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30.01.2018, 11:37 Uhr
Marina Babl
Spektakula
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50 Jahre nach 1968: Eine Fotoausstellung von Stefan Moses

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© stefan moses

Anlässlich seines 90. Geburtstags sind im Münchner Literaturhaus noch bis zum 25. Februar Bilder des großen deutschen Fotokünstlers Stefan Moses zu sehen. Die bisher unveröffentlichten Fotografien in der Ausstellung BLUMENKINDER porträtieren passend zum 50. Jahrestag der „Zeitenwende 1968“ Münchner Vertreter der Hippie-Bewegung und vermitteln dabei das damalige Lebensgefühl von lässiger Lebensfreude und friedlicher Provokation.

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Zu lesen hat man als Besucher nicht viel, wenn man die aktuelle Ausstellung im Literaturhaus betritt. Einzelne Infotafeln geben eine kurze Einführung in das Leben und Wirken des Fotografen und umreißen grob den Kern der Hippie-Bewegung, doch abgesehen davon sind es große Schwarz-Weiß-Fotografien, die den Raum ausfüllen und den Blick des Betrachters sofort auf sich lenken. Es bedarf keiner weiteren Erklärung, um die Porträts der Münchner Blumenkinder wirken zu lassen und ein Stück weit in deren Lebenswelt eintauchen zu können. Was an Farbe in den Fotos fehlen mag, wird durch die farbigen Wände des Ausstellungsraums, einen Bildschirm mit Videosequenzen aus der Zeit der US-amerikanischen Hippies und einen bunten Soundtrack mit Musik aus den 1960er Jahren wieder ausgeglichen.

 

Großer Porträtist der Deutschen

Moses‘ Bilder brauchen keine aufwändige Aufmachung, um zu funktionieren. Gerade das Minimalistische und der Hintergrund, bestehend aus seinem typischen grauen Leintuch, zeichnen seine Werke aus. Zentral ist in seinen Fotografien stets der jeweilige Mensch, und nichts soll von diesem ablenken. Sein fokussierter Blick auf die Porträtierten macht ihn zu einem der bedeutendsten deutschen Fotografen.

 

   

 

Der gebürtige Schlesier absolviert nach dem Zweiten Weltkrieg eine Ausbildung zum Theaterfotografen in Erfurt, 1950 verschlägt es ihn nach München. Eigentlich will er von dort aus in die USA auswandern, doch dann kommt es anders: „Ein Instinkt raunte ihm zu, dazubleiben, um Bilder von den Menschen zu machen, die wie er den Krieg überlebt hatten. In Deutschland, und nur hier, wollte er sein, wenn die neue Zeit begann“, so beschreibt es der Historiker und langjährige Freund Moses' Christoph Stölzl, der an der Konzeption der Ausstellung mitgearbeitet hat.

In den Jahren darauf wird Moses immer mehr zum Fotokünstler. Im Auftrag verschiedener Zeitungen und Zeitschriften reist er für Fotoreportagen um die Welt, doch der Großteil seiner Bilder entsteht in Deutschland. Für verschiedene Porträtserien fährt er quer durch die Bundesrepublik, nach der Maueröffnung auch durch das Gebiet der ehemaligen DDR. Immer wieder lädt er unbekannte Menschen dazu ein, durch Mimik, Gestik und Kleidung ihre Geschichte zu erzählen. Auch mit vielen bekannten Persönlichkeiten wie Willy Brandt, Thomas Mann oder Max Frisch arbeitet er im Laufe seiner Karriere zusammen. Bei all dem bleibt er jedoch immer seiner Wahlheimat München treu, und so lebt der fast 90-Jährige auch heute noch mit seiner zweiten Ehefrau in Schwabing.

 

Den entscheidenden Moment gibt es nicht

Auch die im Literaturhaus gezeigten Fotos sind in Schwabing entstanden. Auffällig ist, dass die fotografierten Münchner Blumenkinder nie nur auf einem Bild zu sehen sind, sondern stets auf mehreren. Die Fotografien sind dabei in Sequenzen angeordnet und verdeutlichen Moses' Abkehr vom moment décisive, dem entscheidenden Augenblick als ästhetische Richtlinie großer Kollegen wie Henri Cartier-Bresson. Für ihn gibt es keinen entscheidenden Moment, in dem der Kameraauslöser gedrückt werden müsste, um ein perfektes Foto zu erhalten. Das Fotografieren in Sequenzen werde bei Moses zu einem lebendigen Prozess, zu einer Art des Erzählens in Bildern, erklärt der Journalist Harald Eggebrecht: „Manchmal zielt diese Folge auf einen Höhepunkt. Doch der fotografierte Kontext davor und danach bewahrt zum einen die Klimax vor falscher Bedeutung und beweist andererseits das Vorübergehende jedes fotografierten Moments.“

 

    

 

Die Anordnung von zwei oder drei zusammengehörigen Einzel- oder Gruppenporträts zeigt eine Generation, die mit den damaligen Konventionen bricht und eine eigene Gegenkultur entwickelt. Die fotografierten Frauen, Männer und Kinder tragen Schlaghosen, lange Mäntel, Gürtel, Hüte und viele andere auffällige Accessoires. Sie umarmen und küssen sich, lachen und rauchen. Mal schauen sie selbstbewusst in die Kamera, ein anderes Mal schweift ihr Blick verträumt in die Ferne. In immer wieder anderen Konstellationen wurden die Blumenkinder von Moses fotografiert, und man stellt sich als Besucher beinahe zwangsläufig die Frage, wer diese Menschen sind und wie sie zueinander stehen.

Obwohl Moses über das besonderes Talent verfügt, sofort eine tiefe Beziehung zu seinen Porträtierten aufzubauen, und vom Tagesspiegel gar als „Menschenfänger“ bezeichnet wird, kann auch er das Geheimnis um die Identität der Münchner Blumenkinder nicht lüften. Er kennt die fotografierten Personen nicht, ist sich sogar nicht einmal völlig sicher, ob die Bilder 1968 oder 1970 entstanden sind. In seinen Fotografien geht es ihm eher um Typen als um Individuen, und zur Hochzeit der Hippie-Bewegung, als sich die Welt vor allem um die Generation der Protestjugendlichen zu drehen schien, interessierte er sich mehr für die ältere Generation und arbeitete zum Beispiel an dem im Wald aufgenommenen Porträtzyklus Die großen Alten. Seine Jugendbilder stellen also zu jenem Zeitpunkt seines Schaffens eine Ausnahme dar.

 

   

 

Im Sinne dieses antizyklischen Fotografierens ist es nur stimmig, dass die Bilder erst 50 Jahre nach ihrer Entstehung veröffentlicht werden. Dadurch könnten die Fotos eine ganz andere Wirkung entfalten, meint Christoph Stölzl. Er ist überzeugt: „Fotos werden immer interessanter, je älter sie werden.“ So eröffnet der zeitliche Abstand einen neuen Blick auf das Dargestellte. Womöglich erinnert sich der eine oder andere Ausstellungsbesucher auch ein wenig wehmutsvoll an die eigene Vergangenheit. „Wir sind schon sehr gespannt, ob jemand die eigene Großmutter oder gar sich selbst in den Bildern wiedererkennt“, meint die Leiterin des Literaturhauses Tanja Graf. Wer weiß, vielleicht lebt ja nicht nur der Schöpfer der Bilder noch immer in München, sondern auch die fotografierten Blumenkinder von damals.


Externe Links:

Blumenkinder

Literaturhaus München

Stefan Moses in der Wikipedia


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