für deutsche Verlage jahrelang ein gutes Geschäft. So sind in der Ausgabe Wiener Brevier (1940) natürlich auch die Gedichte des Josef Weinheber (1892-1945), einem der wichtigsten Akteure in der Kulturpolitik des Dritten Reiches („bedeutendster lebender Lyriker der Gegenwart“): Die deutschen Tugenden im Kriege.

In der „Tornisterschrift des Oberkommandos der Wehrmacht, Heft 37“, Dem Führer. Worte deutscher Dichter (1941), finden wir ein Gedicht des Arztes, Lyrikers und Romanciers Hans Carossa, der 1938 mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet, von Goebbels Gnaden noch 1941 zum Präsidenten eines „Europäischen Schriftstellerverbandes“ berufen wird:

Kein Künstler, kein Dichter unserer Tage soll es bedauern
Kein Künstler, kein Dichter unserer Tage soll es bedauern,
daß er in eine harte, gewaltig bewegte,
schnell sich verwandelnde Welt hineingewachsen ist;
[...]
Jedem echten Gründer und Beweger fühlt er sich verbunden,
und wenn er nun aus seiner kleinen Welt heraus
bewundernd sieht, wie draußen auf dem großen
sonnenbeschienenen Felde der Tat
ein Mann von höchstem Mut und höchster Entschlußkraft
um eine neue Form seines Volkes kämpft,
so muß es ihn mit Stolz erfüllen,
daß er auf seine stille Weise dem gleichen Volke dienen darf.
Ermutigt kehrt er zu seinen Aufgaben zurück und wünscht jenem kühnen,
das allgemeine Schicksal tragenden Kämpfer und Führer Heil und Glück.

Eine Besonderheit in diesem Zusammenhang wird dem gebürtigen Schweinfurter Erhart Kästner (1904-1974), ehemaliger Sekretär des deutschen Literaturnobelpreisträgers Gerhart Hauptmann auf Griechenland, zuteil, der vom Deutschen Generalstab vom Kriegsdienst freigestellt wird, um entsprechende Frontbücher für die stationierten Soldaten zu schreiben (Griechenland. Ein Buch aus dem Kriege, 1942). Nach dem Zweiten Weltkrieg „bereinigt“ der Insel-Verlag dessen Griechenland-Bücher (Kreta, 1946; Ölberge. Weinberge. Ein Griechenlandbuch, 1953; Die Stundentrommeln vom heiligen Berge Athos, 1956), die als kulturelle Reiselektüre hohe Auflagen erzielen.

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Hunderttausende von deutschen Männern werden fernab ihrer Heimat Soldaten und überlassen die Arbeit in den Fabriken oder Bauernhöfen ihren Ehefrauen und Müttern. Beispielhaft schildert Anna Wimschneider vom harten Leben einer niederbayerischen Bäuerin, aber auch vom Terror der NS-Bürokraten der „Heimatfront“ und den Schikanen ihrer Schwiegermutter in ihren Aufzeichnungen, die 1984 u.d.T. Herbstmilch erscheinen und aufgrund ihrer ungeschminkten Ehrlichkeit zum literarischen Bestseller werden. 1989 setzt ihr Landsmann Joseph Vilsmaier ihrer Lebens- und Leidensgeschichte ein filmisches Denkmal. Herbstmilch motiviert viele andere Menschen, ebenfalls ihre Lebensgeschichte niederzuschreiben und zu publizieren. Zahlreiche sog. Erinnerungsbücher erscheinen, können aber mit der Authentizität von Herbstmilch nicht wirklich mithalten. Wimschneiders Erfolg bleibt eine Ausnahmeerscheinung.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs verschlägt es den sächsischen Infanteristen Erich Loest als „Werwolf“ noch in die Oberpfälzer Wälder zwischen Eslarn und Schönsee (Jungen, die übrig blieben, 1950), während der Berliner Günther de Bruyn (*1926) sich als Kriegsverletzter kurze Zeit auf der Oberpfälzer Wohnburg Falkenberg des ermordeten Widerstandskämpfers und Botschafters Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg aufhält (Zwischenbilanz. Eine Jugend in Berlin, 1992). Und Manfred Gregor-Dorfmeister soll noch in den letzten verbleibenden Kriegsstunden Ende April 1945 als jugendlicher „Volkssturmmann“ eine unwichtige Brücke unweit seiner oberbayerischen Heimatstadt Bad Tölz verteidigen. Sein Roman Die Brücke (1958), von Bernhard Wicki in Cham 1959 verfilmt, ist eine Mahnung an uns alle.

Nach dem Inferno des Zweiten Weltkriegs veröffentlicht Hans Werner Richter, Spiritus Rector der „Gruppe 47“, 1949 den ersten Kriegsroman eines deutschen Soldaten, der in neun Sprachen übersetzt wird: Die Geschlagenen. Sein zweiter Roman Sie fielen aus Gottes Hand (1951) schildert die Erlebnisse von zwölf Menschen verschiedener nationaler, sozialer und politischer Herkunft zwischen 1939 und 1950 – örtlich angesiedelt im damaligen KZ Happurg/Hersbruck (Franken), einem Außenlager des KZ Flossenbürg (Oberpfalz). Richtungsweisend ist auch die ebenfalls von Richter edierte Lyrik-Anthologie Deine Söhne Europa. Gedichte deutscher Kriegsgefangener (1947, Neuaufl. 1982), u.a. mit Gedichten von Günter Eich, Heinz Friedrich, Thilo Koch, Wolfgang Lohmeyer und Gerhard Kukofka.

