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23.01.2018, 23:58 Uhr
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Anna-Lisa Dieter

Die Literaturwissenschaftlerin Anna-Lisa Dieter über die Aktualität von Susan Sontag

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Buchumschlag, Diaphanes Verlag

Anna-Lisa Dieter hat an den Universitäten von München, Eichstätt und Konstanz gelehrt. Sie übersetzt aus dem Französischen und arbeitet derzeit am Exzellenzcluster »Kulturelle Grundlagen von Integration« der Universität Konstanz. In München promovierte sie über Stendhal und die Entstehung des Realismus. 2014 veranstaltete sie in München ein Symposium zur Aktualität der amerikanischen Philosophin Susan Sontag. Daran anknüpfend ist nun ein zurecht vielgepriesenes Buch mit Beiträgen namhafter Autoren erschienen. Am 24.1.2018 stellen es (hier) die Herausgeberinnen Anna-Lisa Dieter und Silvia Tiedtke in Berlin vor.

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Literaturportal Bayern: Herzlichen Glückwunsch zum Erfolg Ihres Buches! Es wirbt mit der Aktualität von Susan Sontag. Inwiefern passt ihr Werk besonders gut in unsere Zeit?

Anna-Lisa Dieter: Sontag hat immer ganz unmittelbar aus ihrer eigenen Gegenwart heraus und auf sie hin gedacht und geschrieben. Die Aktualität von Susan Sontag bezeichnet also zunächst eine Eigenschaft ihres eigenen Schreibens, den Einsatz des Essays, um das Hier und Jetzt zu durchdringen. Essayistische Zeitgenossenschaft könnte man das nennen. Davon lässt sich eine Haltung ableiten, die wir auf unsere Zeit übertragen können.

Sontag zu lesen, schärft auch die Aufmerksamkeit für unsere eigene Gegenwart und zwar in ästhetischer wie in ethischer Hinsicht. Das scheint mir heute besonders wichtig zu sein: ihr differenzierter, kritischer Blick auf das Jetzt, das genaue, vorurteilsfreie Beobachten, ihre Neugier, wortwörtlich Gier für das Neue, ihr Interesse für „alles“, was sie umgeben hat, sei es alltäglich oder extravagant, hochkulturell oder populär. Die Aktualität von Susan Sontag bezieht sich daher weniger auf konkrete Gegenstände als auf eine Haltung, die wir von ihr lernen können. „Methode Sontag“, wie Jens-Christian Rabe das in seinem Beitrag genannt hat.

 

Sontag war immer populär, gerade weil sie gut lesbar ist. Kritiker fanden das aber auch problematisch: Sie habe recht eingängig über alles Mögliche geschrieben, ein – im Sinne der akademischen Philosophie – eigenes Gedankengebäude fehle aber. Was macht ihr Denken für Sie dennoch radikal?

Ich würde den Kritikern zustimmen: Sontag hat kein eigenes Gedankengebäude im Sinne einer eigenen Theorie oder Philosophie entwickelt. Braucht es das, um radikal zu sein? Ich würde sagen: Nein! Worin ihre Radikalität besteht, lässt sich sehr gut in unserem „Vorwort“ nachlesen. „Radikal“ kommt vom lateinischen Begriff für Wurzel „radix“. Ein Denken, das radikal ist, geht den Dingen auf den Grund, spürt die Wurzeln von Phänomenen auf, richtet sich nach Ursprüngen und Fundamenten aus.

Im Fall von Sontag lassen sich vier Merkmale des Radikalen nennen: 1. Sie hat den Anspruch, selbst Ursprünge zu setzen und Neues zu sagen. Sie tut das, in dem sie sich als eine der ersten Kritikerinnen Phänomenen wie „Camp“, dem Science-Fiction-Film, der Pornographie oder der Fotografie zuwendet. 2. Ihr Stil ist radikal. Sprachlich geht sie „bis zum Äußersten“ (so eine geläufige Bedeutung von „radikal“). Ihre Sprache tastet sich nicht vorsichtig an einen Gedanken heran, sondern formuliert überspitzt. Für Sontag ist Schreiben ein militanter Akt, ein Kampf mit Worten. 3. Ihre Positionen sind unausgewogen. Sontag relativiert nicht. Das ist eine weitere Eigenschaft des Radikalen in ihrem Werk. Obwohl sie in der Gattung des Essays schreibt, findet sich in ihren Texten wenig Versuchendes, dafür umso mehr Gewissheit. 4. Radikal ist Sontags Denken, weil es die direkte, sinnliche Erfahrung über alles andere stellt. Kunst muss wieder sinnlich erfahrbar werden, Fotografie wird als Entzug von Erfahrung kritisiert, der Schriftsteller soll nur über first-hand knowledge schreiben, über konkretes, selbst erfahrenes Wissen.

