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02.06.2026, 14:00 Uhr
Gert Heidenreich
Spektakula

Laudatio für Dagmar Nick zur Verleihung des Kulturellen Ehrenpreises der Stadt München 2025

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© Isolde Ohlbaum/Bayerische Staatsbibliothek

Am 24. Februar 2026 wurde der Schriftstellerin Dagmar Nick der Kulturelle Ehrenpreis für das Jahr 2025 verliehen. Die zu diesem Zeitpunkt 99-Jährige erhielt damit eine der höchsten Auszeichnungen der Stadt München für ihr Werk und ihr Wirken. Die Laudatio von Gert Heidenreich lesen Sie im Literaturportal Bayern.

*

Verehrte, liebe Dagmar Nick. Eigentlich sollte ich hier nicht auf bekannte Weise laudatieren. Eigentlich sollten wir, da die Stadt München Ihnen – ich kann nicht umhin, endlich zu sagen – den kulturellen Ehrenpreis verleiht, überall in der Stadt weiße Fahnen mit Ihren Gedichten in Großdruck aushängen und die Passanten bitten, laut vorzulesen. Nichts und niemand kann Sie so auszeichnen wie Ihr über nun achtzig Jahre entstandenes literarisches Werk. Aber ich will meine Begeisterung für Ihre Dichtungen nicht verbergen und versuchen, etwas davon in eigenen Worten zu spiegeln, mit all der damit verbundenen Vorläufigkeit.

Ein unabgeschlossenes, mit Ehrungen und Preisen reich geschmücktes, Werk ist zu betrachten, fast zwanzig Gedichtbände, fünf große Essays über die Kulturen am mare nostrum; Hörspiele, darunter die drei poetischen Frauen-Monologe von Medea, Lillith und Penelope; schließlich die bewundernswerte Spurensuche in der historischen Verzweigung der eigenen Herkunft unter dem Titel Eingefangene Schatten. Mein jüdisches Familienbuch.1

Dagmar Nicks Lebenswerk, seit 1947 kontinuierlich fortgeschrieben, ist vor allem in der Lyrik getragen von einer einzigartigen Konjunktion: Empfindsamkeit und Scharfblick, Weltoffenheit und Weltkritik gehen eine poetische Verbindung ein; die Sprache ist nie verrätselt, nirgends verblümt. Selbst das literarisch durchaus gefährliche Wort Herz wird hier in souveräner Selbstverständlichkeit gleichsam in sein poetisches Recht gesetzt; sei das Organ nun biologisch angesprochen, als empfindlichste Stelle für Jubel und Verzweiflung oder als Austragungsort streitender Empfindungen, von seiner Trägerin gescholten oder zum Dialog gezwungen: Immer scheut dieses, ihr befragtes Herz die süße Metapher und bleibt ein Ort unbestechlicher Auskunft.

„Gedichte sind wie Ventile“, sagt sie. „Ich öffne das Ventil, und das Gedicht kommt.“2 Einfach so und so einfach? Die Kunst, mit der die Lyrikerin unsere Welt und sich selbst durchleuchtet, deutet auf einen intensiven Arbeitsprozess, der auf die Intuition folgt: Verdichtung und Gestaltung. Zudem weist die Fülle bewegender und, ja, anrührender Liebesgedichte auf biografisches Glück. Doch unter der Hoffnung auf Dauer vibriert in den Versen, wie auch nicht, die Angst vor Verlust.

Das berühmteste mittelhochdeutsche Minnelied einer verlassenen Frau, das Falkengedicht des „Kürenbergers“, führt Dagmar Nick aus der Ferne des Mittelalters in ihre eigene Gegenwart:

Ich, Falknerin.
Und wärst du mein Falke
und ich verkappte dich, so
bliebest du immer noch
schön: dein Antlitz
mir unter die Lider gestanzt;
und trüge ich dich
auf meiner linken Faust
mit umschlungenen Fängen,
so wärest du immer noch
frei; und nähme ich dir
die Kappe ab und
löste die Schlaufen, so
flögest du auf und hättest
für immer noch meine Sehnsucht
nach dir in den Schnüren
deines Geschühs.3

Die Fachsprache der Falknerei, „Geschüh“, die ganze konjunktivische Konstruktion, all das dient dazu, die im Gedicht glühende Sehnsucht des lyrischen Ichs, in dem die Dichterin vermutet werden darf, gleichsam vor Überhitzung zu schützen. Hinter der grammatikalischen und vokabularen Maskierung bleibt aber die Liebende mit ihrer Angst vor Trennung um so deutlicher sichtbar und spürbar.

