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11.04.2018, 11:40 Uhr
Peter Czoik
Redaktionsblog
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Prof. Dr. Klaus Wolf

Rezension zu Klaus Wolfs „Bayerische Literaturgeschichte“

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August Macke, Landschaft am Tegernsee, 1910. Umschlagbild aus: Klaus Wolf: Bayerische Literaturgeschichte. Von Tassilo bis Gerhard Polt. C.H. Beck, München 2018

Wer sich für die Literatur Bayerns in einem übergeordneten Zeitrahmen interessiert, wird in den letzten Wochen auf die neu erschienene Bayerische Literaturgeschichte. Von Tassilo bis Gerhard Polt von Klaus Wolf, Professor für Deutsche Literatur und Sprache des Mittelalters und der Frühen Neuzeit mit dem Schwerpunkt Bayern an der Universität Augsburg, gestoßen sein, die der C. H. Beck Verlag (München) seit Mitte März 2018 vertreibt. Das Buch bietet, wie der Klappentext ankündigt, „1300 Jahre Geschichte der Literatur auf dem Gebiet des heutigen Bayern“, wobei „religiöse Literatur und mittelalterliche Heldendichtung“ ebenso zu Wort kommen wie die „Werke zwischen Türkenmode und Aufklärung“ oder „Schöpfungen der jüngeren Geschichte und Gegenwart“. Tatsächlich ist es das Verdienst dieser literaturgeschichtlichen Zusammenstellung, gegenständlich und auch methodisch, neue Perspektiven zu eröffnen, die der Literatur in bzw. aus Bayern sowie dem heutigen literaturwissenschaftlichen Forschungsstand gerecht werden. Das ist nicht selbstverständlich und war nicht immer so.

Bereits 1985 legte der Aachener Germanist Dieter Breuer die Defizite der Literaturgeschichtsschreibung aus regionaler Sicht in seinem Referat „Warum eigentlich keine bayerische Literaturgeschichte?“ anlässlich des VII. Kongresses der Internationalen Vereinigung für Germanische Sprach- und Literaturwissenschaft (IVG) in Göttingen dar. Breuer monierte, dass die seinerzeit aktuelle Konzeption von bayerischer Literaturgeschichte hinter ihren eigenen, aus der Landesgeschichte gewonnenen heuristischen und methodischen Ansprüchen zurückfiele: „Um so merkwürdiger nehmen sich die Darstellungsprinzipien aus; eine Sozialgeschichte der Literatur in Bayern [...] ist nicht versucht worden. Leitender Gesichtspunkt ist vielmehr der alte Volkstümlichkeitstopos. ‚Volkstümlichkeit‘ verleihe der Literatur in Bayern [...] ‚ihre ganz bestimmte Eigenart und einen unschätzbaren Vorzug‘ [...].“ Als Belege für seine These nannte Breuer das vierbändige Handbuch der Bayerischen Geschichte von Max Spindler aus den Jahren 1969-1975 (2., völlig neu bearbeitete Auflage 2007), die zweibändige Bayerische Literaturgeschichte in ausgewählten Beispielen von Eberhard Dünninger und Dorothee Kiesselbach (1967) sowie die „noch stärker auf den ‚altbayerischen Lebensgrund‘ eingeengt[e]“ Kleine bairische Literaturgeschichte von Hans F. Nöhbauer (1984). Zum Wohlgefallen des Autors hoben sich davon lediglich Helga Ungers die Gesamtheit der literarischen Überlieferung (also literate und illiterate Erscheinungen u.a.) umfassender Ansatz im Ausstellungskatalog Zwölf Jahrhunderte Literatur in Bayern der Bayerischen Staatsbibliothek (1975) sowie der Ausblick auf eine – allerdings erst zu schreibende – „Geschichte des literarischen Lebens in Bayern“ von Albrecht Weber ab.

Die Zeit hat, wie man im Nachhinein durchaus feststellen kann, Breuer recht gegeben; das von Albrecht Weber herausgegebene Handbuch der Literatur in Bayern (1987) ist inzwischen ein Standardwerk, das Beiträge verschiedener Experten für die jeweilige Epoche oder den jeweiligen bayerischen Dichter versammelt und in keiner Bavarica-Bibliothek wirklich fehlen darf. Genau hier setzt das neue Buch von Klaus Wolf an – indem er noch einen Schritt weiter geht und die mitunter recht vielstimmigen und disparaten Ansätze, wie sie im Handbuch der Literatur in Bayern zu finden sind, methodisch und stilistisch unter „einem Dach“ vereinigt.