 

   

 

Sie würdigen in dem Buch Sontags Kritische Fantasie. Was ist darunter zu verstehen?

Einerseits liefern Sontags Essays eine Kritik der Moderne, andererseits stecken sie voller Erfindungsreichtum. Wie sie Gedanken verknüpft, Zusammenhänge erzeugt, Metaphern bildet, starke Thesen formuliert, das ist ungeheuer fantasievoll. Beide Elemente, die kritische Durchdringung und die Fantasie, machen Sontags Denken aus. Unser Band geht beidem nach.

Ein schönes Beispiel dafür ist der Beitrag von Laurence Rickels, ein renommierter amerikanischer Literaturwissenschaftler und Psychoanalytiker, der diese kritische Fantasie weiterführt. „California Susan“ heißt sein Text. Und er nutzt darin das Handwerk der Psychoanalyse, um sich Susan, dem frühreifen Teenager, anzunähern. Der Susan, die Thomas Mann in seiner Villa in Los Angeles besucht. Zugleich überblendet Rickels die jugendliche Sontag mit Gidget, einer in den sechziger Jahren populären Westküsten-Surferin, der Heldin einer Serie von Büchern, Film- und Fernsehproduktionen. Das kalifornische Surfer-Milieu wiederum verbindet er mit der gay culture seit Oscar Wilde. Herauskommt ein wilder, assoziativer Text, eine „Installation“ (Rickels), die auch beim Leser Fantasie voraussetzt.

 

Gibt es denn überhaupt noch etwas Neues bei Susan Sontag zu entdecken?

Ja! Das liegt an der Auswahl unserer AutorInnen. Nicola Behrmann zum Beispiel verbindet Sontags Langessay Krankheit als Metapher mit Wolfgang Herrndorfs Arbeit und Struktur, Elisabeth Bronfen fragt mit Sontag nicht nur nach der Ethik, sondern – überraschender! – nach der Ästhetik von Kriegsbildern. Ina Hartwig und Martin Zeyn betrachten die Fotografien, die Sontags langjährige Lebensgefährtin Annie Leibovitz von ihrer Geliebten gemacht hat. Dasselbe Material, zwei ganz unterschiedliche Perspektiven: Das zeigt den Reichtum von Sontags Werk und seinem Kontext.

 

   

Die amerikanische Surf-Heldin Gidget, Oscar Wilde und Arbeit und Struktur von Wolfgang Herrndorf

 

Als Herausgeberin müssen Sie natürlich neutral sein – aber unter uns Pfarrerstöchtern: Welche Aufsätze aus Ihrem Buch stechen für Sie besonders heraus?

Mir gefällt, dass wir im letzten Abschnitt unseres Bandes, er trägt den Titel „Kunst ist Verführung“ (Sontag), künstlerische Formen der Auseinandersetzung mit Sontags Werk versammelt haben. Einen literarischen Text von Thomas Meinecke, eine Bild-Partitur-Text-Collage von Michaela Melián und das Gedicht „Dass ich sie immer verteidigen würde“ von Monika Rinck. Rinck hat ihrem Gedicht eine originelle Widmung vorangestellt: „Für Susan Sontags Listen“. Und dann findet sich darin der Ausruf „Silberlocke!“, der Sontags Glamour auf wunderbar leichte, charmant-witzige Weise erinnert. Nach viel Prosa eine lyrische Pointe: Das ist ein schöner Ausklang des Buches.

 

Zu den Beiträgern zählen bekannte Literaten, neben den genannten auch Michael Krüger. Wie würden Sie Sontags Bezug zur Literatur beschreiben?

Sie hat sich in der autobiographischen Erzählung „Wallfahrt“ („Pilgrimage“) selbst dazu geäußert. Schon früh war Sontag eine besessene Leserin. Lesen diente ihr als Mittel, um der Enge der Provinz und ihrer Familie zu entkommen: „Lesen hieß, ein Messer in ihr Leben zu treiben“, wie sie in der Erzählung schreibt. Die frühreifen Lektüren haben Sontag schnell an die besten Universitäten der amerikanischen West-, dann der Ostküste geführt. Mich hat Sontags Bildungsroman, ihre Selbsterfindung durch das Lesen, die gar nicht frei von Stilisierung sein kann, immer an den französischen Roman des 19. Jahrhunderts erinnert: Sontag als ein weiblicher Julien Sorel, der sich durch obsessives Lesen aus familiärer Bedrängnis und provinzieller Ödnis befreit.