Es ist diese Angst, genährt von Erfahrung, die viele der Liebesgedichte grundiert. Auch sie korrespondiert mit der Biografie: Verlust, Trauer, rück-blickender Schmerz verbinden sich mit seelischem Widerstand und der Ahnung von Trost: Trost im Schreiben. Ganz offensichtlich ist Dagmar Nicks Lebens-Tapferkeit von Beginn an mit ihrer literarischen Arbeit verbunden; eine Existenz nach der Devise von Italo Svevo: „Fuori dalla penna non c'è salvezza“ – es gibt kein Heil ohne das Schreiben.4 

Dieses Schreiben ist angesiedelt im Zwischenreich der Kunst, das sich zwischen der Welt der Wahrnehmung und der Welt der reinen Ideen als Ort und Hort eigentlicher Freiheit ausbreitet. Hier ist die Heimat der Dichterin, hier reichen ihre Blicke von ganz innen bis ins fernste Außen; hier kann sie Selbstbeobachtung und Zeitkritik verbinden, kann vom eigenen Ich überrascht und enttäuscht sein, kann über Einsamkeit klagen, Geborgenheit feiern und sich selbst erlösen.

„Ich weiß, wie man sich rettet“, endet ein Trennungsgedicht,5 und selbstermutigend, fast trotzig und für die Haltung von Dagmar Nick paradigmatisch, klingt es in einem anderen:

Jetzt im November
wo mein Haus mich verlässt,
meine Bettstatt zerzaust
in den Zweigen hängt
meine Bücher
auf Spinnweb geschrieben,

verweht und die Nachbarn
Stieglitz und Zilpzalp
verzogen sind, jetzt
in den funkelnden Nächten
wo ihr glaubt, dass ich friere,
heiz ich mein Herz auf und
jage,
jage im Schutz des Orion,
borg mir von ihm einen
Augenstern und sein Schwert
und lasse den Winter
mit einem Satz
über die Klinge springen.6

Welch eine Kraft in einem so zarten Menschen! Welch ein poetischer Mut!

Mut hatte es gebraucht, um zu überleben in dem Volk, das seine eigene Zivilisiertheit verriet und der Hakenkreuzschande jubelnd den Vorzug gab. Aufzuwachsen in dem, wie es Erich Kästner später nannte, „Zuchthaus des Geistes“,7 hieß, in Furcht zu leben, im Schatten, weggeduckt vor den Blicken der Eifrigen. Die Eltern in sogenannter „privilegierter Mischehe“: die Mutter, Kaete Jaenicke, Sängerin, Jüdin aus alter Breslauer Familie; der katholische Vater Edmund Nick, Komponist, Leiter von Radio Breslau. Er verliert 1933 sofort nach der Machtaneignung der Nationalsozialisten sein Amt, darf jedoch unter Pseudonym als Filmkomponist tätig bleiben. Ständig bedroht von der Gestapo. Die Tochter, eingetragen als „Mischling“, über Jahre gezeichnet von einer schweren Tuberkulose, rettet sich in die Literatur. Und als der Alptraum endet und der auf immer unbegreifliche Mordrausch der vormals für ihre Kultur bewunderten deutschen Gesellschaft sichtbar wird, zeigt Edmund Nick ein Gedicht seiner achtzehnjährigen Tochter dem Feuilleton-Chef der ersten, von Amerikanern lizensierten Neuen Zeitung, Erich Kästner. Er druckt es in der Ausgabe vom 24. Dezember 1945. Auflage 800.000. Damit tritt eine junge Dichterin unter das selbstzerstörte Volk. Der Titel ein Zeitzeichen:

Flucht

Weiter. Weiter. Drüben schreit ein Kind.
Lass es liegen, es ist halb zerrissen.
Häuser schwanken müde wie Kulissen
durch den Wind.

Irgendjemand legt mir seine Hand
in die meine, zieht mich fort und zittert.
Sein Gesicht ist wie Papier zerknittert,
unbekannt.