Wolf klärt in seinem Buch zunächst zwei grundsätzliche Fragen: 1. Was ist der Gegenstand einer bayerischen Literaturgeschichte?; und 2. Welche heuristisch einwandfreie Methodik muss eine solche Literaturgeschichte verfolgen, wenn sie den Aporien und Problematiken, die durch eine historisch gewachsene Literaturlandschaft innerhalb der Grenzen des heutigen Freistaats gegeben sind, entgehen will? Denn Bayern wurde erst im 19. Jahrhundert (als Königreich) zum Freistaat, mit Altbayern, Schwaben und Franken als seinen (Stammes-)Gebieten.

Der Autor löst das Problem dadurch, dass er nicht wie seine Vorgänger die Literatur der einzelnen Territorien separat behandelt und sich dabei auf die Werke all jener Schriftsteller fokussiert, die in Bayern gewirkt oder als Bayern „draußen“ geschrieben haben, so wie es der Münchner Schul- und Studiencommissär Clemens Alois Baader bereits 1804 im Titel seines biographischen Lexikons bayerischer Autoren klassisch formuliert hat („quem Bavaria orbi literato vel dedit, vel aluit“): „Dies wäre grundsätzlich zwar legitim, zugleich aber als Gesamtkonzept für das Mittelalter und die (Frühe) Neuzeit wenig befriedigend, weil es nachweislich quer durch alle Epochen einen teilweise regen Austausch zwischen diesen Regionen gab.“ Er unterliegt auch nicht der Versuchung, die „vielfältige und vielgestaltige Literatur [Bayerns] an vielen anderen und teilweise abgelegenen Orten auch literaturhistorisch [zu] marginalisieren“, indem er sich nur auf die urbanen literarischen Hochburgen München, Augsburg und Nürnberg konzentriert. Genauso wenig geht er positivistisch vor und sammelt in diachroner Abfolge alles, was sich in den Grenzen des heutigen Freistaats an literarischen Ergüssen publizistisch wiederfindet. Einem solchen Anliegen hat sich, oberflächlich betrachtet, das Literaturportal Bayern als digitales Nachschlagewerk in seinen Lexika verschrieben – die übrigen Module des Portals wie die „Themen“, das „Literaturland“ oder der „Blog“ bleiben davon allerdings unberührt.

Wolf umgeht die Unübersichtlichkeit und Uneinheitlichkeit bisheriger bayerischer Literaturgeschichten mit dem methodischen Konzept der literarischen Interessenbildung nach Joachim Heinzle. Dieses versucht, „übergreifende historisch-gesellschaftliche Interessen für die Ausbildung spezifischer Literaturtypen und Literaturtraditionen namhaft zu machen“, und arbeitet mit keinem exklusiven (wertenden) Literaturbegriff. Darüber hinaus wird eine Ausweitung auf benachbarte Disziplinen wie die Kunst- oder Kirchengeschichte möglich, zumindest sieht dies Wolfs Rekonstruktion von literarischer Interessenbildung im 14. Jahrhundert („Literarisches Leben um Ludwig dem Bayern“) exemplarisch vor. Für das 15. Jahrhundert liegt der Interessenschwerpunkt auf dem Aufschwung der städtischen Literatur und des Buchdrucks in München, Augsburg und Nürnberg, während für das 16. Jahrhundert etwa die Literatur der Universitätsstadt Ingolstadt oder die Nürnberger Pegnitzschäfer für das anschließende 17. Jahrhundert stellenweise als Interessenträger fungieren. Besonders hier kann man beobachten, wie nicht nur eine „Grenzüberschreitung in litteris zwischen Altbayern und Franken“ (durch konfessionsübergreifende Anleihen zwischen Katholiken und Protestanten) stattfindet, sondern auch Analogien zu diversen protestantisch geprägten (deutschen) Sprachgesellschaften und gesamteuropäischen Moden zu verzeichnen sind.

Doch damit nicht genug: Zu jeder Epoche präsentiert Klaus Wolf eine Gesamtschau wichtiger Gattungen, Werke und Autoren am Ende eines jeden Kapitels. Die zeitlichen Pole sind das 8. Jahrhundert mit der Literaturpolitik der Agilofinger, Bayerns ältesten Herrschergeschlechts, und das 20. Jahrhundert, angefangen von der Prinzregentenzeit und dem Fin de Siècle über die Renouveau Catholique „als europäische Bewegung in Schwaben“ bis hin zur aktuellen interkulturellen Literatur in Bayern. Dass mit solchen Schlaglichtern auf die bayerische Literatur notgedrungen auch Verkürzungen und Lücken entstehen, ist selbstredend, stört aber nicht vor dem Anspruch Wolfs, den LeserInnen eine anschauliche und übersichtliche Literaturgeschichte mit „Einführungscharakter“ zu bieten. Schließlich soll eine Geschichte der Literatur auch Lust auf mehr machen und zur Lektüre der primären Werke von Autorinnen und Autoren anspornen. Dieses Ziel erfüllt das Buch von Wolf zweifellos und sollte, genauso wie das oben erwähnte Handbuch der Literatur in Bayern, in keinem Bücherregal mehr fehlen.

