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15.05.2012, 23:30 Uhr
Katrin Schuster
Spektakula

Über eine Gisela-Elsner-Tagung in Sulzbach-Rosenberg

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Über das „posthume literarische Comeback“ der Schriftstellerin Gisela Elsner hat hier im Blog Markus Wiefarn vor zwei Jahren schon einmal berichtet. Anlässlich ihres 75. Geburtstags und 20. Todestags fand nun das zweite Symposium – nach dem 2007 in München abgehaltenen – statt, diesmal im Literaturarchiv in Sulzbach-Rosenberg. Eine Zusammenarbeit, die sich für die Initiatorin und Elsner-Herausgeberin Christine Künzel offensichtlich als glücklich erweist: In Sulzbach-Rosenberg gelang, auch dank der Unterstützung des wissenschaftlichen Leiters des Literaturarchivs Michael Peter Hehl, was in München vor fünf Jahren noch nicht klappen wollte, nämlich die Gründung der Internationalen Gisela-Elsner-Gesellschaft. Der Verein will die Erschließung des Werks der Autorin und die in der Gegenwart fortwirkenden Einflüsse ihres schriftstellerischen Schaffens fördern mittels Tagungen, Publikationen, Veranstaltungen und der Einrichtung einer Dokumentations- und Forschungsstelle, die im Sulzbach-Rosenberger Literaturarchiv beheimatet sein wird.

Da es an dieser Stelle zu weit führen würde, die 13 Vorträge der dreitägigen Tagung (hier das gesamte Programm als PDF)  zufriedenstellend wiederzugeben, werde ich versuche, ein paar – wie mir scheint – zentrale Aspekte und wichtige Akzente aufzuzeigen. Unübersehbar ist in jedem Fall, dass eine neue Generation von WissenschaftlerInnen am Werk ist, die sich nicht zuletzt dadurch auszeichnet, dass sie sich allererst den Texten der Autorin widmet. Dieser Hinweis ist nicht halb so überflüssig, denn tatsächlich hat in der Vergangenheit die große Aufmerksamkeit auf die Person Gisela Elsner vielfach den Blick verstellt, um ihr Werk objektiv unter die Lupe zu nehmen. Und nun lesen also WissenschaftlerInnen ihre Bücher, die auf keinerlei persönliche Erfahrung mit der Schriftstellerin zurückgreifen können. Elsner ist für diese Generation, kurz gesagt, von vorneherein eine mediale Figur, die höchstens als solche einen Gegenstand der Forschung darstellen kann – wie etwa in dem Vortrag von Joseph Gaigl von der Uni Jena, der eine Talkshow mit Elsner und Marcel Reich-Ranicki sowie deren Wahrnehmung durch Wolfgang Hilbig unter die Lupe nahm. Auf die Chance der „Neukontextualisierung“ von Elsner wies Michael Peter Hehl in seinem Vortrag hin, der die Wiederentdeckung sowohl ästhetisch als auch diskursiv einleuchtend begründen konnte. Als er unter dem Stichwort des „Re-Modeling“ ein Fotos von Elsner und Lady Gaga in Verbindung stellte, konnte man sich überhaupt nicht erklären, dass einem diese Ähnlichkeit bislang nicht aufgefallen ist, denn sie ist wirklich augenfällig im besten Sinne.

Die gleichsam ‚wissenschaftlichere‘ (sofern man dieses Adjektiv steigern kann?!) Herangehensweise förderte entsprechend andere, spannende Ansätze zutage. Der oben bereits erwähnte Markus Wiefarn hatte sich Gisela Elsners letzten Text, den unvollendeten Essay Flüche einer Verfluchten vorgenommen und zeigte sehr genau, wie der Text sich seinem Gegenstand annähert, indem er sich selbst zerstöre (oder eben seine Zerstörung inszeniere) und an seiner eigenen Abschaffung arbeite. Der Essay, so Wiefarn, antworte auf die schlechten deutschen Zustände mit einer schlechten deutschen Sprache, da Deutschsein und die deutsche Sprache untrennbar zusammengehörten. Nina Peter von der FU Berlin wiederum zeigte die besondere Rolle der Märchenmotive in Elsners Roman Fliegeralarm auf: Die Kinder-Protagonisten erklären sich jene Momente, in denen die Realität nicht der NS-Propaganda entspricht, mit Hexerei oder Zauberei – so enttarnt Elsner umgekehrt die NS-Propaganda als Märchen.

Dass eine solche „Verliteraturwissenschaftlichung“ von Elsners Werk die Gefahr bergen könnte, die realpolitischen Ansprüche darin zu vergessen, wurde mehrmals während der drei Tage deutlich. Allerdings fehlte die Anbindung an die Wirklichkeit in Sulzbach-Rosenberg niemals, und zwar nicht nur, weil Gisela Elsners Bruder Richard Elsner angereist war und Anekdoten aus der gemeinsamen Kindheit in Nürnberg beisteuerte, die teilweise neue Erkenntnisse ermöglichten („Beselsöder war ein Nachbar von uns, ein schlimmer Nazi.“). Auch Michael Töteberg, der aus dem Rowohlt-Nähkästchen plauderte, fügte viel Erhellendes hinzu. Wie all die Anderen, auch wenn sie hier nicht erwähnt werden: Auf den Tagungsband darf man sich freuen.


Sekundärliteratur:

Hehl, Michael Peter; Künzel, Christine Künzel (Hg.) (2014): Ikonisierung, Kritik, Wiederentdeckung. Gisela Elsner und die Literatur der Bundesrepublik. edition text & kritik, München.

Externe Links:

Beiträge des Gisela Elsner Symposions 2012 (Youtube-Videos)


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