Später spielte Sontag eine entscheidende Rolle für die Vermittlung europäischer Literatur in die USA: Dank ihrer Porträts konnten die amerikanischen Leser zu dieser Zeit eher unbekannte Autoren wie Roland Barthes, Antonin Artaud, Walter Benjamin, Elias Canetti und W. G. Sebald entdecken. Michael Krüger, Sontags langjähriger Verleger und Freund, erzählt in seinem Beitrag eindrücklich von Sontags Gespür für die literarischen Strömungen der Gegenwart. Sie hatte alles gehört, gesehen und gelesen. Für ihre Umgebung konnte das anstrengend werden. Krüger zitiert ihren Verleger Roger Straus, der nach einem Essen mit Sontag entnervt fragte: „Who the fuck is Antonio Tabucchi and Alexander Kluge?“

 

 

Walter Benjamin, Elias Canetti, W. G. Sebad und Alexander Kluge

 

Susan Sontag war entschiedene Feministin, agierte dabei aber durchaus ambivalent und nicht immer im strengen Sinne der feministischen Gesellschaftskritik. Was glauben Sie, wie sie die aktuelle #MeToo-Debatte einschätzen würde?

Ja, ihr Verhältnis zum Feminismus war ambivalent. Ich vermute, sie bezog das, was sie im Vorwort zu einem Roman der italienischen Schriftstellerin Anna Banti geschrieben hat, auch auf sich. Nämlich, dass brillante und geistig unabhängige Frauen wie Hannah Arendt und Colette die Bezeichnung „Feministin“ abgelehnt haben.

Zu #MeToo: Sontag hätte Differenzierungen angemahnt, die eine feinere Auflösung innerhalb der Debatte ermöglicht hätten. Ähnlich wie sie das auch in ihrem Text zum 11. September getan hat: „Let’s not be stupid together!“ Ihr wäre es wohl wichtig gewesen, die unterschiedlichen Formen von Machtmissbrauch, sexualisierter Gewalt und souveräner Sinnlichkeit in ein klärendes Licht zu rücken. Und es ist keineswegs klar, ob dies in der heutigen Öffentlichkeit nicht auf Kritik gestoßen wäre.

 

Welches Werk aus Sontags so vielgliedrigem Werk fasziniert Sie persönlich besonders – und warum?

Über die Essays aus Kunst und Antikunst habe ich vor vielen Jahren zu Sontag gefunden. Sie werden mich immer faszinieren. Man kann so vieles von ihnen lernen: Dramaturgie der Argumentation, Tempo – in jedem Satz steckt mindestens ein Gedanke –, stilistische Aggressivität, auch Streitlust.

Neben den Essays finde ich ihre Tagebücher besonders faszinierend. Ich habe sie wie eine Studie über Intensität gelesen: Wie viel passt in einen Tag? Wie viele Filme, Bücher, Museen, Gespräche, Notizen, Orgasmen, Hygienemaßnahmen lassen sich in 24 Stunden unterbringen? Sontags Tagebücher geben eine Idee davon, was möglich wäre.

 

 

 

Ihr Buch ist auch formal interessant, es ermuntert zum Lesen auf Pfaden. Was hat es damit auf sich?

Dieser Einfall geht auf Sontag selbst zurück, die sich kritisch gegenüber einer allzu linearen Essayform geäußert hat. Das haben wir aufgegriffen und schlagen neben der linearen auch eine andere, freiere, eine abschweifende Lektüre vor. Dazu haben wir vier unterschiedliche Pfade markiert, die sich jeweils einer der folgenden Fragen widmen: Wie schreibt Sontag? Welche Autoren hat sie gelesen? Wie inszeniert sie sich als Intellektuelle in der Öffentlichkeit? Welche Wirkung hatte sie als Person und wie wirken ihre Texte? Diese vier Fragen haben wir in grafische Symbole, Vignetten, übersetzt. Die Vignetten finden sich an Textstellen platziert, die sich an Antworten auf diese Fragen versuchen. Je nach Interesse können Leserinnen und Leser einen Pfad wählen und anhand der Vignetten durch die Texte des Buches springen. Eine Einladung zum Querlesen, ohne schlechtes Gewissen!

 


Externe Links:

Diaphanes Verlag

Anna-Lisa Dieter an der Universität Konstanz

 


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