Ein kleiner Kritikpunkt muss jedoch noch angeführt werden. Wolfs mit einem Personen-, Orts- und Werkregister versehene Monographie enthält keine Fuß- oder Endnoten als wissenschaftlichen Apparat. Das sollte bei der nächsten Auflage, die sich dieses schöne Buch mit der ansprechenden Umschlagabbildung (August Macke, Landschaft am Tegernsee, 1910) bestimmt erfreuen wird, unbedingt korrigiert werden – gerade weil der Autor aus einem schier unermesslichen Wissensfundus schöpft, den man als – nicht nur wissenschaftlich bewanderter – Leser gerne nachverfolgen möchte. Davon würde nicht zuletzt das (Sekundär-)Literaturverzeichnis profitieren, das in seiner jetzigen knappen Form als (weiterführende) „Literaturhinweise“ ausgewiesen ist. Der guten Lesbar- und Übersichtlichkeit täte dies sicherlich keinen Abbruch.

 

Klaus Wolf: Bayerische Literaturgeschichte. Von Tassilo bis Gerhard Polt. C.H. Beck, München 2018.


Sekundärliteratur:

Breuer, Dieter (1986): Warum eigentlich keine bayerische Literaturgeschichte? Defizite der Literaturgeschichtsschreibung aus regionaler Sicht. In: Grubmüller, Klaus; Hess, Günter (Hg.): Bildungsexklusivität und volkssprachliche Literatur. Literatur vor Lessing – nur für Experten? (Kontroversen, alte und neue, 7). Max Niemeier Verlag, Tübingen, S. 5-13.

Weber, Albrecht (Hg.) (1987): Handbuch der Literatur in Bayern. Vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart. Geschichte und Interpretationen. Friedrich Pustet, Regensburg.

Externe Links:

Verlagswebsite

Leseprobe

Mythos Bayern (BR-Podcast zu Klaus Wolf)

Prof. Klaus Wolf an der Universität Augsburg

Editio Bavarica


Kommentare

Bernhard M. Baron am 12.04.2018 um 05:29

Wahrlich, Prof. Klaus Wolf hat mit seiner Bayerischen Literaturgeschichte ein opulentes Werk geschaffen, dass sicherlich zum Vademecum eines jeden interessierten und enagierten (nicht nur) bairischen Literaturfreundes werden wird. Selbstverständlich werde ich mir dieses "Opus Magnum" bei meinem nächsten Aufenthalt in Bayern zulegen. Dr. Peter Czoik darf ich gratulieren zu dieser exzellenten pointierten und fundierten Rezension, die ich als langjähriger Oberpfälzer Literaturvermittler und Literaturkritiker nur unterstreichen kann. Auch hier auf MALTA habe ich in meiner Handbibliothek griffbereit Albrecht Webers Handbuch stehen sowie den ästhetisch-übersichtlichen Unger'schen Ausstellungkatalog Zwölf Jahrhunderte in Bayern, deren Ausstellung ich in der Bayerischen Staatsbibliothek im Frühjahr 1975 aufmerksam besuchte. Als wahre "Pioniertat" aber ist für mich noch immer die 2-bändige Bayerische Literaturgeschichte meines geschätzten (väterlichen) Freundes Dr. Eberhard Dünninger, den ich im Frühjahr 1967 persönlich in Regensburg (arbeitete damals am Landratsamt Regensburg) kennen und schätzen lernte. Fasziniert haben mich damals besonders seine Lokalisierungen der Oberpfälzer Minnesänger (Tannhäuser, Reinmar von Brennenberg, Hadamar von Laber usw.). Bei den von mir initiierten und geführten "Weidener Literaturtagen" begleitete er mich wissenschaftlich mit Ratschlägen, so dass für mich Eberhard Dünninger der klassische humanistische Wahrer und perfekte populäre Vermittler der (gesamten) bairischen Literatur geworden ist. Aber in diesem Zusammenhang muss auch Prof. Dietz-Rüdiger Moser (auch wenn er heute noch bei manchen umstritten ist!) genannt werden, der letztlich mit der Gründung seiner Vierteljahres-Literaturzeitschrift LITERATUR IN BAYERN 1985 einen wesentlichen Akzent gesetzt hat - und dieses Magazin gibt es (dank des rührigen Dr. Gerd Holzheimer) noch heute. Wie Insider wissen, bestand leider der Lehrstuhl für Bayerische Literaturgeschichte, den D.-R. Moser innehatte, nur von 1984-1999. Trotzdem lebt die Literatur in Bayern lebendig weiter - einzig aber nur durch ihre vielfältigen Autorinnen und Autoren in den verschiedensten Regionen. Ohne sie kann auch die Wissenschaft nichts ...



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