Ob du auch so um dein Leben bangst?
Alles andre ist schon fortgegeben.
Ach, ich habe nichts mehr, kaum ein Leben.
Nur noch Angst.

Dieses Gedicht ist nicht nur der erstaunliche Vorbeginn einer schon zwei Jahre später mit dem Band Märtyrer einsetzenden Entwicklung der Lyrikerin. Es ist ein Text, der sich – horribile dictu – in all den Jahrzehnten seither unaufhörlich durch die Wirklichkeit aktualisiert. Er ist ein Gedicht unseres Zeitalters geworden.

Wenn ich vom Mut der Dichterin spreche, muss auch von anderen Seelenzeichen die Rede sein. Von Melancholie und Trauer und, mit dem Mut verwandt, vom Zorn auf die menschengemachten Übel der Welt. Wir wissen inzwischen, dass Erfahrungen sich genetisch manifestieren. In der Tiefe unserer Ursprünge blicken wir also auch auf die, obschon ungewisse, seelische Fracht der Vergangenheit. Wer Dagmar Nicks Jüdisches Familienbuch liest, dieses brillant erzählte Lebens-Delta ihrer Ahnen und Nebenahnen seit 1550, weiß danach sehr genau Bescheid über die Schicksale von Juden in Europa – ihre Geschichte von Vertreibung, Verfolgung, erkämpfter Anerkennung, Pogromen, Übervorteilung, Demütigung, Entmündigung. Die immer wieder erneuerte Hoffnung, durch Fleiß und wirtschaftlichen Erfolg als Mensch unter Menschen aufgenommen zu werden, durch Taufe und Patriotismus als Bürger gleichgestellt zu sein, mündete in den Aschenhorizont der Shoa. Dagmar Nick beendet ihren Bericht zuvor – mit der Schilderung der einsetzenden Deportationen. Bewundernswert, wie sie dieses Werk erarbeitet, erzählt und ertragen hat, steht doch auch über dieser Genealogie ungeschrieben der Satz von Primo Levi: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“9 Nach ihrer Spurensuche befragt, wird die Erzählerin später antworten: „Meiner jüdischen Familiengeschichte nachzugehen, war mir ein Genuss, nichts als ein Genuss!“10 Solcher Freimut trägt das ganze Buch. Dass in ihrem Ahnengeflecht sehr berühmte Namen der deutschen Kunst und Kultur auftauchen, heilt dennoch nicht Ratlosigkeit und Trauer angesichts der Leidensgeschichten.

Die Erfahrung, nirgendwo dauerhaft behaust zu sein, konnte nur durch Beständigkeit und Zusammenhalt ertragen werden. In Dagmar Nicks Gedichten ist der fragile Lebensgrund immer wieder Anlass zur Selbst-Vergewisserung; Sicherheit entsteht hier einzig durch Liebe. Wo sie plötzlich fehlt, wird das Ich von radikaler Vereinsamung überfallen.

Meine verschollene Schwester,
die Melancholia, kehrte zurück.
Ohnmächtig sehe ich zu, wie sie
in meinem Bett deinen Platz
besetzt, meine Ausrufezeichen,
auch meinen Schlaf, und wie sie
sich abends die Zöpfe flicht,
die sie mir liebevoll anbietet
in der Nacht als Ersatz
für einen Strick.11 

Und doch, den ihr vertrauten dunkelsten Tiefen zum Trotz, blitzt in ihrem Werk da und dort, gerade auch in ihrer „jüdischen Familiengeschichte“, Humor auf, erleichternd, überraschend, befreiend; in der Poesie da, wo sie fürchtet, einen Schritt ins Pathos gewagt zu haben. Schon ernüchtert sie sich. Nicht durch Ironie, sondern durch heitere Distanz. Es ist jener Humor, von dem Jean Paul sagte, er sei ein „umgekehrt Erhabenes und in seinem Lachen seien noch Schmerz und Größe“.12 Bei Dagmar Nick führt das zum Ton einer hellen und verlässlich vorgetragenen Ermutigung, am Abgrund Tritt zu fassen, ja noch im Sturz „wissbegierig“ zu bleiben. „Wie geht es weiter nach dem letzten Stern?“, fragte sie 2021 in einem Gespräch.13 Nicht, weil sie in der Unendlichkeit ewiges Leben suchte. Sie hält sich bei der Antwort lieber an die Physik als an die Metaphysik. „Ich bin viel zu jüdisch in meinem Wesen, um ein Jenseits anzunehmen; im Judentum gibt es keine Mystik.“14 

