Sandra Hoffmann ist: DRAUSSEN (32). Und lernt von Zitrusfrüchten, wie romantisch unser Blick auf den Süden ist

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Alle Bilder (c) Sandra Hoffmann

Sandra Hoffmann schreibt Romane, Erzählungen und heimlich Gedichte. Sie unterrichtet kreatives und literarisches Schreiben u.a. am Literaturhaus München und an Universitäten. Außerdem schreibt sie für das Radio und für Zeitungen. Sie lebt in München und Niederbayern, wo sie derzeit viel Zeit in der Natur verbringt. Für ihr literarisches Werk wurde sie vielfach ausgezeichnet; zuletzt erhielt sie für den Roman Paula das Literaturstipendium des Freistaats Bayern und den Hans-Fallada-Preis. 2019 erschien mit Das Leben spielt hier ihr erstes Jugendbuch. Für ein derzeit entstehendes Romanprojekt bekam sie 2020 das Münchner Arbeitsstipendium.

Über einen längeren Zeitraum schreibt Sandra Hoffmann für das Literaturportal Bayern eine Kolumne: DRAUSSEN. Ein Album. Darin schildert sie, was sie auf dem Land und seiner Natur erlebt, ob sie nun Rehe und Fasane beobachtet oder zum Essen aufsammelt, was sie vor sich auf dem Boden findet. Vor allem aber geht es um das Gehen selbst und die Gedankengänge dabei, um ein Flanieren zwischen Bäumen, das Blaue vom Himmel über den Wipfeln.

Die Corona-Zeit ist eine Zeit der Einschränkungen, oft der Einsamkeit. Aber an ihr können sich auch die Sinne schärfen. Der besondere Geschmack schrundigen Gemüses, die bangende Pflege eines Quittenbaums. Das ist nichts Geringes. In einer Gegenwart, die uns die Folgen des langen menschlichen Raubbaus an der Natur immer drastischer vor Augen führt, sind darin wesentliche gesellschaftspolitische Fragen angelegt. Die Literatur verfolgt sie seit einiger Zeit mit einer auffallenden Renaissance des Nature Writing, bei Sandra Hoffmann in Form einer Schule der Wahrnehmung: Da DRAUSSEN gibt es etwas zu sehen, zu spüren, zu holen und zu schützen.

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Ich glaube, das Wort AGRUMEN ist bei uns in Deutschland nicht wirklich geläufig, weil wir selbst keine haben. Agrumen, draus macht mein Rechtschreibprogramm Argument, deshalb geh ich davon aus, dass auch Apple nur Apfel kennt, aber keine Orangen, keine Zitronen, keine Limonen, Limetten, Bergamotte. Agrumen, das ist die Bezeichnung für Zitrusgewächse, Zitrusfrüchte.

Ich habe eine große Zuneigung zu ihnen.
Kaum eine Pasta, eh kein Risotto und kaum eine Fleischspeise, Fisch sowieso nicht, aber auch Salate kommen mir wirklich vollständig und richtig gut vor, wenn ich da nicht ein wenig Zitronenschale, Orangenschale, oder Saft der Früchte hinzugebe. Am liebsten bisschen bitter. Also Orange eher nur die Schale und nur manchmal den Saft.

Und warum ich darüber schreibe. Weil die Agrumen mich nach Kalabrien getrieben haben. Da reifen die gerade und ich treibe mich dort seit Sonntag herum und bewundere die Bäume, die Früchte, ich rieche und reibe an den Schalen, ich habe Hände voller Zitrus, wenn ich mich in den Hainen herumtreibe. Und das tue ich.

Ich lerne, dass die Dornen, sie sind gewaltig, der Zitronen, genannt I Limoni, einem gewaltig die Hände aufreißen können und je wilder die Triebe, desto größer die Dornen. Ich lerne, dass die Saftorangen und die Navellinas jetzt reifen, dass man sie einfach so vom Baum pflücken kann, schälen, wie einen Apfel, und essen, und wie gut das schmeckt. Dass die Tarocco und die Moro, die hier rote Orangen genannt werden, wir nennen sie Blutorangen, noch eine ganze Weile brauchen, bis sie reif sind, und wie gut, wie unanständig gut Bitterorangen schmecken, nämlich bitter und süß und sehr essbar. Ich verstehe hier, warum aus der Bergamotte unbedingt und nur etwas gemacht werden kann, Marmelade, Öl oder Parfüm, denn wenn du sie isst, dann hast du das pure Parfüm auf den Lippen, so ölig sind sie. Das geht nicht.

Ich lerne auch, und das ist die Erfahrung, über die ich schon letzte Woche schrieb, wie romantisch unser Blick auf den Süden ist: immer warm, immer duftend, immer Ferien.
Nichts dergleichen. Die Früchte riechen kaum in der kalten Luft, riechen erst, wenn sie sich in den Händen, im Mund erwärmen, wenn wir sie verspeicheln oder sowas.
Was unser Gehirn da macht: Sonne gleich fünfundzwanzig Grad Celsius ist sowas von wenigstens Mitteleuropa, dass es schon gar nicht mehr wahr ist. Aber ich habs auch geglaubt. Orangen, Zitronen und so weiter sind Sonne. Das stimmt. Aber Wärme. Da sitzen wir der Schönheit dieser Agrumenfrüchte so richtig auf. Und unserer Idee von Süden.

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