In einem gigantischen Exodus stranden nach 1945 unzählige heimatlos gewordene, gesundheitlich angeschlagene schreibende Soldaten im Freistaat Bayern: Horst Lange (Ulanenpatrouille, 1940), Heinz Piontek (Stunde der Überlebenden, 1989), Dieter Hildebrandt, Gerhard Kukofka, Arno Lubos (Schwiebus. Ein deutscher Roman, 1980), Ernst Günther Bleisch, Rudolf Günter Langer (Ortswechsel, 1973), Horst Mönnich (Russischer Sommer, 1944; Erst die Toten haben ausgelernt, 1956) und Franz Joachim Behnisch (Eichendorffs „Taugenichts“ in Russland, 1955).

„Alle, die damals anfingen zu schreiben“ – so Hans Bender – „waren Gezeichnete und Desillusionierte. Sie krochen eben aus der Schlacht, aus der Ruine, aus dem Gefangenenlager oder aus dem KZ. Davon mussten sie zuerst berichten.“ So waren es letztlich die Dichter, die sich in der Phase des einsetzenden bundesdeutschen Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg der „Unfähigkeit zu trauern“ (Alexander Mitscherlich) widersetzten und sich damit gesellschaftlich und politisch durchaus auch ins Abseits stellten:

DIE ERDE BEBT NOCH

Die Erde bebt noch von den Stiefeltritten
Die Wiesen grünen wieder Jahr für Jahr.
Die Qualen bleiben, die wir einst erlitten,
ins Antlitz, in das Wesen eingeschnitten.
In unseren Träumen lebt noch oft, was war.
[...]

Wolfgang Bächler auf der Tagung der „Gruppe 47“ in Bannwaldsee
am 10. September 1947


Sekundärliteratur:

Adam, Christian (2012): Lesen unter Hitler: Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich. Köln.

Amann, Klaus (2004): Der Zweite Weltkrieg in der Literatur. Österreichische Beispiele. In: Zeitgeschichte 31.

Bender, Hans (1961): Ende – Übergang – Anfang. 15 Jahre Gegenwartsliteratur. Eine Rede. In: Akzente IV. München.

Berg, Jan u.a. (1981): Sozialgeschichte der deutschen Literatur von 1918 bis zur Gegenwart. Frankfurt/M.

Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred (Hg.) (1947): verboten und verbrannt. Deutsche Literatur 12 Jahre unterdrückt. Berlin u. München.

Groll, Günter (Hg.) (1946): De profundis. Deutsche Lyrik in dieser Zeit. Eine Anthologie aus 12 Jahren. München.

Heimbucher, Oswald (1985): Der zweite Weltkrieg im Spiegel der deutschen Gegenwartsliteratur. Versuch einer Bestandsaufnahme (Bd. 1 der Schriftenreihe des Literaturarchivs Sulzbach-Rosenberg). Amberg.

Kampmann-Carossa, Eva (Hg.) (1993): Hans Carossa. Leben und Werk in Texten und Bildern. Frankfurt/M. u. Leipzig.

Loewy, Ernst (1983): Literatur unterm Hakenkreuz. Das Dritte Reich und seine Dichtung. Eine Dokumentation. Frankfurt/M.

Oberhauser, Fred; Kahrs, Axel (2008): Literarischer Führer Deutschland. Frankfurt/M. u. Leipzig.

Pinkerneil, Beate (Hg.) (1978): Das große deutsche Balladenbuch. Königstein/Ts.

Richter, Hans Werner (Hg.) (1962): Almanach der Gruppe 47: 1947-1962. Reinbek bei Hamburg.

Schlosser, Horst Dieter (201011): dtv-Atlas Deutsche Literatur. München.

Schweiggert, Alfons; Macher, Hannes S. (2004): Autoren und Autorinnen in Bayern. 20. Jahrhundert. Dachau.

Sprengel, Peter (2012): Gerhart Hauptmann. Bürgerlichkeit und großer Traum. Eine Biographie. München.

Externe Links:

Chronik des 1. September 1939

1. September 1939 (zeitgeschichte-online.de)

Kriegsliteratur (Zweiter Weltkrieg)

Das Buch im Tornister


Kommentare

Thomas Dobler am 02.09.2019 um 14:03

Interessant zu lesende, enzyklopädische Übersicht zum Thema, wie immer elegant geschrieben. Hat mich sehr beeindruckt.



Wolfsmehl am 02.09.2019 um 16:17

Bernhard M. Baron legt mit diesem tiefgründigen, bienenfleißigen und aufsehenerregenden Artikel Rechenschaft ab über den Weg bayerischer Literatinnen und Literaten in und durch den Zweiten Weltkrieg. Ein leidenschaftliches Plädoyer für den Frieden zum Wohle der Jugend Europas. Wolfsmehl, Dramatiker



Raimund A. Mader am 04.09.2019 um 10:14

Da wird nicht "gezwitschert" oder gar "aus der Hüfte geschossen" - das ist seriöse, unprätentiöse Arbeit. Arbeit, die umso höher einzuschätzen ist, als wir gerade eben in Zeiten erwachen, in denen sich übelste Geschichte auf unbegreifliche Weise zu wiederholen beginnt ...



Stefan Wirner am 11.09.2019 um 15:26

„Goethe. Die Feld-Ausgabe.“ „Das Buch im Tornister.“ Fundstücke wie diese, die Baron findig und kundig wie immer ausgräbt, sagen fast schon alles aus über die Perversion von Propaganda und Krieg.



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