Dennoch bleibt die evangelische Dichterin, was den Nachtod betrifft, durchaus interessiert. „Vielleicht wird es dann hell. / Gegen Blendungen bin ich immun“, heißt es in einem der jüngeren Gedichte.15 Die späte Poesie der nun bald Hundertjährigen ist voller Spannung, frei von Angst und fast ohne Klage. Käme vor dem Tod nicht das Altern... Damit, mit Schwäche und Schmerz, das gibt sie zu, hadert sie. Und wieder betrachtet sie sich selbst ohne Schonung:

Fraglicher Rückblick

Abgeschafft sind die Tempi
presto und molto furioso
wenn sich der Boden den Schritten
entzieht: die Verselbständigung
der toten Materie. Meine Entmachtung.
Und ich wüsste gern,
wer in meinem früheren Körper
wohnte, oder ob ich es war, und
wie die Tanzschritte funktionierten
auf der Oberfläche des Wassers,
und wie es möglich war, an das
Perpetuum mobile Liebe zu glauben und
den Herzschlag dabei ohne Verdacht
im Bauchfell zu spüren, nicht
hinter den Rippen wie jetzt. Und
es gab keinen Schatten damals.
Auch nicht den eigenen.16 

Liebe Dagmar Nick, ich glaube zu wissen, wer in Ihrem früheren Körper wohnte: Es war jenes vom Leben geprüfte, künstlerisch mutige, neugierige, lebensoffene Ich, das ihn auch jetzt bewohnt. Vielleicht seinerzeit noch mit einer Spur schönem Leichtsinn begabt, dafür heute mit stetig gestiegener poetischer Kraft.

Ich habe vieles nicht erwähnt, was zu Ihnen gehört. Sie haben eben ein gewaltiges Oeuvre im vordersten Rang der deutschen Gegenwartspoesie. Ich ahne, es werden weitere Gedichte entstehen, in denen Sie Auskunft geben über Ihr wachsendes Wissen von sich, von der Welt, von unserem Leben, das in Ihrem Werk bewahrt ist. Schon heute danke ich Ihnen dafür. Und gratuliere von Herzen.

 

[1] München 2015 (C.H. Beck).

[2] Gedichte kommen oder kommen nicht. Filmporträt #femaleheritage Stadtbibliothek München Monacensia. Youtube 08.03.2021. Regie: Christiane Huber.

[3] „Ich, Falknerin“. In: Dagmar Nick: Liebesgedichte. Aachen 2001 (Rimbaud), S. 71.

[4] Italo Svevo: Autobiografisches Profil, Tagebuchaufzeichnungen und Notizen, Fabeln, Briefe (Orig.: Saggi e pagine sparse). Hamburg 1986 (Rowohlt).

[5] „Schöne Aussicht“. In: Dagmar Nick: Liebesgedichte. Aachen 2001 (Rimbaud), S. 29. 

[6] „Jagdzeit“. In: Dagmar Nick: Wegmarken. Aachen 2000 (Rimbaud), S. 22.

[7] Neue Zeitung, München, 18. Oktober 1945.

[8] Dagmar Nick: Fluchtlinien. München 1978 (Delp), S. 7.

[9] Primo Levi: Die Untergegangenen und die Geretteten. München 2025 (dtv). 

[10] Kathrin Diehl: 400 Jahre, 14 Generationen. In: Jüdische Allgemeine, 27.02.2019. 

[11] „Melancholia“. In: Dagmar Nick: Wegmarken. Aachen 2000 (Rimbaud), S. 43. 

[12] Jean Paul: Vorschule der Ästhetik. Studienausgabe. Hg. von Norbert Miller. München 1963 (Hanser), S. 129.

[13] Gedichte kommen oder kommen nicht. Filmporträt #femaleheritage Stadtbibliothek München Monacensia. Youtube 08.03.2021. Regie: Christiane Huber.

[14] Ebd.

[15] Dagmar Nick: „Tunnelblick“. In: Getaktete Eile. Aachen 2021 (Rimbaud), S. 15. 

[16] Dagmar Nick: „Fraglicher Rückblick“. In: Getaktete Eile, a.a.O., S. 23.