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16.11.2017, 15:05 Uhr
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Eröffnungsabend des Literaturfests München 2017

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Realität und Abbild: Luzia Braun und Doris Dörrie im Gespräch © Juliana Krohn

Am Mittwochabend fiel im Münchner Gasteig der Startschuss für das 8. Literaturfest München. Auf der Bühne lasen und sprachen unter anderem die Regisseurin und Schriftstellerin Doris Dörrie, die das diesjährige forum:autoren kuratierte, die New Yorker Journalistin Ariel Levy, Bestseller-Autorin Deborah Feldman, Buchpreis-Gewinner Frank Witzel und Kinderbuchautor Paul Maar, der im Dezember seinen 80. Geburtstag feiert. Debattiert wurde über nichts weniger als Wahrheit und Fiktion und die große Kunst ehrlich zu lügen. Neben der großen Münchner Bücherschau gibt es nun bis zum 3. Dezember 2017 täglich Lesungen, Diskussionen und Filme rund um das Thema: Alles echt. Alles Fiktion.

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Die gute Geschichte gewinnt. In der Diskussion um die Wahrheit von Literatur ist das für Doris Dörrie, die diesjährige Kuratorin des forum:autoren, das entscheidene Kriterium. Dies verdeutlicht sie im Gespräch mit Luzia Braun am Eröffnungsabend des Literaturfests München 2017 im Gasteig am 15. November. Ein Plädoyer für die Fiktion? Ja und Nein, meint Dörrie, es komme auf den Kontext an.

Nicht erst seit Paul Watzlawick und der Frage nach der Wirklichkeit der Wirklichkeit beschäftigen sich Kunst und Wissenschaft mit dem komplexen Feld, das sich zwischen Realität, Wahrnehmung und Erfindung aufspannt. Im multimedialen Zeitalter ist die alte Frage nun so brisant und im Alltag präsent wie nie zuvor. Es gibt sogar schon eine Art von Übersättigung an der Fiktion: In den Sozialen Medien fiktionalisieren wir uns permanent selbst, in Politik und Wirtschaft wird mit dem Postfaktischen Karriere gemacht, die Dinge sind nicht mehr wie sie sind, sondern wie sie sich darstellen. Als Folge der Ermüdung am Fiktiven boomt die Suche nach dem Wahren und Echten. Wir wollen Dokumentarisches und Authentisches – in Presse und Politik, aber auch in der Kunst.

#echtfiktion

Döris Dörrie erkennt darin ein Paradox, denn „kaum ist etwas tatsächlich geschehen, taucht es auch als fiktive Verarbeitung auf. Hauptsache, es ist eine gute Story. Das gilt für die Politik genauso wie für die Presse – und ganz besonders für die sich autobiografisch gebende Literatur.“ In der Politik beispielsweise ist das äußerst problematisch, die Gefahr der „gefühlten Wahrheit“ zeigen die politischen Entwicklungen der letzten Jahre nur allzu deutlich. In der Literatur dagegen kompensiert die „gute Geschichte“ die Unwahrheit im positiven Sinne: „Es ist eine gute Geschichte. Und es ist mir egal, ob sie erfunden ist oder nicht“, sagt Dörrie.

Wo verlaufen die Grenzen zwischen Fakt, Fake und Fiktion? Was bedeuten in einer global vernetzten Welt, in der sich jeder neu erfinden kann, die eigenen Wurzeln? Dürfen sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller die Erzählungen anderer aneignen? Hier setzt das von Doris Dörrie zusammen mit dem Literaturhaus München erarbeitete forum:autoren 2017 an. Die geladenen Autorinnen und Autoren präsentieren mit den vorgestellten Büchern und Themen ihre Auseinandersetzung mit Herkunft und dem eigenen Ich, mit Erfundenem und Realem. Zu den Gästen gehören auch die New Yorker Journalistin Ariel Levy mit ihrem Buch Gegen alle Regeln und die Bestseller-Autorin Deborah Feldman, die nach Unorthodox jetzt ihr Buch Überbitten vorstellt.

 

  

Gruppenbild zum Abschluss: (v.l.) Luzia Braun, Lisa Wagner, Ariel Levy, Doris Dörrie, Deborah Feldman, Frank Witzel, Paul Maar und Maya Reichert (DOK.fest München) © Juliana Krohn // Doris Dörrie © Volker Derlath // Empfang nach dem offiziellen Programm © Juliana Krohn

 

Bei beiden Büchern handelt es sich um autobiographische Texte, in denen die Autorinnen das Erlebnis und die Verarbeitung eines schweren Traumas schildern, den Verlust ihrer Identität – und ein Stück weit auch ihrer Wiedererlangung. Wer bin ich? Wie echt bin ich? Bin ich noch dieselbe? Auf der Bühne jedenfalls ist „Ich“ eine andere: Schauspielerin Lisa Wagner (bekannt aus dem Team des Münchner Tatorts und derzeit am Residenztheater in In schmutzigen Händen von Jean-Paul Satre zu sehen) liest die aus dem Amerikanischen übersetzten Passagen.

Beschlossen wird das Abendprogramm von zwei großen Herren: Frank Witzel, Gewinner des Deutschen Buchpreises 2015, liest aus seinem neuen Roman Direkt danach und kurz davor, der sich mit (der Existenz) der „Stunde null“ in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzt, spricht während der Lesung als eine Gruppe unbändiger Mädchen und danach über die Stimmen in seinem Kopf, die er „adoptiert“ hat. Kinderbuchautor  und -illustrator Paul Maar wird dagegen mit seinem rothaarigen, gepunkteten Alter Ego konfrontiert und gibt Einblicke in dessen Entstehung und den neunten Band der Reihe um das Sams. Zu seinem 80. Geburtstag im Dezember oder wahlweise für einen der Sams'schen Wunschpunkte wünscht er sich übrigens neben Gesundheit und Harmonie ein Smartphone mit viel Speicherplatz.

Musikalisch gab er dem Abend einen Rahmen und wurde von den Gästen bejubelt: Soul- und Bluesmusiker Jesper Munk.


Externe Links:

Literaturhaus München

Literaturfest München

Doris Dörrie

Gegen alle Regeln im Droemer Knaur Verlag

Überbitten im Secession Verlag

Direkt danach und kurz davor im Mattes & Seitz Verlag

Das Sams

Jesper Munk


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